Ernährung

Die Last der prallen Leiber

Von Joachim Müller-Jung
23.03.2005
, 03:59
„Frittenfalle”: Europäer specken mächtig auf
Um 400.000 Schulkinder wächst Jahr für Jahr die Zahl der übergewichtigen Kinder - nicht etwa in der Burger- und Frittennation jenseits des Atlantiks, sondern im aufgeklärten Europa. Die Zeiten sind vorbei, in denen wir spöttisch mit den Fingern auf die taillenlosen Amerikaner deuten konnten.
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Manche Lawinen überrollen einen plötzlich. Andere, und um solche geht es in der Demographie wie im Gesundheitswesen einer Gesellschaft gleichermaßen oft, kündigen sich Generationen vorher an. Ein Vorteil, sollte man meinen. Doch ganz offensichtlich wird er nicht genutzt. Um 400.000 Schulkinder wächst Jahr für Jahr die Zahl der übergewichtigen Kinder - nicht etwa in der Burger- und Frittennation jenseits des Atlantiks, sondern im aufgeklärten Europa.

Die Zeiten sind vorbei, in denen wir spöttisch mit den Fingern auf die taillenlosen Amerikaner deuten konnten, so klang das Lamento des Gesundheitskommissars der Europäischen Union, Markos Kyprianou, als er vor wenigen Tagen ein "Europäisches Aktionsbündnis gegen Fettleibigkeit" ankündigte. Mindestens sieben Länder, angeführt von Griechenland und Deutschland, stellten, was den Anteil der übergewichtigen und fettleibigen Erwachsenen an der Gesamtbevölkerung angeht, die Vereinigten Staaten inzwischen in den Schatten.

Dreiundzwanzig Prozent der Deutschen weisen einen Körpermassenindex (BMI) von über 30 auf, gelten also als fettsüchtig. Mehr als die Hälfte sind mindestens übergewichtig. Nur was die Häufung von dicken Kindern angeht, vermag der von Kyprianou ins Feld geführte Bericht der "Internationalen Taskforce für Adipositas" der deutschen Seele fast schon zu schmeicheln: Mit unter zwanzig Prozent liegen wir im unteren Viertel. An der Spitze finden sich die Mittelmeerinseln Malta, Sizilien, Gibraltar und Kreta wieder, wo ebenso wie in Spanien, Portugal und Italien der Anteil der übergewichtigen bis fetten Grundschulkinder mittlerweile deutlich über dreißig Prozent liegt. Tendenz: rapide steigend.

Hartnäckiger Speck

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Was vor mehr als einer Generation seinen Anfang genommen und nun in den Wehklagen des Gesundheitskommissars über die "europäische Adipositas-Epidemie" seine rhetorischen Spitzen bekommen hat, wird in seiner ganzen gesellschaftlichen Konsequenz bis heute von den wenigsten erfaßt. Ganz nach dem mütterlichen Motto, wonach sich der Speck beim Pummelchen später wieder "herauswächst", wird der medizinische und ökonomische Ballast, den man sich damit auflädt, standhaft weitergeschleppt. Zwischen zwei und acht Prozent machen die Kosten der Fettleibigkeit in den europäischen Gesellschaften schon heute aus. Doch auch damit bleibt das Ausmaß der medizinischen Krise allzu abstrakt. Viel anschaulicher zeigt eine vor wenigen Tagen in der Zeitschrift "New England Journal of Medicine" (Bd.352, S.1138) des amerikanischen Alternsforschers Jay Olshansky veröffentlichte Studie, warum es angesichts der besonders bei der jungen Generation grassierenden Fettsucht einem Euphemismus gleichkommt, wenn man wie in der Politik häufig von einer großen Zukunft der "Gesundheitsindustrie" spricht.

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Oder was sagt eine Statistik über den Zustand einer Gesellschaft, wenn - wie die amerikanische Fachgesellschaft der Plastischen Chirurgie vor wenigen Tagen bekanntgab - die Zahl der chirurgischen Entfernungen von Bauch- und Schenkellappen nach massiven Diäten "explodiert" ist: Sie liegt in Amerika mit mehr als hundertsechstausend im vergangenen Jahr bald doppelt so hoch wie noch im Jahre 2000. In Wahrheit ist mit dem sukzessiven körperlichen Kahlschlag eine gefährliche Industrialisierung des Krankenwesens in Gang gesetzt worden, deren zersetzende Wirkung mit den von Olshansky vorgelegten Berechnungen klar vor Augen geführt wird. Der Epidemiologe der University of Illinois in Chikago hat die Auswirkungen der Fettleibigkeit in Amerika auf die demographische Entwicklung seines Landes kalkuliert - und damit nicht nur seinen Landsleuten womöglich eine Illusion genommen, die zuletzt von einer Reihe von Fachleuten aufrechterhalten wurde: die Illusion nämlich, daß die Lebenserwartung der Menschen weiter so ungebrochen und nahezu linear weiterwächst wie in den vergangenen Jahrzehnten.

Die Weltgesundheitsorganisation etwa, die sich dieser Erwartungshaltung zuletzt - wenn auch etwas weniger optimistisch im Ergebnis - bereitwillig angeschlossen hat, rechnet damit, daß die Lebenserwartung neugeborener Amerikaner im Jahr 2300 die Schwelle von hundert Jahren überschreiten wird. Viele Experten orientieren sich an Ländern wie Schweden oder Japan, wo die Lebenserwartung seit 1850 im Schnitt um gut drei Monate pro Jahr angestiegen ist.

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Verlorene Monate

Mit solchen Rekordmarken hat es nach Überzeugung Olshanskys bald ein Ende. Schon heute, so haben seine Analysen ergeben, würden die lebensverkürzenden Folgen der Fettsuchtepidemie - Zuckerkrankheit, Arterienverkalkung, Herzinfarkte und Tumoren etwa - die Lebenserwartung statistisch um vier bis neun Monate verkürzen. Nicht viel? Tatsächlich ist der demographische Effekt der Fettleibigkeit damit schon heute größer als der sämtlicher Unfalltoter, Suizide und Morde zusammen. Und noch in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts könnte es dazu kommen, daß durch das lange Leiden und den frühen Tod von immer mehr Schwergewichtigen die statistische Lebenserwartung stagniert.

Entscheidend ist die schon heute eingetretene und allem Anschein nach weiter zunehmende Zahl von dicken Kindern. Der Zugewinn etwa durch medizinische Fortschritte werde mehr als aufgezehrt und die eigentlich zu erwartende Steigerung der Lebenserwartung in den kommenden Jahrzehnten um zwei bis fünf Jahre verkürzt. Pure Statistik, mehr nicht? Daß dem nicht so ist, sondern ganz konkrete Schicksale zugrunde liegen, läßt sich erkennen, wenn man, wie unlängst Forscher der Harvard Medical School, die Lebensgeschichte solcher Kinder und Jugendlicher verfolgt. Bei der Untersuchung von dreihundert Schulkindern über einen Zeitraum von acht bis zwölf Jahren haben die Mediziner gezeigt, daß sogar schon leicht übergewichtige Schulkinder - "Pummelchen" also - auch im Erwachsenenalter deutlich stärker zu Fettleibigkeit neigen. Die Eskalation beginnt mit dem Verharmlosen.

Wie aber steht es um Olshanskys Rechenexempel - Übertreibungen womöglich? Im Gegenteil, behauptet der Alternsforscher: Seine Berechnungen seien keine "Worst-Case-Szenarien", sondern "realistische, eigentlich sogar konservative Kalkulationen". Denn zu der Fettsucht kämen unwägbare Risiken für die Populationen wie die eher steigenden Gefahren von Seuchen wie Aids oder Vogelgrippe. Die Hoffnung jedenfalls, die Medizin könne die gravierendsten körperlichen Schäden durch Fettleibigkeit künftig beseitigen, sei eher hochgegriffen: "Leider ist die Häufigkeit vieler Krebsarten und Todesfälle durch Herzleiden in den zurückliegenden Jahren hierzulande nur marginal gesunken. Und selbst die völlige Eliminierung einer dieser häufigsten Todesursachen könnte die negativen Effekte der Fettsucht nicht konterkarieren."

Quelle: Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 23.03.2005
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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