Herzrhythmusstörungen

Sanfte Stromstöße fürs rasende Herz

Von Felicitas Witte
09.05.2020
, 10:00
Im EKG erkennt man ein Vorhofflimmern anhand der unregelmäßigen Abstände der Signale.
Kann Vorhofflimmern mit leichten Stromstößen auch vom Ohrknorpel aus behandelt werden? Erste Studien zeigen zwar positive Ergebnisse. Noch sind die Experten aber skeptisch.
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Mehr als 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Vorhofflimmern, und es werden mit steigender Lebenserwartung in der Bevölkerung immer mehr. Denn das Flimmern ist meist die Folge eines alternden Herzens. In den narbig veränderten Herzvorhöfen entstehen kreisende elektrische Erregungen. Die Vorhöfe schlagen chaotisch und rasend schnell, bis zu 600 Mal pro Minute statt wie normalerweise 60 bis 80 Mal.

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Manche Patienten würden vom Flimmern zwar nichts merken, sagt Andreas Götte, Vorstandsmitglied im Kompetenznetz Vorhofflimmern und Kardiologe in Paderborn, „aber einige leiden ziemlich unter den Flimmerattacken“. Sie spüren ihr Herz unangenehm klopfen oder rasen, bekommen kaum Luft, ihnen wird schwindelig, und manche haben gar Todesangst. Stören die Symptome, empfehlen Ärzte entweder Medikamente – Antiarrhythmika – oder eine Katheterablation, in der die krankhaften Erregungsherde in den Vorhöfen verödet werden.

Die Medikamente verursachen jedoch Nebenwirkungen, und die Ablation kann, wenn auch selten, zu Blutungen, Verletzungen oder anderen Komplikationen führen. Kürzlich haben Forscher aus Oklahoma ein alternatives Verfahren vorgestellt, das Patienten selbst zu Hause benützen können. Der Patient klemmt sich einen kleinen Clip an den Tragus – an den Knorpel vor der Ohröffnung – und stimuliert mit Hilfe eines Gerätes von der Größe eines Mobiltelefons einen Ast des Vagusnervs. Der Nerv gehört zum parasympathischen Anteil des autonomen Nervensystems. Dies spielt vermutlich eine zentrale Rolle beim Entstehen des Vorhofflimmerns.

Dieser Clip am Ohr stimuliert den Vagusnerv und soll so ein Vorhofflimmern unterdrücken.
Dieser Clip am Ohr stimuliert den Vagusnerv und soll so ein Vorhofflimmern unterdrücken. Bild: Heart Rhythm Society

Die Idee ist, dass mit der Stimulation über den parasympathischen Vagusnerv zentral im Hirn sympathische Nervenaktivitäten unterdrückt werden und so das Flimmern gar nicht erst beginnt oder unterdrückt wird. Die Forscher aus Oklahoma haben 53 Patienten untersucht. 27 von ihnen sollten sechs Monate lang eine Stunde täglich den Clip am Tragus fixieren und mit dem Gerät stimulieren. Die übrigen 26 Teilnehmer dienten als Kontrolle und klemmten den Clip an ihr Ohrläppchen – bei ihnen wurde der Vagusnerv allerdings nicht stimuliert. Zu Beginn der Studie, nach der Hälfte und am Ende wurde über zwei Wochen lang ein Elektrokardiogramm aufgezeichnet, um die Zeiten mit Vorhofflimmerepisoden zu registrieren. Zusätzlich maßen die Forscher Entzündungsbotenstoffe wie TNF-alpha im Blut, denn auch diese sollen in die Entstehung von Vorhofflimmern involviert sein.

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Patienten mit der Stimulation litten nach einem halben Jahr unter deutlich weniger Vorhofflimmer-Episoden. Auch die Blutspiegel von TNF-alpha hatten abgenommen. Die Vagusnerv-Stimulation durch die Haut, so das Fazit der Autoren, sei eine preiswerte und risikoarme Alternative für ausgewählte Patienten.

Nicht mehr als ein Hoffnungsschimmer

Herzspezialist Götte ist jedoch skeptisch. Die Methode sei interessant, sagt er, aber noch weit davon entfernt, eine echte Alternative zu Medikamenten und Ablation zu werden. Die Studie war zwar mit der Placebo-Stimulation gut aufgebaut, aber mit 53 Patienten sehr klein, so dass die Ergebnisse erst noch in größeren Studien reproduziert werden müssen. Er halte zudem das zweiwöchige Elektrokardiogramm für nicht ausreichend, sagt Götte. „Ideal wäre gewesen, wenn der Herzrhythmus über das gesamte halbe Jahr dauerhaft registriert worden wäre, zum Beispiel mit einem unter die Haut implantierten Rekorder.“ Es könnte gut sein, dass ein Patient ausgerechnet dann Vorhofflimmern hatte, wenn gerade nicht gemessen wurde.

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Abgesehen davon sprachen die Patienten sehr unterschiedlich auf die Stimulation an. Manche hatten danach viel weniger Vorhofflimmer-Phasen, andere aber gar nicht. Die Forscher aus Oklahoma geben selbst zu, dass sie keine Biomarker kennen, mit denen sich vorhersagen lässt, welcher Patient profitiert. „Solange wir das nicht wissen, hat das Gerät in der Routine noch nichts zu suchen“, sagt Götte.

Mehr als ein Hoffnungsschimmer sei der Ansatz nicht, findet auch Thomas Lüscher, Kardiologe am Imperial College in London. Er sei beeindruckt, dass die Stimulation durch die Haut überhaupt funktioniere: „Das klappte in der Studie fast schon zu gut, um wahr zu sein. Wollen wir mal abwarten, was weitere Untersuchungen zeigen.“ Die Patienten dürften sich zudem nicht der Illusion hingeben, dass sie damit auf ihre Blutverdünner verzichten könnten.

Blutverdünner sollen das Risiko für einen Schlaganfall senken. Den bekommen Patienten mit Vorhofflimmern eher, weil sich in ihren Vorhöfen leichter Blutgerinnsel bilden, die in das Hirn gelangen und dort ein Gefäß verstopfen können. Die Medikamente muss man dauerhaft nehmen, und sie bergen immer das Risiko von Blutungen bei falscher Dosierung. Wer Blutverdünner braucht, berechnen Ärzte mit einem Punktesystem.

Bisher werden Antiarrhythmika oder eine Katheterablation vor allem Patienten empfohlen, die das Flimmern deutlich spüren und darunter leiden. Es gibt aber Hinweise, dass auch Patienten von der Stimulation durch die Haut profitieren könnten, die ihr Flimmern nicht spüren. Eine internationale Forschergruppe will das nun in der großen „East“-Studie untersuchen. Eingeschlossen werden sollen rund 3000 Patienten. Die Hälfte wird klassisch gegen Arrhythmien behandelt – egal ob sie spürbare Symptome haben oder nicht. Die übrigen nur dann, wenn sie tatsächlich Beschwerden haben. Nach drei Jahren schauen die Forscher, in welcher Gruppe besser Herz-Kreislauf-Krankheiten und vorzeitige Todesfälle verhindert werden. Ergebnisse erwarten die Forscher noch im Jahr 2021. „Würde die Behandlung auch beschwerdefreien Patienten nützen, wäre die Stimulation durch die Haut besonders interessant“, sagt Lüscher.

Quelle: F.A.Z.
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