Liegt die Immunologie falsch?

Eine Außenseiterin mit Ausdauer

Von Emmanuelle Vaniet
12.01.2016
, 16:14
Unter dem Eleektronenmikroskop: Makrophagen (grün) entsorgen tote Körperzellen (rot).
Funktioniert unsere Körperabwehr wirklich so, wie es in den Lehrbüchern steht? Seit Jahrzehnten will Polly Matzinger die Immunologie umkrempeln. Ihre Theorien sind begehrt in Hörsälen.
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Wer meint, theoretische Ansätze würden oft von Köpfen stammen, die weit entfernt von der Realität denken und leben, liegt nicht unbedingt richtig. Die Karriere der Immunologin Polly Matzinger fing in den Siebzigern an. Damals arbeitete sie zunächst als „Bunny“ in einem der berühmten „Playboy Clubs“, wo sie im Häschenkostüm Drinks servierte und mit den Gästen Poolbillard spielte, und ging später als Kellnerin nach Davis, Kalifornien. Eines Abends bediente sie zwei Professoren aus der benachbarten Universität, die sich über Tiermimikry unterhielten. Matzinger fragte, warum kein Tier darauf gekommen sei, ein Stinktier nachzuahmen. Einer der zwei Professoren antwortete baff, sie sollte Biologie studieren und dem Phänomen selbst auf die Spur kommen. Matzinger warf ihre Schürze hin und meldete sich zum Studium an, das sie in Rekordzeit absolvierte.

Polly Matzinger und ihr Hund Annie.
Polly Matzinger und ihr Hund Annie. Bild: Privat

Bald entdeckte sie allerdings, dass sie sich mehr für das menschliche Immunsystem als für die Verhaltensbiologie interessierte, und fing an, ihre Ideen in renommierten Zeitschriften zu publizieren. Seitdem beschäftigen sich zahlreiche Anhänger damit, ihre Theorien anzuwenden - nicht zuletzt in der Krebsmedizin. Bei internationalen Kongressen tritt Matzinger ausnahmslos vor gefüllten Sälen auf - wie auch unlängst beim Symposion zum 100. Todestag Paul Ehrlichs in Frankfurt, wo sie ihren Vortrag damit begann, unter dem Projektor unterschiedliche Autoimmunerkrankungen aufzuschreiben. Deren Ursachen, sagt sie, lägen womöglich ganz woanders, als Wissenschaftler sie bis jetzt gesucht haben.

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Vor zwanzig Jahren entwarf Polly Matzinger das kontroverse Gefahrmodell („Danger Model“). Es besagt, dass die primäre Aufgabe des Immunsystems nicht darin bestünde, Eigenes („self“) vom Fremden („non-self“) zu unterscheiden - das Paradigma, das Frank Macfarlane Burnet und Peter Medawar im Jahr 1960 den Nobelpreis einbrachte und auf welches sich die ganze moderne Immunologie samt Transplantationsmedizin stützt. Vielmehr sei unser Abwehrsystem darauf abgestimmt, auf Gefahr zu reagieren - Gefahr, die sowohl von Eindringlingen als auch vom eigenen Körper stammen kann. Auf die Idee sei sie beim Baden gekommen, so Matzinger, als sie sich Gedanken machte, warum werdende Mütter ihren Fötus - dessen genetisches Material zur Hälfte vom Vater stammt - nicht abstoßen und warum wir keine Immunantwort gegen unsere Darmflora - ein Sammelsurium fremder Bakterien - bilden.

Matzinger sagt: Wir reagieren genauso wenig gegen diese Fremdkörper wie gegen die Nahrung, die wir zu uns nehmen oder die Luft, die wir einatmen, weil diese keine Gefahr darstellen und keinen Schaden anrichten. Denn damit eine Immunantwort in Gang gesetzt wird, so die Immunologin, müsse Gewebe geschädigt werden - zum Beispiel durch Verletzung oder Infektion. Daraufhin müssten Gefahrsignale gesendet werden - eine Voraussetzung, die Ehrlich selbst vor mehr als hundert Jahren schon angedeutet hatte.

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Autoimmunkrankheit eine Infektion?

Bei Autoimmunkrankheiten allerdings entsteht eine Reaktion, die fälschlicherweise den eigenen Körper ins Visier nimmt. Bis jetzt haben Wissenschaftler immer postuliert, dem Immunsystem würde Sicherheitsbarrieren entgleiten, die die „Toleranz“ den eigenen Geweben gegenüber sichern. Dies sei genauso falsch wie das „Self-Non-Self“-Paradigma, sagt Matzinger. In vielen Fällen sei das Immunsystem gar nicht schuld, die Ursachen für den fehlgeleiteten Angriff suche man an der falschen Stelle. Und dann, in Frankfurt, führt sie ihr erstes Beispiel vor.

1975 erschienen in der kleinen Stadt Lyme im amerikanischen Bundesstaat Connecticut ungewöhnlich viele Kinder mit starken Gelenkschmerzen, die die Ärzte zunächst auf „Juvenile Rheumatoide Arthritis“ zurückführten - eine Autoimmunerkrankung, die Gelenke befällt. Jahre danach stellte es sich allerdings heraus, dass die Kinder aus Lyme in Wirklichkeit nicht an rheumatoider Arthritis litten, sondern an einer durch Zecken hervorgerufenen Infektion - der Borreliose. Matzinger fordert ihre Zuhörer heraus: Wie viele Fälle von rheumatoider Arthritis sind in Wirklichkeit eine Infektion, deren Erreger man noch nicht entdeckt hat?

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Primäre Ursache sei auch eine Infektion, wenn das unglückliche Phänomen des „Antigen Mimicry“ ins Spiel kommt. Dieses kennt man beispielsweise von rheumatischem Fieber, bei dem eine Abwehr gegen Streptokokken B sich plötzlich gegen die Herzinnenhaut richtet. Dabei weist das erkannte Merkmal auf dem Pathogen zufällig eine starke Ähnlichkeit mit einem eigenen Molekül auf, und die ursprüngliche Immunreaktion läuft zu den Geweben hinüber, in denen das Molekül vorkommt - zum Herzen oder auch zum Gehirn. Seit fünfzig Jahren untersuchen Forscher auch das Gehirn von Patienten, die an Multipler Sklerose leiden. Vielleicht, so Matzinger, sollte man anfangen, im Darm oder in anderen Organen zu schauen, ob eine Infektion dort das Potential haben könnte, einen Schub im Gehirn auszulösen.

„Schlechter Tod“

Gefahrenpotential bergen Matzinger zufolge auch Defekte im Lebensprozess der Zellen - etwa ein „schlechter Tod“ („bad death“), bei dem sterbende Körperzellen nicht mehr ordentlich entsorgt werden. Im Normalfall erfolgt der Entsorgungsprozess durch spezialisierte Zellen, die Makrophagen, die an den sich zersetzenden Zellen andocken und sie verdauen. Läuft dabei etwas falsch, droht die Zelle zu platzen und Komponenten aus ihrem Inneren in die äußere Zellumgebung zu streuen - potentielle Gefahrensignale für das Immunsystem, das daraufhin aktiviert werden kann. Bei Lupus erythematodes, der Krankheit, bei der Autoantikörper ausgerechnet gegen solche Komponenten des Zellinneren produziert werden, ist schon lange bekannt, dass ein Zusammenhang mit defektem Zelltod besteht. Vor fünfzehn Jahren postulierte Matzinger vor einer Gruppe junger Forscher aus Erlangen, dass solche Defekte an bestimmten Stellen des Körpers besonders folgenschwer sein könnten - zum Beispiel in den sogenannten Keimzentren der Lymphknoten. Denn dort werden bei manchen Infekten wie Influenza Unmengen an Antikörper-produzierenden Plasmazellen erzeugt, von denen nur diejenigen überleben, die die richtigen Antikörper herstellen. Die restlichen sterben ab und werden von den Makrophagen verdaut, die mit speziellen Rezeptoren daran andocken. Was ist, fragte Matzinger damals, wenn Mutationen in diesen Rezeptoren auftreten? Einer der deutschen Studenten nahm sich die Idee zu Herzen und fand heraus, dass fünf Prozent seiner Lupus-Probanden eine Mutation in einem dieser Gene aufwiesen. „Was sagt ihr dazu?“, fragt Matzinger in Frankfurt begeistert. Das sei genau der Grund, warum sie empfehle, immer mit Forschern unter fünfzig zu sprechen. Diese seien empfänglicher für neue Ideen.

Auf ähnlichen Umständen könnte laut der Amerikanerin die Tatsache beruhen, dass Lupus erythematodes viel öfter Frauen als Männer betrifft: Ohne Einnistung einer befruchteten Eizelle während des Menstruationszyklus sei mit der monatlichen Abstoßung und kompletten Erneuerung der Gebärmutterschleimhaut viel Zelltod verbunden - ausreichend Gelegenheit dafür, dass ein defekter Entsorgungsprozess erfolgt. Und sie zitiert das Beispiel einer 80 Jahre alten Patientin, bei der im Alter von vierzehn Jahren Lupus diagnostiziert worden war. Ihr Hausarzt teilte ihr mit, wenn sie es bis zur Menopause schaffen würde, dann würde die Krankheit verschwinden - so geschah es auch. „Wenn eine junge Frau mit Lupus zu mir kommen würde“, sagt Matzinger, „würde ich ihr die Pille verschreiben. Und gucken, was geschieht.“

Gegener in der Medizin

Auf den Einspruch aus dem Publikum, es sei doch keine natürliche Methode, antwortet sie: „Wissen Sie was: Jeden Monat einen Zyklus zu haben ist auch nicht natürlich.“ Bevor es die Pille gab, seien Frauen entweder schwanger gewesen oder hätten gestillt. Matzinger ist eine Außenseiterin mit einem überzeugenden Mundwerk. Ihre Thesen wurden in den renommiertesten Journalen publiziert, haben aber auch für massive Kritik gesorgt - unter anderem in der Tumorimmunologie oder Transplantationsmedizin. Nicht zuletzt werfen ihr Gegner vor, sie habe keine eigenen Daten, um ihre Aussagen zu belegen. Denn die 68-Jährige, die bis 2013 ein Labor am National Institute of Health in Bethesda leitete, ist eine Theoretikerin. Sie stützt ihre Prinzipien auf die Ergebnisse von anderen. Dementsprechend bedankt sich der Chairman beim Paul-Ehrlich-Symposium dann auch nicht wie bei den Vorgängern für die „beeindruckenden Daten“, sondern für eine „stimulierende Rede“. Genau das möchte Matzinger erreichen: Sie möchte Wissenschaftler dazu anregen, Abstand von ihren Daten zu nehmen, um über das große Ganze nachzudenken. „Damit wir“, sagt sie, „endlich anfangen, die richtigen Fragen zu stellen.“

Quelle: F.A.Z.
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