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Gegen Plastikmüll

Essbare Beschichtung hält Früchte frisch

Von Piotr Heller
 - 13:06
Dies sind keine gewöhnlichen Avocados: Bevor sie durch die Kontrolle laufen, wurde ihnen eine unsichtbare Schutzschicht aufgesprüht.

Die neue Waffe im Kampf gegen das Verderben im Supermarkt ist unsichtbar. Die Kunden würden sie gar nicht bemerken, wären da nicht die Schilder. Seite Anfang der Woche hängen sie an den Regalen mit den Avocados in rund 360 Filialen des Discounters Penny. Die Früchte, so ist dort zu lesen, sind von einer Schutzhülle umgeben. Die soll den unweigerlichen Verfall des Obsts hinauszögern. Der Kunde kann die Hülle nicht sehen, noch kann er sie riechen oder ertasten. Das Schild ist der einzige Hinweis. Die Rewe-Gruppe, zu der Penny gehört, will mit der zusätzlichen Schicht gegen die Verschwendung von Lebensmitteln vorgehen. Die umhüllten Avocados bleiben länger frisch und landen nicht so schnell in der Biotonne, so ist der Plan. Seit Mitte der vergangenen Woche finden sich die beschichteten Früchte auch in einigen hundert Rewe-Märkten. Auch Edeka verkauft derzeit ähnlich behandelte Avocados und Zitrusfrüchte.

Die Verschwendung von Lebensmitteln ist ein riesiges Problem. Ein Drittel aller Lebensmittel werden weggeschmissen, wie die Vereinten Nationen im Oktober 2019 vorrechneten. Hierzulande landen pro Jahr zwölf Millionen Tonnen Gemüse, Obst und Fleisch im Müll, was ungefähr dem Gewicht von 1200 Eiffeltürmen entspricht. Die Schuld liegt nicht allein bei den Supermärkten. Mehr als die Hälfte dieser Nahrungsmittel werfen die Verbraucher persönlich in die Tonne. Die Schutzhülle soll zumindest einen Teil dieser Verschwendung verhindern. So neu, wie es die deutschen Supermärkten erscheinen lassen, ist die Idee allerdings nicht.Früchte verderben unter anderem, weil sie Wasser verlieren und Sauerstoff ins Gewebe eindringt. Eigentlich tragen sie auf ihrer Haut eine natürliche Schicht aus dem wachsartigen Polyester Cutin, die den Wasserverlust verhindert. Die hat jedoch Löcher und Poren. „Wenn man das jetzt gewissermaßen zukleistert, senkt man den Stoffaustausch mit der Umwelt, und die Frucht trocknet nicht so schnell aus“, sagt Horst-Christian Langowski. Der Physiker forscht an der Technischen Universität München über Lebensmittelverpackungstechniken. Genau so funktionieren auch die Beschichtungen.

Eine Schutzhülle aus Kernen und Gemüseschalen

Der Überzug wird, vereinfacht gesagt, aus Zuckerestern, Zellulose und pflanzlichen Ölen gemixt. Er besteht dann aus sogenannten ambiphilen Molekülen. Der Witz an diesen chemischen Strukturen ist, dass ein Teil von ihnen wasserlöslich ist, während ein anderer Teil Wasser abweist. Man kann sie mit Wasser vermischen und diese Lösung kurz nach der Ernte auf die Früchte aufsprühen. Auf der Schale verdampft das Wasser, und die getrockneten Moleküle setzen sich zu einer Schicht zusammen. Die ist stabil genug, dass sie sich nicht ohne weiteres wegreiben oder abspülen lässt. Wie sie im Detail aufgebaut ist und wie gut sie Wasser und Sauerstoff blockiert, hängt von der genauen Zusammensetzung ab. „Diese Rezeptur ist aber meistens ein Geheimnis der Hersteller“, sagt Langowski.

Es überrascht ihn nicht, dass Rewe und Edeka nun auf diese Technik setzen. Doch der Grund dafür hat wenig mit technischer Innovation zu tun. „Solche Sachen liegen häufig über Jahrzehnte in irgendwelchen Schubladen“, erzählt Langowski. Auch bei der von Rewe genutzten Beschichtung scheint es ähnlich gelaufen zu sein. Sie wird von der britischen Firma Agricoat Natureseal unter dem Namen „Semperfresh“ vermarktet. Wie wirksam dieses Produkt ist, konnte man in der Fachliteratur schon vor mehr als dreißig Jahren nachlesen: Bereits Mitte der achtziger Jahre wurden Studien dazu veröffentlicht. Damit sich eine Technologie durchsetzt, muss auch die Zeit reif sein. Derzeit achten viele Kunden im Supermarkt auf die ökologischen Folgen ihres Konsums. Natürlich sind dann auch die Händler daran interessiert. „Sich mit der Verschwendung von Lebensmitteln und Verlusten in der Lieferkette zu befassen, gehört zu unserer Nachhaltigkeitsstrategie und passt in unseren Zeitgeist“, sagt Patricia Brunn, die bei den Penny-Märkten den Bereich Obst und Gemüse leitet. Das erwarte der Kunde.

Ohne Plastik verschrumpelt die Gurke

Bisher hatte der Handel eine simple Lösung für verderbliche Früchte: Plastik. Eingeschweißte Gurken liegen im Gemüseregal neben Tomaten im Plastikbecher und durchsichtigen Tüten voller Paprika. Diese Kunststoffverpackungen ergeben in manchen Fällen durchaus Sinn. Dicke PET-Schalen schützen beispielsweise die empfindlichen Weintrauben vor Druckstellen und Transportschäden. „Wenn man auf den CO2-Fußabdruck schaut, ist es günstiger, die Verpackung zu verwenden, als das viele Obst wegzuwerfen“, sagt Langowski. Aber Plastik hat ein schlechtes Image. Nicht zuletzt deswegen haben viele Supermärkte eingeschweißte Gurken aus dem Verkauf genommen. Doch im Winter werden die Früchte aus Spanien geliefert und kommen ohne Hülle gelb und verschrumpelt im deutschen Supermarkt an. Manche Handelsketten bleiben daher während der Wintermonate bei der Plastik-Gurke. Die Beschichtung könnte nun eine Möglichkeit sein, Früchte länger frisch zu halten. Auch wenn die Technik nicht neu ist, wird sie stetig weiterentwickelt. Die Hersteller passen sie zum Beispiel an die Eigenschaften unterschiedlicher Früchte an. Das amerikanische Start-up „Apeel“ liefert die Beschichtung für Edeka und gibt an, unterschiedliche Rezepturen für mehrere Dutzend Fruchtsorten zu haben. Das Unternehmen gewinnt die Rohstoffe für seine Beschichtungen zudem aus den Schalen und Kernen von Früchten. „So etwas im großen, technischen Maßstab zu machen ist neu“, erklärt Langowski.

Ob sich die neue Beschichtung am Ende tatsächlich durchsetzen wird, entscheidet sich allerdings im Supermarkt. Patricia Brunn erklärt, dass man die Hülle bei Penny zunächst über Wochen im Lager getestet habe. Die behandelten Avocados seien im Schnitt zehn Tage verkaufsfähig gewesen, die unbehandelten nur fünf. „Ein wichtiger Indikator ist für uns: Kauft der Kunde die beschichteten Avocados oder nicht?“ Außerdem werde ermittelt, ob die Märkte dank der Beschichtung weniger aussortieren müssten.

Die unsichtbare Technik könnte allerdings nur einen Teil der Lebensmittel retten. „Wenn der Test gut läuft, kann ich mir vorstellen, dass wir die Beschichtung irgendwann auf bis zu 20 Prozent unserer Artikel aufbringen können“, sagt Patricia Brunn. Manche Produkte wie etwa Äpfel, Ananas oder Zwiebeln blieben ohnehin lange frisch. Nicht klar ist, ob sich auf diese Weise irgendwann auch Früchte mit essbarer Schale schützen lassen. Der unsichtbare Überzug gilt zwar als essbar, aber über einen solchen Einsatz will man bei Penny erst nachdenken, wenn die Kunden den Stoff auf einer Schale akzeptieren, die sie nicht verzehren. Womöglich könnte sie irgendwann Plastik Konkurrenz machen. Brunn und ihre Kollegen testen sie im Hintergrund auch auf Pomelos. Die voluminösen Zitrusfrüchte werden in Kunststoffhüllen aus China geliefert. Verpackungsexperte Langowski kann sich eine solche Beschichtung auch für die berüchtigte Gurke vorstellen. Allerdings schränkt er ein: „Ich glaube nicht, dass man mit so einer Schicht auch nur ansatzweise zu Ergebnissen kommt, die man mit der Kunststoffhülle erreicht.“ Der Handel würde dank der Beschichtung im Vergleich zur unbehandelten Gurke nur wenig Zeit gewinnen. Im Rennen gegen das Verderben müsste er neben der Schutzhülle also auch auf eine schnellere Logistik setzen.

Quelle: F.A.S.
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