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Depressionen

„Ich habe mir mein Leben zurück erkämpft“

Von Jochen Schulz
 - 23:13
Es gibt immer mehr Selbsthilfegruppen für junge Depressionspatienten.

Wie krank Andreas Lubitz tatsächlich war und was an Bord genau passiert ist, werden wir wohl nie zu hundert Prozent erfahren. Ich bin selber depressiv, habe seit ein paar Jahren mit Depressionen zu kämpfen, und mich macht es wirklich traurig, ja wütend, wie über die psychische Krankheit im Zusammenhang mit diesem schrecklichen Vorfall berichtet wird. Wer glaubt ernsthaft daran, dass sich jetzt noch jemand offen zu seiner Krankheit bekennt, wenn diese immer im Schatten dieser Tat steht?

Ich beobachte seit Tagen geradezu eine Hetzjagd, die auf Menschen mit einer psychischen Erkrankung eröffnet wurde. Als ich von dem Unglück erfahren habe, war ich schockiert. Ich habe versucht, in die Gefühlswelt des Kopiloten einzutauchen. Dazu muss man wissen, dass auch ich schon öfter Selbstmordgedanken hatte und mit dem Gedanken gespielt habe, meinem Leben ein Ende zu setzen. Andere Menschen allerdings mit in den Tod zu reißen, war für mich nie eine Option. Still und allein, ohne Aufsehen zu erregen, das waren meine Vorstellungen von einem perfekten Suizid.

Das Grübeln ergab plötzlich Sinn

Dass ich noch am Leben bin, verdanke ich meinem Hausarzt und, nicht zuletzt, auch dem schrecklichen Suizid von Robert Enke. Im Moment seines Todes war mir klargeworden, dass mit mir etwas nicht stimmt und ich dringend medizinische Hilfe benötige. Das ständige Grübeln, die Traurigkeit, keinen Antrieb für die kleinsten Dinge zu haben, ergab auf einmal einen Sinn. In der Therapie lernte ich, mein negatives Gedankenmuster zu durchbrechen und positive alternative Gedanken zu entwickeln. So konnte ich mit negativen Erlebnissen im Alltag besser umgehen.

Stück für Stück erkämpfte ich mir so mein Leben zurück. Ich konnte endlich wieder Freude empfinden und mich für neue Hobbys begeistern. Durch die positiven Gedanken bekam ich immer mehr Selbstbewusstsein, und mein Antrieb kam zurück. Jeder noch so kleine Schritt war ein Erfolg für mich. Mit der Zeit wurde ich wieder leistungsfähiger. Ich habe eine Entspannungstechnik erlernt, mit der es mir gelang, mich in jeder schwierigen Situation ein Stück „runterzufahren“ und zu entspannen. So bekam ich auch meine Aggressionen in den Griff.

Die beste Entscheidung war es, mit dem Schreiben anzufangen. Das war meine Welt, hier konnte ich Ruhe finden und Kraft schöpfen. Ich hatte meine Bestimmung gefunden und wusste nun genau, wo ich im Leben hinwill. Dass ich so auch noch meinen Traumjob gefunden habe, ist ein positiver Nebeneffekt. Täglich verfolgte ich nun die Berichterstattungen in den Medien. Im Ersten Programm lief kurz nach dem Unglück die Sendung „Hart aber fair“. Der Titel der Sendung lautete: „Notfall Psyche - Gefahr auch für die Mitmenschen?“. Der Titel war für mich eine absolute Frechheit und ein Schlag ins Gesicht für jeden Betroffenen, der an einer psychischen Erkrankung leidet.

von Depressiven geht keine Gefahr aus

Ziemlich schnell kam von einem der Gäste der Sendung die Aussage, man müsse hier von einem Verbrechen ausgehen. Hörte ich richtig? Wie kann man allen Ernstes von einem Verbrechen sprechen und den Kopiloten als Verbrecher abstempeln? Dieser Mann war für mich krank, bei seiner Tat höchstwahrscheinlich nicht bei klarem Verstand und absolut unzurechnungsfähig. Von daher war er kein Verbrecher, sondern ein Mensch, der medizinische Hilfe benötigt hätte.

Entscheidend ist: Durch solche Botschaften wie in der Sendung entsteht nun in der Öffentlichkeit der Eindruck, jeder Depressive sei ein Verbrecher und eine Gefahr für seine Mitmenschen. Eine Gefahr, die es auszulöschen gilt. Ich denke, dass es immer noch viel zu viele Menschen in unserer Gesellschaft gibt, die wenig bis gar nichts über diese Krankheit wissen und sich auch nicht damit beschäftigen. Mit einer solchen Berichterstattung werden die Vorurteile und Stigmatisierungen gegenüber Depressiven gefördert. Jahrelange Aufklärungsarbeit wird so mit einem Schlag völlig zerstört, und wir stehen wieder am Anfang. Ich selbst habe immer wieder die Erfahrung gemacht, von der Gesellschaft abgestempelt und ausgegrenzt zu sein, sobald meine Depression zur Sprache kam. Ich denke aber, dass der offene Umgang mit der Krankheit wichtig ist, denn nur so können Vorurteile abgebaut werden.

Auch die Lockerung der ärztlichen Schweigepflicht wird nun heiß diskutiert. Ich kann doch nicht erwarten, dass sich auch nur ein Patient seinem Arzt gegenüber überhaupt noch öffnet, wenn dieser genau weiß, dass der Arzt alle Informationen an den Arbeitgeber weiterleitet und er dadurch höchstwahrscheinlich seinen Arbeitsplatz verliert. Damit wird also das genaue Gegenteil erreicht. Depressive werden nicht mehr zum Arzt gehen, versagen sich selbst medizinische Hilfe, die sie dringend benötigen, und verstecken sich mit ihrer Krankheit.

Ich bin der Meinung, dass ich lieber mit einem Angestellten fliege oder fahre, der sich in Behandlung befindet und medikamentös eingestellt ist, als mit jemandem, der eine unbehandelte Depression mit sich trägt, weil er aus Angst keine medizinische Behandlung in Anspruch nimmt. Mit einer guten Einstellung der Medikamente und mit dem gleichzeitigen Besuch einer Psychotherapie gibt es für uns ein halbwegs normales Leben. Dies ermöglicht auch einen Job in einer verantwortungsbewussten Position, auch als Pilot.

Selbstbestimmung ist wichtig

Es hilft auch nicht weiter, alle Menschen mit einer psychischen Erkrankung über einen Kamm zu scheren. Es gibt zu viele unterschiedliche Krankheitsbilder und Verlaufsformen einer Depression oder einer anderen psychischen Störung. Ich bin grundsätzlich dagegen, Menschen, die ein psychisches Problem hatten, aus der Arbeitswelt auszuschließen. Es spricht absolut nichts dagegen, Pilot, Zugführer oder auch Busfahrer zu sein, wenn der Mensch seine psychischen Probleme im Griff hat oder sich in Behandlung befindet. Betroffene einer psychischen Erkrankung haben es schwer genug. Die Gesellschaft sollte ihnen nicht auch noch ihre Selbstbestimmung beschneiden oder gänzlich wegnehmen. Denn die meisten depressiven Menschen sind durchaus in der Lage, Verantwortung zu übernehmen und einzuschätzen, wann sie dieser nicht mehr gewachsen sind. Eines sollte nie vergessen werden, das sagen uns die Therapeuten immer wieder: Ein depressiver Mensch hat normalerweise nie das Ziel, anderen bewusst zu schaden.

Ich vertrete die Auffassung, dass wir uns vordringlich darüber Gedanken machen sollten, wie wir Personen mit einer psychischen Erkrankung wieder in das Arbeitsleben und die Gesellschaft integrieren können. Für die Zukunft wünsche ich mir, dass jeder Depressive einen fairen Umgang mit seiner Krankheit erfährt und damit eine verdiente Chance bekommt, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern und in der Arbeitswelt Fuß zu fassen. Auch die Therapiemöglichkeiten für psychisch erkrankte Menschen gehören dringend verbessert. Es ist absolut untragbar, Wartezeiten von mehreren Monaten akzeptieren zu müssen. Betroffene brauchen und wünschen sich sofort Hilfe. Um das zu erreichen, muss die medizinische Versorgung dringend erweitert werden.

Der Autor ist 24 Jahre alt und leidet seit etwa sechs Jahren an Depressionen.

Quelle: F.A.Z.
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