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Covid-19-Pandemie

Gesucht: Die richtige Lösung für Afrika

Von Kai Kupferschmidt
Aktualisiert am 06.04.2020
 - 16:04
Nachdem eine Pflegekraft positiv auf das Coronavirus getestet wurde, ließ man die Duduza-Klinik in Ekurhuleni, Südafrika, Anfang April schließen und desinfizieren.
Afrika im Zeiten der Corona-Pandemie: Mit Seuchenschutz haben afrikanische Länder Erfahrung, auch ist die Bevölkerung vergleichsweise jung. Aber es mangelt ihnen an vielem, nicht nur an teuren Beatmungsgeräten und Intensivbetten.

Liberias Präsident George Weah ergreift jetzt eine andere Strategie als seine Amtskollegen in Italien, Frankreich, Brasilien oder den Vereinigten Staaten: Er singt inzwischen gegen Covid-19 an. „Lasst uns zusammenstehen und das Coronavirus bekämpfen“ heißt der Song, den er mit einem Gospelchor aufgenommen hat. „Es könnte deine Mutter sein, dein Vater, dein Bruder oder deine Schwester“, singt der ehemalige Fußballstar. „Lasst uns zusammen diese tödliche Krankheit bekämpfen.“ Und dann mehr gesprochen: „Zu Covid-19-Symptomen gehören: Husten, Fieber, Atemnot.“

Es ist nicht das erste Mal, dass in dem westafrikanischen Land mit Musik gegen ein Virus vorgegangen wird. Auch während der Ebola-Epidemie, die vor rund sechs Jahren ihren Anfang nahm, wurden Lieder genutzt, um die wichtigen Gesundheitsbotschaften per Radio in die entlegeneren Winkel des Landes zu vermitteln.

Auch aus wenigen Fällen kann sich eine Katastrophe entwickeln

Bislang sind in Liberia weniger als zehn Fälle von Covid-19 bestätigt (Stand 4. April, nachmittags), alle in der Hauptstadt Monrovia. Wie viel mehr Fälle bisher nur nicht entdeckt wurden, ist ungewiss. Klar ist allerdings, dass auch aus wenigen Fällen schnell eine Katastrophe werden kann.

In den Vereinigten Staaten beispielsweise waren am 3. März nur 118 Covid-19-Fälle bei 320 Millionen Einwohnern gemeldet; zum Monatsende waren es mehr als 200.000. Kein Wunder, dass sich nach China, Italien und Spanien die Aufmerksamkeit der Welt zurzeit nach Nordamerika richtet. Zu makaber ist das grausame Schauspiel, wie eines der mächtigsten Länder der Welt einem winzigen Virus ohnmächtig gegenübersteht, angeführt von einem Präsidenten, der die Pandemie zunächst kleingeredet hat und sich nun im Fernsehen dafür preist, dass laut Modellen im besten Fall statt zwei Millionen nur 200.000 Menschen sterben werden. Gleichzeitig steht schon lange zu befürchten, dass Afrika von der Pandemie kaum verschont bleiben wird. Die größte Sorge der Weltgesundheitsorganisation sei, was das Virus in den ärmsten Ländern der Welt anrichten könnte. Dieses Mantra wiederholt Tedros Adhanom Ghebreyesus, der aus Äthiopien stammende Generaldirektor der WHO, seit Januar beinahe täglich. Und so schauen zumindest Gesundheitsexperten schon lange statt auf Europa oder Nordamerika bang auf Liberia und viele andere afrikanische Länder.

Mehr als 7000 Covid-19-Fälle sind auf dem Kontinent inzwischen gezählt worden, und die Zahlen steigen rasant an. Nach dem ersten diagnostizierten Fall in Afrika habe es 26 Tage gedauert, bis 1000 Fälle auf dem Kontinent erreicht gewesen seien, sagt Michel Yao im Regionalbüro der WHO in Brazzaville, Republik Kongo. Danach habe es nur zehn Tage gedauert, bis 2000 Fälle erreicht waren. Bislang hat Südafrika mit fast 1500 Infektionen die meisten Fälle gemeldet.

Die Unterschiede zwischen Ländern wie Südafrika und Nigeria auf der einen Seite und Liberia oder Sierra Leone auf der anderen sind enorm. Doch Mangel herrscht überall: In einigen Ländern gebe es nicht einmal zehn Beatmungsgeräte, um schwerkranke Menschen mit Sauerstoff zu versorgen, sagt Yao. Auch Schutzkleidung, wie Atemmasken oder Handschuhe, sei kaum vorhanden. Das kann verheerende Auswirkungen haben. Die Gesundheitssysteme von Ländern wie Liberia gehören zu den fragilsten der Welt. Pro 100.000 Einwohner zählt Liberia weniger als vier Ärzte; in Deutschland sind es mehr als 400. Erkranken auch nur einige wenige von ihnen oder sterben gar, kann das ganze System schnell zusammenbrechen.

Seth Berkley, Chef der Impfallianz Gavi, fürchtet, dass die Effekte auf andere Krankheiten am Ende noch schlimmer sein könnten als das Virus selbst. So könnten Patienten, die dringend wegen Malaria, Tuberkulose oder Aids behandelt werden müssten, das Nachsehen haben. Während des Ebola-Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo im vergangenen Jahr kam es zeitgleich zu einem Masernausbruch. „Es sind zweieinhalbmal so viele Menschen an den Masern gestorben wie an Ebola“, sagt Berkley. Impfkampagnen gegen Polio sind fürs Erste abgebrochen worden – zu groß ist die Gefahr, dass die Helfer ungeahnt neben dem Impfstoff auch das Coronavirus verteilen. Für andere Impfstoffe sei es vor allem der Nachschub, der zum Problem werde, sagt Berkley. „Schon jetzt werden manche Impfstoffe in 21 Ländern knapp. Das ist es, was mich nachts nicht schlafen lässt.“ Sollte der Impfschutz in der Bevölkerung zurückgehen, dürften als Erstes wieder Masern auftauchen. Deren Erreger ist so ansteckend, dass schon ein leichter Rückgang der sogenannten Herdenimmunität ausreicht, damit er sich ausbreiten kann.

Einen Vorteil hat Afrika allerdings im Kampf gegen Covid-19: Es ist der Erdteil mit der jüngsten Bevölkerung. Das Durchschnittsalter liegt bei etwa zwanzig Jahren, in der Europäischen Union beträgt es mehr als das Doppelte. Da das Risiko, an einer Infektion mit Sars-CoV-2 zu sterben, mit höherem Alter zunimmt, könnte die Sterberate in Afrika deutlich geringer ausfallen als in anderen Regionen. „Das ist die gute Nachricht“, sagt Helen Rees, eine HIV-Forscherin an der Witwatersrand-Universität in Johannesburg. Die schlechte Nachricht: Kein Mensch weiß, wie sich andere Faktoren auf die Krankheit auswirken werden. Sind HIV-infizierte Menschen besonders gefährdet? Ist Mangelernährung ein Risikofaktor? „Wir werden das erst verstehen, wenn sich das Virus hier weiter ausbreitet“, sagt Rees.

2,5 Millionen Tote – bei einer ungebremsten Ausbreitung

Forscher am Imperial College in London versuchten, in einer Studie abzuschätzen, wie die Pandemie in verschiedenen Erdteilen verlaufen könnte. Für Afrika südlich der Sahara rechnen sie im schlimmsten Fall, also einer ungebremsten Ausbreitung des Virus, mit mehr als einer Milliarde Infektionen und fast 2,5 Millionen Toten. Unter den gleichen Bedingungen wären in Nordamerika 3 Millionen Tote und in Europa und Zentralasien mehr als 7 Millionen Tote zu erwarten. Im besten Fall, wenn die Ausbreitung des Virus in Afrika massiv unterdrückt werden kann, rechnen sie mit 110 Millionen Infektionen und fast 300.000 Toten.

„Social distancing“ ist in den überfüllten Armenviertel unmöglich

Die Frage ist, ob und wie Afrika das gelingen kann. Länder wie Senegal oder Liberia hätten sich seit Januar vorbereitet, sagt Devi Sridhar, Expertin für globale Gesundheit an der Universität von Edinburgh. Und die Regierungschefs in Afrika haben früher reagiert als auf vielen anderen Kontinenten: Flüge wurden gestrichen, Grenzen dichtgemacht, Veranstaltungen abgesagt. In Uganda wurden die Schulen geschlossen, bevor ein einziger Fall bestätigt wurde. „Was mir Sorge bereitet, ist, dass das nicht reicht“, sagt Devi Sridhar. Zahlreiche Maßnahmen, die in Ländern wie Deutschland ergriffen wurden, um die Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu unterdrücken, lassen sich kaum in Afrika umsetzen. Ein „social distancing“ ist in den überfüllten Armenvierteln der Städte kaum realistisch. Selbst einfache Hygieneregeln, wie etwa gründliches Händewaschen, sind schwer umzusetzen, wenn es an sauberem Wasser mangelt. Aber auch die Diagnostik ist ein riesiges Problem: Zu Beginn des Ausbruchs konnten nur zwei Labore auf dem Kontinent den PCR-Test zum Nachweis des Erregers durchführen. Inzwischen hat die afrikanische Seuchenschutzbehörde die Kapazität in Dutzenden Ländern aufgebaut. „Aber es fehlen Reagenzien, Stäbchen, um Abstriche zu machen, die nötigen PCR-Maschinen und ausgebildetes Laborpersonal“, sagt Helen Rees. Wenn die Länder von der Situation überwältigt würden, könnten sie in ein schreckliches Dilemma kommen, wie Sridhar schildert: „Entweder Menschen sterben an Covid-19, oder sie machen einen Lockdown, und Menschen sterben, weil der Lockdown Menschen verarmen lässt und Mangelernährung und andere Gesundheitsprobleme zunehmen.“

Das Ziel ist, eine afrikanische Lösung zu finden. Wie diese aussehen könnte, ist bislang unklar. Immerhin haben afrikanische Länder im Umgang mit Seuchen weit mehr Erfahrung als die europäischen Länder. Die Nachverfolgung von Kontaktpersonen erkrankter Menschen etwa war nicht nur bei der Bekämpfung von Ebola wichtig, und in einigen Ländern ist das nötige Knowhow dafür vorhanden. Während Länder wie die Vereinigten Staaten oder Deutschland sich damit noch schwertäten, habe das medizinische Personal etwa in der Demokratischen Republik Kongo bereits bewiesen, dass das selbst dann möglich sei, wenn auf die Helfer geschossen werde, sagte Mike Ryan, der für die Notfallprogramme der WHO zuständig ist, kürzlich auf einer Pressekonferenz. Aber während jede Ebola-Infektionskette eine vergleichsweise leicht verfolgbare Spur schwerkranker Patienten hinterlässt, verbreitet sich das neuartige Coronavirus leichter und wird teilweise von Menschen übertragen, die selbst kaum Symptome bemerken.

Manche hoffen nun, dass China die Anstrengungen in Afrika massiv unterstützen wird. Das Land hat sein Engagement in Afrika in den vergangenen Jahren massiv ausgeweitet – und es ist auf die Rohstoffe von dort angewiesen. Jack Ma, Gründer des chinesischen Internetriesen Alibaba, hat jedem afrikanischen Land 100.000 Masken und 10.000 Schutzanzüge versprochen. Ob das reichen wird, ist ungewiss. Viel Zeit bleibt nicht, denn nun soll in wenigen Wochen gelingen, was in den vergangenen Jahren versäumt wurde.

Eine Endlosschleife aus Panik und Vernachlässigung

Es sei günstiger, in den Aufbau stärkerer Gesundheitssysteme zu investieren, bevor eine neue Seuche auftaucht, als hinterher für die Bekämpfung aufkommen zu müssen. Auch das sagt Ryan immer wieder in den Pressekonferenzen der WHO. Tatsächlich haben die wohlhabenden Länder der Welt diese einfache Botschaft bisher aber nicht ernst genommen. Auch von den Anstrengungen während des Ebola-Ausbruchs sei wenig geblieben, sagt Sridhar: „Wenn es um Gesundheit in Afrika geht, ist die Welt in einer Endlosschleife aus Panik und Vernachlässigung gefangen.“ Liberia kann ein Lied davon singen.

Quelle: F.A.S.
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