Weltweite Epidemie

Ein Blick ins Blut sagt den Tuberkulose-Ausbruch voraus

Von Christina Hucklenbroich
23.03.2016
, 21:18
Erlaubt künftig eine Blutprobe, das Tuberkulose-Risiko einzuschätzen?
Nicht jeder, der sich mit Tuberkulose ansteckt, erkrankt auch daran. Forscher legen jetzt einen Test vor, der den Beginn der Symptome vorhersagen kann – anhand einer typischen „Gen-Signatur“ im Blut.
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Es ist ein mühsamer Weg bis zur Diagnose, den das Robert Koch-Institut in seinem vor wenigen Tagen erschienenen „Epidemiologischen Bulletin“ schildert: Wer an einer Tuberkulose leidet, muss oft langwierige Untersuchungen auf sich nehmen und eine Zeit der Ungewissheit durchleiden, bis die Diagnose wirklich feststeht. Und es sind derzeit Tausende, die sich derzeit bei den Gesundheitsämtern der Röntgenuntersuchung der Lunge unterziehen müssen: Sie ist vorgeschrieben für Asylsuchende ab fünfzehn Jahren, die in eine Gemeinschaftsunterkunft aufgenommen werden soll. Ist der Befund auffällig, wird dann noch an drei aufeinanderfolgendes Tagen das „Morgensputum“ – am Morgen abgehustetes Sekret – mikroskopisch und bakteriologisch untersucht.

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Anlass für die Berichterstattung des Instituts ist der Welttuberkulosetag, der seit zwei Jahrzehnten am 24. März begangen wird, um auf die Infektionskrankheit aufmerksam zu machen, an der jährlich zwischen 1,5 und zwei Millionen Menschen sterben. Auch in Deutschland steigen die Fallzahlen. 4533 Infizierte wurden 2014 registriert, 2015 sogar 5865.

Den Ausbruch vorhersagen

Pünktlich zum Welttuberkulosetag erscheint nun eine Studie im Fachmagazin „Lancet“, die Anlass zur Hoffnung gibt. Ein internationales Wissenschaftlerteam um Daniel Zak vom Center for Infectious Disease Research in Seattle entwickelte einen Tuberkulosetest, der den Ausbruch der oft jahrelang unbemerkten Krankheit voraussagen kann.

Das Ziel der Studie war es, Biomarker im Blut zu finden, mit denen sich das Fortschreiten der Infektion mit dem Erreger Mycobacterium tuberculosis vorhersehen lässt. Ein Drittel der Weltbevölkerung sei mit dem Erreger infiziert, erkranke aber nicht klinisch, schreiben die Studienautoren, zu denen auch Stefan H. E. Kaufmann vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin gehört. Weniger als zehn Prozent der Infizierten treten in die akute Krankheitsphase über, leiden etwa an Husten, Luftnot, Gewichtsverlust. Könnte man die Menschen frühzeitig identifizieren, die bald schwer erkranken werden, würde das eine gezielte Therapie erlauben. Es sei nicht realistisch, in den Ländern, in denen die Krankheit endemisch vorkommt, alle Infizierten ein halbes Jahr lang oder länger mit den Medikamenten zu behandeln, die gegen Tuberkulose wirken, so die Forscher.

Mycobacterium tuberculosis - die Erreger der Tuberkulose
Mycobacterium tuberculosis - die Erreger der Tuberkulose Bild: dapd

Um einen Früherkennungstest zu entwickeln, nahmen die Studienautoren zwei Jahre lang alle sechs Monate Blutproben von mehr als 6000 jungen Probanden zwischen zwölf und achtzehn Jahren aus Südafrika und Gambia, die mit dem Erreger infiziert, aber weiterhin gesund waren. Schon zuvor war bekannt, dass sich im Blut Infizierter bestimmte Charakteristika zeigen, die bei Gesunden nicht vorkommen. Wie genau man diese Charakteristika der Prognose zuordnen kann, war aber unklar. Jetzt fanden die Forscher eine „Gen-Signatur“ im Blut: Sie konnten die Aktivität bestimmter Gene in Immunzellen klar einem erhöhten Risiko für den Ausbruch einer aktiven Tuberkulose in den kommenden zwölf Monaten zuordnen. Die Gene, die sich zu dieser aussagekräftigen „Signatur“ zusammensetzen, stammen aus verschiedenen „weißen Blutzellen“, zum Beispiel aus Monozyten und neutrophilen Granulozyten.

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Potential für präventive Therapie

Die Autoren suchten ihre Signatur auch in Daten einer Studie, für die Erkrankte medikamentös behandelt worden waren. Während der sechs Monate dauernden Therapie verschwand die Signatur nach und nach aus dem Blut der Teilnehmer – ein klarer Beleg dafür, dass ihr Vorkommen mit der aktiven, unbehandelten Tuberkulose korrespondiert. „Die neu entdeckte Signatur hat das Potential für eine sehr gezielte präventive Therapie – und deshalb auch dafür, die globale Epidemie zu unterbrechen“, sind sich die Forscher sicher. Sie hoffen zudem, dass der neue Test eine Stütze für die Forschung sein wird, dass man beispielsweise künftig Patienten besser ihrem Risiko zuordnen und sie so zu Gruppen zusammenfassen und mit gezielten Studiendesigns untersuchen kann.

Vielleicht macht der neue Test es auch den Patienten leichter, mit den Belastungen der schweren Krankheit umzugehen. Tuberkulose sei die „isolierende“ Erkrankung schlechthin, heißt es im Bulletin des Robert Koch-Instituts. Schließlich müssen die Betroffenen Abstand zu anderen halten, während sie noch nicht abschließend behandelt sind. Eine Betroffene berichtet in dem Mitteilungsblatt von ihren Erfahrungen. Sie sei zunächst von der Hausärztin wegen einer „verschleppten Erkältung“ behandelt worden. Erst fünfzehn Monate nach Beginn der Symptome wurde die richtige Diagnose gestellt. Sie sei „in ein Loch gefallen“, so die Patientin, „und konnte nicht klar denken.“ Von August bis Dezember war sie stationär in einer Klinik und empfand ihr Zimmer als „Gefängnis“. Nur die Familie besuchte sie manchmal, Freunde nicht – offenbar war die Angst vor Ansteckung zu groß. Tuberkulose sei noch immer mit einem Stigma behaftet, bilanziert die Betroffene, die nach ihrer Heilung die Patientenorganisation „Take That TB“ gründete (www.takethattb.com/german).

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Quelle: FAZ.NET
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