Folgen für die Gesundheit

WHO empfiehlt massive Senkung der Luftschadstoffe

Von Joachim Müller-Jung
22.09.2021
, 18:16
Autos, LKWs und Lieferfahrzeuge fahren auf dem Kaiserdamm in Berlin stadteinwärts.
Millionen Menschen mehr als bislang angenommen atmen gesundheitsschädliche Luft ein. Deshalb sollten die Grenzwerte für Luftschadstoffe praktisch überall deutlich reduziert werden, fordert die Weltgesundheitsorganisation. Was sagen Fachleute dazu?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bringt mit der Veröffentlichung neuer Leitlinien für Luftschadstoffe die Industriestaaten und insbesondere die Europäische Union in Zugzwang. Die neuen Richtwerte zeigen deutlich: Die Folgen der Luftverschmutzung in der Außenluft wurden lange Zeit deutlich unterschätzt. Das gilt insbesondere für Feinstaub und Stickstoffdioxid. Die bisher gültigen Richtwerte stammen aus dem Jahr 2005. Die neue WHO-Empfehlung für die Langzeitbelastung mit Feinstaub PM2.5 liegt nun bei 5 statt bisher 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (EU-Grenzwert 25 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft), die für Feinstaub PM10 bei 15 statt bisher 20 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (EU-Grenzwert 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft). Deutlich fällt die Absenkung des Jahresgrenzwerts bei Stickstoffdioxid von bisher 40 auf nunmehr 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft sowie die neue Einführung eines Grenzwerts für Halbjahresbelastungen mit Ozon.

Etwa acht Prozent der städtischen Bevölkerung in der Europäischen Union sind derzeit Langzeitbelastungen mit Feinstaub PM2.5 ausgesetzt, die bereits die Grenzwerte der EU überschreiten; sogar 77 Prozent sind es, wenn die bisherigen WHO-Richtwerte als Maßstab gelten. Die WHO betont: Wenn ihre Richtwerte für Feinstaub PM2.5 eingehalten werden würden, könnten etwa 80 Prozent der auf diesen Schadstoff zurückzuführenden vorzeitigen Todesfälle vermieden werden.

WHO legt Richtwerte gesundheitlich präventiv fest

Für neue Unruhe dürfte die Absenkung der Richtwerte in Brüssel führen. Im März diesen Jahres hat das Europäische Parlament die EU-Gesetzgeber aufgefordert, die EU-Luftqualitätsnormen zu aktualisieren, sobald die neuen WHO-Leitlinien veröffentlicht sind und dabei die Grenzwerte an den Empfehlungen zu orientieren. Der bisherige Zeitplan sieht diese Aktualisierung für das dritte Quartal 2022 vor.

Eine Messstation zur lufthygienischen Überwachung von Feinstaub und Stickstoffoxiden steht nahe einer Hauptverkehrsstraße in Hannover.
Eine Messstation zur lufthygienischen Überwachung von Feinstaub und Stickstoffoxiden steht nahe einer Hauptverkehrsstraße in Hannover. Bild: dpa

Die Weltgesundheitsorganisation legt ihre Richtwerte rein gesundheitlich präventiv fest. Sie sucht dabei nach Exposition-Wirkung-Zusammenhängen: Wann führt welcher Zusammenhang in welcher Dosis zu welchen gesundheitlichen Effekten? Die Arbeiten an den neuen WHO-Leitlinien starteten 2016. Neben der Analyse von mehr als 500 Publikationen fanden unter anderem auch Begutachtungen durch externe Sachverständige statt. Fast einhellig werden die strengeren Luftqualitätsstandards von Umwelt- und Gesundheitsexperten begrüßt, allerdings verweisen sie auch auf die Schwierigkeiten, die entsprechend nötigen Luftreinhaltemaßnahmen in allen Ländern umzusetzen.

Zur Veröffentlichung der WHO hat das Science Media Center (SMC) in Köln zahlreiche Fachleute befragt. FAZ.NET trägt ihre Reaktionen zusammen:

Nino Künzli vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut war an der Entwicklung der neuen Leitlinien beteiligt: „Die Richtwerte mussten nach unten korrigiert werden, da in den vergangenen 15 Jahren sehr große Langzeitstudien mit zum Teil mehreren Hunderttausend TeilnehmerInnen publiziert wurden, an denen auch Regionen mit sehr geringer Schadstoffbelastung – zum Beispiel die Schweiz – beteiligt waren. Daraus ließ sich der Zusammenhang zwischen der Schadstoffkonzentration draußen an der Wohnadresse und der Gesundheit auch für Konzentrationen herleiten, welche weit unter den bisherigen Richtwerten liegen. Die Studien bestätigen, was sich vor 20 Jahren noch nicht belegen ließ: Es gibt keine ‚unschädlichen Schwellenwerte‘ der Luftverschmutzung. Die neuen WHO-Richtwerte entsprechen den tiefsten Werten, für welche solide und replizierbare Daten vorliegen.“ Das ergebe sich, „dass sich jede Verbesserung der Luftqualität lohnt – in stark belasteten als auch in weniger stark belasteten Regionen“.

Annette Peters vom Helmholtz Zentrum München: „Die neuen WHO-Leitlinien sind eine wichtige Entwicklung und ein großer Schritt nach vorne, da sie Richtwerte vorgeben, die durch viele neue und große Studien belegt sind. Diese Werte sind in der Lage, die Gesundheit wirkungsvoll zu schützen. Sehr gut ist es aus meiner Sicht, dass sowohl Richtwerte für Jahresmittelwerte als auch Werte für kurzzeitige Belastungen empfohlen werden. Insbesondere beim Feinstaub wurde bei der Abschätzung der Krankheitslast schon von diesen Werten ausgegangen“.

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Hartmut Herrmann vom Leibniz-Institut für Troposphärenforschung in Leipzig: „Diese neue Generation von Richtwerten setzt die Messlatte deutlich höher und wird weitere, substantielle Maßnahmen zur weiteren Verbesserung der Luftqualität erfordern. Die neuen Messwerte sollten uns von der Einschätzung ‚mission completed‘ in Deutschland und Europa schützen, denn neuere Modellierungen zeigen eine erhebliche Exzess-Mortalität und Morbidität in Europa (und weltweit), die klar auf die einzelnen Komponenten der Luftverschmutzung zurückzuführen sind.“

Tamara Schikowski, Umweltepidemiologin am Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung an der Universität Düsseldorf: „Die neuen Richtwerte der WHO-Leitlinien sind viel niedriger als erwartet und sehr ambitioniert. Es ist daher fraglich, inwieweit viele Schwellenländer wie Indien oder China, aber auch Länder in Europa – zum Beispiel Polen – diese Werte erreichen können. Insbesondere die jährlichen Konzentrationen für Stickstoffdioxid sind überraschend niedrig, und es wird schwer sein, diese niedrigen Werte auch in Deutschland zu erreichen. Wiederum hätte ich bei anderen Schadstoffen wie zum Beispiel Schwefeldioxid oder Ozon eine stärkere Veränderung erwartet.“

Marcel Langner vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau: „Derzeit liegen wir in Deutschland nur in Bezug auf Kohlenmonoxid CO unter den neu festgelegten WHO-Richtwerten. Bei Ozon, NO2 und Feinstaub PM2.5 liegen wir weit darüber. Auch bei der Umsetzung der im nationalen Luftreinhalteprogramm festgelegten Minderungsmaßnahmen würden die Richtwerte für Ozon, Feinstaub und NO2 bis 2030 nicht überall erreicht. Daher wird die Umsetzung der Richtwerte eine langfristige Aufgabe sein. Sie darf dabei nicht nur auf eine stückweise Reduktion der Emissionen setzen, wie dies in den vergangenen Jahren zum Beispiel bei den Abgasnormen der Fall war.“

Barbara Hoffmann vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität Düsseldorf sieht vor allem die EU in der Pflicht: „In Europa haben wir sehr unterschiedliche Konzentrationen von Feinstaub, also PM2.5 und PM10. Viele Länder liegen bereits deutlich unter den jetzigen sehr laxen gesetzlichen Grenzwerten der EU, andere haben Probleme, diese Grenzwerte einzuhalten. Wir brauchen daher zwei Elemente in der Gesetzgebung: Erstens einen strengeren festen Grenzwert für PM2.5, der überall eingehalten werden muss, um ein Mindestmaß an Gesundheitsschutz in ganz Europa zu erreichen. Zweitens müssen wir aber überall die Belastung gegenüber Luftschadstoffen absenken – nicht nur da, wo Spitzenwerte vorliegen, sondern auch dort, wo die Werte schon niedriger sind. Diese Absenkung muss verpflichtend sein, damit sie Wirkung entfaltet, zum Beispiel jedes Jahr um einen bestimmten Prozentsatz. Damit können wir für alle die Situation verbessern.“

Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner an der Medizinischen Universität Wien: „Angesichts der Überschreitungen speziell der Jahresrichtwerte sind in den meisten EU-Staaten erhebliche Anstrengungen notwendig. Das Moratorium hinsichtlich der jährlichen Absenkung kann nicht aufrechterhalten werden. Auf allen Ebenen muss es einschneidende Maßnahmen geben: Straßenverkehr, Kohlekraftwerke, Hausbrand, kurz gesagt Verbrennungsvorgänge. Die WHO hat aufgelistet, was für Maßnahmen sie für notwendig hält.“

Dass Stickstoffdioxid keine große Bedeutung haben soll, wie immer noch oft behauptet wird, bestreitet der Atmosphärenforscher Markus Kalberer von der Universität Basel: „In Europa hat Feinstaub einen etwa zehnmal größeren Gesundheitseffekt als Stickstoffdioxid. Damit könnte man folgern, dass Anstrengungen zur Verringerung von NOx nicht relevant sind. Man muss aber berücksichtigen, dass ein bedeutender Teil der Feinstaubmasse aus Nitrat besteht, welches in der Atmosphäre unter Einwirkung von Sonnenlicht aus Stickstoffdioxid entsteht. Deshalb hat eine Verringerung der NO2-Konzentrationen auch einen positiven Effekt auf die Feinstaub-Werte.“

Volker Matthias vom Institut für Umweltchemie des Küstenraumes am Helmholtz Zentrum Hereon Geesthacht hält eine Absenkung der Stickoxidwerte auch im Zusammenhang mit der Klimapolitik für machbar: „Beim Stickstoffdioxid ist eine Absenkung in mehreren Stufen, wie sie ja auch die WHO vorschlägt, durchaus denkbar. Die Erreichung von Luftqualitätszielen kann mit der Erreichung von Klimazielen einhergehen. Wenn beides zusammen gedacht wird, sind in den nächsten Jahren große Fortschritte möglich.“

Erkenntnislücken im Hinblick auf die Gesundheitseffekte werden aber auch mit den neuen WHO-Leitlinien sichtbar: Umweltchemiker Matthias: „Die WHO-Leitlinien geben auch Empfehlungen für weitere Luftschadstoffe, deren Zusammenhang mit Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen bisher nicht ausreichend nachgewiesen sind. Besonders die ultrafeinen Partikel erfordern Aufmerksamkeit, da sie nicht nur tief in die Lunge, sondern auch in die Blutbahn gelangen können. Andere, von der WHO nicht betrachtete krebserregende Stoffe wie polyaromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) erfordern möglicherweise ebenfalls eine Regulierung. Sie entstehen zum Beispiel bei der immer weiter verbreiteten Verbrennung von Holz. Für ein besonders krebserregendes PAK, das Benzo(a)pyren, gibt es in Europa immerhin schon Zielwerte.“

Stärker in den Fokus der Gesundheitsforschung rücken müsse nach Ansicht von Barbara Hoffmann insbesondere der Ultrafeinstaub: „Für die ultrafeinen Partikel, die so klein und leicht sind, dass sie bei den normalen Messungen von Feinstaub nicht berücksichtigt werden, gibt es noch nicht genug Studien, um einen WHO-Richtwert abzuleiten. Die wissenschaftlichen Studien deuten darauf hin, dass diese ultrafeinen Schadstoffe möglicherweise besonders gefährlich sind, weil sie in den Körper und sogar in das Gehirn eindringen können. An dieser Stelle müssen wir dringend weitere Studien durchführen.“

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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