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Entbindung

Verkehrt herum ins Leben

Von Georg Rüschemeyer
 - 13:03

Am Ende wurde die Zeit doch ziemlich knapp: Bei der Untersuchung in der 36. Schwangerschaftswoche saß das Kind von Regina Faller* noch immer aufrecht in ihrem Bauch, sein Kopf drückte spürbar gegen ihre Leber. BEL lautete die Diagnose der Ärzte: Beckenendlage.

In den ersten beiden Trimestern einer Schwangerschaft ist diese auch als Steißlage bekannte Stellung noch ganz normal. Das Kind hat genug Platz, um im Uterus nach Belieben herumzuturnen und liegt mal mit dem Kopf nach oben, mal kopfüber. Doch in den letzten drei Monaten der Schwangerschaft wird es eng. Die meisten Kinder kriegen den richtigen Dreh dann irgendwann hin: Sitzen gegen Ende des siebten Monats noch rund ein Viertel von ihnen in Steißlage, so geht dieser Anteil bis zur Geburt auf rund vier Prozent zurück.

Bei vollem Bewusstsein den Bauch öffnen

Mögliche Gründe für diese häufigste aller Lageanomalien werden in der Literatur viel diskutiert, von einer zu engen Gebärmutter bis zu bewegungsunlustigen Föten. Auch eine genetische Komponente scheint nach einer norwegischen Studie eine Rolle zu spielen: Kamen die Eltern selbst als Steißgeburten auf die Welt, so verdoppelte sich das Risiko einer Beckenendlage auch für deren Kinder. „In den meisten Fällen lässt sich aber keine klare Ursache festmachen, das Kind hat einfach den richtigen Zeitpunkt zur Drehung verpasst“, meint Holger Stepan, Leiter der Geburtsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig.

Für Regina Faller wurde es Zeit, sich gedanklich mit den Alternativen für die Geburt ihres Kindes zu beschäftigen. Keine der beiden zur Auswahl stehenden Optionen behagte der werdenden Mutter besonders: Kaiserschnitt oder vaginale Steißgeburt. „Beides birgt gewisse Risiken, die es auf Basis der individuellen Gegebenheiten abzuwägen gilt“, sagt Klaus Vetter, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Bei einem Kaiserschnitt öffnet der Arzt Bauchdecke, Gebärmutter und Fruchtblase mit einem gut zehn Zentimeter langen Schnitt direkt oberhalb der Schamhaargrenze, durch den das Kind das Licht der Welt erblickt. Meist geschieht dies heute unter Teilnarkose, so dass die Mutter das erste Krähen ihres Nachwuchses bewusst miterleben kann. Wer jedoch mit der Vorstellung, dass bei vollem Bewusstsein der Bauch geöffnet wird, Probleme hat, kann mit den Ärzten auch über eine Vollnarkose reden.

Das dicke Ende kommt im Wortsinne nach

So oder so gehört ein Kaiserschnitt, der im 19. Jahrhundert fast immer mit dem Tod der Mutter endete, heute zu den sichersten und am häufigsten durchgeführten Operationen überhaupt: Jedes dritte Kind kommt in Deutschland mittlerweile per Kaiserschnitt zur Welt, die Sterblichkeit unter Müttern liegt hierzulande nur noch bei etwa 0,004 Prozent, wobei in diese Statistik auch noch riskante Notkaiserschnitte eingehen.

Bei einer spontanen Geburt aus der Beckenendlage liegen die Risiken eher auf Seiten des Kindes. Zunächst rutschen Beine und Rumpf durch den Geburtskanal. Doch das dicke Ende kommt im Wortsinne nach: Bleibt der Kopf stecken, droht eine akute Sauerstoffunterversorgung. Mit den richtigen Handgriffen und der nötigen Erfahrung kann der Arzt aber selbst komplizierte Fälle meistern, etwa wenn ein Arm des Kindes nach oben geschlagen ist. Im schlimmsten Fall hilft allerdings nur noch ein hektisch durchgeführter Not-Kaiserschnitt.

Was ist nun besser, Spontangeburt oder Kaiserschnitt?

Vorausgesetzt, dass es keine eindeutigen Indikationen für die eine oder andere Wahl gibt: Was ist nun besser, Spontangeburt oder Kaiserschnitt? Diese Frage ist immer noch eines der kontroversesten Themen in der Geburtshilfe.

Im Mittelpunkt der Diskussion steht der „Term Breech Trial“ , eine großangelegte Studie kanadischer Epidemiologen, an der von 1997 an drei Jahre lang mehr als 2000 Schwangere aus aller Welt mit einem Fötus in Beckenendlage teilnahmen. Die Frauen wurden nach dem Zufallsprinzip in zwei gleich große Gruppen aufgeteilt. Die einen sollten ihr Kind nach Möglichkeit selbst zur Welt bringen, für die anderen wurde von vornherein ein Kaiserschnitt geplant.

Das Ergebnis schien eindeutig

In Bezug auf das Risiko der Mutter fanden sich keine klaren Vorteile der einen über die andere Methode. Klare Unterschiede gab es dagegen bei den Neugeborenen: Von den 1039 Kindern der Kaiserschnitt-Gruppe starben drei, 14 trugen mehr oder minder schwere Schäden davon. Unter den Kindern der gleich großen, ursprünglich zur Spontangeburt eingeplanten Gruppe lagen diese Zahlen mit 13 toten und 39 geschädigten Kindern deutlich höher.

Das Ergebnis schien so eindeutig, dass die Forscher die Studie schon nach den ersten Zwischenauswertungen, zwei Jahre vor dem geplanten Ende, abbrachen und ihre Ergebnisse im Jahr 2000 per Eilverfahren im Fachblatt The Lancet veröffentlichten.

Die Geburtshelfer waren häufig nicht erfahren genug

Die Studie schlug ein wie eine Bombe. In den Augen vieler Mediziner gab sie der Spontangeburt bei Beckenendlage den Rest. Im Jahr nach der Veröffentlichung änderten sowohl die amerikanische als auch die britische Fachgesellschaft für Geburtshilfe ihre Richtlinien zugunsten des Kaiserschnitts. Unter den Geburtskliniken, die an der Studie teilgenommen hatten, gaben später über 90 Prozent an, komplett auf Kaiserschnitte umgestiegen zu sein. „Selten in der Medizingeschichte hat eine einzelne Studie die medizinische Praxis derart tiefgreifend verändert“, konstatierte 2006 der Gynäkologe Marek Glezerman von der Universität Tel Aviv in einem Fachartikel mit dem Titel „Aufstieg und Fall des Term Breech Trial“.

Zum Fall der Studie hat Glezermans Beitrag entscheidend beigetragen. In seiner Analyse der Originaldaten kommt er zu einem vernichtenden Urteil: Der Großteil aller Todesfälle und Komplikationen lasse sich nicht auf die Entbindungsmethode zurückführen. Die Geburtshelfer seien häufig nicht erfahren genug gewesen, etliche der Kinder hätten nach den Kriterien der Studie ohnehin nie vaginal, sondern nur durch Kaiserschnitt entbunden werden dürfen, etwa, weil sie zu groß oder Zwillingspaare waren. Zudem seien Daten aus Industrienationen und Entwicklungsländern mit unterschiedlichen medizinischen Standards in einen Topf geworfen worden.

Methodisch grottenschlecht

Die Meinungen sind seitdem gespalten. Während Ärzte in den Vereinigten Staaten oder den Niederlanden weiterhin mit Vorliebe zum Skalpell greifen, zeichnet sich in Deutschland eine Trendwende ab. „Der methodisch grottenschlechte Term Breech Trial hat in der Geburtshilfe enormen Schaden angerichtet“, meint Holger Stepan. Die natürliche Geburt eines Kindes in Beckenendlage sei mindestens ebenso sicher wie der Kaiserschnitt, vorausgesetzt, bei Mutter und Kind lägen keine speziellen Risikofaktoren vor.

Als Klinik mit den bundesweit meisten Steißlagengeburten habe man auch in Frankfurt sehr gute Erfahrungen gemacht, bestätigt Frank Louwen, Leiter der Geburtshilfe an der Universitätsklinik. Sein Kollege Klaus Vetter vom Klinikum Neukölln verweist auf die deutschen Leitlinien, die die „Verteufelung“ der Steißgeburt ausdrücklich ablehnten.

„Äußere Wendung“

Trotzdem wird sich so schnell nichts daran ändern, dass heute neun von zehn Steißlagen in Deutschland per Kaiserschnitt zur Welt kommen. Denn für eine sichere natürliche Geburt braucht es vor allem Geburtshelfer mit Erfahrung in den speziellen Entbindungstechniken. Die jedoch gibt es inzwischen an vielen Kliniken nicht mehr. „Manche älteren Chefärzte beherrschen das noch aus früheren Zeiten, und einige besonders engagierte Jungärzte lernen es jetzt wieder. Aber auf Dauer werden sich wohl einige größere Zentren herauskristallisieren müssen, die die natürliche Steißlagengeburt anbieten“, sagt Stepan.

Vor der endgültigen Entscheidung zwischen Steißlagengeburt und Kaiserschnitt wartet in der Endphase einer Schwangerschaft noch eine letzte Chance. „Äußere Wendung“ nennt sich das ab der 36. Woche anwendbare Verfahren, bei dem ein Arzt das Kind aus dem Becken der Mutter nach oben drückt und ein zweiter versucht, es mit sanftem Druck zu einem Purzelbaum zu bewegen. Je nach Übung der Ärzte gelingt das in 40 bis 60 Prozent der Fälle. Wenn sich das Kind in der verbleibenden Zeit nicht wieder zurückdreht, steht einer normalen Geburt aus der Kopflage heraus nichts im Wege. „Der äußeren Wendung haftet aber gerade unter Ärzten der unbegründete Ruf an, schmerzhaft und gefährlich zu sein“, sagt Markus Schmidt, Geburtshilfemediziner an der Universitätsklinik in Essen. Dabei seien Komplikationen ausgesprochen selten und beherrschbar, solange die Wendung unter OP-Bereitschaft für einen Not-Kaiserschnitt versucht werde.

„Moxa“-Zigarren am kleinen Zeh

Bleiben noch die alternativen Methoden. Da sich das Kind gelegentlich auch ohne Zutun noch kurz vor Geburtstermin auf den Kopf stellt, ist die Kindsdrehung ein beliebtes Betätigungsfeld für Heiler. Wenn es klappt, waren es eben die homöopathischen Kügelchen, die gezielten Gespräche mit dem Kind oder die Klangkugeln, die das „von Natur aus neugierige Baby“ nach unten locken sollen.

Rationaler begründet scheinen da schon Yoga-Übungen, die das Kind aus dem Becken herausdrücken und so die Chance auf eine spontane Drehung erhöhen sollen. Und auch die Akupunktur in Form wärmender „Moxa“-Zigarren am kleinen Zeh hat in klinischen Studien nicht gänzlich versagt.

Übelkeit durch die Teilanästhesie

Im Fall von Regina Faller hätte herunterfallende Moxa-Asche allerdings fast einen kleinen Krankenhausbrand verursacht; das Kind blieb davon ebenso unbeeindruckt wie vom ärztlichen Wendungsversuch in der 37. Schwangerschaftswoche. Am Ende folgte die werdende Mutter dann doch der vielleicht nicht mehr ganz zeitgemäßen Empfehlung ihres Arztes und brachte ihre gesunde Tochter per Kaiserschnitt auf die Welt - ohne echte Komplikationen, aber doch mit intraoperativer Übelkeit durch die Teilanästhesie.

Nach der Operation musste sich Regina Faller mehrere Monate lang regenerieren: „Eine Erfahrung, nach der ich über die Wunschkaiserschnitte von Hollywoodstars nur noch den Kopf schütteln kann.“

*Name geändert

Quelle: F.A.S.
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