Corona-Kollateralschäden

Das Problem aufgeschobener Arztbesuche

Von Nicola von Lutterotti
09.06.2022
, 13:05
Ärzte wechseln in Berlin einen Herzschrittmacher aus.
Aus Angst vor einer Ansteckung haben während der Coronakrise sehr viel weniger Herzkranke ärztliche Hilfe in Anspruch genommen als davor. Für manche Patienten hatte das fatale Folgen.
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Etlichen Beobachtungen zufolge sind Herzkranke in den vergangenen zwei Jahren seltener zum Arzt gegangen – aus Angst, sich mit dem neuen Coronavirus anzustecken. Demnach haben selbst Patienten mit akutem Herzinfarkt und solche, die aufgrund einer jähen Verschlechterung ihrer Herzschwäche von Atemnot oder auch anderen Symptomen geplagt wurden, oftmals zu Hause ausgeharrt, anstatt umgehend den Notarzt zu rufen. Viele Ärzte befürchten daher, dass die Kollateralschäden sowohl für die Betroffenen selbst als auch das Gesundheitswesen erheblich sein könnten. Unklar war bislang jedoch, ob sich diese Beobachtungen verallgemeinern lassen und, falls dies zutreffen sollte, welche gesundheitlichen Konsequenzen dies hat beziehungsweise in naher Zukunft haben könnte.

Für mehr Klarheit sorgen nun die Ergebnisse einer umfassenden Analyse, der die Daten von 158 einschlägigen Studien in knapp 50 Ländern zugrunde liegen. Ein internationales Forscherteam um den Kardiologen Ramesh Nadarajah von der University of Leeds in Großbritannien war darin der Frage nachgegangen, ob und wie sehr sich die medizinische Versorgung von Herzkranken in den vergangenen zwei Jahren geändert hat. Hierzu untersuchten sie, wie viele Patienten zwischen Januar 2019 und Dezember 2021 – also vor und während der Corona-Pandemie – wegen eines Herz-Kreislauf-Leidens ein Krankenhaus oder eine Arztpraxis aufgesucht hatten.

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Wie die Autoren im „European Heart Journal“ berichten, hatten während der Corona-Krise tatsächlich sehr viel weniger Herzkranke ärztliche Hilfe in Anspruch genommen als im Jahr davor. Der Rückgang an Untersuchungen und Therapien erstreckte sich dabei über das gesamte Spektrum von Herz-Kreislauf-Leiden und betraf unter anderem diagnostische und therapeutische Kathetereingriffe am Herzen, die Aufzeichnung der elektrischen Herzströme zur Abklärung von Herzrhythmus­störungen, die Reparatur und den Ersatz defekter Herzklappen, die Implantation von Herzschrittmachern, ferner Bypassoperationen und die Behandlung von Herzrasen mit speziellen Kathetern. Besonders besorgniserregend: In den beiden Corona-Jahren hat sich die Zahl der Patienten, die aufgrund eines akuten Herzinfarkts oder eines Herzversagens im Krankenhaus behandelt wurden, um 20 bis 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr verringert. Bei beiden Erkrankungen ist rasches therapeutisches Handeln indes essenziell.

Betroffen sind vor allem Bewohner von Alten- und Pflegeheimen

Denn je länger es dauert, bis die vom Infarkt betroffene Herzschlagader geöffnet oder der plötzliche Kraftverlust des Herzens angegangen wird, desto eher erleidet die betroffene Person eine schwere oder auch tödliche Komplikation. Einige der Studien, die in der vorliegenden Metaanalyse berücksichtigt wurden, kommen auch zum Ergebnis, dass in den ersten Pandemiemonaten mehr Personen an Herz-Kreislauf-Attacken verstorben sind als in der Zeit davor. Dabei handelte es sich vornehmlich um Bewohner von Alters- und Pflegeheimen.

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Patienten mit Herz-Kreislauf-Leiden haben während der Corona-Pandemie allerdings nicht nur die Hospitäler gemieden. Wie die Ergebnisse der Metaanalyse offenbaren, sind viele von ihnen auch den Arztpraxen ferngeblieben. Demnach hat die Zahl ihrer Besuche beim Hausarzt oder beim Kar­diologen um mehr als 70 Prozent gegenüber dem Vorjahr abgenommen. Ob und wie sehr ihnen dies geschadet hat, geht aus der Untersuchung nicht hervor. Da nicht jede herzmedizinische Therapie von Nutzen ist, dürfte weniger mitunter mehr sein, wie selbst einige Kardiologen offen zugeben. Das gilt freilich nicht für so dringliche Maß­nahmen wie die Behandlung eines ­akuten Herzinfarkts oder einer Herz­schwäche.

Welche Folgen es haben kann, wenn sich Patienten mit bedrohlichen Herz-Kreislauf-Leiden nicht an einen Arzt wenden, schildert Friedhelm Beyersdorf, ehemals Ärztlicher Direktor der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum in Freiburg: „Erst kürzlich haben wir bei einem Patienten, der die jährlichen Kontrollunter­suchungen nach einer Herzoperation während der Pandemie nicht wahrgenommen hat, einen ausgedehnten Riss in der Körperschlagader entdeckt.“ Wie der Herzchirurg hinzufügt, hat der Mann enormes Glück gehabt, dass das Gefäß zwischenzeitlich nicht geplatzt ist.

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Quelle: F.A.Z.
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