IAS-Präsident Chris Beyrer

„Wir müssen HIV-Medikamente auch zur Prävention einsetzen“

Von Peter-Philipp Schmitt
11.08.2016
, 10:23
„Es wäre schön, wenn Deutschland HIV-Medikamente vorbeugend als Schutz zulassen würde“: Aids-Forscher und IAS-Präsident Chris Beyrer in Durban
Alle zwei Jahre lädt die Internationale Aids-Gesellschaft (IAS) zur Welt-Aids-Konferenz. Chris Beyrer lobt den Einsatz Südafrikas und kritisiert, dass Infizierte stärker diskriminiert werden.
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Herr Beyrer, warum hat die diesjährige Welt-Aids-Konferenz zum zweiten Mal in Durban in Südafrika stattgefunden?

Eine Konferenz dieser Größe kann nur in wenigen Metropolen stattfinden. Für 18.000 Delegierte benötigt man einen Internationalen Flughafen, genügend Hotels und vor allem ein großes Konferenzzentrum. In vielen Ländern werden auch noch grundlegende Menschenrechte verletzt. Wir können die Konferenz nicht in einem Land abhalten, wo es illegal ist, homosexuell zu sein. Südafrika hat die Infrastruktur für so eine große Konferenz, und es hat eine Verfassung, die die Rechte aller Teilnehmer garantiert. So war Südafrika schon 2000 das einzige afrikanische Land, in dem eine Welt-Aids-Konferenz stattfinden konnte, und daran hat sich 16 Jahre später nichts geändert.

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Nach der ersten Konferenz in Durban hat die Regierung Thabo Mbeki noch fast ein Jahrzehnt einen Zusammenhang zwischen HIV und Aids geleugnet. Das hat sich seit 2009 geändert, seither bemüht sich Pretoria, der Epidemie auch mit Medikamenten Einhalt zu gebieten. War die Konferenz eine Art Belohnung für Jacob Zumas Aids-Kampf?

So ist es. Im Jahr 2000 gab es bereits eine wirksame HIV-Therapie, die antiretroviralen Medikamente waren 1996 auf der Konferenz in Vancouver vorgestellt worden. Doch die Kombinationstherapie stand nur wenigen Menschen zur Verfügung. Darum wollten wir damals nach Südafrika, um ein Zeichen gegen die HIV-Leugner und für die Therapie zu setzen. Nach Durban stimmte der größte Teil der Weltgemeinschaft überein, dass alle Infizierten ein Recht auf eine HIV-Behandlung haben – selbst in den ärmsten Ländern. 16 Jahre später bekommen nun mehr als 17 Millionen Infizierte die lebensrettende Behandlung, was eine große Errungenschaft ist. Und in keinem anderen Land werden inzwischen so viele Infizierte therapiert wie in Südafrika.

Internationale Welt-Aids-Konferenz 2016
Internationale Welt-Aids-Konferenz 2016 Bild: Marcus Rose

Sie wollten also den Einsatz der Regierung Zuma in Durban preisen?

Ja. Ihr Einsatz ist bemerkenswert und hat dazu geführt, dass 3,4 Millionen Infizierte mit HIV-Medikamenten versorgt werden. Zugleich infizieren sich noch sehr viele Südafrikaner, besonders junge Frauen, aber auch Prostituierte sowie homo- und bisexuelle Männer. Darum freut es uns, dass Südafrika 2015 als zweites Land nach den Vereinigten Staaten die Prä-Expositions-Prophylaxe, kurz Prep, zugelassen hat, mit der man sich vor einer Infektion schützen kann. Es wäre schön, wenn Deutschland dem Vorbild, HIV-Medikamente vorbeugend als Schutz zuzulassen, folgen würde.

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Zuma selbst war aber nicht in Durban.

Er wollte zur Konferenz kommen, doch klappte es leider nicht. Dafür schickte er seinen Stellvertreter Cyril Ramaphosa, der Vorsitzender des „South African National Aids Council“ ist. Das heißt, er ist politisch gesehen der für Aids zuständige Mann. Auch Gesundheitsminister Aaron Motsoaledi und weitere Kabinettskollegen traten bei der Konferenz auf.

Die Konferenz war sehr weiblich.

Das stimmt. Von den 735 Rednern waren etwas mehr als die Hälfte Frauen, und davon wiederum stammten 38 Prozent aus Afrika. Noch nie nahmen so viele afrikanische Wissenschaftler und Politiker an einer internationalen Aidskonferenz teil wie dieses Jahr in Durban.

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Es scheint – fast 35 Jahre nach der Entdeckung des HI-Virus – einen Generationenwechsel zu geben.

Es gibt tatsächlich eine neue Generation. Mir folgt als Präsident der Internationalen Aids-Gesellschaft (IAS) Linda-Gail Bekker nach, die in Zimbabwe geboren wurde und nun am „Desmond Tutu HIV Centre“ der Universität von Kapstadt forscht. Sie ist die erste Afrikanerin, die IAS-Präsidentin ist. Wir wollen Talente fördern. Zusammen mit der Nationalen Forschungsagentur Frankreichs (ANRS) und der französischen Nobelpreisträgerin Françoise Barré-Sinoussi haben wir auf der Konferenz fünf Wissenschaftler unter 35 Jahren als „Young Investigators“ ausgezeichnet. Die Forschung muss weitergehen. Dafür brauchen wir Geld und vor allem feste Zusagen. Insofern bereitet es uns Sorgen, dass der größte Geldgeber, die „National Institutes of Health“ (NIH) der Vereinigten Staaten, weniger für die HIV-Forschung ausgeben werden. Mehr als 20 Jahre flossen zehn Prozent des Etats in HIV/Aids, 2015 waren das drei Milliarden Dollar. Diese Regelung wurde nun aufgehoben.

Hat das auch mit der veränderten Haltung in Ihrer Heimat gegenüber Schwulen, Migranten und Transgender zu tun?

Das ist ein anderes großes Problem. Es gibt überall Rückschläge, was die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) angeht. Auch in Amerika, wo es als Reaktion auf die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe durch den Obersten Gerichtshof zu mehr als 100 Gesetzesinitiativen gekommen ist, die gegen die Rechte von LGBT gerichtet sind. Die republikanische Partei hat gerade erst die sogenannte Reparativtherapie in ihr Programm aufgenommen – eine schreckliche Stigmatisierung. Mit der Therapie sollen Homosexuelle von ihrer Homosexualität geheilt werden können, was wissenschaftlich völlig unhaltbar ist. Erwiesen hingegen ist, dass sie bei Homosexuellen zu Suiziden führt.

Könnte ein Präsident Donald Trump die Gelder für das amerikanische Aids-Programm Pepfar („The President’s Emergency Plan for Aids Relief“) ganz streichen, das auf bilateraler Ebene jährlich acht Milliarden Dollar für den Kampf gegen Aids zur Verfügung stellt?

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Jeder amerikanische Präsident könnte das wohl. Aber Pepfar, das von George W. Bush initiiert wurde, ist ein Gesetz, das im Kongress bisher von beiden Parteien getragen wird, und der Kongress hat sonst zuletzt nicht mehr viel zustande gebracht. Insofern gehe ich davon aus, dass Pepfar die nächsten Jahre abgesichert sein sollte.

Sie haben auch eine Studie vorgestellt.

Wir haben uns mit der Situation von infizierten Häftlingen beschäftigt, die von allen am meisten benachteiligt und ausgegrenzt werden. Etwa zehn Millionen Menschen sind derzeit eingekerkert. Und egal, auf welches Land Sie schauen, die Häftlinge haben stets höhere Infektionsraten als der Rest der Bevölkerung. Das gilt für Aids, Hepatitis und Tuberkulose. Die Wahrscheinlichkeit, sich in einem Gefängnis zu infizieren, ist also sehr hoch. Zugleich wird vielen Gefangenen eine Therapie vorenthalten, in Afrika in der Mehrheit der Länder. Das heißt, wir sperren Menschen ein, berauben sie damit der Möglichkeit, eine Therapie zu bekommen, und geben ihnen auch keine Therapie. Nur in 43 Ländern auf der Welt bekommen Gefangene HIV-Medikamente. In Amerika werden sie zwar therapiert, aber wir konnten zeigen, dass zum Beispiel in Texas 95 Prozent der Häftlinge – vor allem Afroamerikaner und Hispanics – gezwungen sind, ihre Therapie zu unterbrechen, weil sie nach ihrer Entlassung nicht direkt in HIV-Programme übernommen werden. Das ist im Jahr 2016 einfach nicht hinnehmbar.

Einen wissenschaftlichen Durchbruch hat es in Durban nicht gegeben. Was ist für Sie erwähnenswert?

Dreierlei: Wir beginnen erstens zu verstehen, warum es in bestimmten Gruppen noch immer sehr hohe Infektionsraten gibt, bei jungen Frauen im südlichen Afrika zum Beispiel, und was wir dagegen tun können. Zweitens haben etliche Studien gezeigt, dass ein früher Therapiebeginn mit antiretroviralen Medikamenten fast nur Vorteile bringt bis hin zu der Tatsache, dass Menschen unter Therapie das Virus nicht mehr übertragen. Drittens bleibt als große Herausforderung, dass sich das Virus im Körper verstecken kann. Darum haben eine Reihe von Forschern nun auch diese Virus-Reservoire verstärkt in Angriff genommen.

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Für was wird „Durban 2“ also in Erinnerung bleiben?

Durban hat vor 16 Jahren den Zugang zu HIV-Medikamenten ermöglicht, und das für alle Infizierten. Mit „Durban 2016“ hat die Prep-Ära begonnen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmitt, Peter-Philip
Peter-Philipp Schmitt
Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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