Corona-Forschung

Wer liefert wann das Medikament – und zu welchem Preis?

Von Joachim Müller-Jung
Aktualisiert am 25.03.2020
 - 19:42
Chloroquin-Herstellung in China: Das Mittel wurde von Donald Trump beworben, obwohl es gerade für ältere Menschen gefährlich sein kann.
Der Wettlauf um eine Arzneitherapie oder Impfung gegen Covid-19 nimmt Fahrt auf – mit allen unangenehmen Nebenwirkungen. Entscheidende Daten werden in vielen der Arzneistudien nicht genannt.

Es wird mit allen Mitteln versucht, mit und ohne Gentechnik, mit und ohne Künstliche Intelligenz – und doch fehlt bisher der Durchbruch in der Entwicklung eines Medikaments gegen den Pandemie-Erreger. Immerhin: Man tastet sich voran zum „Exit“-Mittel. Das erste Covid-19-Medikament überhaupt, das regulär zur Behandlung der neuen Coronavirus-Krankheit zugelassen worden ist, hat die amerikanische Zulassungsbehörde (FDA) jetzt zur Behandlung als „orphan drug“ – für „seltene Krankheiten“ – genehmigt.

Remdesivir ist als Mittel gegen Ebola gescheitert, hat sich aber bei ersten Corona-Heilversuchen in China als aussichtsreich erwiesen. Zugelassen wird das vom amerikanischen Hersteller Gilead entwickelte Mittel erst mal nur für Corona-Schwerstkranke. Dabei soll Remdesivir den größten Nutzen haben, wenn es möglichst früh nach Symptombeginn verabreicht wird.

Um das tatsächlich auch zu beweisen und vor allem zu prüfen, ob das Mittel auch in der breiten Anwendung ohne schwerwiegende Nebenwirkungen bleibt, war noch vor der Zulassung auch der bisher größte Arzneitherapieversuch gegen den Pandemie-Erreger gestartet worden: „Adaptive Covid-19 Treatment Trial“ (ACTT) ist eine Multicenter-Studie mit 75 Kliniken auf der ganzen Welt, auch deutschen Krankenhäusern, in denen Remdesivir bei mehreren hundert Corona-Patienten auf seine Therapietauglichkeit getestet wird.

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ACTT ist eine von inzwischen mindestens 115 klinischen Arzneistudien mit unterschiedlichen Arzneiwirkstoffen, die im Kampf gegen das neue Coronavirus allein in den großen amerikanischen und chinesischen Datenbanken registriert sind. Die Zahl steigt sukzessive, je weiter die Seuche sich ausbreitet. Besteht also Aussicht, dass zumindest die extrem gefährdeten Risikopatienten bald schon vor dem Schlimmsten bewahrt und damit auch die Intensivabteilungen in den Kliniken entlastet werden könnten?

Noch überwiegt die Skepsis, denn viele der in der Vergangenheit entwickelten antiviralen Wirkstoffe haben in den Zellkulturen im Labor die Virenvermehrung gebremst, waren dann aber in klinischen Studien durch unangenehm viele, auch lebensgefährliche Nebenwirkungen aufgefallen. Im „Journal of the American Medical Association“ warnt einer der führenden Internisten davor, solche experimentell verwendeten und teils auch für andere Krankheiten wie HIV, Ebola, Malaria oder Tuberkulose zugelassenen Mittel ohne größere kontrollierte klinische Studien breit einzusetzen.

Beispiel Chloroquin: Das Mittel, das seit langem von Bayer unter dem Handelsnamen Resochin gegen Malaria-Parasiten verkauft wird, könne – dosisabhängig – wegen möglicher schwerwiegender Schäden fürs Herz, wegen möglicher schwerer Allergien, Immunzellschäden oder akuter Bauchspeicheldrüsen- oder Leberentzündung gerade für die vom Pandemie-Erreger am stärksten gefährdeten älteren, multimorbiden Personen problematisch sein. Ausgerechnet dieses Mittel bewarb der amerikanische Präsident Donald Trump. Jeder Amerikaner, der es braucht, solle das Mittel bekommen, ließ er auf Twitter wissen, als in den sozialen Medien die ersten erfolgversprechend klingenden Ergebnisse einer kleinen Chloroquin-Studie kursierten.

Pharmaunternehmen treiben Preise hoch

Die französische Studie, mit chinesischen Kooperationspartnern vorgenommen, gehört freilich genau zu der Sorte von klinischen Studien, vor der eine andere französische Virologengruppe von der Forschungseinrichtung Inserm in Paris jetzt warnt: Entscheidende Daten würden in vielen der Arzneistudien nicht genannt. Viele pharmakologische Mindeststandards werden sogar mehrheitlich nicht eingehalten. Und in fast zwei Dutzend Versuchen von chinesischen Medizinern, in denen Stammzellen zur Behandlung schwerkranker Corona-Patienten eingesetzt werden sollen, ist die Zahl der eingeschlossenen Patienten so klein, dass seriöse Aussagen über die Wirksamkeit überhaupt nicht gemacht werden können.

Der Verdacht, dass die Notlage von Gesundheits- und Pharmaunternehmen genutzt wird, um eigene Interessen zu verfolgen, fällt nicht nur auf manche Kliniken. Auch Nahrungsergänzungsmittel werden mit dem Hinweis versehen: „Schützt vor Viren“. Es gebe aber, warnt das Bundesernährungsministerium in einem Brandbrief, „kein Nahrungsergänzungsmittel, das eine Infektion mit dem Virus verhindern kann“. Und Nahrungsergänzungsmittel dienten auch nicht der Vorbeugung oder Behandlung von Erkrankungen.

Intensiv- und Notfallmediziner sind beunruhigt. Wichtige Medikamente zur Behandlungsunterstützung von Intensivpatienten seien schon teurer geworden. „Wir beobachten schon jetzt, dass einige Pharmaunternehmen die Preise ihrer Produkte in die Höhe schnellen lassen. Aus einer solchen Notlage nun Profit zu schlagen ist unsolidarisch und ethisch überhaupt nicht mehr zu vertreten. Das muss sofort gestoppt werden“, sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin.

Vergleichstest mit HIV-Präparat

Wie es um die Verfügbarkeit und Preise der antiviralen Substanzen bestellt sein wird, wenn sie erst einmal ausreichend getestet sind, bleibt offen. Auch hier geht es um einen Wettbewerb, der am Ende Milliarden verspricht. Deshalb beeilen sich Hersteller wie Labore, die Marktgängigkeit der Mittel zu forcieren. Daten von den Dutzenden unterschiedlichen Wirkstoffen flossen bisher spärlich, aber das könnte sich schnell ändern.

Favipiravir, ein in Japan inzwischen für Covid-19-Heilversuche zugelassenes Grippemedikament, ist so ein Beispiel: Chinesische Forscher wollen Favipiravir seit Ende Januar an 340 Covid-19-Patienten in Wuhan getestet haben. In der Zeitschrift „Engineering“ haben sie jetzt die Ergebnisse in einem Kopf-an-Kopf-Vergleich mit dem HIV-Kombipräparat Kaletra, bestehend aus den antiviralen Substanzen Lopinavir und Ritonavir, vorgestellt.

Ergebnis: Während das HIV-Medikament offenbar die neuen Sars-CoV-2-Viren nicht bremst, scheint Favipiravir die Virenzahl in den Lungen der Covid-19-Patienten zu verringern und den Fortgang der Krankheit etwas zu bremsen. Grippemittel schlägt also Aids-Medikament. Doch die Frage, ob das Medikament wirklich die Überlebenschancen der beatmeten Patienten verbessert, ist auch in dieser einfachen Studie so wenig beantwortet wie bei den bisherigen Chloroquin-Behandlungen.

Aktive gegen passive Impfung

Bleibt die größte Hoffnung für ein Ende der Pandemie: Impfstoffe. Inzwischen sind laut Weltgesundheitsorganisation 20 Impfstoffkandidaten angemeldet, viele davon sollen bald in die ersten klinischen Tests an wenigen Freiwilligen gehen. Bis allerdings die ersten Ergebnisse veröffentlicht werden, dürfte es dauern. So lange wird das Thema „passive Impfung“ und Antikörper noch geprüft werden müssen.

Anders als bei der aktiven Impfung, bei der durch den Impfstoff das körpereigene Immunsystem aktiviert wird, um gezielt Antikörper und Immunzellen zu produzieren, werden bei der passiven Immunisierung Sars-CoV-2-Antikörper von fremdem Blut gespritzt. Blutspender wären in dem Fall Covid-19-Patienten, welche die Krankheit überstanden und Antikörper im Blut haben. Auf der ganzen Welt gibt es mindestens 110.000, in Deutschland mehr als 1000 Corona-Genesene. Noch ist völlig unklar, ob sie sich als Antikörper-Spender eignen, doch China und inzwischen auch die FDA in den Vereinigten Staaten haben entsprechende Studien von Kliniken und Blutbanken angefangen.

In der aktuellen Ausgabe des „Journal of Clinical Investigation“ beschreiben Ärzte des Albert Einstein College in New York, warum dieser schon im 19. Jahrhundert eingeführte Sofortimmunschutz helfen könnte. Während der Spanischen Grippe habe der aus dem Blutplasma gewonnene Antikörper-Cocktail bei manchen Patienten eine Besserung gebracht. Allerdings wirke er am besten als Prophylaxe, was ideal beispielsweise für die Sofortimmunisierung von Klinikpersonal und nichtinfizierten Familienmitgliedern wäre. Doch sicher ist das keineswegs. Immunisierungsversuche mit Spender-Antikörpern während der ersten Corona-Epidemie vor 17 Jahren in Asien waren jedenfalls nicht sehr aussagekräftig.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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