Gentechnik

Zukunft ist heute

Von Jörg Albrecht
19.06.2015
, 15:00
Im Roman sind die Organschweine allgegenwärtig. Menschliches Hirngewebe macht sie schlau, aber auch gefährlich.
In den Biolaboren dieser Welt passieren die seltsamsten Dinge. Schweine werden humanisiert, Fische zum Leuchten gebracht. Es scheint fast so, als ob wir das Leben beliebig formen können. Was ist Science-Fiction, was ist Realität?

Jimmy war ein ganz normaler Junge. Vielleicht nicht der Begabteste. Was seinem Vater aber egal war. Der interessierte sich nur für seine Organschweine, die er im Auftrag eines Pharmakonzerns gezüchtet hatte. Sie bekamen menschliches Gewebe eingepflanzt, daraus wuchsen Organe, die bei einer Transplantation nicht abgestoßen wurden. Das war billiger, als sich klonen zu lassen.
Jimmy besuchte die Organschweine gern, auch wenn sie ihm etwas unheimlich waren. „Fall nicht rein“, sagte sein Vater. „Die fressen dich in einer Minute auf.“ „Tun sie nicht“, sagte Jimmy.

(aus „Oryx und Crake“ von Margaret Atwood)

Schweine sind Allesfresser. Im Zweifelsfall Kannibalen. Aber zerfleischen sie einen Menschen bei lebendigem Leib? In blutrünstigen Thrillern kommt das vor. Hannibal Lecter beispielsweise, der anerkannt grausamste Psychopath der Filmgeschichte, wird in einer der Episoden Wildschweinen vorgeworfen, die aus einer Kreuzung afrikanischer Riesenwaldschweine mit dem europäischen Sus scrofa und zwei weiteren, besonders aggressiven Schweinerassen hervorgegangen sind; er entkommt, weil sie spüren, dass er noch gefährlicher ist als sie selbst. Jimmys Organschweine wiederum entstammen der Phantasie der kanadischen Autorin Margaret Atwood, die eine Science-Fiction-Trilogie über die genetische Zukunft des Planeten geschrieben hat. Eine Utopie will sie darin allerdings nicht sehen. Sie sagt, sie habe nur über Dinge spekuliert, die bereits real sind. Oder mindestens geplant.

Es lohnt sich, dieser Behauptung nachzugehen. Denn in den Köpfen vieler Menschen ist die Biomedizin längst im Morgen angelangt. Gentherapie, Nachwuchs nach Maß, Mäuse, die sprechen lernen - alles scheint machbar. Die Fähigkeit, Visionen von Fakten zu trennen, ist im Zeitalter der Blogs und der Verschwörungstheorien nicht besonders ausgeprägt. „Extrem glaubwürdig“ urteilen Kunden bei Amazon über Atwoods Romane. „Solide recherchiert wie eine Doktorarbeit“, hieß es im Deutschlandfunk. Sie eignen sich also bestens als Folie, um zu überprüfen, was ist und was kommen könnte.

Wie sieht das zum Beispiel mit den Organschweinen aus? Reines Wunschdenken sind sie nicht. An der Übertragung von tierischem Gewebe auf den Menschen wird seit langem gearbeitet. Die erste offiziell dokumentierte Bluttransfusion, und zwar von einem Lamm auf einen 15-Jährigen, führte der französische Leibarzt Jean-Baptiste Denis im Juni 1667 in Paris durch. Der Junge überlebte die Prozedur, zwei andere Patienten nicht. Obwohl immer wieder Todesfälle auftraten, wurde das Verfahren bis ins zwanzigste Jahrhundert hinein da und dort praktiziert, bis sich die Erkenntnis durchsetzte, dass die Abstoßungsreaktionen des menschlichen Körpers nicht beherrschbar waren. Doch in jüngerer Zeit ist wieder die Rede von Schweineblut, das humanes Blut ersetzen könnte; seit der Jahrtausendwende sind dazu an die hundert wissenschaftliche Artikel erschienen.

Verpflanzungen der Augenhornhaut von Schafen, Hunden und sogar von Fischen auf den Menschen sind seit Mitte des 19. Jahrhunderts vorgenommen worden. Die Resultate waren wenig überzeugend. Forscher am Thomas E. Starzl Transplantation Institute in Pittsburgh glauben allerdings, dass es mittlerweile allen Grund zu Optimismus gibt: „Die korneale Xenotransplantation wird in wenigen Jahren klinische Realität sein“, schrieben sie 2011 in einem Übersichtsartikel.

Kurpfuscher haben sich immer wieder damit hervorgetan, Haut von Tieren auf den Menschen zu verpflanzen. Als besonders geeignet galt Froschhaut, doch ist kein einziger Fall bekannt, bei dem sie angewachsen wäre. Ähnlich obskur waren die Experimente des russischstämmigen Arztes Serge Voronoff, der im Paris der zwanziger und dreißiger Jahre Hunderte von alternden Männern mit den Hoden von Schimpansen traktierte, die er, in Scheiben geschnitten, ins Skrotum verpflanzte, um die Patienten zu „revitalisieren“. Obwohl sich die erhoffte Wirkung höchstens in der Einbildung der Betroffenen zeigte, machte der Hodentransfer weltweit Schule. Vorübergehend wurden Affen als Spender knapp, weil die Nachfrage so groß war, ungehindert der Tatsache, dass Voronoff einhunderttausend Franc in Gold für den fragwürdigen Eingriff verlangte.

Ein Pavianherz für Baby Fae

Es waren nicht nur Scharlatane am Werk. Als Königsdisziplin gilt bis heute die Übertragung lebenswichtiger Organe wie Herz, Niere oder Leber. Mit der Leber von Pavianen hat es der Namenspatron des Starzl Institute in den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts an einer Handvoll von Patienten versucht; einer von ihnen lebte nach der Operation siebzig Tage, die anderen starben wesentlich früher. Auch James Hardy, ein weiterer prominenter Arzt, hatte wenig Glück, als er ungefähr zur selben Zeit einem Todkranken ein Schimpansenherz verpasste; der Mann starb noch auf dem Operationstisch.

Die erste Herztransplantation überhaupt gelang dem südafrikanischen Mediziner Christiaan Barnard 1967; als er es später mit Affenherzen probierte, scheiterte auch er. Das hielt den amerikanischen Chirurgen Leonard Bailey 1983 nicht davon ab, einem neugeborenen Mädchen mit schwerem Herzfehler ein Pavianherz einzusetzen. Der Misserfolg war vorauszusehen und die Öffentlichkeit erstmals entsetzt. Der Fall „Baby Fae“ brachte die Xenotransplantation für längere Zeit in Verruf.

Dass sie überhaupt noch im Gespräch ist, verdankt sich dem Umstand, dass es heute möglich ist, transgene Tiere zu züchten. Alle Bemühungen konzentrieren sich inzwischen auf das Schwein. Dessen Anatomie ähnelt der des Menschen mehr als die des Affen. Besondere Hoffnungen ruhen auf einer Schweinerasse, die zweihundert Jahre lang auf den neuseeländischen Auckland-Inseln gelebt hat, nachdem sie dort von Wal- und Robbenjägern ausgesetzt worden war. Weil sie lange ohne Kontakt zu Menschen waren, tragen sie weniger Keime in sich, die ihm gefährlich werden könnten.

Die Auckland-Schweine stehen im Mittelpunkt eines Großprojektes, dessen Federführung die Deutsche Forschungsgemeinschaft vor drei Jahren der Ludwig-Maximilians-Universität München übertragen hat. Dort arbeiten der Herzchirurg Bruno Reichart und der Tiermediziner Eckhard Wolf daran, Schweineorgane so zu trimmen, dass sie das menschliche Immunsystem nicht mehr als fremd abstoßen. Geplant ist zunächst, Zellen der Bauchspeicheldrüse zu verpflanzen, um Diabetespatienten von der Insulinspritze zu befreien. Probehalber sollen auch Schweineherzen in Affen transplantiert werden; bei entsprechenden Versuchen in den Vereinigten Staaten haben diese immerhin mehr als zweihundert Tage lang durchgehalten.

In Margaret Atwoods Romantrilogie bleibt es nicht bei Bauchspeicheldrüsen, Herzen oder Nieren. Ihre Organschweine entwickeln mehr und mehr verblüffende Eigenschaften. Unter anderem strategische Intelligenz.

Als es nach der großen Katastrophe, bei der die Menschheit durch ein künstliches Virus größtenteils ausgelöscht wurde, darum geht, zwei brutale Typen zu erledigen, die ebenfalls überlebt haben, zeigen sich die Schweine planerisch überlegen.

„Dir ist schon klar, dass die menschliches präfrontales Kortexgewebe im Gehirn haben?“ sagte Jimmy. „Ich muss es wissen, ich bin mit denen aufgewachsen.“
Wie ihre Gedanken aussahen, konnte man nur mutmaßen. Waren die Schweine verärgert? Ungeduldig? Froh? Alles das, zweifellos, denn mit ihrem halb menschlichen Hirn konnten sie mehrere Widersprüche auf einmal jonglieren.

Was ist das nun? Reine Spinnerei? Wie weit lassen sich Schweine „humanisieren“? Diesen Ausdruck verwenden Genforscher tatsächlich, und zwar in technischem Sinne, wenn sie menschliche DNA oder ganze Zellverbände in nichtmenschliche Organismen einschleusen, um zum Beispiel Antikörper zu produzieren oder Impfstoffe zu testen. Der Japaner Hiromitsu Nakauchi, der mittlerweile an der Stanford University forscht, hat die Methode noch ein Stück weiterentwickelt. Er transplantiert Stammzellen, die prinzipiell imstande sind, jede Art von Gewebe bis zum vollständigen Organ hervorzubringen. Auf diese Weise hat er es schon geschafft, fremde Nieren in Ratten und Mäusen zu züchten. Kämen die Stammzellen vom Menschen, müsste es auch möglich sein, echte Menschenorgane in Schweinen zu erzeugen, die mit einigen Tricks individuell zugeschnitten und im Falle eines erblichen Defektes sogar reparabel wären. Nakauchi nennt das „targeted organ generation“.

Seinem ehrgeizigen Ziel steht bloß im Wege, dass die Erzeugung solcher Mensch-Tier-Chimären in vielen Ländern untersagt ist. Denn wo soll man die Grenze ziehen?

Aus medizinischer Sicht wäre es durchaus wünschenswert, menschliches Hirngewebe in Tieren wachsen zu lassen. Vorzugsweise in nahen Verwandten wie den Primaten. Man könnte auf diese Weise degenerative Nervenkrankheiten wie Parkinson oder Alzheimer studieren. Würde das dann auch die Geisteskräfte der Versuchstiere erweitern? Also superschlaue Ratten und ähnliche Intelligenzbestien hervorbringen? Man kann darüber spekulieren. Ein Experiment an der amerikanischen Duke University, dessen Ergebnisse Anfang des Jahres veröffentlicht wurden, hat einen Weg aufgezeigt, wie man Mäusen ein größeres Hirn bescheren kann. Die Forscher injizierten ihnen ein Gen, das im Laborjargon „frizzled“ (gebrutzelt) heißt, und setzten noch einen Verstärker davor. Stammte dieser „enhancer“ aus dem Erbgut von Schimpansen, hatte das bereits einen messbaren Effekt auf die Entwicklung des Gehirns im Mäuseembryo. Stammte er aber aus dem menschlichen Genom, legte das Volumen um stolze zwölf Prozent zu, und zwar im Bereich des Neocortex, der auch bei der Maus für höhere kognitive Fähigkeiten zuständig ist.

Wie macht man Mäuse eloquent?

Die Größe des Hirns ist aber gar nicht so wichtig. Eine Spitzmaus investiert ohnehin zehn Prozent ihres Körpergewichts in die grauen Zellen, fünfmal mehr als der Mensch. Dessen Aufstieg zum überragenden Denker begann erst, als er die Fähigkeit erwarb, sich präzise mitzuteilen. Am Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie hat man sich jahrelang mit den genetischen Grundlagen der Sprache beschäftigt. Ein Protein namens Fox P2 scheint maßgeblich daran beteiligt zu sein. Patienten, bei denen das entsprechende Gen mutiert ist, haben große Schwierigkeiten, sich zu artikulieren. Das Fox-P2-Protein ist beileibe kein exklusives Eigentum des Menschen. Fast alle Säugetiere, viele Singvögel, selbst Fische und Reptilien besitzen es, die Abweichungen im Aufbau sind gering und nur bei den Fledermäusen deutlicher ausgeprägt. Für die Leipziger Anthropologen lag es deshalb nahe, nachzuschauen, was passiert, wenn man das menschliche Fox-Gen auf Mäuse überträgt. Die Auswirkungen waren subtil, aber nicht zu überhören: Die frischgeborenen Mäusejungen fiepten anders. Auch zeigten sie einige physiologische und morphologische Veränderungen im Striatum, also in jenem Teil des Gehirns, das unter anderem für Lautäußerungen zuständig ist. Ganz so erstaunlich war das Ergebnis nicht: Mit etwas gröberen Methoden hatten französische Wissenschaftler schon vor mehr als zwanzig Jahren demonstriert, dass man Haushühnern fremde (wenn auch nicht besonders beeindruckende) Gesangskünste beibringen kann, indem man ihnen embryonales Nervengewebe von Wachteln einpflanzt.

Manchen Forscher juckt es da in den Fingern. Was käme heraus, wenn man Menschenaffen mit menschlichen Sprachgenen ausstaffieren würde? Ein gepflegtes Hochdeutsch sicher nicht, dafür ist ihr Kehlkopf nicht ausgestattet. Aber vielleicht doch ein kleines Plus an Intelligenz und Mitteilungsvermögen?

Der deutsche Ethikrat hat sich vor vier Jahren mit dem Thema „Mensch-Tier-Mischwesen“ befasst. Bei Versuchen an Primaten sah der damalige Sprecher Wolf-Michael Catenhusen eine Grenze überschritten. Was Science-Fiction-Autoren allerdings noch nie daran gehindert hat, Affen mit Menschen zu paaren. Beobachtet wurden solche Bastarde noch nie. Aber die Natur lässt hybride Lebensformen durchaus zu. Bei Margaret Atwood wimmelt es davon.

Als Jimmy zehn war, schenkte ihm sein Vater ein Wakunk. Es war winzig. Die Wakunks hatten als Freizeithobby eines der hohen Tiere aus dem OrganInc-Biolabor begonnen. Damals war viel herumexperimentiert worden. Mehrere Kreationen mussten vernichtet werden, weil sie allzu gefährliche Zeitgenossen waren. Wer brauchte schon eine Kröte mit einem Greifschwanz wie ein Chamäleon, die durch das Fenster im Bad hereinklettern und einem Gift in die Augen spritzen konnte, während man sich die Zähne putzte? Das Wakunk hingegen fand großen Anklang. Es war eine Mischung aus Waschbär und Stinktier, aber ohne den entsprechenden Körpergeruch.
„Ein sauberes Tier mit nettem Wesen“, sagte Jimmys Vater. „Wir werden ja sehen, wie sich der kleine Bursche entwickelt.“

Im wahren Leben gibt es Maultiere und Maulesel, die Kreuzungen zwischen Pferden und Eseln sind. Sie sind nur in Ausnahmefällen fortpflanzungsfähig. In manchen Zoos hat man Tiger und Löwen gekreuzt. Der Veterinärmediziner Steen Willadsen, der sich mit frühen Klonexperimenten hervorgetan hatte, präsentierte 1984 auf dem Titelbild von Nature eine Schiege, die er durch Vermischung embryonaler Zellen von Schaf und Ziege kreiiert hatte. Das Experiment wäre gar nicht mal nötig gewesen: In einem Stall in Deiderode bei Göttingen wurde im vergangenen Jahr sogar auf natürlichem Wege eine Schiege gezeugt, obwohl die Elterntiere verschiedenen Gattungen angehören. Auch für die furchterregenden Hunölfe, die in Atwoods Romanen als Kreuzung zwischen Wölfen und Hunden ihr Unwesen treiben, müsste man nicht in die gentechnische Trickkiste greifen. Wölfe können jederzeit gemeinsamen Nachwuchs mit Haushunden hervorbringen. Tatsächlich ist dies eine der Hauptsorgen von Naturschützern bei der Wiederansiedlung von Wolfsrudeln in Deutschland und anderen Gegenden Mitteleuropas.

Die Frage ist, was die Zucht von Chimären überhaupt bringen soll. Abgesehen vom Maultier, das wegen seiner besonderen Zähigkeit gerühmt wird, sind sie in der Regel alberne Spielereien. Anders sieht es mit humanisierten Zellkulturen oder entsprechend präparierten Tiermodellen aus, an denen sich menschliche Krankheiten studieren lassen. Es ist im Labor auch schon gelungen, menschliche „Organoide“ reifen zu lassen. Hervorgegangen sind sie aus Stammzellen, es hat bereits zu rudimentären Nieren, Lebern, Magen und weiblichen Minibrüsten gereicht. Forscher der Stanford University in Palo Alto haben unlängst sogar dreidimensionale Hirnstrukturen in der Petrischale präsentiert. Sie zeigen ähnliche Netzwerkaktivitäten wie die menschliche Großhirnrinde und könnten eines Tages dazu dienen, geistige Fehlfunktionen zu untersuchen.

In der Welt der Margaret Atwood werden die ambitioniertesten Projekte am Watson-Crack-Institut durchgeführt. Jimmys genialer Freund Crake ist dort der Superstar. Einmal darf Jimmy ihn besuchen.

In der Eingangshalle stand eine Bronzeskulptur, das Maskottchen der Genbastler, die ZinnenSpiege. Es handelte sich um einen der ersten gentechnisch veränderten Organismen, dem ein kommerzieller Erfolg beschieden war. Einer Ziege war das Garn-Gen der Spinne eingepflanzt worden, fortan schied sie in ihrer Milch Seidenproteine aus, woraus ein Faden gewonnen wurde, der extrem reißfest und leicht war. Hauptanwendung war die Erzeugung kugelsicherer Westen.

Diese Idee ist in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts tatsächlich von dem Biochemiker Jeff Turner in Montreal ausgetüftelt worden. Seine Firma Nexia Biotechnologies pfriemelte eine Weile an einem Verfahren herum, nennenswerte Mengen des gewünschten „Biostahls“ zu gewinnen, ehe sie 2009 bankrottging. Die Nachfahren der Spinnenziegen leben heute an der University of Utah, wo man allerdings inzwischen mit dem Gedanken liebäugelt, Spinnenseide lieber in Bakterien, Schleimaalen oder Kleepflanzen herzustellen.

In der Realität sind transgene Tiere bislang kein rechter Erfolg gewesen. Einige von ihnen produzieren Wirkstoffe wie Blutverdünner, andere wachsen etwas schneller oder dienen rein dekorativen Zwecken wie der „Glofish“. Bei ihm handelt es sich um einen Zebrabärbling, dem 1999 an der Universität von Singapur ein Gen aus der Leuchtqualle Aequorea victoria eingepflanzt worden war, dass dafür sorgt, dass die Fische grün fluoreszieren. Leuchtgene aus Quallen und Korallen sind generell ein beliebtes Werkzeug der Gentechnik. Sie lassen sich an andere Gene koppeln und dienen, ähnlich wie Antibiotika- oder Herbizidresistenzen, als Marker, die dem Laboranten zeigen, welche Zellen oder Organe erfolgreich manipuliert worden sind. Die Entdecker der Methode wurden 2008 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Leuchtkarnickel sind ein alter Hut

Leuchtende Zebrabarben werden in den Vereinigten Staaten mit Ausnahme des Bundesstaates Kalifornien ganz legal an Aquarianer verkauft - „als Bereicherung für Heim, Büro und Klassenzimmer“, wie die Firma Yorktown Technologies wirbt. Es gibt sie in den Farben Starfire Red, Electric Green und Sunburst Orange. Außerhalb der Staaten werden sie nicht gehandelt, aber es wurden illegal auch schon welche nach Deutschland eingeführt. Weil transgene Tiere in Europa nicht so gern gesehen werden, gab es Protest, als der Künstler Eduardo Kac zur Jahrtausendwende auf der Ars Electronica ankündigte, ein grün leuchtendes Kaninchen schaffen zu wollen. In Paris wurde das Experiment durchgeführt, doch der Künstler und die Forscherin zerstritten sich. Margaret Atwood griff die Idee auf; in ihrer Romantrilogie entweichen die Tiere und hoppeln munter durch die Postapokalypse. In Wahrheit führen Leuchtkarnickel, Leuchtmäuse, Leuchtkatzen und etliche andere Kreationen längst ein Eigenleben im Labor, meist im Dienst der pharmazeutischen Grundlagenforschung.

Leuchtende Karnickel hoppeln im Roman munter durch die Wälder. Tatsächlich ist es gar nicht schwer, sie herzustellen.
Leuchtende Karnickel hoppeln im Roman munter durch die Wälder. Tatsächlich ist es gar nicht schwer, sie herzustellen. Bild: Jason Courtney

Auch die „Lumi-Rosen“, die bei Atwood zum Vergnügen der Privilegierten gezüchtet werden, sind kein Produkt, das experimentelles Genie fordern würde. Auf der Internetplattform glowingplant.com bieten Hobbyforscher alle Ingredienzien an, die nötig sind, um die Laborpflanze Arabidopsis zum Glühen zu bringen. Von leuchtenden Bäumen, die nachts die Straßen erhellen könnten, ist man allerdings noch weit entfernt.

Als Nächstes besichtigten sie die NeoAgrowissenschaften. „Das ist das Neueste“, sagte Crake. Was sie sahen, war ein knollenförmiges Objekt, das mit einer weißlich-gelben Haut bedeckt zu sein schien. Aus dem Gegenstand ragten zwanzig dicke fleischige Röhren.
„Was zum Teufel ist das denn?“, sagte Jimmy.

„Das sind Hühner“, sagte Crake. „Besser gesagt: Hühnerteile. Auf dem hier wächst nur Hühnerbrust. Es gibt auch welche, die auf Keulen spezialisiert sind, zwölf Stück pro Wachstumseinheit.“
„Das ist ja grauenhaft!“
„Das ist eine dreiwöchige Verbesserung gegenüber den effizientesten Schwachlicht-Hochdichte-Hühnerzuchtbetrieben, die es bisher gegeben hat. Und die Tierschutzfreaks können auch nichts mehr sagen, denn dieses Ding empfindet keinen Schmerz.“

„ChickieNobs“ heißen die kopflosen Hühnerteile, die im Roman sogar ohne Zugabe von Hormonen oder Antibiotika wachsen. Möglicherweise ein Fortschritt gegenüber der heutigen Massentierhaltung. Aber wie realistisch sind Tiere ohne Kopf? Und welche ethischen Bedenken gäbe es in diesem Fall?

Es hat darüber mal eine Debatte gegeben. Kurz vor der Jahrtausendwende geriet der britische Enwicklungsbiologe Jonathan Slack in die Schlagzeilen, weil er angeblich kopflose Frösche gezüchtet hatte. Es waren zwar keine Frösche, wie sich bei näherem Hinsehen herausstellte, sondern nur verkrüppelte Kaulquappen. Die kennt die Wissenschaft seit den seligen Zeiten des deutschen Biologen Hans Spemann, der für seine Forschungen an frühen Embryonalstadien von Amphibien 1935 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Doch Slack war so unvorsichtig, einem Fernsehreporter gegenüber anzudeuten, dass seine eigene Arbeit, die sich um bestimmte Wachstumsfaktoren drehte, eventuell dazu führen könne, dass man imstande sei, isolierte Körperteile zu züchten. Die Welt war entsetzt. So ein Vorhaben sei ekelhaft, inhuman, skrupellos. Aber es wurde bald auch wieder still um Slacks Kaulquappen. Denn sie starben ja ab, ehe sie sich zu Fröschen entwickeln konnten, sie waren nicht lebensfähig. Die Organsäcke, die damals gruselige Phantasien weckten, wären es noch viel weniger.

Künstliche Klopse, nun ja

Versuche, tierisches Fleisch auf künstlichem Wege zu erzeugen, hat es gleichwohl gegeben. Der Niederländer Mark Post von der Universität Utrecht arbeitet daran. Aus der Nackenmuskulatur einer Kuh gewinnt er Stammzellen, die in einer Nährlösung aus fötalem Kälberserum zu millimeterdünnen, zweieinhalb Zentimeter langen Muskelfasern heranwachsen. Rund zwanzigtausend davon hat er zu einer Bulette gepresst, die im Sommer 2013 vor laufenden Kameras verspeist wurde. Die Herstellungskosten des artifiziellen Klopses bezifferte Post mit einer viertel Million Euro. Kaum jemand glaubt, dass sein Kunstfleisch eine Zukunft hat. Nur einer macht ihm Mut: Google-Gründer Sergey Brin zeigte sich angetan von der Präsentation.

Nicht alle Bioformen, die bei Atwood auf die Menschheit losgelassen werden, sind so harmlos wie Leuchtkaninchen oder ChickenNobs. Der durchgedrehte Gentechniker Crake entwickelt eine Pille, die unglaubliche Orgasmen beschert und ewige Jugend verspricht, aber gleichzeitig ein tödliches Virus verbreitet. Jimmy erlebt den Ausbruch der Pandemie in einem Hochsicherheitslabor.

Gegen Mitternacht kamen Mitteilungen vom Ausbruch der Seuche fast zeitgleich herein. Dallas. Seattle. New York.
„Das ist der große Knall“, sagte einer der Mitarbeiter. „Wie sieht unsere Rückzugsstrategie aus? Was sollen wir tun?“

„Nichts“, sagte Jimmy.

Um was für eine biologische Bombe es sich handelt, wird bei Atwood schnell klar. Als die „OrgassPlus“-Pille noch in der Testphase ist, schluckt sie ein prominenter Kunde in einem Edelbordell. Er löst sich daraufhin in blutigen Schaum auf. Dieser Extremfall eines hämorrhagischen Fiebers soll durch die Kombination zweier Filoviren vom Typ Ebola und vom Typ Marburg hervorgerufen werden. Thrillerautoren wie Richard Preston („Hot Zone“) oder Tom Clancy („Befehl von oben“) hat es immer wieder gereizt, sich auszumalen, was passieren würde, wenn man derartige Erreger noch gefährlicher machen würde, als sie ohnehin sind. Im Fachjargon nennt man das „gain of function“, also ganz neutral eine funktionale Verbesserung. Wie realistisch ist das?

Es hat Beispiele dafür gegeben. Der australische Immunologe Ian Ramshaw und sein Kollege Ron Jackson haben es 2001 unfreiwillig vorgeführt, als sie eine neue Art von Rodentizid entwickeln wollten, das im Kampf gegen die australische Mäuseplage helfen sollte. Sie wählten eine vergleichsweise harmlose Form von Mäusepocken, gegen die ihre Versuchstiere obendrein geimpft waren. Dann fügten sie Gene hinzu, die dafür sorgen sollten, dass sich die Immunzellen weiblicher Mäuse gegen deren eigene Eizellen richten. Weil sie schon dabei waren, bauten sie dem Virus noch ein Gen für den Botenstoff Interleukin ein, der das Immunsystem ankurbelt. Es klappte nur zu gut: Statt sie unfruchtbar zu machen, raffte es die Mäuse scharenweise dahin.

Auch an menschlichen Erregern ist herumexperimentiert worden. Die amerikanische Pathologin Ariella Rosengard demonstrierte 2002, wie sich das harmlose Orthopoxvirus vaccinia, das bis zur Ausrottung der Echten Pocken im Jahre 1977 als Impfstoff verwendet worden war, wieder in den Übeltäter Orthopoxvirus variola zurückverwandeln lässt.

In jüngerer Zeit ist das Influenzavirus in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Es ist von Natur aus imstande, verheerende Seuchenzüge auszulösen. Einer der schlimmsten war die Spanische Grippe, die im Gefolge des Ersten Weltkriegs bis zu fünfzig Millionen Tote gefordert hat. Der amerikanische Virologe Jefferey Taubenberger hat Bruchstücke des Killerkeims aus alten Gewebeproben isoliert und dessen Erbgut neu zusammengesetzt. Es war offenbar aus einem Vogelgrippe-Virus hervorgegangen und hatte sich an den Menschen erst anpassen müssen. Dieser Prozess lässt sich im Labor beschleunigen. Der Niederländer Ron Fouchier hat es 2011 vorgemacht. Als Inkubatoren dienten ihm Frettchen, denen er so lange Vogelgrippe-Viren vom Stamm H5N1 in die Nase tröpfelte, bis sie krank wurden und den Erreger über die Atemwege verbreiteten. Die Fähigkeit dazu hat H5N1 naturaliter noch nicht erworben, Fouchier war also eine echte „gain of function“ geglückt.

Wenn Ebola fliegen kann

Wie müsste man sich das bei Ebola vorstellen? Bislang scheint es so, dass die Krankheit nur durch Körperflüssigkeiten wie Blut übertragen wird. Ansteckung findet bei engem Kontakt mit einem Patienten statt, aber nicht, wenn er hustet oder niest. Jedenfalls wurde das bei den bisherigen Ausbrüchen in Afrika noch nie beobachtet. Dass Ebola „fliegen lernt“, wie es immer so griffig heißt, wäre eine Horrorvorstellung, wie sie auch schon im Zusammenhang mit Aids aufgetaucht ist. Der ehemaligen Sowjetunion ist von amerikanischer Seite der Vorwurf gemacht worden, sie habe in Geheimlabors alles unternommen, das Ebola-Virus „luftgängig“, also waffenfähig zu machen. Bewiesen worden ist das nie.

Die wenigen Veröffentlichungen, die sich mit einer möglichen Atemwegsübertragung von Ebola beschäftigen, stammen vielmehr aus dem US Army Medical Research Institute of Infectious Diseases in Frederick, Maryland. Das USAMRIID hatte sich 1989 nach einer Serie von Todesfällen unter Versuchsaffen eingeschaltet, die in den Labors der Firma Hazelton in Reston im Bundesstaat Virginia zu Testzwecken gehalten wurden. Man fand in ihnen einen neuen Ebola-Stamm, den man passenderweise „Reston“ taufte, weil er sich von allen anderen Isolaten insofern unterschied, als er nur Affen um die Ecke brachte. Auch Laborarbeiter infizierten sich, zeigten aber keinerlei Krankheitssymptome. Reston tauchte in den folgenden Jahren außerdem in Texas und in einer Quarantänestation in Italien auf. Seine Spuren wurden zurückverfolgt bis auf die Philippinen, von wo die Versuchstiere exportiert worden waren. Nie ganz geklärt wurde, wo und wie sie sich angesteckt hatten.

Die Militärforscher starteten eine Versuchsreihe, bei der Rhesusaffen einen Nebel einatmen mussten, der aus einer zerstäubten Flüssigkeit bestand, die unterschiedlich hohe Konzentrationen von Reston-Ebola enthielt. Innerhalb einer Woche starben die meisten Versuchstiere. Unter natürlichen Bedingungen, mutmaßten die Experten, sei dieser Übertragungsweg möglicherweise deshalb nie beobachtet worden, weil sich Ebola-Viren im heißen und feuchten Klima der Tropen nicht lange in der Luft halten. In kalten und gemäßigten Zonen sei nicht auszuschließen, dass sich Ebola, ähnlich wie Grippe, in Form eines Aerosols verbreiten könnte. Eine zweite Versuchsreihe, die 2012 mit einem Ebola-Virus durchgeführt wurde, dass in Sudan zugeschlagen hatte, kam zum selben Ergebnis.

Übertragen auf die Logik der „gain of function“-Experimente, würde das heißen: Ausreichend viele Passagen durch Versuchstiere, die unter kontrollierten Laborbedingungen gehalten werden, würden vielleicht reichen, um den Killerkeim das Fliegen zu lehren. Vielleicht aber auch nicht: Solche Kamikaze-Versuche sollten in der Realität tabu sein.

Im Roman sind sie es natürlich nicht. Dort harrt Jimmy im Hochsicherheitstrakt aus, bis alle Nachrichtensender verstummen und selbst der Urheber der Seuche vor der Sicherheitsschleuse krepiert ist. Dann geht er hinüber zu den Crakern. Das ist eine neue menschliche Rasse, die der Schurke Crake geschaffen hatte, um nach der Apokalypse eine friedlichere Welt zu bevölkern.

„Sie schienen glücklich zu sein, oder zumindest zufrieden. Sie ästen, sie schliefen, die Mütter stillten ihre Kinder, die Kleinen spielten. Die Männer pinkelten im Kreis. Eine der Frauen kam in ihre blaue Phase, und die Männer führten ihren Verehrungstanz auf. Azurfarbene Penisse wiegten sich im Takt. Dann gab es ein Fruchtbarkeitsfest zu fünft, abseits im Gebüsch.“

Hier stößt Margaret Atwoods pessimistische - oder muss man sogar sagen: hoffnungsvolle? - Vision an faktische Grenzen. Die Craker sind das Resultat eines radikalen Eingriffs in die menschliche Keimbahn. Sie besitzen ein Verdauungssystem, das ähnlich wie das von Wiederkäuern funktioniert, folglich sind sie strikte Vegetarier, die sich allein von Wurzeln, Gras und Blättern ernähren. Caecotroph sind sie außerdem, das heißt, dass ein Teil der Nahrung wie bei den Hasen separat im Blinddarm verwertet und ein zweites Mal verzehrt wird. Es fehlen ihnen jene Gehirnstrukturen, die für Konkurrenzdenken und Hierarchien sorgen, ergo kennen sie weder Streit noch abstraktes Denken. Ihr Paarungsverhalten ist den Pavianen abgeschaut, die Blaufärbung der Genitalien während der Brunst kommt unter Mitwirkung der Chromophoren des Tintenfischs zustande. Wenn einer von ihnen traurig oder verletzt ist, schnurren die Craker wie Katzen. Ein eingebauter Wachstumsfaktor sorgt dafür, dass sie schnell erwachsen werden und im Alter von dreißig Jahren sterben. So ergibt sich eine rasche Generationenfolge.

Nur wenige Menschen haben die Apokalypse überlebt. Der Evolution wird schon etwas einfallen.
Nur wenige Menschen haben die Apokalypse überlebt. Der Evolution wird schon etwas einfallen. Bild: Jason Courtney

Strahlenresistente Greifschwanztypen

Die wäre auch nötig, wenn man in überschaubaren Zeiträumen eine neue Menschenrasse züchten wollte. Mit den heute zur Verfügung stehenden gentechnischen Mitteln sind solche massiven Veränderungen nicht zu erzielen. Und wahrscheinlich auch nicht mit denen von morgen: Bei aller Präzision des „genome editing“ wird es nicht möglich sein, ganze Verhaltenskomplexe von einer Art auf die andere zu übertragen, ganz zu schweigen von morphologischen Merkmalen, die mit der Anatomie des Menschen nicht vereinbar sind. Um gänzlich neue Eigenschaften zu erwerben, muss eine Population nach den Gesetzen der Evolution durch einen engen genetischen Flaschenhals hindurch. Geographische Isolation und anschließende Inzucht unter wenigen Gründerindividuen wäre ein denkbares Szenario. Der Schriftsteller Kurt Vonnegut hat es in seinem Roman „Galápagos“ durchgespielt. Eine Million Jahre vergehen darin, bis sich eine Handvoll Schiffbrüchiger, die als letzte Überlebende auf einer Insel gestrandet sind, zu robbenähnlichen Wesen entwickeln; weil nur diejenigen im Vorteil sind, die erfolgreich nach Nahrung tauchen, entwickeln sie einen Stromlinienschädel samt fischähnlicher Schnauze, was nebenbei das größte Problem des Homo sapiens löst, das nach Vonneguts Meinung in seinem übergroßen Hirn zu suchen ist.

Komplett versponnen ist das nicht. Die irdische Evolution hat seit dem Archaikum schon erstaunlichere Lebensformen hervorgebracht. Als Spielmasse dienten ihr zahllose Mutationen, die von einer sich stark verändernden Umwelt ausgelesen wurden. Radioaktive Strahlung spielte eine Rolle. Sie wirkt überwiegend destruktiv auf das Erbgut, kann die Mutationsrate aber erheblich steigern. Bei Vonnegut ist die einzige überlebende Frau im gebärfähigen Alter nicht zufällig die Enkelin eines Hiroshima-Opfers.

Ein atomarer Holocaust, der einen Großteil der Menschheit vernichtet hätte, war in der Zeit des Kalten Krieges eine reale Bedrohung. Ganz verschwunden ist sie nicht, höchstens abgelöst durch die Angst vor einer weltweiten Seuche. Wie es dann mit dem Homo sapiens weitergehen könnte, war schon einmal Gegenstand einer berühmt-berüchtigten Diskussion. Auf einer Tagung der City-Geigy-Foundation spekulierten 1962 führende angelsächsische Biologen über wünschenswerte eugenische Maßnahmen. Der einflussreiche Theoretiker John Haldane sah damals die Notwendigkeit voraus, „strahlenresistente Greifschwanztypen“ heranzubilden, die als künftige Astronauten besser an die Bedingungen des Weltraums angepasst wären, der angesichts drohender Katastrophen zwangsläufig zu erobern wäre.

Das ist ein halbes Jahrhundert her. Die Biologie ist seitdem von einer analytisch-beschreibenden zu einer technisch angewandten Wissenschaft geworden. Eingriffe ins Erbgut werden per se nicht mehr als frivol empfunden. Niemand wittert einen Verstoß gegen die Menschenwürde, wenn Chirurgen Herzen verpflanzen, kaum jemand findet etwas dabei, wenn Kinder in der Retorte gezeugt werden. Die Methoden der Gentechnik indes werden immer undurchschaubarer für den Laien. Hinzu kommt, dass die Kluft zwischen dem, was wir vom Leben verstehen, und der Fähigkeit, es nach unseren Vorstellungen zu formen, beinahe mit jedem Fortschritt wächst.

Helfen uns Romane wie Margaret Atwoods Trilogie, zu verstehen, was da vor sich geht? Ja und nein. Sie deuten an, wohin der Weg gehen könnte. Sie zeigen aber nicht, was auf dem Boden der Tatsachen geschieht.

Die deutsche Ausgabe der Romane von Margaret Atwood ist im Berlin Verlag erschienen: „Oryx und Crake“ (2003), „Das Jahr der Flut“ (2009), „Die Geschichte von Zeb“ (2014).

Quelle: F.A.S.
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