Ebola-Epidemie

Mit den Kranken, nicht gegen sie

Von Tilman Spreckelsen
22.09.2014
, 18:25
Viel haben die Mediziner nicht in der Hand, um die Seuche einzudämmen. Bereits im August wurde über den Slum West Point in Liberias Hauptstadt Monrovia eine Quarantäne verhängt.
Ebola ist in Westafrika außer Kontrolle geraten. Die Epidemie erinnert an frühere Pestwellen in Europa. Kann man aus der Geschichte der Seuchen lernen?
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Sie gehen von Haus zu Haus. Drei Tage lang, vom vergangenen Freitag bis zu diesem Sonntagabend, sollen 30000 Helfer die Bevölkerung des westafrikanischen Staats Sierra Leone über Ebola informieren und auf Anzeichen der Infektionskrankheit untersuchen. Kranke sollen in spezielle Einrichtungen gebracht, Tote überführt werden, so sieht es der Plan der Regierung vor. Damit er durchgeführt werden kann, wurde für das gesamte Land und seine 5,6 Millionen Einwohner eine dreitägige Ausgangssperre verhängt.

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Schließlich gelte es, einer Epidemie Herr zu werden, der in Westafrika bislang nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO mehr als 2600 Menschen zum Opfer gefallen sind, davon über 550 in Sierra Leone. Die Hälfte der 5300 bekannten Ebola-Infizierten wurde in den vergangenen drei Wochen gezählt, in Liberia stieg die Zahl der Kranken zuletzt exponentiell, so dass diese Woche der UN-Sicherheitsrat vor einer „Gefahr für den Weltfrieden“ warnte, sollte nicht umgehend eine massive „Notfall-Mission“ in den betroffenen Ländern starten.

„Die Pest der 21. Jahrhunderts“?

Wie ernst die Lage ist, zeigt auch der Vergleich mit früheren Epidemien. Ebola-Fälle sind in Afrika seit 1976 registriert worden. Bis zum vergangenen Jahr gab es mehr als 25 Epidemien mit insgesamt etwa 1700 Toten. Doch die Krankheitswelle, die im März dieses Jahres aus Guinea an die WHO gemeldet wurde, zeigte sich als bedeutend aggressiver als frühere. Im April erreichte die Epidemie Liberia, wo sie seither besonders heftig wütet, und Sierra Leone. Im Juli folgte Nigeria, im August brach die Seuche, offenbar unabhängig von dem Verlauf in Westafrika, auch in der Demokratischen Republik Kongo aus. Die medizinische Versorgung der Erkrankten vor Ort ist nach wie vor katastrophal, eine wirksame Therapie gibt es ebenso wenig wie einen Impfstoff. Die Sterblichkeit ist daher hoch, in manchen Regionen endet die Krankheit für 70 Prozent der Erkrankten tödlich.

Unter den ersten Opfern der Epidemie waren zudem viele Ärzte und ihre Mitarbeiter in den Kliniken. In einem Interview mit dem australischen Sender ABC beschrieb der WHO-Mitarbeiter Ian Norton die Lage in Liberia: Das bettelarme Land bilde jährlich etwa 10 Ärzte aus, im Zuge der Epidemie seien aber bereits 20 einheimische Ärzte gestorben sowie eine hohe Zahl von Krankenschwestern. Als Konsequenz aus der Epidemie hat die WHO bereits Anfang August den Notstand ausgerufen. Inzwischen macht sogar die Bezeichnung „Pest des 21. Jahrhunderts“ für Ebola die Runde.

Falls dieser Vergleich zulässig ist – was ließe sich daraus lernen? Von Seuchen berichtet die Menschheit, seit sie berichten kann. Im „Gilgamesch“-Epos (2. Jahrtausend v. Chr.) etwa wird die Pest von den Göttern als Mittel gegen Überbevölkerung auf die Erde geschickt, im Alten Testament trifft die Beulenpest die Feinde Israels – die Ägypter ebenso wie die Philister. Besonders eindrucksvoll sind die literarischen Zeugnisse, wenn es um die Seuche geht, die im späten fünften Jahrhundert vor Christus über Athen hereinbrach, das sich damals im Krieg mit Sparta befand. Um welche Krankheit genau es sich dabei handelte, ist trotz der Beschreibungen des Thukydides und des Lukrez bis heute umstritten – in Frage kommen etwa Pocken, Typhus oder Dengue-Fieber. Sogar als Hinweis auf eine frühe Ebola-Epidemie wurden die beschriebenen Symptome gedeutet.

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Der Gifthauch, der jeden tötet

In der Reaktion der Athener auf die Seuche lässt sich jedenfalls eine umfassende Hilflosigkeit erkennen, beschrieben etwa im letzten Kapitel von Lukrez’ „Über die Natur der Dinge“: „Nirgends Erleichterung von ihrer Qual, ausgelaugt lagen die Körper am Boden. Ratlos verstummten die Ärzte, verschwiegen, was sie fürchteten, wenn die Kranken unablässig die Augen rollten.“ Lukrez schildert „Leichen, zahllos aufeinandergehäuft, unbegraben auf der Erde“. Da wurden „Begräbnisse, an denen kein Trauernder teilnahm, eines hastiger als das andere vollzogen“. Wer vor seinen erkrankten Verwandten floh, wurde für seine „übergroße Lebensgier kurz darauf selbst mit einem jammervoll erbärmlichen Ende bestraft“. Allerdings traf es die anderen genau so: Sie „erlagen der Ansteckung und den Plagen, die sie wegen der Bitten der Todkranken auf sich nahmen“.

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Die Seuche, der große Gleichmacher? Der Glaube an „Miasmen“, an einen „Gifthauch“ in der Luft, der jeden tötet, der ihn einatmet, wich der Erkenntnis, dass man die Krankheit nicht einfach so bekommt, sondern sich an einem anderen, sei es ein Mensch oder ein Tier, infiziert. Aus diesem Grund wurden seit dem späten Mittelalter bei Seuchen Quarantänemaßnahmen angewandt. Personen oder Gegenstände, bei denen unklar war, ob sie als Krankheitsherd in Frage kämen, wurden von den übrigen isoliert oder gleich ganz von der Gemeinschaft ferngehalten – wenn es sein musste, mit Gewalt, und der Protest gegen solche Maßnahmen ist seither ein fester Bestandteil der Literatur über Seuchen.

Ein Schutzwall gegen die Pest

Das Abriegeln von Dörfern, Städten oder ganzer Landstriche war erst einigermaßen effektiv möglich, als in der frühen Neuzeit stehende Heere aufgebaut wurden, schreibt der Historiker Franz Mauelshagen, und der berühmte, in seiner Glanzzeit rund 1850 Kilometer lange Cordon Sanitaire an der Ostgrenze Österreich-Ungarns gegen das Osmanische Reich erwies sich mit seinem Netz von Beobachtungs- und Quarantänestationen nicht nur als nützlich gegenüber militärischen Gefahren, sondern auch gegenüber Epidemien.

Außer der Isolierung der Kranken und ihrer Kontaktpersonen etwa in den sogenannten Pesthäusern hatten die Mediziner während der großen Pestwellen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit keine Möglichkeit, die Seuche einzudämmen. Weil aber die Krankheit oft genug als Strafe Gottes angesehen wurde, verhängt weniger über Individuen als über eine Gemeinschaft, galt die intensivere Religionsausübung als Möglichkeit, das Verhängnis abzuwenden – gerade im katholischen Raum wurden mehr Prozessionen und Gottesdienste abgehalten als üblich, was allerdings der Verbreitung der Krankheit eher zuträglich war.

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Der Glaube, gegen eine Seuche ließe sich medizinisch nichts tun, hielt sich lange. Noch 1851, im Rahmen der ersten „Internationalen Sanitätskonferenz“ in Paris, kam eine Arbeitsgruppe zu dem Schluss, dass es im Fall der damals immer wieder grassierenden Cholera „menschlich unmöglich sei, überhaupt etwas Nützliches und Wirksames gegen eine solche Geißel zu unternehmen, die wie ein Gewitter vom Himmel fällt“ – Lukrez hatte es zweitausend Jahre zuvor kaum anders ausgedrückt.

Kritik an der Ausgangssperre

In der Kenntnis des Ebola-Erregers und seiner Verbreitungswege ist man heute weiter. Was die Therapie angeht, ist allerdings auch hier die Isolierung der Patienten und eine dreiwöchige Überwachung möglichst aller Ansteckungsverdächtigen weiterhin das effektivste Mittel.

Warum aber protestieren dann westliche Mediziner wie Jean-Hervé Bradol, von 2000 bis 2008 Chef der Organisation „Ärzte ohne Grenzen“, gegen die verhängte Ausgangssperre in Sierra Leone und andere großräumige Quarantänemaßnahmen?

Zunächst, weil es mit dem Identifizieren der Kranken nicht getan ist, solange es keinen Ort für sie gibt, an dem sie medizinisch versorgt werden können. Denn es mangelt überall an Krankenhausbetten. Immerhin sind mittlerweile dreitausend amerikanische Soldaten auf dem Weg nach Liberia, darunter zahlreiche Ärzte und Pfleger, und mit ihnen hoffentlich genug Material zum massiven Aufbau von Krankenstationen. Gerade der Zwang zur Quarantäne und die Angst davor können dazu führen, dass Erkrankte und Kontaktpersonen versteckt werden – die Infektionsketten verbreiten sich dann im Verborgenen. Und das Isolieren von potentiell ansteckenden Menschen muss getrennt von Krankheitsverdachtsfällen organisiert werden, weil es sonst zu Infektionen kommen kann. Eine gute Quarantäne, das wissen Seuchenmediziner, ist eine, in der Menschen Hilfe finden und nicht selbst in Gefahr geraten.

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Vertrauen in Riten oder Medizin

Noch gravierender aber ist, dass die Zustimmung der Betroffenen zu den Maßnahmen keineswegs sicher ist. Das Einverständnis aber ist entscheidend für den Erfolg aller Bemühungen, die Seuche einzudämmen. So berichtet Matthias Borchert, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Tropenmedizin und International Health der Charité in Berlin, von einer Reise nach Guinea im vergangenen Mai. Der Forscher wollte dabei herausfinden, „woher der Widerstand der Bevölkerung gegen die Kontrollmaßnahmen der Seuchenbekämpfer stammte“.

Eine Ursache war offenbar eine generelle Skepsis der Einwohner gegenüber staatlichen Autoritäten. Dazu kam, dass die Anforderungen moderner Seuchenprävention mit den lokalen Traditionen kollidierten. „Die Angehörigen wollen ihre Patienten ja versorgen. Dabei stecken sie sich an. Gerade die Leichname Verstorbener sind zudem stark verseucht, trotzdem gibt es traditionelle Totenwaschungen. Erst wenn die Dorfgemeinschaft den Punkt erreicht hat, den Helfern Vertrauen zu schenken, werden Kompromisse bei traditionellen Riten möglich.“

Das ist nicht nur im Interesse der Erkrankten. Wie tragisch ein Konflikt zwischen den Helfern und der Bevölkerung enden kann, zeigte sich nun in Guinea. Wie ein Regierungssprecher am Donnerstagabend mitteilte, seien in einem Dorf im Süden des Landes acht Leichen aus einer Sickergrube geborgen worden. Es handele sich um ein Team, das in Begleitung von Journalisten die Dorfbewohner über Ebola hatte aufklären wollen.

Mitarbeit: Volker Stollorz

Literatur:

Mischa Meier (Hrsg.), „Pest. Die Geschichte eines Menschheitstraumas“. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2005.

Lukrez, „Über die Natur der Dinge“. Übertragen von Klaus Binder. Verlag Galiani Berlin, Berlin 2014.

Klaus Bergdolt, „Die Pest. Geschichte des Schwarzen Todes“. Verlag C. H. Beck, München 2006.

Quelle: F.A.S.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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