Erstes mobiles Testlabor

Ein Truck im Wettlauf mit den Erregern

Von Peter Hummel
15.11.2011
, 17:00
„Mobile Lab“, das deutsche Sicherheitslabor für Südafrikas Provinzen.
Ein hochsensibles Testlabor auf Rädern - damit können in Afrikas Provinzen erstmals Aids und andere Infektionen in Stunden statt in Tagen ermittelt werden.
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Caledon, im November

Wo die schweren Wolken auf den afrikanischen Boden treffen, wo der Nebel über die karge Grasnarbe an den Hügeln streift, am Rande der Stadt, klappern die Wellbleche und kläffen die Hunde. Mary-Ann und Angeline wohnen dort und fragen sich an diesem Vormittag immer und immer wieder, ob sie wirklich zum großen Platz gehen sollen, um sich testen zu lassen. Sie sind 19 und 21 Jahre alt, beide alleinstehend. An diesem Tag wird vom staatlichen Laborservice nicht nur ein HIV-Test angeboten, sondern auch einer für Tuberkulose. Niemand würde erfahren, was sie dort in dem weißen Zelt untersuchen ließen, ob Spucke oder Blut oder beides. "Gehen wir hin?", fragt Mary-Ann. "Wir gehen", antwortet ihre ältere Schwester.

Draußen auf der Straße huschen die verlausten Straßenhunde zur Seite, ein großer, weißer Lastwagen fährt hoch zum Platz. Uwe Schön weist den Fahrer ein und kann es noch gar nicht fassen. "Endlich sind wir am Ziel", sagt er, "endlich dürfen wir erleben, wie unser Baby eingesetzt wird." Wobei das Baby fünfzehn Meter lang, zweieinhalb Meter breit und vier Meter hoch ist - das erste mobile Sicherheitslabor der Welt. Uwe Schön ist Physiker am Fraunhofer-Institut für Biomedizinische Technik in Sulzbach im Saarland und hat die vergangenen fünf Jahre als Leitender Ingenieur an diesem Truck gearbeitet. Die vierzigjährige Suzette Pfeiffer eilt herbei. "Könnt ihr mit diesem Ding das Blut sofort untersuchen?", fragt sie. Uwe Schön nickt. "Das ist gut", freut sich die Frau und erklärt, dass sie in einem Altenheim arbeite und dass die Proben auf dem Weg ins 160 Kilometer entfernte Kapstadt regelmäßig verlorengegangen seien.

Der deutsche Virologe Wolfgang Preiser erläutert gemeinsam mit Ann Campell (rechts) vom südafrikanischen National Health Laboratory Service den Ablauf der Aidsdiagnostik. Die beiden Schwestern Mary-Ann und Angeline sind zu dem mobilen Testlabor aus Deutschland gekommen, um sich auf eine HIV-Infektion testen zu lassen.
Der deutsche Virologe Wolfgang Preiser erläutert gemeinsam mit Ann Campell (rechts) vom südafrikanischen National Health Laboratory Service den Ablauf der Aidsdiagnostik. Die beiden Schwestern Mary-Ann und Angeline sind zu dem mobilen Testlabor aus Deutschland gekommen, um sich auf eine HIV-Infektion testen zu lassen. Bild: Bernd Müller

Tatsächlich schließt die Idee eines mobilen Labors die entscheidende Lücke bei der Versorgung von Patienten auf einem Kontinent wie Afrika, wo die Wege meist lang und beschwerlich sind, wo die Armut so groß ist, dass es sich die Menschen schlicht nicht leisten können, zwei Tage für einen HIV-Test zu verlieren. "Das ist das Problem", erklärt Hagen von Briesen, einer der renommiertesten Zellbiologen weltweit und der wissenschaftliche Leiter des Projektes Mobile Lab. "Die Menschen verlieren wertvolle Zeit, in der die Therapie bereits beginnen könnte. Eine steigende Viruslast bedeutet akuten Handlungsbedarf." Deshalb entstand 2007, weit entfernt von Afrika, im Saarland, die Idee eines mobilen Labors, das diese Prozedur vor Ort auf wenige Stunden verkürzt. Wissenschaftler der University of Los Angeles hatten zuvor publiziert, dass die größte Hürde für die Menschen in ländlichen Gegenden Afrikas die mangelnde medizintechnische Infrastruktur ist. Bislang scheiterten allerdings zahlreiche Versuche weltweit, ein mobiles Labor zu konstruieren, immer daran, dass die hochsensible Technik nicht erschüttert werden durfte und sich die Geräte unter verschiedenen klimatischen Verhältnissen nicht kalibrieren ließen. Selbst die amerikanischen Militärs bissen sich daran die Zähne aus. "Wir haben viel Erfindergeist investiert", sagt Uwe Schön, "und haben erstmals bewiesen, dass ein Sicherheitslabor tatsächlich zu den Menschen fahren kann."

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Die Schwestern Mary-Ann und Angeline betreten das Untersuchungszelt in Caledon. "Lieber Gott hilf, dass wir nichts haben", sagt die Jüngere mit zitternder Stimme. Im Inneren des Labortrucks laufen die Vorbereitungen für die Untersuchung der ersten Proben. Sim, der Laborant, stellt eine Internetverbindung her, sein Kollege Byron betritt durch die Schleuse den hinteren Bereich, das Herzstück, jene Einheit, in der die Technik steht. Die Luft, die hier verbraucht wird, gelangt durch Filter hinein und heraus, um Mitarbeiter, Patienten und Umwelt zu schützen. "Wir haben hier so perfekte Bedingungen wie in einer Klinik", schwärmt Byron.

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Jeweils ein Tropfen Blut aus dem Zeigefinger von Mary-Ann und Angeline werden auf den Schnelltest-Streifen gegeben, danach heißt es warten. "Wie lange?" Janine Ross nimmt die beiden zur Seite. "Nicht lange", sagt sie. Die Fünfundzwanzigjährige betreut mehrere hundert Aids-Patienten in dieser Gegend jenseits der Berge. "Am meisten frustriert mich, dass HIV bis heute in vielen Teilen der Bevölkerung Südafrikas ein Tabuthema ist", erklärt die Sozialarbeiterin. Eine ihrer Klientinnen ist die vierundzwanzigjährige Edwina, seit sieben Jahren HIV-positiv. "Mein Freund weiß Bescheid, der ist auch positiv, meine Mutter hat keine Ahnung", erklärt sie. Sechs Tabletten schluckt sie jeden Morgen, sechs jeden Abend. "Ich kann ganz gut damit leben. Das zwischenmenschliche Leben macht wieder Spaß." Sie zwinkert.

Der Moment der Wahrheit: Ein Ausdruck des Testergebnisses, das im "Mobile Lab" ermittelt wurde.
Der Moment der Wahrheit: Ein Ausdruck des Testergebnisses, das im "Mobile Lab" ermittelt wurde. Bild: Bernd Müller

Fast zwanzig Prozent der Bevölkerung Südafrikas sind mit dem HI-Virus infiziert, einer der höchsten Werte der Welt. 1990 war noch ein Prozent der Schwangeren erkrankt, heute sind es dreißig Prozent. Eine medizinische und soziale Katastrophe. Aber auch die Geschichte eines Wunders. Vor dreißig Jahren beschrieben die Ärzte Michael Gottlieb und Wayne Sandera zum ersten Mal in einer Ausgabe des "Morbidity and Mortality" die ersten Aids-Fälle. 25 Millionen Menschen starben seither an der Krankheit, bis schließlich die ersten Medikamente auf den Markt gekommen sind, die das Immunsystem stärken. "Es muss heute eigentlich niemand mehr an Aids sterben, die Arzneimittel wirken", sagt der Frankfurter Virologe Wolfgang Preiser, Leiter der Virologischen Abteilung am Tygerberg-Hospital in Kapstadt. Ihm geht es auch darum, einen Impfstoff zu finden. Und genau hier könne das mobile Labor lebensrettende Dienste leisten.

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An Bord befindet sich nämlich eine sogenannte Kryobank: eine technische Anlage, mit der sich Blutproben von HIV-Infizierten noch vor Ort erfassen, digitalisieren und bei 195 Grad unter null optimal lagern lassen. "Eine Sensation für alle Impfstoff-Forscher auf der Welt", so Preiser, "die auf der Suche nach frischen, qualitativ hochwertigen Proben sind." Finanziert wurde die Entwicklung dieser Technik am Fraunhofer-Institut in Sulzbach zu einem großen Teil durch die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung. "Mit einer mobilen Kryobank haben wir die Chance", so der Zellbiologe von Briesen, "der Aidsforschung einen entscheidenden Schub nach vorne zu geben." Mary-Ann und Angeline haben eine Sputumprobe abgegeben, die Byron im mobilen Labor untersucht. Ein Tuberkulose-Test. Tuberkulose ist nicht nur ansteckend, was die biologische Sicherheitsstufe 3 nach der Biostoffverordnung im Labor erfordert, sondern in dieser Gegend Südafrikas ein mindestens so großes Problem wie Aids. "Während man HIV inzwischen behandeln kann", so von Briesen, "sieht das bei Tuberkulose in Kombination mit einer HIV-Infektion schwieriger aus. Hier ist der Faktor Zeit bei der Früherkennung besonders wichtig, und hier wird man die positiven Auswirkungen des mobilen Labors deutlich sehen."

Zwei Stunden später werden die jungen Frauen zu Janine Ross gebeten, der Sozialarbeiterin. "Ich habe euer Ergebnis", sagt sie. "Und?" Mary-Ann und Angeline drücken sich aufgeregt aneinander. Janine schaut den beiden tief in die Augen. "Keine offene TBC, keine HIV-Infektion. Passt auf euch auf!" Dass die zermürbende Warte- und Leidenszeit durch das mobile Labor nun verkürzt werde, sei wundervoll. Deshalb möchte Ingenieur Uwe Schön auch noch mehrere davon bauen: "Wir wissen nun, dass das Konzept funktioniert." Das Labor der Zukunft, ein Forschungsgebiet der Fraunhofer-Gesellschaft, das in dieser Woche auf der Medizin-Messe "Medica" in Düsseldorf präsentiert wird, sei beweglich und automatisiert, vertrauensbildend und näher an den Patienten als je zuvor. Das bestätigt auch Theuns Botha, der Gesundheitsminister der Region Western Cape: "Dieser Truck ist ein großer Schritt für Afrika."

Am Abend dieses Tages parkt Uwe Schön das Fahrzeug im Hof des örtlichen Krankenhauses, und es dauert nicht lange, bis die ersten Paviane aus den Wäldern kommen. "Kann man das Labor von innen abschließen?", will Byron wissen. Uwe Schön verneint. "Das muss verbessert werden", erklärt der Südafrikaner. "Paviane sind kräftig, sie können Türen öffnen - und sie klopfen vorher nicht an."

Quelle: F.A.Z.
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