Chronischer Ärztemangel

Kein Ende in Sicht

EIN KOMMENTAR Von Martina Lenzen-Schulte
27.04.2018
, 17:31
Zu wenig Nachwuchs führt zu einer geringeren Zahl an wirklich guten Ärzten.
Der deutschlandweite Ärztemangel spitzt sich weiter zu. Zu wenig medizinischer Nachwuchs kommt von den Universitäten. Was geschieht, wenn sich die Zahl weiterhin verknappt? Eine Glosse.
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Als Redner auf einem Firmensymposium des Pharmariesen Abbott vermied der sozialdemokratische Gesundheitsexperte und Mediziner Karl Lauterbach wohlweislich das Reizthema Bürgerversicherung. Stattdessen sprach er auf dem deutschen Kardiologenkongress in Mannheim jüngst über vieles, was bei solchen Gelegenheiten besser ankommt, nicht zuletzt über den Ärztemangel. Dieser Mangel sei mit schuld daran, dass etwa in der Onkologie „die Behandlungsergebnisse nicht so sind, wie sie sein sollten“. Schlimmer noch, der Mangel spitzt sich zu. Denn wer zu wenig Nachwuchs hat, kann weniger Spitzenkräfte heranziehen, das Angebot an gut ausgebildeten Medizinern werde sich verknappen, prophezeite Lauterbach.

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Auf fünftausend Medizinstudenten pro Jahr bezifferte er die Lücke, die sollten zusätzlich zum bisherigen Kontingent ausgebildet werden, um das Niveau zu halten. Er „halte es für falsch“, da wurde Lauterbach ganz eindeutig kritisch, den Ersatz andernorts zu rekrutieren, etwa bei den „zum Teil deutlich schlechter qualifizierten Ärzten“ aus dem Ausland, vornehmlich aus Osteuropa und afrikanischen Ländern.

SPD-Politiker Lauterbach schließt große Koalition nicht aus
Karl Lauterbach ist seit 2005 Abgeordneter im Deutschen Bundestag. Hier zu sehen bei einer Rede zur Debatte um Sterbehilfe und Sterbebegleitung am 2. Juli 2015. Bild: dpa

Das Niveau wäre wohl auch mit „zum Teil deutlich schlechter qualifizierten Ärzten“, so Lauterbach, kaum zu halten. Immerhin, die politisch korrekte Begründung wurde nachgereicht: Diese Ärzte fehlten dann den Patienten in ihren Heimatländern.

Wer trägt ist eigentlich die Schuld an der Misere?

Von der neuen Bundesforschungsministerin Anja Karliczek erwartet sich Lauterbach wohl ebenfalls keine Abhilfe. Er zweifelte jedenfalls, ob eine Hotelfachfrau dem „harten Waffengang“, der sie in Sachen Mittelverteilung unter den Wissenschaftsinstitutionen erwarte, genügend entgegenzusetzen habe. Zudem bekannte er in einem Seitenhieb auf Kanzlerin Merkel, dass ihn diese Personalie „überrascht“ habe. Als schlussendlich im Rahmen der Diskussion eine Teilnehmerin die schlichte Frage stellte, warum man denn den vielen motivierten jungen Leuten vor den Toren der medizinischen Fakultäten keine Chance für ein Studium gebe, da konnte auch Lauterbach nur bedauernd mit den Schultern zucken.

Die Länder seien schuld, klagte er, den Ländern sei die Ausbildung der fehlenden fünftausend Studenten nämlich zu teuer. Er kann es jedenfalls nicht richten, das nehmen wir nun doch vom Kongress als Erkenntnis mit. Was verwundert, ließ er doch eigentlich schon vor Jahren verlauten: „Ich kann in Berlin viel bewegen.“ Er sieht sich schließlich selbst „als Veteran“ der Gesundheitspolitik, hat diese seit etlichen Jahren mitgestaltet und durfte Fehlentwicklungen wie die Fallpauschalen quasi vom Embryonalstadium an begleiten. Viele wollten Herrn Lauterbach noch vieles fragen. Für den Vorschlag blieb da keine Zeit, die Staaten Osteuropas oder Afrikas zu bitten, unsere Bundesländer bei der Ausbildung der Ärzte finanziell zu unterstützen, um – wir erinnern uns – den medizinische Braindrain von dort zu stoppen.

Quelle: F.A.Z.
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