Gefahr durch Tattoos?

Der Krieg der Farben

Von Johanna Kuroczik
Aktualisiert am 12.02.2020
 - 22:29
Bei Tätowierungen wie diesem Krieger ist Feinstarbeit nötig: Die Farben sollen in der Lederhaut landen, die ist nur rund einen halben Millimeter dick.zur Bildergalerie
Tätowierer schlagen Alarm: In Europa sollen bestimmte Pigmente aus den Tätowierfarben verschwinden. Aber so ein Verbot könnte mehr schaden als nutzen.

Der Tätowierer Jörn Elsenbruch ist angetreten, um die Farben zu retten. Wenn er erklärt, warum er eine Petition gegen die Europäische Chemikalienagentur gestartet hat, spricht er von malerischen Sonnenuntergängen. Von einer goldgelben Sonne, die mit rotem Glühen im Meer versinkt – allerdings könnte bald das Meer fehlen, zumindest im Tattoo. Die Chemikalienagentur hat vergangene Woche darüber beraten, neben rund 4000 weiteren Stoffen die Farbpigmente Blue 15 und Green 7 für Tätowierfarben zu verbieten. Weil diese Pigmente nicht nur in Blau- und Grüntönen enthalten sind, würde die Palette der europäischen Tätowierer dann auf Schwarz, Rot und Gelb zusammenschrumpfen. „Das betrifft mehr als sechzig Prozent unserer Farben“, sagt Elsenbruch.

Die Chemikalienagentur möchte mit ihrem Vorstoß Tattoo-Farben sicherer machen. Dass dies dringend nötig ist, bezweifelt wohl niemand: Tätowiermittel werden bisher kaum reguliert, weder werden sie an Menschen getestet noch durchlaufen sie ein Zulassungsverfahren. Vor mehr als zehn Jahren wurde in Deutschland zwar die Tätowiermittel-Verordnung aufgesetzt, darin werden neben den krebserregenden Azofarbstoffen rund vierzig weitere Ingredienzien aufgelistet, die in Tattoo-Farben nichts zu suchen haben. Die Kontrolle übernehmen die Veterinärämter, man sammelt Proben in Studios oder bei den Herstellern. In Hessen hat das Landeslabor nach eigenen Angaben in den vergangenen fünf Jahren weniger als fünfzig Proben analysiert; beanstandet wurden meist nur die Kennzeichnungen der Flaschen. Eine zentrale europäische Regelung würde die Testverfahren übersichtlicher machen, erklärt ein Sprecher. Doch Experten warnen, ein Verbot, wie es die Chemikalienagentur plant, könnte Tattoo-Fans mehr schaden als nützen.

Vom Tattoo-Studio ins Krankenhaus

In Deutschland sind nach einer Erhebung des Bundesinstituts für Risikobewertung zwölf von hundert Erwachsenen tätowiert, bei jungen Menschen unter 23 Jahren trägt jeder Vierte ein Tattoo. Beim Tätowieren sticht die vibrierende Nadel mehr als hundert Mal pro Sekunde zu und injiziert dabei in jeden Quadratzentimeter Haut rund 2,5 Milligramm Farbe. Es entstehen offene Wunden, und die häufigsten Probleme treten in der Nähe der Einstichstellen auf: Das Tattoo kann sich beispielsweise durch verunreinigte Nadeln oder Keime in der Farbflüssigkeit infizieren, was starke Entzündungen verursachen kann. Einige Tätowierte reagieren allergisch auf den neuen Körperschmuck, besonders auf rote Farben; in seltenen Fällen kann das zu einer starken anaphylaktischen Reaktion führen, die im Krankenhaus behandelt werden muss.

Üblicherweise werden die Farben in die sogenannte Lederhaut, die Dermis, injiziert. Darüber liegt die äußerste Hautschicht, die sich ständig erneuernde Epidermis, ein Tattoo würde da schnell verblassen. In den tieferen Hautschichten kommen Farben zwangsläufig in Kontakt mit Blut- und Lymphgefäßen und werden in die Lymphknoten transportiert, könnten also theoretisch jedes Organ erreichen. So wird immer wieder diskutiert, ob Tattoos Krebs auslösen, denn manche Farbstoffe enthalten Substanzen, die als krebserregend gelten.

„Es gibt bisher keine Hinweise, dass Tätowierungen Krebs verursachen“, sagt Medizinphysiker Wolfgang Bäumler von der dermatologischen Klinik an der Universität Regensburg. Seit mehr als zwanzig Jahren geht Bäumler der Frage nach, was Tattoo-Farben im Körper anrichten. Ende der neunziger Jahre ist er auf eigene Faust durch Tattoo-Studios gezogen, hat die Farben chemisch analysiert und hat durch die Obduktion von Leichen festgestellt, dass sich auch die nahe der Tätowierung liegenden Lymphknoten verfärben. Gerne würde Bäumler die gesundheitlichen Auswirkungen in validen Studien untersuchen, beispielsweise in Tierversuchen, doch das ist nicht gestattet: Tattoos sind keine Arzneimittel, sie sind nicht zur Heilung bestimmt. Zu den Medizinprodukten zählen sie auch nicht. Das macht die Erforschung fast unmöglich, so überrascht Bäumlers Resümee nicht: „Im Grunde wissen wir nichts über die langfristigen Auswirkungen auf die Gesundheit.“ Ein Verbot von Blue 15 und Green 7 hält er dennoch für sinnlos: „Statt einzelne Pigmente rauszupicken, sollten die Farben als Ganzes untersucht werden.“ Schließlich bestehen diese oft aus mehr als hundert Inhaltsstoffen, enthalten neben den Farbpigmenten unter anderem auch Konservierungsstoffe, Antischaum- und Lösungsmittel.

Tattoofarben zum Selbermachen

In seiner Studentenzeit hat sich der Chemieingenieur Michael Dirks die Farben für seine Tattoos im Labor zusammengemischt. Getestet hat er sie an sich selbst, davon zeugen viele bunte Quadrate auf seinem Oberschenkel. Später hat er sie unter den Marken „Bullets tattoo ink“ und „Hautcutür“ vertrieben. Wer Tätowierfarben herstellt, mischt Rohstoffe aus der Industrie zusammen, verwendet etwa Pigmente, die für Druckerpatronen gedacht sind. Die Europäische Chemikalienagentur sieht die Verantwortung bei den Herstellern – sie sollen die Sicherheit ihrer Pigmente garantieren. Dafür würden allerdings aufwendige Studien benötigt. Die Farbmittelindustrie dürfte daran kein besonderes Interesse haben, Aufwand und Risiko sind zu groß im Vergleich zum geringen Gewinn, den Tattoo-Farben durch ihre vergleichsweise kleinen Mengen abwerfen.

Dirks ärgert, warum nun ausgerechnet Pigment Blue 15, oder Kupferphtalocyanin, wie die Verbindung heißt, verboten werden soll. In der Kosmetikindustrie ist es gemäß eines Reports im Auftrag der Europäischen Kommission von 2016 weiterhin gestattet, allerdings in Haarfärbemitteln verboten. Offenbar lassen sich die Pigmente nur schwer von der Kopfhaut abwaschen. Und deshalb kann es auch für Tattoos nicht geeignet sein? Chemisch betrachtet sei das Unsinn, sagt Dirks und stellt klar: „Beim Tätowieren können wir nur mit stabilen Pigmenten arbeiten.“ Kupferphtalocyanin sei so eines, und damit werde auch Nähmaterial für Augenoperationen oder Zahnpasta gefärbt.

Während es mehrere rote Pigmente gibt, existieren zu Blue 15 keine sicheren Alternativen. Wenn europäische Tätowierer das nicht mehr verwenden dürfen, würden sich die Tattoo-Fans dann mit roten Herzen und gelben Blümchen begnügen? Schwer vorstellbar. Wahrscheinlicher ist, dass manche sich die Farben illegal aus dem Ausland beschaffen. Womöglich lassen sich Fans ihre Tattoos dann im eigenen Wohnzimmer stechen statt im Studio – oder irgendwo im Urlaub, unter schlechten hygienischen Bedingungen.

Ein großes Risiko, das offenbar nicht nur Mediziner und Tätowierer fürchten: Elsenbruchs Online-Petition haben bis zum Redaktionsschluss am 8. Februar bereits mehr als 135.000 Menschen unterstützt. Sie läuft noch bis 15. Februar, hat ihr Ziel aber schon jetzt erreicht. „Es hat weniger als 24 Stunden gedauert, die geforderten Unterschriften zu sammeln, die notwendig sind, um das Thema vor den Bundestag zu bringen“, sagt Elsenbruch. Auch er unterstützt eine strenge Regulation der Farben. Darin scheinen sich in Europa alle einig. Welchen Weg die Europäische Chemikalienagentur wählt, wird sich im April zeigen, wenn sie den Entwurf vor Vertretern aller EU-Staaten präsentiert.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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