Kennwerte der Corona-Pandemie

Neue Zahl, neues Glück?

Von Piotr Heller
24.07.2021
, 16:35
Wichtiger Wert: Wie viele Covid-Kranke auf  Intensivstationen liegen.
Die Zahl der Neuinfektionen bestimmte in den vergangenen Monaten den Alltag. Damit soll nun Schluss sein. Doch die neuen Pläne der Regierung gehen Wissenschaftlern nicht weit genug – denn Entscheidendes wurde in Deutschland versäumt.

Was jüngst in der „Bild“ zu lesen war, klang für viele wie ein Befreiungsschlag. Das ersehnte Ende der Corona-Maßnahmen schien bei diesen Worten nicht mehr fern: „Endlich“ soll die Inzidenz nicht mehr das Maß aller Dinge sein. Diese Zahl der registrierten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner bestimmt in Deutschland, ob Kinder zur Schule gehen und Restaurants Gäste bewirten dürfen, und fiel zuletzt unter 10. Die Bundesnotbremse war starr an sie gekoppelt. Hat das nun ein Ende? Die Tageszeitung berief sich auf ein internes Dokument des Robert Koch-Instituts (RKI): Die Zahl der Covid-Patienten, die im Krankenhaus liegen, soll als weiterer Leitindikator eingeführt werden.

Das Gesundheitsministerium stellte umgehend klar: Die politische Strategie werde dadurch nicht geändert – die Inzidenz sei nach wie vor ein wichtiger Parameter. Wenn die Regierung nun den Blick auf die Situation in den Krankenhäusern weitet, kommt sie den Experten entgegen, die seit Monaten fordern, bei der Pandemiebekämpfung möglichst viele Datenpunkte ins Auge zu fassen – und nicht alles an einen Wert zu binden. Vielen geht das nicht weit genug. Dabei ist es hierzulande auch nach mehr als einem Jahr Pandemie mit viel Aufwand verbunden, überhaupt die Patientenzahlen aus den Krankenhäusern zu erfassen.

Um zu beurteilen, wie hilfreich bestimmte Daten sind, muss man sich erst mal klarmachen, welches Ziel man überhaupt verfolgt. Will man etwa die Gefahr minimieren, dass sich Mutanten des Coronavirus breitmachen, muss man die absolute Zahl der Infektionen niedrig halten. Möglichst wenige Menschen sollten infiziert sein. Dabei kann die Inzidenz helfen, sie gibt Hinweise auf das Infektionsgeschehen – jedoch zählt auch die Qualität der Daten. Ein Problem ist, dass die Gesundheitsämter die Infektionszahlen mit einem gewissen Verzug an das RKI melden, besonders am Wochenende. Das führe zu einer systematischen Unterschätzung der jeweils aktuellen 7-Tage-Inzidenz, gibt die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Statistik zu bedenken. Zudem versteckt sich hinter der Inzidenz eine Dunkelziffer – Infizierte mit schwachen oder gar keinen Symptomen, die sich nicht testen lassen, fallen durchs Raster. Wie groß die Dunkelziffer ist, lässt sich nur beantworten, wenn man eine repräsentative Stichprobe der Bevölkerung testet. In England gibt es ein solches Projekt. Das fordern Statistiker seit Monaten auch in Deutschland. Erhört werden sie nicht.

Das Paradoxon der Corona-Maßnahmen

Ein anderes Ziel der Pandemiebekämpfung ist, die Krankenhäuser vor Überlastung zu schützen. Damit wurden in Deutschland die meisten Corona-Maßnahmen begründet. Es ist paradox: Die Maßnahmen hingen von der Inzidenz ab, die aber für dieses Ziel kaum geeignet ist. Die Zahl der Neuinfektionen kann zwar auf mögliche Trends in der Bevölkerung hinweisen, aber vom Krankheitsgeschehen ist sie entkoppelt. Das hat zwei Gründe.

Erstens hängt die Inzidenz von der Teststrategie ab. Wenn man junge Menschen testet, wie Schüler, steigt die Inzidenz, doch in den Krankenhäusern ändert sich wenig. Dieses Problem ließe sich teilweise beheben, wenn man den Grund des Tests erfassen würde. Auch das fordern Wissenschaftler seit Monaten vergebens. Eine Notlösung wäre, bei einem positiven Testergebnis zumindest auch Informationen zu Symptomen zu übermitteln. Was in den jeweils kommenden Tagen auf das Gesundheitssystem zukommt, ließe sich an der Zahl der Infizierten mit Symptomen nämlich abschätzen. Aber hier versagt die Bürokratie: Zwar sehen die Meldebögen ein Feld für Hinweise zu Symptomen vor, doch bei jeder vierten Meldung beim RKI fehlt diese Information.

Der zweite Grund für die Entkoppelung von Inzidenz und Krankheitsgeschehen ist die Impfkampagne. Die einst stark gefährdeten Risikogruppen, also Menschen, die älter als 80 Jahre oder schwer krank sind, wurden nun weitgehend geimpft und somit vor schweren Verläufen geschützt. Deshalb werden sie selbst bei hohen Inzidenzen nicht so häufig in den Krankenhäusern landen wie vergangenes Jahr.

Die Bundesregierung will nun also direkt in die Kliniken schauen. Zur Lage auf den Intensivstationen macht sie das bereits, deren Belegung wird jeden Tag im Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin erfasst. Doch auch diese Daten bilden nicht die gesundheitliche Belastung in der Bevölkerung ab, denn sie hängen nämlich von der Behandlungsdauer und -strategie der Klinik ab. Das kritisierten Statistiker und Epidemiologen im April in einem Bericht der Ludwig-Maximilians-Universität München. Es wäre hingegen nützlich zu wissen, wie viele Patienten jeden Tag auf die Intensivstationen neu aufgenommen werden. Doch diese Zahl wird nicht erfasst – das DIVI-Register soll nur zeigen, wie viele Betten noch frei sind.

Die Lage in den Krankenhäusern

Nun sollen die Gesundheitsämter Daten zu den Covid-Patienten sammeln, die auf den normalen Stationen der Krankenhäuser landen. Gemäß einer neuen Meldeverordnung des Gesundheitsministeriums müssen die Klinken seit Dienstag Name, Adresse, Geburtsdatum, Symptome und Impfstatus zu allen Patienten übermitteln, die sich in stationäre Behandlung begeben. Besonders der Impfstatus interessiert die Experten – sollten sich in Zukunft vermehrt geimpfte Menschen in Krankenhäusern wiederfinden, wäre das ein Hinweis darauf, dass Dritt- oder Booster-Impfungen nötig werden. Doch für die Ärzte in den Kliniken kann es zur Herausforderung werden, diese Daten zu erfassen.

Bei wenigen Patienten sei das kein Problem, erklärt der Internist und Intensivmediziner Christian Karagiannidis von der Lungenklinik Köln-Merheim. „Aber bei einer richtigen Welle gibt es viele Patienten auf den Normalstationen und einen hohen Durchlauf“, sagt er. Dieses Kommen und Gehen mache die Situation unübersichtlich und bedeute noch mehr Bürokratie für die Ärzte. Das reine Eingeben der Daten sei dabei noch das Einfachste. Der Arzt muss zunächst unterscheiden, ob der Patient aufgrund einer Corona-Infektion eingeliefert wird oder das nur ein zufälliger Befund ist. Dann gilt es, den Impfstatus zu ermitteln – doch ältere oder demente Patienten können oft keine Auskunft geben. Dann muss man die Angehörigen erreichen und dort nachfragen, erklärt Karagiannidis.

„Hier hapert es an der Durchgängigkeit digitaler Prozesse“, sagt Hannes Schlieter. Er erforscht an der TU Dresden das Prozessmanagement im Gesundheitswesen. „Wenn wir in Deutschland schon die digitale elektronische Gesundheitskarte im vollen Funktionsumfang ausgerollt hätten, könnte man die Daten zur Impfung dort speichern und im Krankenhaus einlesen.“ Doch diese Möglichkeit gibt es noch nicht.

Und auch wenn dann alle Informationen zum Patienten vorliegen und im digitalen Informationssystem der Klinik eingespeichert sind, muss sie dann noch jemand per Hand in die Meldung an das Gesundheitssystem übertragen. „Dafür gibt es in manchen Kliniken Dokumentare – oder der Arzt macht es nach der Nachtschicht“, sagt Schlieter. Das sei bei meldepflichtigen Krankheiten eine gängige Vorgehensweise. Systeme, die Daten automatisch auslesen und daraus eine Meldung erstellen, hätten die Krankenhäuser im Normalfall nicht. Der Intensivmediziner Karagiannidis fordert daher, „die Digitalisierung voranzutreiben und den Weg zum gläsernen Krankenhaus zu ebnen“.

Dann ließen sich in Zukunft auch weitere Daten leichter erheben. Etwa Informationen, wie viele Patienten täglich stationär behandelt werden in Deutschland. In den meisten europäischen Ländern erfasst man diese Information bereits, sagt Wirtschaftswissenschaftler Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin. Zeitnah könnte man damit auch Fragen beantworten wie: „Um wie viel länger bleiben ältere Patienten im Vergleich zu jüngeren stationär?“ Doch dabei wird die neue Meldeverordnung nicht helfen. Hier, so glaubt Busse, wurde eine echte Reformchance vertan.

Quelle: F.A.S.
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