Gretas Botschaft für Amerika

Für die Wissenschaft ein Frühling

EIN KOMMENTAR Von Joachim Müller-Jung
Aktualisiert am 11.11.2020
 - 11:19
Die Nordseite des Weißen Hauses – kurz vor einem wissenschafts- und umweltpolitischen Neubeginn?
In den ersten Plänen von Joe Bidens Übergangsteam wird erkennbar, welche Erleichterung die Abwahl Trumps für das aufgeklärte Amerika bedeutet. Pate dafür stand ein berühmtes Mädchen aus Schweden.

Nicht dass Greta Thunberg jemals das Bedürfnis geäußert hätte, ihren Fuß ins Weiße Haus setzen zu wollen. Andeutungsweise ist sie dort aber schon angekommen: „Listen to science.“ Dieser bemerkenswerte Satz, „hört auf die Wissenschaft“, ist längst zum Markenzeichen ihrer Schülerprotestbewegung „Fridays for Future“ geworden. Und mit diesem aufgeklärten Bekenntnis hat das Übergangsteam des neugewählten amerikanischen Präsidenten Joe Biden und der Vizepräsidentin Kamala Harris noch vor Abschluss der Stimmenauszählung den allerersten Aktionsplan ihrer im Januar beginnenden Amtsperiode eingeleitet. Darin ging es zwar um die Beendigung der akuten Covid-19-Krise im Land, aber schon das zweite Papier des Biden-Harris-Teams war mit der gleichen prowissenschaftlichen Emphase der Bekämpfung der globalen Klimakrise gewidmet.

Greta im Weißen Haus, auf das Foto werden wir vielleicht nicht lange warten müssen. Allerdings könnte ihr berühmter Appell leicht auch alte Wunden aufreißen. Stichwort: Wissenschaft als Religionsersatz. Eine völlig überflüssige, sinnfreie Debatte. Darüber zu witzeln führt schon zu nichts, Dieter Nuhr wird sich dran erinnern. Bevor nun also aalglatte Verschwörungen über Greta und Joe erwogen und neue Meinungsdiktaturen seitens des wissenschaftlichen Mainstreams in den Raum gestellt werden, muss an die intellektuelle Hölle erinnert werden, aus der wir alle kommen: 150 handfeste Attacken der Trump-Administration gegen das amerikanische Wissenschaftssystem und die Behörden sind bei der Union of Concerned Scientists aktenkundig, Tausende Lügen und Beleidigungen. Dazu die politischen Kriegserklärungen an das wissenschaftsbasierte Pariser Klimaabkommen und die Weltgesundheitsorganisation, die jede Solidarität mit den Schwächeren und künftigen Generationen haben vermissen lassen. Auch für die Viertelmillion amerikanischer Covid-19-Opfer kommt der Treueschwur zur Wissenschaft zu spät. Alles lässt sich nicht reparieren. Aber manche Worte können sehr wohl Wunden heilen.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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