Studie zu Virus-Ursprung

Corona sieht nicht aus wie eine Laborgeburt

Von Joachim Müller-Jung
01.06.2022
, 16:28
Das Spike-Molekül (die „Krone“) besteht aus Untereinheiten und muss zum Eintritt des Virus verändert werden.
Das Berliner Team um Christian Drosten hat nachgeforscht, ob das Pandemievirus Sars-CoV-2 sein entscheidendes Element auf natürliche Weise erworben haben könnte. Das Ergebnis ist nichts für sensationshungrige Phantasten.
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So hartnäckig sich die Vorstellung hält, das Pandemievirus Sars-CoV-2 könnte Ende 2019 nach Experimenten mit manipulierten Fledermausviren aus dem zentralen virologischen Labor in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan ausgebüchst sein, so dünn ist noch immer der Boden, auf dem diese „Laborthese“ fußt. Seit gut anderthalb Jahren gibt es keine neuen, überzeugenden Indizien dafür. Fast alles bleibt Spekulation. Die offiziellen Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation WHO waren fürs Erste ins Leere gelaufen. Trotzdem wird die Idee immer wieder energisch hochgekocht. So ist die enorm wichtige Frage nach dem Auslöser der Pandemie, angefeuert nicht zuletzt durch Chinas unkooperatives Verhalten, zur Propagandaschlacht geworden. Verschwörungstheoretiker und Pseudovirologen zündeln, die Wissenschaft brütet im Abseits. Dieses Brüten allerdings ist harte Arbeit am Virus – und die zahlt sich offenbar aus.

Die Berliner Coronavirus-Spezialisten um Christian Drosten, die schon dem vor bald zwanzig Jahren epidemisch aufgetretenen Sars-CoV-1-Virus molekularbiologisch auf den Grund gegangen sind, haben schon bald nach Beginn der Pandemie angefangen, Sars-Cov-2 säuberlich zu sezieren. Eines der Ergebnisse, das nun in dem zur „Nature“-Gruppe zählenden Journal „Communications Biology“ veröffentlicht worden ist, ist dabei so wichtig wie unspektakulär: Es spricht stark für einen natürlichen Ursprung von Sars-CoV-2 – und unterfüttert damit die Zweifel am Laborkonstrukt.

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Genau genommen geht es um eines der wichtigsten wissenschaftlichen Argumente der Laborthesenspekulanten: um die sogenannte Furin-Spaltstelle. Ein entscheidendes Scharnier im Stachelmolekül („Spike“), mit dem sich das Virus an das ACE2-Oberflächenmolelül auf der Zelloberfläche anhaftet und sich so Zugang in die Zelle verschafft. An diesem molekularen Scharnier sind die beiden Untereinheiten des Spike-Proteins miteinander verbunden. Und nur, wenn das Protein rasch nach dem Andocken des Virus gespalten wird, kann der Erreger eindringen und sich effektiv vermehren. Bei dem Eintritt handelt es sich also, weil zudem auch noch weitere Moleküle und Enzyme nötig sind, um einen durchaus komplexen Vorgang.

Wie die Furin-Spaltstelle entsteht

Wie kann so etwas in der Natur entstehen? Die Frage ist deshalb so interessant, weil früh klar wurde, dass Sars-CoV-2, das in Wuhan zuerst gefundene neue Coronavirus, diese Furin-Spaltstelle besitzt – Sars-CoV-1 aber eben nicht. Bei anderen Viren waren Furin-Spaltstellen ebenfalls schon nachgewiesen worden, doch auch das als nächster Verwandter des Pandemievirus hoch gehandelte Fledermausvirus RaTG13 besitzt nicht diese auffällige, durch die sehr spezielle Abfolge von Basenmolekülen kodierte Sequenz. Diese Exklusivität hatte die Phantasie der Virologenkritiker belebt: War die Furin-Spaltstelle von Sars-CoV-2 womöglich konstruiert und vielleicht für Vermehrungsexperimente in Wuhan in das Virus eingefügt worden?

Sars-CoV-2-Viren unter dem Elektronenmikroskop.
Sars-CoV-2-Viren unter dem Elektronenmikroskop. Bild: dpa

Die Antwort der Berliner Virologen um Drosten, Anna-Lena Sander und Felix Drexler: ausgesprochen unwahrscheinlich. Denn die Furin-Spaltstelle ist nicht so kompliziert und ungewöhnlich, wie man es bei einem womöglich künstlich verbesserten Virus erwarten würde. Vielmehr scheint es sich bei der in Sars-CoV-2 aufgetauchten Furin-Spaltstelle geradezu um einen leicht veränderten Spike-Molekülabschnitt „von der Stange“ zu handeln. Die Charité-Virologen haben in einigen Virus-Archiven nach ähnlichen Furin-Spaltstellen gesucht. Dazu mussten sie nicht einmal auf chinesische Bestände zurück greifen. In den Kotproben von vier unterschiedlichen europäischen Fledermausarten aus Italien, Spanien, Bulgarien und Slowenien fanden sich einzelne Viren mit bruchstückhaften, quasi verstümmelten Furinspaltstellen im Spike, die der Sars-CoV-2-Spaltstelle abschnittsweise deutlich ähnelten.

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Und nicht nur das: Es zeigte sich bei den Experimenten im Labor, dass die entscheidenden Eigenschaften des Pandemievirus-Moleküls durch einen, wie es in der Publikation heißt, „konservativen molekularen Mechanismus innerhalb des Fledermausreservoirs“ sehr leicht hergestellt werden können. Aus Influenzaviren sind solche Mechanismen ebenfalls bekannt: Schon der Austausch eines einzigen Moleküls in dem Molekülabschnitt kann die Furin-Spaltstelle quasi aktivieren. Dazu nötig sind keine aufwendigen gentechnischen Eingriffe, sondern es genügen schon einzelne kleine Genmutationen oder die bei der Virusvermehrung in der Zelle möglichen Rekombinationen von Genabschnitten des Viruserbguts kommen dafür in Frage. Mit anderen Worten: Die zentrale Schnittstelle zwischen Virus und Mensch ist womöglich eine billige Laune der Natur, und nur der Zufall und die Komplexität des Viruseintritts an sich haben bisher dafür gesorgt, dass genau diese Furin-Spaltstelle von Sars-CoV-2 nicht früher schon entstanden war.

Eine Widerlegung der Laborthese ist das nicht, so explizit ist das auch in keinem Abschnitt des Virologen-Berichts aus Berlin formuliert. Dennoch wird sehr deutlich, für wie viel wahrscheinlicher die Forscher eine natürliche Entstehung als eine Konstruktion des Virus-Oberflächenmoleküls halten. Nicht zuletzt aus analogen molekularen Beobachtungen bei Influenzaviren heraus, und weil auch in den europäischen Coronaviren viele Anzeichen dafür sprechen, schreiben die Wissenschaftler: „Unsere Analyse zeigt mögliche Wege für eine natürliche Entstehung der Furin-Spaltstelle in Sars-CoV-2 auf, was für eine natürliche evolutionäre Quelle in Fledermäusen mit oder ohne Beteiligung eines Zwischenwirtes spricht.“

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Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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