Angst vor Corona

Dreist in der Krise

Von Magnus Heier
02.04.2020
, 12:10
Hausärzte haben zum Teil ihre liebe Not damit, Patienten aus ihren Praxen fernzuhalten, die möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert sind.
Patienten, die lügen, um den Doktor zu sprechen. Ärzte, die fiktive Impfungen anbieten. Menschen, die die Corona-Krise immer noch für einen Medienhype halten. Nicht nur an den Supermarktregalen provoziert das Virus allerlei problematisches Verhalten.
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Der Zugang zu Arztpraxen ist schwieriger geworden: „Bei respiratorischen Symptomen erhält Patient/in einen Mund-Nasen-Schutz und wird nach Möglichkeit separiert“, schreibt das Robert-Koch-Institut in einer Orientierungshilfe für Ärzte. Und so passiert es meist auch. „Bei Husten, Schnupfen, Fieber sollen unsere Patienten an einem großen Tisch vor der Praxis zunächst einen Fragebogen ausfüllen. Dann werden sie gegebenenfalls über einen Dachgarten in den hinteren Bereich der Praxis geleitet, wo sie in einem der Infektionszimmer untersucht und behandelt werden“, sagt Holger Knapp, Allgemeinarzt aus Castrop-Rauxel. „Der entscheidende Punkt ist: Verdächtige werden von den anderen Patienten getrennt.“ So wird, je nach baulicher Situation, in vielen Arztpraxen verfahren.

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Wer dagegen wegen Fieber telefonisch einen Termin ausmachen will und keine weiteren Symptome hat, soll die Praxis erst gar nicht betreten. „Einen Patienten hatte ich telefonisch beraten, ihm eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausgestellt und betont, dass er nicht in die Praxis kommen dürfe. Er stand dann trotzdem unangemeldet am Empfang, mit Halsschmerzen und Husten, und bestand ultimativ und aggressiv darauf, die Ärztin zu sehen und abgehört zu werden“, sagt Daniela Selle, Allgemeinärztin, ebenfalls in Castrop-Rauxel. „Er war in den nächsten Tagen dann noch beim Hausärztlichen Notdienst und sogar im Krankenhaus, das ihn aber nicht aufgenommen hat.“

Solch Betragen ist gefährlich, aber ist es strafbar?

Andere Patienten haben Fieber, Halsschmerzen oder Husten und ignorieren trotzdem die großen Warnschilder vor der Praxis. Einige erfinden sogar akute, ganz andere Beschwerden, mit denen sie nicht abgewiesen werden können. Sie sitzen dann möglicherweise infektiös mitten im normalen Wartezimmer. „Einer der Patienten hat sogar gedroht: Ich verlasse ihre Praxis nicht, wenn ich nicht einen Corona-Test bekomme“, berichtet die Ärztin. Der Mann war, wohlgemerkt, ohne Symptome, ohne Kontakt zu Infizierten, ohne eine Reise in gefährdete Gebiete. Aber er hatte große Angst. „Es waren übrigens keine Alten, sondern junge Menschen, vor allem Männer“, sagt Daniela Selle. Eine aktuelle Umfrage des von einer Professorin der Universität Erfurt geleiteten Konsortiums „Covid-19 Snapshot Monitoring“ (Cosmo) bestätigt genau dies: „Eher jüngere Menschen scheinen akute Belastungs-Symptome zu zeigen. Insbesondere Männer zwischen 30 und 39 Jahren scheinen stärker betroffen zu sein.“ Die Angst vor Corona ist jung, und sie ist männlich!

Natürlich unterlaufen Patienten mit erfundenen Symptomen alle Sicherungsmaßnahmen, die eine Arztpraxis gegen Corona ergreifen kann. Und gefährden aus Dummheit oder Egoismus das Praxispersonal und die anderen Patienten im vollen Wartezimmer. Ist das strafbar? „Es gibt keine Fälle, in denen ein solches Verhalten vor Gericht abgeurteilt worden wäre“, sagt Susanne Schröder, Anwältin aus Hannover. „Aber ein Strafverfahren wäre ausdrücklich möglich – und eine Verurteilung wegen vorsätzlicher schwerer oder gefährlicher Körperverletzung ausdrücklich denkbar.“ Es ist keine Kleinigkeit, sich mit Fieber gegen eindeutigen ärztlichen Rat in ein Wartezimmer zu setzen, in dem Alte und Kranke sitzen. Und deren Infektion in Kauf zu nehmen. „Es gibt Fälle, die vielleicht grundsätzlich vergleichbar sind: Fälle, in denen eine HIV-infizierte Person Sex mit anderen hatte, ohne ihnen diese Infektion vorher mitzuteilen. Und es gab Verurteilungen wegen gefährlicher Körperverletzung“, so Schröder. Weder Angst noch Lust schützen vor Strafe.

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Angst frisst Verstand

Weil die meisten Patienten Angst vor Infektionen haben, verschieben sie verschiebbare Arztbesuche, Behandlungen, Eingriffe und auch ambulante Operationen: Die Hausarztpraxen sind voll, die Facharztpraxen leer. Das bringt auch Mediziner auf bizarre Ideen. Viele Gesprächspartner wollen ausdrücklich nicht mit Namen genannt werden. „Schreiben Sie: aus gut informierten Kreisen“, heißt es. Einer dieser gut informierten Kreise berichtet von einem Arzt im Berliner Raum, der mit einer Corona-Impfung warb. Aber eine Impfung gegen das neue Coronavirus SARS-CoV-2 gibt es nicht – noch nicht. Die Werbung ist eine Lüge. „Vermutlich hat er den Patienten irgendeine selbst zu zahlende Behandlung angeboten“, heißt es. Wer die Medien verfolgt, hätte wissen müssen, dass es keine Impfung gibt. Aber die Angst vor der Krankheit ist bei vielen übermäßig, der Verstand setzt aus.

Auch im Internet: „Hallo, liebe Isabella, hier ist Elisabeth, die Mama vom Poldi.“ So vertraulich beginnt eine Audiodatei, die im Augenblick massenhaft verbreitet wird. „Eine Freundin von mir ist an der Uniklinik in Wien ... und die haben halt mal so’n bisschen Forschung betrieben, warum in Italien so viele so heftige Corona-Fälle aufgetreten sind“, geht es weiter. Wörtlich zitiert! Schon die Wortwahl, „halt mal so’n bisschen Forschung“, sollte alle Alarmglocken schrillen lassen. Tut sie aber nicht. Die Mail wird weitergeleitet, verbunden mit der ängstlichen Frage: „Ob da was dran ist?“ Nichts ist dran, die Medizinische Universität Wien bezeichnete die Nachricht schnell als Fake. Das tat dem Erfolg von „Poldis Mama“ aber keinen Abbruch. Im Netz treffen sich zu jeden Zeiten Heilsbringer, Verschwörungstheoretiker und Egomanen mit teils obskuren Botschaften. Aber in Zeiten der Angst finden sie plötzlich Gehör. So wird eine ehemalige Pharmareferentin in der Lokalzeitung zur Corona-Spezialistin, Laien werden zu Therapeuten, ehemalige Fernsehmoderatorinnen verbreiten Verschwörungstheorien. Die Angst ihres Publikums ist es, die ihnen Gehör verschafft.

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Quarantäne ist keine Empfehlung

Der Zwillingsbruder der Panik ist die Sorglosigkeit, oft eine bis ins Gegenteil verdrängte Angst: Während die Mehrheit der Menschen etwa die Abstandsregeln penibel einhält, brechen andere aus und feiern Partys. Jetzt erst recht. In Berlin kam es zur kurzfristigen Schließung von 46 Friedhöfen. Auf einigen davon sei es zu Corona-Partys gekommen, schreibt der Berliner Tagesspiegel. Fußball sei gespielt worden, Hunde wurden ausgeführt, Notdürfte verrichtet – von Menschen.

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Andere ignorieren konkrete Verbote eher beiläufig und gedankenlos. Wie etwa das Paar, das nach einer Reise vom Gesundheitsamt für 14 Tage unter häusliche Quarantäne gestellt wurde. Das dann aber nicht nur das Haus verließ, sondern in einem Geschäft Kunden und Mitarbeiter gefährdete – ohne Mundschutz, ohne Handschuhe, ohne Abstand. Das Gesetz ist bei Nichtbeachtung eindeutig: Ein vorsätzlicher Verstoß gegen § 74 des Infektionsschutzgesetzes (IfSG) kann mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe oder Geldstrafe bestraft werden. Quarantäne ist keine unverbindliche Empfehlung. Quarantäne soll Leben retten. Aber die Gefahr wird systematisch falsch eingeschätzt: Laut der Cosmo-Umfrage wissen zwar 92 Prozent der Befragten, dass sie bei Krankheit zu Hause bleiben sollten – aber nur 77 Prozent würden es auch tun.

Angstzentrum im Hirn versteht keine Statistik

Nicht wenige halten die Corona-Berichterstattung sowieso für einen Medienhype. Aber woher kommt bei so vielen anderen die Diskrepanz zwischen Wissen und Verhalten? Eine Teilerklärung liegt in der Evolution des menschlichen Gehirns: Das Angstzentrum ist ein evolutionär sehr alter Teil des Hirns. Dieser Bereich sichert das Überleben, indem er schnell und konsequent reagiert. Abwägende Analysen, statistische Überlegungen kommen hier nicht an. Die werden im Frontalhirn verarbeitet, einem evolutionär neuen Teil des Gehirns hinter der Stirn. Das Frontalhirn kann das Angstzentrum nur schwer kontrollieren. Deshalb wirkt eine abwägende Rede von Angela Merkel weniger als eine polternde Ansprache von Donald Trump – wie widersprüchlich die auch sein mag. Angst fühlt nicht statistisch.

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Dieser Konflikt wird in Zeiten von Corona überdeutlich: „Das Abstandhalten beispielsweise widerspricht den Grundbedürfnissen des Menschen als soziale Wesen“, sagt Kai Sassenberg vom Tübinger Leibniz-Institut für Wissensmedien. „Gleichzeitig glauben Menschen nicht, dass sie von ihren Freunden und guten Bekannten infiziert werden.“ Das Negative kommt demnach vor allem von den anderen. Weshalb man sich unter Freunden sicher fühlt – auch wenn das unter Umständen lebensgefährlich sein kann.

Dabei passt die Angst selten zur tatsächlich drohenden Gefahr: „Interessant ist insbesondere, dass sich Menschen, die älter als 60 Jahre sind, als widerstandsfähiger gegenüber Stress einschätzen“, sagt Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Uniklinik Mainz. Genau diejenigen, die eigentlich gefährdet sind und geschützt werden müssten, glauben „gegenüber einer Infektion weniger anfällig zu sein“. Und hören am wenigsten auf Ratschläge zu ihrem eigenen Schutz.

Quelle: F.A.S.
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