Ebola

Ein Stoff für Horrorfilme

Von Jörg Albrecht und Volker Stollorz
04.08.2014
, 10:12
Medizinische Helfer in Schutzkleidung tragen den Leichnam einer mit dem Ebola-Virus infizierten Frau aus einer Quarantänestation in Liberia.
Ebola ist in Afrika außer Kontrolle geraten. Jetzt sieht sich auch der Rest der Welt bedroht. Hier wie dort herrscht irrationale Angst.
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Sheik Umar Khan hat es nicht mehr geschafft. Der 39jährige Arzt war einer der führenden afrikanischen Experten im Kampf gegen Ebola, er galt in Sierra Leone als Nationalheld. Irgendwann infizierte er sich selbst mit dem Virus, am Dienstag vergangener Woche starb er in einem Krankenhaus im Norden des Landes. Zuvor hieß es noch, er werde möglicherweise nach Deutschland ausgeflogen. Ein entsprechendes Ansinnen der WHO lag offenbar vor. In Hamburg war der Seuchenstab aktiv geworden, im Universitätsklinikum Eppendorf wurde eine Spezialabteilung in Bereitschaft versetzt. Wäre der Patient dort eingetroffen – sämtliche Medien des Landes hätten vorübergehend kein wichtigeres Thema gekannt.

Beim Thema Ebola neigen nicht nur Journalisten zu Überreaktionen. Clemens Wendtner, als Chefarzt am städtischen Klinikum Schwabing unter anderem für Tropenmedizin zuständig, weiß von einem Münchener Hausarzt, dem ein Patient verdächtig vorkam, woraufhin er kurzerhand Ebola-Alarm gab. Fast wäre die Seuchenmaschinerie angelaufen; der Mann hatte aber nur eine eitrige Nierenbeckenentzündung. „Für Deutschland ist Ebola keine Bedrohung“, sagt Wendtner.

Deutschland ist nicht Afrika und das hämorrhagische Ebolafieber nicht dasselbe wie Masern. Zwar sind manche Infektionskrankheiten auch in den medizinisch hochgerüsteten Industrienationen nicht vollständig in den Griff zu bekommen. Die jährlich wiederkehrende Grippe gehört dazu, manche Durchfallkrankheit kann bei uns epidemisch werden. Ebola eindeutig nicht.

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Ein Patient, der die typischen Symptome zeigt, würde auf der Stelle isoliert werden, seine Angehörigen und alle Kontaktpersonen würden streng überwacht. Mit dem Virus anstecken kann sich nur, wer mit dem Blut und den Ausscheidungen des Dahinsiechenden in Berührung kommt. Das ist unter hygienischen Bedingungen kaum vorstellbar.Woher kommt dann diese ungeheure Furcht vor dem „Killer aus dem Regenwald“, wie Ebola gern genannt wird?

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Kein Vergleich mit Malaria

Der Verursacher ist erst seit knapp vierzig Jahren bekannt. Er hat in dieser Zeit rund zweitausend Opfer gefordert. Aber verglichen mit Malaria, an der jährlich zwei Millionen Menschen sterben, war Ebola bislang ein exotischer, jenseits der lokalen Seuchenherde irrelevanter Erreger. Nun breitet er sich erstmals über Ländergrenzen hinweg aus. Und der Rest der Welt zittert. Dabei wird kaum noch unterschieden zwischen realer und fiktiver Bedrohung.

Als die Seuche 1976 erstmals nahe der Provinzstadt Yambuku tausend Kilometer nördlich von Kinshasa ausbrach, war kein einziger westlicher Journalist vor Ort. Berichte kursierten in den Nachbarländern des damaligen Zaire, die Weltöffentlichkeit nahm keinen Anteil. Zwanzig Jahre später hatte sich das komplett geändert. Diesmal war Kikwit betroffen, ebenfalls in einer Provinz der inzwischen gegründeten Demokratischen Republik Kongo gelegen. Kamerateams und Heerscharen von Reportern belagerten die Krankenhäuser, bestachen Flughafenangestellte, um in das Quarantänegebiet zu gelangen, filmten Begräbnisse und standen den medizinischen Hilfskräften im Wege. Die Wahrnehmung der westlichen Welt hatte sich grundlegend verändert. Wer oder was hatte den Umschwung bewirkt?

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Schuld war Hollywood

Im April 1995 war die Seuche in einem Hospital in Kikwit ausgebrochen, kurze Zeit vorher kam weltweit ein Film in die Kinos, der den Horror in eine amerikanische Kleinstadt verlegte. „Outbreak“ basierte auf einer Vorlage, die der Schriftsteller Richard Preston geliefert hatte. In einem Artikel für den New Yorker, später erweitert zu einem Bestseller („Hot Zone“), schilderte Preston, wie 1989 eine Hundertschaft Versuchsaffen von den Philippinen in ein Quarantänelabor in Reston, Virginia, verschickt worden war und bald darauf an hämorrhagischem Fieber zugrunde ging. Der Erreger war, wie sich herausstellte, in der Tat ein Subtyp des Ebola-Virus, das Menschen zwar nichts anhaben konnte, aber im Gegensatz zu seinen Verwandten über die Atemwege und damit wesentlich leichter übertragen wurde.

Das war der Stoff, aus dem Thriller gestrickt werden. Bis heute sind Dutzende zu diesem Thema erschienen. Mal bemächtigen sich arabische Bioterroristen des Todeskeims (Tom Clancy: „Befehl von oben“), mal die Nazis (Jack Ballard: „Panic“), mal entweicht er aus einem Labor, mal wird er von einem liebestollen Koch unter die Leute gebracht (Herman Yau: „Ebola Syndrome“).

Mangels eigener Anschauung ist das Bild der Seuche in den hochentwickelten Ländern der Welt stark durch fiktive Darstellungen verzerrt worden. Hinzu kommen der übliche Sensationsjournalismus und die Schwierigkeit, aus abgelegenen Regionen mit erheblichen politischen und sozialen Problemen zu berichten.

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Nüchterne medizinische Aufklärung hat es im Fall von Ebola besonders schwer. Das ist vor Ort nicht anders. Dort haben die Helfer nicht nur mit dem Virus zu kämpfen. Gerüchte machen die Runde: Die westlichen Ärzte selbst seien es, die Ebola verbreiten.

Infektionsherd Krankenhaus

Vollkommen aus der Luft gegriffen ist das nicht. Mehrmals brach die Seuche in schlecht ausgestatteten Krankenhäusern aus. In Yambuku war es eine Missionsstation, in der monatlich bis zu zehntausend Patienten behandelt wurden, für die zusammen gerade mal fünf Injektionsnadeln zur Verfügung standen. Als die Station endlich geschlossen wurde, war das „mit Abstand die wichtigste Maßnahme, die Epidemie zu stoppen“, stellte die WHO später fest.

Häufig ist das Krankenhauspersonal besonders betroffen; in Kikwit, wo es zum Zeitpunkt des Ausbruchs weder Strom noch fließendes Wasser oder eine geordnete Müllbeseitigung gab, infizierte sich ein Viertel der Angestellten. Die Zustände waren derart desolat, dass Patienten und Krankenpfleger flohen. Zurück blieben wenige Freiwillige, die Moribunden und die Toten.

In den Grenzgebieten von Liberia, Sierra Leone und Guinea, wo Ebola zurzeit wütet, schlägt den medizinischen Hilfskräften inzwischen offenes Misstrauen entgegen (siehe „Vertrauen ist alles“). Zunächst hatte es so ausgesehen, als bekämen sie die Seuche in den Griff. Aber die Entwarnung kam zu früh, in der Bevölkerung breitete sich Enttäuschung aus. Hilfskräfte berichten jetzt von tätlichen Angriffen, einzelne Stationen mussten bereits geschlossen werden. In Freetown, der Hauptstadt von Sierra Leone, stürmten Angehörige einer Ebola-Patientin das Krankenhaus, um sie zu befreien. Landesweit wurde nach ihr gefahndet; sie starb, kurz nachdem sie sich gestellt hatte.

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„Die Akzeptanz gegenüber den Helfern ist rückläufig“, bestätigt ein Tropenmediziner, der bis Juni in der Provinz Guéckédou in Guinea stationiert war, wo die Seuche vor einem halben Jahr ihren Siegeszug begonnen hatte. „Anfangs war es noch etwas Neues, es kamen internationale Organisationen, die haben was getan, man sah den Erfolg, die Fälle wurden weniger. Dann hat sich das Ganze umgekehrt. Im Moment ist die Sache nicht mehr unter Kontrolle.“

Immerhin hat man aus früheren Epidemien gelernt. Dass Fremde in voller Schutzmontur ein Dorf mitten im Regenwald stürmen, den Bewohnern Blut abzapfen, Hütten mit Chlor desinfizieren, Matratzen verbrennen, Schwerkranke abtransportieren und allenfalls in blickdichten Leichensäcken zurückbringen, soll heute nicht mehr vorkommen.

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Wenn ein Verdachtsfall gemeldet wird, rückt ein Team der WHO, von „Ärzte ohne Grenzen“ oder anderen Hilfsorganisationen aus. Der erste Ansprechpartner ist das Oberhaupt des Dorfes, meist ist auch der Naturheiler dabei. Anschließend wird der Kranke befragt. Schutzkleidung ist bei solchen Visiten tabu, also findet auch keine körperliche Untersuchung statt, um Ansteckung zu vermeiden. Dann kann es schwierig werden. Zeigt der Patient Symptome wie Durchfall oder Erbrechen? Gab es im Umkreis schon bestätigte Fälle? Zu welchen Personen hatte er innerhalb der letzten drei Wochen Kontakt? Ist er bereit, sich auf der Isolierstation behandeln zu lassen? Stimmt seine Familie zu? Das alles kann bis zu drei Tagen dauern, inklusive Hin- und Rückfahrt über Straßen, die als solche kaum erkennbar sind.

Manche sterben lieber zu Hause

Zwingen können die Helfer niemanden. „Es gibt Patienten, die kommen mit, weil sie sich auf der Isolierstation eine bessere Behandlung versprechen“, sagt der Mediziner, der ungenannt bleiben möchte. „Aber weil sich herumgesprochen hat, dass die Sterblichkeit zwischen fünfzig und achtzig Prozent liegt, gibt es auch viele Patienten, die sagen, dann will ich lieber bei meiner Familie bleiben und, wenn es sein muss, eben dort sterben.“

Auf der Isolierstation trägt das Personal dann Vollschutz, wenn ein Patient eingeliefert wird. Verdachtsfälle und bestätigte Fälle sind räumlich getrennt untergebracht. Ebola-Patienten zeigen unterschiedlich starke Symptome. Solange sie noch laufen können, dürfen Familienangehörige sie besuchen. Sie sitzen dann auf der einen Seite des Zaunes, im Abstand von zwei Metern. Der Patient selbst trägt keine Schutzkleidung.

Solche Maßnahmen sollen helfen, das Misstrauen abzubauen. Mindestens genauso wichtig ist es, die Bevölkerung medizinisch aufzuklären. Auch dabei sind in der Vergangenheit Fehler gemacht worden. Der britische Medizinethiker Daniel Sokol hat nach einem Ebola-Ausbruch in Gabun im Jahre 2001 eine Umfrage unter Helfern durchgeführt. Viele gaben zu, die Lage nicht richtig eingeschätzt zu haben. „Die Dorfbewohner wurden aufgefordert, sich nicht mehr selbst um ihre Angehörigen zu kümmern, die Toten nicht mehr zu waschen und für die Reise ins Jenseits vorzubereiten. Sie sollten Rituale aufgeben, die normalerweise dafür sorgen, dass das Leben nach der Bestattung weiter geht. Einigen wurde sogar gesagt, sie sollten nicht mehr auf die Jagd gehen. Aber die Leute leben schließlich davon.“

Ignoranz und Vorurteile

So stoßen im Falle von Ebola westliche Ignoranz und afrikanische Vorurteile aufeinander. Der Anthropologe Barry Hewlett von der Washington State University in Vancouver ist einer der wenigen Experten, die untersucht haben, wie weit örtliche Tradition und moderne Seuchenmedizin miteinander vereinbar sind. Bei den Acholi, die im Jahr 2000 im Norden von Uganda von Ebola heimgesucht wurden, fand er verschiedene Erklärungsmuster.

Einerseits wussten die Stammesangehörigen, dass Infektionskrankheiten durch Erreger hervorgerufen und mit Medikamenten bekämpft werden können. Doch weil nichts gegen Ebola half, gingen sie dazu über, einen bösen Geist verantwortlich zu machen. Zu dessen Bekämpfung entwickelten sie eine eigene Vorgehensweise. Der Befallene wurde in einem Haus isoliert, das mindestens hundert Meter von den anderen entfernt war. Er durfte keine Besucher mehr empfangen. Seine Versorgung übernahm jemand, der die Seuche bereits überlebt hatte. Die Bewohner durften ihr Dorf nicht mehr verlassen, keine Feste mehr feiern und keinen Geschlechtsverkehr suchen. Aus infektionsmedizinischer Sicht war es das Beste, was sie überhaupt tun konnten.

Quelle: F.A.S.
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