Geburtsmedizin

Zu viel Zug am zarten Babyköpfchen?

Von Martina Lenzen-Schulte
09.04.2019
, 16:20
Geburten verlaufen nicht immer ohne Komplikationen
Kinder, die unter Zuhilfenahme von Saugglocken oder Zangen zur Welt kommen, erkranken überdurchschnittlich häufig an Hirntumoren und Nervenschäden. Dennoch steigt die Zahl der Saugglockengeburten spürbar an.
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Eine erhebliche Zahl von Kindern muss sich mit Hilfe der Vakuum-Saugglocke oder einer Geburtszange zur Welt ziehen lassen. Im Jahr 2017 benötigten laut Statistik-Portal „statista.de“ 45.166 von insgesamt 784.901 Neugeborenen die Saugglocke, für dasselbe Jahr meldet die Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2580 Zangengeburten. Bisher galten beide Instrumente vor allem deshalb als problematisch, weil sie bei den Gebärenden erhebliche Verletzungen und dauerhafte Schäden anrichten können. Die jüngste Auswertung des griechischen Kinderkrebsregisters lenkt nun den Blick auf die Risiken für das Kind. Womöglich sind diese Instrumente auch für die zarten, noch nicht fest verknöcherten Köpfchen der Kinder und ihre Gehirne zu rabiat.

Forscher von der Universität Athen haben unter Federführung von Eleni Petridou die Daten des „National Registry for Childhood Hematological Malignancies and Solid Tumors“ (Narechem-ST) ausgewertet, das Faktoren für Krebserkrankungen im Kindesalter identifizieren will. Daraus wurden die Angaben zum Geburtsverlauf von 203 Kindern mit der Diagnose Hirntumor mit denen von 406 Kindern gleichen Alters verglichen, die nicht an Krebs erkrankt waren. Nach Saugglocken- oder Zangengeburt war das Risiko, im Kindesalter einen Tumor des Zentralnervensystems zu entwickeln, um fast das Achtfache höher als jenes von Kindern, die ohne instrumentelle Hilfe entbunden worden waren, wie die Forscher um Eleni Petridou in der medizinischen Fachzeitschrift „Cancer Epidemiology“ berichten.

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Hirntumore machen rund 25 Prozent aller Krebsfälle im Deutschen Kinderkrebsregister aus, sie betreffen zwei bis vier Kinder und Jugendliche von hunderttausend im Alter von bis zu 15 Jahren. Tendenz steigend. Zwar überleben weit mehr Kinder als früher eine solche Krebserkrankung, allerdings kann über die Hälfte von ihnen später kein unabhängiges Leben führen und ist auf Hilfe angewiesen. Betrachtet man die absoluten Zahlen, so ist die für die instrumentellen Geburten festgestellte Risikoerhöhung dennoch gering, da jährlich insgesamt etwa fünfhundert Kinder in ganz Deutschland neu an einem Hirntumor erkranken.

Unterschätzte Sogkräfte

Zudem ist die rein statistische Korrelation zwischen Geburtsvorgang und Tumorrate nur ein Fingerzeig: Ob hier ein ursächlicher Zusammenhang besteht, müsste genauer untersucht werden. Allerdings besteht Anlass, nach dem Ausmaß der Gewalteinwirkung zu fragen, dem der Kopf des Ungeborenen ausgesetzt ist. Es könne sein – so lautet die Vermutung der griechischen Wissenschaftler –, dass beim Herausziehen der Kopf nicht nur äußerlich malträtiert wird. Bekannt ist überdies, dass bei Erwachsenen verletzungsbedingte Hirnläsionen mit einem höheren Risiko für bestimmte Hirntumore wie Gliome einhergehen. Das wiederum könnte plausibel erklären, warum der für den Babykopf schonendere Kaiserschnitt in der Studie die geringste Gefahr bedeutete. Denn nach einem Kaiserschnitt traten selbst im Vergleich zu einer komplikationslosen Normalgeburt noch einmal deutlich weniger Hirntumore auf.

Die Zange greift mit zwei Schalen oder Löffeln in den Geburtskanal, umfasst und fixiert das Köpfchen und zieht dann daran. Die Saugglocke wird mittels Unterdruck fixiert und setzt oben am Scheitel an, sie gilt deshalb als weniger traumatisch für die Mutter. Der Sog für das Kind ist allerdings nicht zu vernachlässigen. Gunilla Ajne und ihre Kollegen von der Frauenklinik am Karolinska-Institut in Stockholm haben das in einer Studie in der Zeitschrift „BJOG“ gemessen. Sie stellten fest, dass bei leichtem Zug durchschnittlich 176 Newton einwirken, muss man stark ziehen, sind es schon bis zu 241 Newton. Selbst Geburtshelfer waren überrascht, hatten sie die Sogkräfte doch um die Hälfte zu niedrig eingeschätzt.

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Schon länger wird überdies diskutiert, ob das Geburtsgewicht, die Größe und die Wachstumsdynamik des Ungeborenen das Risiko für Gehirntumoren erhöhen könnten. Zwar fallen die Resultate nicht einheitlich aus. Aber in einer der Studien ging ein großer Kopfumfang später bei jungen Männern mit einem höheren Risiko für Meningeome einher. Das sind Tumore, die aus den Hirnhäuten hervorgehen. Eine Auswertung mehrerer Studien, an der auch Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg beteiligt waren, belegt ebenfalls eine Korrelation zwischen einem hohen Geburtsgewicht und bestimmten Hirntumoren – in diesem Fall waren es Astrozytome, deren Ursprung die Füllzellen im Gehirn sind.

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Mehr Qualitätskontrolle bei Saugglockengeburten

Ein schweres Kind oder eines mit überdurchschnittlich großem Kopf bleibt eher im Geburtskanal stecken. Wenn sich die Geburt verzögert und sich am Ende im Kreißsaal nervöse Hektik breitmacht, weil beim Kind ein Sauerstoffmangel droht, soll meist die Saugglocke es richten. Es könnte sich also um einen mittelbaren Effekt handeln. Das gilt auch für andere Schäden am Gehirn des Kindes. So geht aus einer Analyse des schwedischen Geburtsregisters – es erfasst nahezu lückenlos 99 Prozent der Geburten – hervor, dass nach einer Saugglockengeburt umso mehr Schäden zu fürchten sind, je schwerer das Kind bei der Geburt ist. Das gilt für Krampfanfälle, Lähmungen der Armnerven oder auch Blutungen innerhalb des Schädels.

Wenn bei einem großen Kopf oder schweren Kind die Saugglocke abrutscht und mehrere Versuche notwendig sind, werden nicht nur Mutter und Baby unnötig traktiert, es vergeht auch wertvolle Zeit, wenn am Ende doch nur ein Kaiserschnitt das Kind retten kann. Die korrekte Plazierung der Saugglocke ist daher essentiell, wie Untersuchungen am Universitätsspital in Zürich zeigen. Dort bemüht man sich geradezu vorbildlich, die Schäden für Mutter und Kind durch eine Analyse möglicher Fehlerquellen zu minimieren.

In Zürich dokumentieren die Ärzte bereits seit mehreren Jahren, wo sich bei einer Geburt der Abdruck der Saugglocke am kindlichen Köpfchen befand. Damit lässt sich später objektiv nachvollziehen, ob die Glocke korrekt plaziert war – eine Form von Qualitätskontrolle, wie sie für alle Geburtskliniken verbindlich sein sollte. Erkennbare Verbesserungen führt man in Zürich darauf zurück, dass sich die Geburtshelfer durch dieses Vorgehen verstärkt beobachtet fühlen. Dies funktioniere allerdings nur mit der positiven Einstellung, mit Fehlern konstruktiv umgehen zu wollen, heißt es in der Arbeit, die in der „Zeitschrift Geburtshilfe und Neonatologie“ erschienen ist.

Das zeigt aber auch, dass immer mehr Ärzte die Vakuumentbindung nicht einfach als Variante der natürlichen Geburt sehen, sondern als Geburtsform mit eigenen Risiken. Dennoch kommt sie immer häufiger zum Einsatz. Waren es im Jahr 2007 noch 30.836 Vakuumgeburten, kamen bis 2017 noch einmal rund 15.000 hinzu. Dies ist nicht allein der seither gestiegenen Geburtenrate geschuldet. Das liegt vor allem daran, dass die immer älter werdenden Erstgebärenden, die immer öfter schwerere Kinder haben, immer kompliziertere Geburten durchleben müssen. Wenn trotz solcher Handicaps die natürliche Geburt favorisiert wird, bleibt meist nur die Saugglocke, um die Geburt zu beenden, da die Zange angesichts noch größerer Nachteile kaum noch verwendet wird. Ein Aufsatz in der Zeitschrift „Die Hebamme“ belegt dies anhand von Erfahrungen am Evangelischen Diakoniekrankenhaus in Freiburg. Dort haben Geburtshelfer die Kaiserschnittrate von 2009 bis 2013 zwar kontinuierlich von 30,3 Prozent auf 22,5 Prozent senken können. Das hatte jedoch seinen Preis, denn der Anteil der Saugglockengeburten lag dafür mit 16 Prozent weit über dem bundesdeutschen Durchschnitt von unter sechs Prozent. Ob solch ein „Tausch“ angesichts der aktuellen Studien wirklich sinnvoll ist, muss womöglich auf den Prüfstand.

Quelle: F.A.Z.
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