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Im Gespräch

Gesund genug fürs Oval Office?

Von Ronald Gerste
 - 22:11
Sichtlich gereift: Bernie Sanders (74) und Hillary Clinton (68)

Der neue Präsident war nicht mehr der Jüngste. Um der Öffentlichkeit zu zeigen, wie kerngesund er war, erschien er zu seiner Vereidigung trotz des kalten Nieselregens ohne Mantel, nur in einem leichten Jackett. Dass er dann die mit fast zwei Stunden längste Antrittsrede in der Geschichte der amerikanischen Präsidenten hielt, machte die Sache nicht besser. Drei Wochen später manifestierte sich eine Krankheit, die als Lungenentzündung diagnostiziert wurde – möglicherweise verschleppt als Folge einer Erkältung und aufgrund einer altersbedingt doch geschwächten Konstitution. Nach nur 31 Tagen im Amt starb Präsident William Henry Harrison, keiner regierte kürzer.

Das war 1841. Bereits während des Wahlkampfes im Herbst davor waren Stimmen laut geworden, wonach Harrison aufgrund seines fortgeschrittenen Alters für das Amt ungeeignet sei. Der Kandidat war 67 Jahre alt. Es sollten 140 Jahre vergehen, bis Amerika einen ähnlich alten Politiker ins höchste Staatsamt wählte: den 69-jährigen Ronald Reagan. Nach den derzeitigen Umfragen sind die Aussichten gut, dass im nächsten Jahr erneut jemand gewählt wird, der längst im Rentenalter steht. Eine Präsidentin Clinton wäre an ihrem ersten Amtstag 69 Jahre alt, Präsident Trump 70 und ein Präsident Sanders 75. Das Durchschnittsalter der amerikanischen Bevölkerung liegt bei knapp 38 Jahren.

Der Leibarzt sagt, was gesagt werden darf

Daher wird im Vorwahlkampf auch die H-Frage (H für Health) eine Rolle spielen. Die genannten drei Kandidaten haben durch ihre Ärzte Einblicke in den Stand ihrer Gesundheit geben lassen. Einige andere taten das auch, darunter der inzwischen ausgeschiedene Jeb Bush, der eine Neigung zu Rückenschmerzen, Nebenhöhlenentzündungen und Blutdruckschwankungen publik machte. Doch diese Informationen sind, wie so vieles in Wahlkampfzeiten, mit Vorsicht zu genießen.

So spiegelt das ärztliche Bulletin zu Donald Trump den Bombast des Kandidaten wider. Der Gastroenterologe Harold Bornstein ließ als Leibarzt des Immobilienmoguls das Wahlvolk wissen, dass „Mr. Trump im Falle seiner Wahl das gesündeste Individuum wäre, das je zum Präsidenten gewählt wurde“. Die verlautbarten Blutdruckwerte von 110/65 sind in der Tat exzellent; der Hinweis auf die Einnahme von Statinen deutet allerdings an, dass Trump ohne diese Medikamente einen zu hohen Cholesterinspiegel hätte. Dass er zudem pro Tag 81 Milligramm Aspirin zu sich nimmt, ist nichts Besonderes: Die Substanz wird von vielen Amerikanern prophylaktisch geschluckt, auf dass die „wonder drug“ das Risiko für Gefäßleiden wie Herzinfarkt und Schlaganfall verringere.

Auch der älteste in der aktuellen Kandidatenriege ist nach Angaben seines Arztes ein „healthy guy“. Am bemerkenswertesten an Bernie Sanders’ dünner Krankenakte ist ein minimalinvasiver Eingriff zur Reparatur eines Leistenbruchs im vergangenen November. Die Klinik verließ er wohl noch am gleichen Abend, doch schnelle Entlassungen aus der stationären Betreuung sind in den Vereinigten Staaten üblich. Anders als in den von Sanders bewunderten Gesundheitssystemen einiger europäischer Länder, wo Frischoperierte nicht ganz so schnell sich selbst oder ihrem privaten Umfeld überlassen werden.

Erst nach JFKs Ermordung wurden seine Krankheiten bekannt

Die meisten Probleme könnte Hillary Clinton bekommen, sollte die gesundheitliche Eignung zu einem zentralen Thema des Wahlkampfes werden. Im Jahr 2012 zog sich die damalige Außenministerin bei einem Sturz eine Gehirnerschütterung zu. Im Zuge der Untersuchungen wurde ein Blutgerinnsel im Gehirn festgestellt, eine sogenannte Sinusthrombose. Nicht auszuschließen ist, dass Ursache und Wirkung sich hier anders verhalten, als damals bekanntwurde, und die Thrombose den Sturz samt Folgeschäden erst verursachte. Nach solchen zentralnervösen Ereignissen kommt es häufig zu Doppelbildern, zu deren Beherrschung Clinton damals über längere Zeit eine Prismenbrille tragen musste. Das von feinen Linien durchzogene Brillenglas wirkt für den medizinischen Laien recht ungewöhnlich, fast erschreckend. Und so nutzten politische Gegner schon damals Fotos mit diesem rehabilitativen Hilfsmittel, um eine Befähigung Clintons für ein höheres Amt in Frage zu stellen. Immerhin nimmt die ehemalige Ministerin und Senatorin aufgrund ihres Blutgefäßleidens täglich den Gerinnungshemmer Warfarin ein.

So oder so glauben Öffentlichkeit und Medien die durchweg sonnigen Statements zur Gesundheit der Präsidentschaftskandidaten nur unter Vorbehalt. Zu oft schon wurden bestehende Leiden, die ihre Amtsfähigkeit durchaus bedrohen könnten, verschleiert. Ein gutes Beispiel ist John F. Kennedy – Inbegriff jugendlicher Dynamik im Weißen Haus. Der bei seiner Wahl 1960 erst 43-jährige Politiker litt an der Nebennierenkrankheit Morbus Addison und hatte immer wieder schwere gesundheitliche Krisen durchlitten; mindestens einmal hatte der Katholik bereits das Sterbesakrament erhalten. Doch obwohl bei seinen Kontrahenten Gerüchte über die Erkrankung umgingen – sein Rivale und späterer Vizepräsident Lyndon B. Johnson nannte ihn einen „gelbgesichtigen Burschen“ –, gelang es Kennedys Wahlkampfteam, die Öffentlichkeit von JFKs ungebrochener Vitalität zu überzeugen. Erst nach seiner Ermordung wurde die Krankengeschichte bekannt, ob in vollem Umfang, muss auch heute noch bezweifelt werden. Es ist fast Tradition, dass Präsidenten ihre Probleme verheimlichen oder herunterspielen, etwa den Herzinfarkt Dwight D. Eisenhowers 1955 oder den bösartigen Kiefertumor, den Grover Cleveland 1893 an Bord einer Privatyacht entfernen ließ – außer Sichtweite der Presse. Weltpolitische Konsequenzen hatte die Verschleierung des Schlaganfalls von Woodrow Wilson im Oktober 1919: Der Präsident war völlig amtsunfähig, der Kongress bestimmte die Außenpolitik und verhinderte die Mitgliedschaft der Vereinigten Staaten im Völkerbund.

Verreist der Präsident, reist die Klinik mit

Immerhin, sollte einem Bewohner der Villa 1600 Pennsylvania Avenue NW heute Ähnliches widerfahren, erführe er oder sie die bestmögliche medizinische Betreuung. Im Weißen Haus steht ein 20 bis 25 Personen umfassendes Team bereit, darunter zumeist vier Ärzte. Ist der Präsident unterwegs, reist die Klinik quasi mit. Air Force One ist unter anderem mit einem Operationssaal ausgerüstet, falls es bei einem Staatsbesuch in einem Land mit einer nicht als adäquat empfundenen medizinischen Infrastruktur zur Notwendigkeit eines Eingriffs kommen sollte; Blutkonserven mit der Blutgruppe des Präsidenten werden ohnehin an jede auf dem Programm stehende Station der Reise vorausgeschickt. Am Amtssitz Washington wird der Präsident schnellstmöglich in eine Klinik gebracht werden, wenn es die Situation erfordert. Seine Einlieferung ins George Washington University Hospital binnen weniger Minuten nach dem Attentat am 30. März 1981 und das dort sofort einsatzbereite Team von Topchirurgen rettete Ronald Reagan das Leben.

So exzellent die Aussichten auf eine akute Versorgung sind: Bei chronischen und altersbedingten Leiden sind den Möglichkeiten der Medizin auch bei den Mächtigsten Grenzen gesetzt. Gegen Ende der Amtszeit Reagans 1988/89 sollen sich schon erste Zeichen seiner 1994 öffentlich gemachten Alzheimer-Krankheit gezeigt haben. Das schwere Herzleiden Franklin D. Roosevelts 1944/45 konnte unter den damaligen Umständen nicht behandelt werden – die Medizin war noch nicht so fortgeschritten – und wurde in der Endphase des Zweiten Weltkriegs geheim gehalten.

Heute alt, in vier Jahren ein Greis

Einer der aktivsten Wahlkämpfer des Jahres 2016 wäre ohne die exzellente ärztliche Betreuung im Weißen Haus möglicherweise nicht mehr am Leben: Bill Clinton wurde von den Medizinern zu einer Abkehr von seiner ungesunden Ernährung und zum Gewichtsverlust gebracht, was die Prognose seiner vierfachen Bypass-Operation im Jahr 2004 entscheidend verbessert haben dürfte. Mit dem Preis, dass der 42. Präsident heute hager, fast abgezehrt und deutlich gealtert wirkt.

Sollte nun einer der drei rüstigen Senioren tatsächlich im Januar 2017 ins Weiße Haus einziehen, wird das Thema der Präsidentengesundheit an Bedeutung gewinnen. Nach der Wahl ist vor der Wahl, und ein neuerliches Antreten nach vier Jahren wird am Abend des Wahlsieges fast schon vorausgesetzt. Und vielleicht könnte es dann einen Präsidenten geben, der eine zweite Amtsperiode plant – in der er seinen achtzigsten Geburtstag feiert.

Quelle: F.A.S.
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