Die lieben Kleinen (13)

Ein Pieks und viele Sorgen

Von Sigrid Tinz
21.11.2006
, 11:57
Vorbeugen ist besser als heilen! Oder etwa nicht? Wenn es um Impfungen geht, sind sich viele Eltern noch unsicher. Väter und Mütter haben zum Impfen viele Fragen - gute Antworten bekommen sie selten. Teil 13 der Serie „Die lieben Kleinen“.
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Jeden Montag nach der Rückbildungsgymnastik sitzen die Mütter von Karlena, Alexander, Rita und Naomi mit ihren Babys im Café und plauschen ein bißchen über Blähungen, Schwiegermütter und Tragetuchbindungen. Heute hat Karlenas Mutter mal gefragt, wie die anderen denn das so machen würden, „das mit dem Impfen“?

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Ihre Tochter soll nämlich nur gegen das „Gefährliche“ geimpft werden, das Nötige. Die Mutter sorgt sich wegen Nebenwirkungen und Folgeschäden. Alexanders „Marzipanpopo soll nicht so früh mit Medikamenten traktiert werden“, er soll erst mit einem halben, dreiviertel Jahr geimpft werden. Dann aber gegen alles, was geht: Diphtherie, Tetanus, Kinderlähmung, Keuchhusten, Hepatitis B, Haemophilus Influenza B, Masern, Mumps, Röteln, Windpocken, Meningokokken und Pneumokokken. Seine Eltern arbeiten und wollen nicht ständig wochenlang zu Hause bleiben müssen. „Ach je“, murmelt Ritas Mutter. Sie hat sich noch gar keine Gedanken gemacht, geschweige denn einen Arzttermin vereinbart. Naomi dagegen hat die erste Spritze bereits bekommen.

„In der DDR waren alle geimpft“

Und plötzlich wird diskutiert; hitzig und laut und fast ein bißchen feindselig. „Komplett durchgeimpfte Kinder sind gar nicht gesünder, sie haben genauso Ohrenschmerzen und Schnupfen und Durchfall“, meint Karlenas Mutter heftig „und sie bekommen viel wahrscheinlicher Allergien.“ „Glaub' ich nicht“, unterbricht sie Alexanders Mutter. „Bei uns früher in der DDR waren wir alle geimpft. Und diese ganzen Zivilisationskrankheiten gab es viel weniger.“ „Aber man braucht doch die Kinderkrankheiten; die trainieren doch das Immunsystem.“ „Und warum, bitte, sollen Masern besser trainieren als Mandelentzündungen?“ „Und Masern sind so gefährlich“, sagt Naomis Mutter. „Impfen doch auch!“ ruft Karlenas Mutter. „Man liest doch ständig von Kindern, die davon behindert sind. Oder tot.“ „Quatsch, das ist doch ganz selten.“ „Das wird bestimmt vertuscht“, vermutet Ritas Mutter.“ „Genau, und warum soll man gegen immer mehr impfen? Und warum gibt es fast nur noch Mehrfachimpfungen ...“-“um das Baby zu schonen, klar, sonst müßtest du es doch viel öfter pieksen lassen.“ Und so weiter.

Eigentlich ließe sich „das mit dem Impfen“ schnell erzählen: Vor rund 200 Jahren wurde der erste Impfstoff erfunden, gegen die Pocken. Dann gegen Diphtherie und Tetanus, dann gegen Kinderlähmung, Masern und Mumps. Und dann gegen Röteln, Windpocken, Keuchhusten, Hepatitis, Grippe oder tropische Krankheiten. An weiteren Impfstoffen wird geforscht. Fachleute unterscheiden Lebendimpfstoffe, die aus vermehrungsfähigen, aber abgeschwächten, nicht mehr krankmachenden Erregern bestehen, und Totimpfstoffe. Die enthalten tote Bakterien oder Viren, Bestandteile von deren Zelloberfläche oder auch nur entschärfte Giftstoffe der Erreger. Sie alle sollen den Körper anregen, Abwehrstoffe zu bilden und ihn genau wie nach der tatsächlichen Krankheit immun gegen die Erreger zu machen - aber eben ohne diese mit ihren lästigen bis tödlichen Komplikationen durchmachen zu müssen. Gemeinsam mit besserer Hygiene, guter Ernährung und neuen medizinischen Behandlungsmethoden haben Impfungen seit dem Zweiten Weltkrieg vielen Krankheiten den Schrecken genommen.

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Impfstoffe können Nebenwrkungen enthalten

Aber Impfstoffe sind Medikamente, und als solche können sie Nebenwirkungen haben: angefangen bei Rötungen, Schwellungen und Fieber bis hin zum allergischen Schock durch die Antikörper. Oder durch Hefe- oder Hühnereiweiß, Formaldehyd, Äther, Quecksilberverbindungen oder Aluminiumhydroxyd, die bei der Herstellung oder zur Konservierung verwendet werden und zumindest in Spuren noch im Impfstoff bleiben. Manche Impfstoffe wirken manchmal nicht - vergangenes Jahr wurde zum Beispiel ein Sechsfachimpfstoff vom Markt genommen, weil er unzureichend gegen Hepatitis B schützte. Oder sie wirken anderes als gedacht: Eine Impfung gegen Tuberkulose immunisiert nicht wie geplant gegen Tuberkulose, sondern Lepra.

So. Damit könnten eigentlich alle Eltern „das mit dem Impfen“ halten, wie sie wollen und wie sie es für richtig halten, genau wie den Zeitpunkt des Abstillens, die Wahl der Zahnpasta und das Ausmaß des Fernsehkonsums. Wenn sie nur nicht immer wieder zwischen die Fronten der öffentlichen Debatte geraten würden, auf deren einen Seite die Impfbefürworter stehen - Krankenkassen, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, das Grüne Kreuz, der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte. Sie vertreten im wesentlichen die Ansichten der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko) in Berlin.

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Impfgegner befürchten Schäden an Leib und Seele

Bei der Stiko arbeiten Ärzte und Forscher, die sich auf dem Gebiet des Impfschutzes hervorgetan haben. Ihre Ziele sind in erster Linie „epidemiologisch und ökonomisch“: Sie wollen weltweit verbreitete Krankheiten ausrotten, statistisch zu erwartende Todesfälle und Krankheitskomplikationen vermeiden, die Allgemeinheit durch „Schaffung einer Herdenimmunität schützen“, damit durch die Impfung eines Großteils der Bevölkerung auch für die Ungeimpften das Risiko sinkt, krank zu werden, weil der Erreger nicht mehr so häufig zirkuliert. Sie planen auch solche Krankheiten wegzuimpfen, die „im Vergleich mit den Impfkosten zu erhöhten Kosten im Gesundheitssektor und im sozialen Bereich“ führen, zum Beispiel weil die Eltern kranker Kinder nicht zur Arbeit gehen können. Sie empfehlen regelmäßig, wer wann gegen was geimpft werden soll: nämlich möglichst viele gegen möglichst viel und das möglichst früh.

Auf der anderen Seite stehen die radikalen Impfgegner, die Impfungen mehr oder weniger pauschal ablehnen: weil sie durch Impfungen an Leib und Leben Schaden genommen haben oder dies fürchten. Weil Impfungen die „spirituelle Entwicklung“ behindere. Weil Impfungen ihrer Ansicht nach Autismus begünstigen, Diabetes, multiple Sklerose, Zöliakie, Hyperaktivität, Allergien und Krebs. Sie weigern sich, mit der Presse über konkrete Fragen zu reden, weil „die ja doch nur über Masernpartys schreibt, die es gar nicht gibt“.

Was ist alles drin im Impfstoff?

Beide Seiten bezeichnen sich gegenseitig als Ignoranten und haben immer ein Beispiel eines durch die Masern oder eben die Masernimpfung behinderten Kindes auf Lager. Sie zerpflücken sich gegenseitig die Studien als methodisch und wissenschaftlich unkorrekt und fremdfinanziert. Und verängstigen normal besorgte Eltern. Denen kommen dann bei Milchkaffee und Kräutertee plötzlich Hunderte von Fragen:

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Gegen welche Krankheiten kann man impfen? Wie verlaufen die normalerweise, wie oft gibt es Komplikationen, und wie könnte man die akut behandeln? Wie oft gibt es Nebenwirkungen? Was ist alles drin im Impfstoff, wie wirkt der genau und wie lange? Gibt es keine Wechselwirkungen in den Vielfachimpfstoffen? Können Erreger resistent werden? Was ist, wenn das Baby krank ist, schon Allergien hat oder ein Frühchen ist?

Das alles und noch viel mehr sollte der Kinderarzt mit den Eltern besprechen. Vor der Impfung. Denn bei dieser handelt es sich rein juristisch um einen medizinischen Eingriff an einem gesunden Menschen, in diesem Fall in das unbestritten hochkomplexe System der Immunabwehr, in den dieser Mensch oder sein gesetzlicher Vertreter nach umfassender Aufklärung ausdrücklich einwilligen muß. Theoretisch.

Impfung kann im seltenen Fall Katastrophe auslösen

Normalerweise aber schreit das Baby und schreit und schreit, und für medizinische Fachvorträge hat in dieser Situation keiner Nerven. Oder der Arzt zückt einfach die Spritze, als gehörte das Impfen zur normalen Vorsorgeuntersuchung dazu. Oder rät „im Vertrauen“ ab, seine Söhne seien auch nicht geimpft und „pumperlgesund“.

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Selbst Ärzte, die sich Zeit nehmen, sich austauschen, Studien lesen, informieren und von Patient zu Patient nach der besten Lösung suchen, können oft keine eindeutigen Antworten geben. Auch die halbwegs sicheren Zahlen über Nebenwirkungen von Impfungen und Komplikationen von Krankheiten bleiben im Gespräch mit den Eltern abstrakt. Ein Verhältnis von eins zu tausend sagt nichts über die Gefährdung des einzelnen aus. Jede Impfung kann wie jede Krankheit in seltenen Fällen eine Katastrophe auslösen. Und wessen Kind durch die Masernimpfung eine Gehirnentzündung erleidet, der hat nichts davon, daß es statistisch wahrscheinlicher durch Masern taub wird.

Meisten Impfungen geben keinen dauerhaften Schutz

Aber leben geimpfte Kinder besser und länger, sind sie widerstandsfähiger gegen andere chronische oder bösartige Krankheiten? Haben sie wirklich weniger Hirnhautentzündungen oder nur weniger Hirnhautentzündungen durch Masern und Meningokokken, aber dafür mehr durch andere Viren und Bakterien? Auf all diese Fragen gibt es keine abschließenden Antworten. Aber es gibt Hinweise, die man vor dem Impfen bedenken sollte.

Naomis Ärztin etwa hat den Eltern nichts über die Dauer des Impfschutzes gesagt und daß sie der Kleinen eine gewisse Gefahr im Erwachsenenleben mitgeben. Denn die meisten Impfungen bieten anders als die durchgemachte Krankheit keinen lebenslangen Schutz. Sie müssen wieder aufgefrischt werden. Das vergessen dann viele und können sich doch noch mit Röteln oder Mumps anstecken. In einem Alter, in dem sich die meist harmlosen Kinderkrankheiten in wirklich gefährliche Infektionen verwandelt haben, die viel schwerer und häufiger mit Komplikationen wie Gelenkentzündungen oder Hodenentzündungen verlaufen. Bei den Masernepidemien in diesem Sommer waren mehr Jugendliche und junge Erwachsene betroffen als früher üblich.

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„Impfen ist keine Wunderwaffe und kein Teufelszeug“

Auch der Nestschutz, den Mütter ihren Babys über die Plazenta mitgeben, ist viel schwächer, wenn die Mütter ihre Antikörper nur durch eine Impfung bekommen haben. Das ist zum Beispiel beim Keuchhusten ein Problem, der ohnehin eher lästig ist als gefährlich - außer für ganz kleine Babys, die daran ersticken können. Aber selbst wenn die so früh wie möglich geimpft werden, dauert es einige Monate, bis der Schutz wirkt.

„Das mit dem Impfen“ ist also keine Wunderwaffe und kein Teufelszeug, sondern eine medizinische Möglichkeit, die oft, aber eben nicht immer das hält, was man sich von ihr verspricht, nämlich gefährliche Infektionskrankheiten zu kontrollieren. Und wie Eltern „das mit dem Impfen“ machen, hängt auch von ihrer Lebensphilosophie und ihrem Menschenbild ab, ihrer Einstellung zu Leben, Krankheit und Tod.

Wer auf Gott oder die Natur zählt, impft nichts. Wer der Schulmedizin vertraut, impft alles. Wer sich Sorgen macht, impft manches. Und wer Glück hat, findet eine Kinderärztin wie die von Karlena und Alexander. Die zuhört und berät. So gingen der kleine Alexander und die kleine Karlena, die gegen alles und gegen nichts geimpft werden sollten, beide mit einer Vierfachimpfung nach Hause, gegen Tetanus, Diphtherie, Kinderlähmung und Keuchhusten. Und die Eltern mit dem guten Gefühl, das Richtige entschieden zu haben. Daß alle Eltern sich erst mal Sorgen machen, das ist so und bleibt so. Das läßt sich nicht wegimpfen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.11.2006, Nr. 46 / Seite 73
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