Herzrhythmusstörungen

Implantierte Lebensretter in Verruf

Von Nicola von Lutterotti
13.09.2007
, 11:54
Ins Gerede gekommen: Implantierte Taktgeber
Menschen mit lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen können Defibrillatoren implantiert bekommen. Diese sind jedoch nicht ohne Tücken, wie der Tod eines jungen Patienten zeigt. Die Fehlfunktionen sind jedoch meist vom Menschen verursacht.
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Viele Herzkranke, die sich einen sogenannten Defibrillator haben implantieren lassen, sind verunsichert. Denn in den vergangenen Jahren gab es mehrfach Berichte über folgenschwere Mängel bei diesen Elektroschockgeräten, die lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen automatisch entgegenwirken sollen. So war ein junger Mann vor zwei Jahren sogar an den Folgen von schwerem Herzrasen gestorben, weil sein Schockgeber im entscheidenden Augenblick versagt hatte.

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Zahlreiche Patienten haben fast panikartig reagiert und den Defibrillator sofort entfernen lassen. Es wurden mehr als 70.000 Geräte des in Verruf geratenen Typs ausgebaut und durch andere Modelle ersetzt. Die Debatte über die Zuverlässigkeit solcher Apparate ist damit aber noch nicht vom Tisch. Auch auf der in der vergangenen Woche in Wien zu Ende gegangenen Jahrestagung der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie, mit rund 30.000 Teilnehmern einem der größten Medizinkongresse der Welt, kam dieses Thema zur Sprache. Die Frage nach den Risiken der - zweifellos oft lebensrettenden - Therapie stellt sich umso mehr, als eine wachsende Zahl von Patienten mit solchen Systemen versorgt wird.

Unrühmliche Rolle eines Herstellers und der FDA

Wenig Verständnis für die flächendeckende Entfernung der ins Gerede gekommenen Schockgeräte äußerte Bruce Wilkoff von der Cleveland Clinic Foundation. Der Austausch solcher Apparate berge nämlich ebenfalls gesundheitliche Gefahren, denen man die Patienten nicht leichtfertig aussetzen dürfe. Längst nicht alle ausgebauten Systeme hätten bedrohliche Mängel aufgewiesen. Sie hätten daher nicht sofort ersetzt werden müssen. Dass die Elektroschocktherapie schwere Komplikationen hervorrufen kann, sei zudem schon länger bekannt. Wie der amerikanische Experte zugleich bemängelte, wird über die Häufigkeit solcher Zwischenfälle bislang viel zu wenig Buch geführt.

Lebensrettendes Implantat: Defibrillator
Lebensrettendes Implantat: Defibrillator Bild: AP

Erheblich in die Kritik geraten ist bei dem Debakel um die schadhaften Defibrillatoren unter anderem die Geräteindustrie. Angeblich wusste ein Hersteller schon lange vor dem fatalen Unglücksfall um die Anfälligkeit einer seiner Defibrillatoren, hatte die Ärzte hierüber jedoch nicht in Kenntnis gesetzt. Auch soll das Unternehmen die unzuverlässigen Systeme noch längere Zeit verkauft haben. Eine unrühmliche Rolle in dem tödlichen Versteckspiel spielte außerdem die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA. Laut Robert Hauser und Barry Maron vom Herzinstitut in Minneapolis (Minnesota), den Ärzten des am plötzlichen Herztod verstorbenen jungen Mannes, war die FDA von dem Hersteller Guidant frühzeitig über die technischen Schwächen eines der später zurückgezogenen Apparate informiert worden. Die Behörde hatte ihr Wissen jedoch ebenfalls für sich behalten - weshalb, bleibt bis heute ihr Amtsgeheimnis.

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„98 Prozent menschliches Verschulden“

Als die größte Schwachstelle der Defibrillatoren gelten die über das Gefäßsystem in das Herz vorgeschobenen Elektrodenkabel. So wurde häufiger berichtet, dass die Stromleitungen abbrechen oder ihre Isolierschicht verlieren, was Kurzschlüsse oder andere Fehlfunktionen zur Folge hat. Das Versagen der Technik ist gleichwohl nicht der einzige Grund, weshalb die Elektroschocktherapie mitunter fehlschlägt. Ganz oben auf der Liste der Komplikationen stehen die Infektionen. So können sich bei der Implantation der Geräte - meist werden diese unterhalb des linken Schlüsselbeins in die Haut versenkt - eingeschleppte Bakterien leicht vermehren, weil der Körper das fremde Material mit einem kompakten, für die Abwehrzellen schwer durchdringbaren Narbenkokon umgibt. Bemerkbar macht sich der Bakterienbefall häufig aber erst beim Austausch des Defibrillators, wenn die Bindegewebskapsel geöffnet wird und die Erreger in die Blutbahn gelangen. Dies ist auch der Grund, weshalb die Gefahr von Infektionen mit jedem Gerätewechsel steigt.

Bei sachgerechtem Vorgehen lässt sich das Eindringen von Bakterien jedoch weitgehend vermeiden, wie Wilkoff auf der Wiener Tagung berichtete. Vertretbar sind demnach Infektionsraten von weniger als einem Prozent bei der ersten und von weniger als drei Prozent bei der zweiten Implantation. Die Wirklichkeit sieht freilich anders aus. So scheinen Infektionsraten von mehr als zehn Prozent keine Seltenheit zu sein. Auch die Elektrodenbrüche und viele andere technische Mängel gehen offenbar häufig auf unzureichende Fachkenntnisse zurück. Nach Angaben von Wilkoff beruhen nur etwa zwei Prozent aller Systemfehler auf einer Schwäche des Produkts, alle übrigen seien den Ärzten anzulasten. Ähnliche Erfahrungen machen offenbar auch deutsche Kardiologen. Wie Helmut Klein von der Universität Magdeburg anmerkte, vergeht an seiner Klinik keine Woche, in der er und seine Gruppe nicht die Folgen unsachgemäß implantierter Defibrillatoren angehen müssten.

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Eher eine Qual als einen Segen

Dank der großzügigen Vergütung durch die Krankenkassen scheint die Implantation von Defibrillatoren hierzulande für viele Kliniken ein gutes Geschäft zu sein. Das Nachsehen haben allerdings die Patienten. Denn bei dem Gerangel um die gut bezahlten Apparate wird leicht vergessen, dass die fachgerechte Implantation und Wartung ein erhebliches Maß an Erfahrung erfordern, sich solche Fertigkeiten zudem nicht im Schnellverfahren erlernen lassen. Nicht umsonst gibt es in der Kardiologie einen eigenen - Elektrophysiologie genannten - Fachbereich, der sich mit der zunehmend komplexeren Therapie von Herzrhythmusstörungen befasst. Der Mangel an Elektrophysiologen sei auch ein wesentlicher Grund dafür, sagte der Kardiologe John Camm von der St.-George's-Universität in London, dass Defibrillatoren in seinem Heimatland äußerst zurückhaltend implantiert werden.

Weltweite Spitzenreiter in der Anwendung der implantierbaren Lebensretter sind die Vereinigten Staaten. Dort werden, bezogen auf die Einwohnerzahl, doppelt so viele Patienten mit Elektroschockgeräten versorgt wie in Deutschland, das in Europa die einschlägige Liste anführt. Wie Gerhard Steinbeck vom Klinikum Großhadern der Ludwig-Maximilians-Universität München erläuterte, kommt das Verfahren vornehmlich Personen zugute, die zum Beispiel aufgrund eines Infarkts an schwerer Herzschwäche leiden und daher besonders von einem plötzlichen Herztod bedroht sind. Wenig sinnvoll sei die Anwendung der Elektroschocktherapie demgegenüber bei Schwerkranken mit geringer Lebenserwartung. In dem Fall stellten die Geräte eher eine Qual als einen Segen dar.

„Luxusmodelle unnötig“

Als unnötig bezeichnete Steinbeck es darüber hinaus, allen Betroffenen gleich einen der modernen, technisch besonders komplexen und damit auch besonders teuren Schockgeber einzusetzen. Diese Defibrillatoren können Rhythmusstörungen oft schon beenden, bevor es zu schwerem Herzrasen kommt. Sie haben mitunter aber ebenfalls ihre Tücken, wie der Münchner Kardiologe erläuterte.

Anders als sein niederländischer Kollege Joep Smeets von der Universität in Nijmegen, der für die ausschließliche Verwendung der Luxusmodelle plädierte, hält Steinbeck die Anwendung der einfachen Geräte für häufig ausreichend. Eine gute Option seien diese meist für Patienten, die noch kein schweres Herzrasen erlitten hätten. Denn es gebe bislang keine Beweise dafür, dass die Betroffenen von den komplexen Systemen mehr profitierten als von den einfachen.

Quelle: F.A.Z., 12.09.2007, Nr. 212 / Seite N2
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