Aids, Corona & Co.

Eine Pause von der Front

Von Sonja Kastilan
02.12.2020
, 10:26
Sie studierte Medizin, um Menschen zu helfen, steckte sich noch während der Ausbildung mit Tuberkulose an: Zolelwa Sifumba will die tagtäglichen Risiken für das medizinische Personal allen vor Augen führen.
Was die Corona-Pandemie mit Krankheiten wie Aids und Tuberkulose zu tun hat, und welche Probleme praktisch überall in den Krankenhäusern herrschen, erklärt die südafrikanische Ärztin Zolelwa Sifumba im Interview zum Welt-Aids-Tag.
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Gerade mal dreißig Jahre alt ist Zolelwa Sifumba – eine junge Ärztin, die bereits mehr als einmal selbst mit dem Tod ringen musste, nachdem sie schlicht ihren Job gemacht hat. In den Anfängen ihres Studiums an der Universität in Kapstadt steckte sie sich im Dienst mit multiresistenten Tuberkulose-Bazillen an; die Behandlung dauerte anderthalb Jahre, begleitet von sehr heftigen Nebenwirkungen. Sifumba nimmt seither jede Gelegenheit wahr, auf diese Infektionskrankheit aufmerksam zu machen, vor der man Anfänger nicht ausreichend warnen würde, auch spricht sie psychische Probleme des überlasteten Krankenhauspersonals an, hält Vorträge, schreibt Artikel, nutzt soziale Medien, macht sich auch als Botschafterin für den Globalen Fonds „zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria“ stark.

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Dieses Jahr sollte das letzte ihrer Ausbildung sein, nach einer überlangen Schicht passierte jedoch ein Autounfall, und jetzt leidet die ganze Welt unter der Corona-Pandemie, die Kranke davon abhält, sich untersuchen zu lassen oder lebenswichtige Medikamente abzuholen. Aus Angst vor Covid-19, mit dessen Erreger sich fast 800.000 Südafrikaner bisher ansteckten, laut den bestätigten Fällen. Dabei stellen Aids oder Tuberkulose nach wie vor eine Bedrohung dar, nicht nur in Südafrika. Von den rund 38 Millionen HIV-Infizierten global (um 7,7 Millionen sind es in Südafrika) erhält ein Drittel keine adäquate Behandlung. Zurzeit arbeitet Sifumba in der Provinz KwaZulu-Natal, leistet dort im Osten ihres Heimatlandes den noch erforderlichen „community service“, der junge Ärzte mit den Zuständen im ländlichen Raum fern der akademischen Welt vertraut machen soll.

Frau Sifumba, in Ihren Texten zeigen Sie unter anderem, wie sich Covid-19 auf andere Krankheiten auswirkt. Und dass man einen globalen Plan brauche, kein Land könne es allein schaffen. Was bedeutet es, wenn bald die ersten Impfstoffe an den Start gehen?

Ein Impfstoff wird sicher dazu beitragen können, dass dann wieder „normalere Zustände“ herrschen. Wobei es der armen Bevölkerung sowieso schwerfällt, sich gut um ihre Gesundheit zu kümmern. Während des Lockdowns wurde das aber noch schwerer, hinzu kam die Angst, sich anzustecken. Diese hält viele davon ab, ins Krankenhaus zu gehen, um sich behandeln zu lassen, obwohl es nötig wäre. Andere haben keine Arbeit mehr, somit fehlt ihnen das Geld für die Anreise. Ich sah Aids-Kranke, die viel zu spät kamen und deshalb starben. Mit einem Impfstoff ließe sich die Furcht eindämmen, also werden uns die neuen Vakzine nicht nur bei der Bekämpfung von Covid-19 helfen, sondern auch bei anderen Krankheiten.

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Covid-19 ist vor allem eine Erkrankung der Atemwege. Sie haben eine schwere Tuberkulose überlebt, wie gehen Sie mit dieser neuen Gefahr um?

Nach der schrecklichen Erfahrung mit einer Lungenkrankheit hatte ich natürlich furchtbar Angst, mich zu infizieren und an Covid-19 zu erkranken. Zumal es uns sowieso an „PPE“, also persönlicher Schutzausrüstung mangelt. Und in diesem Fall gab es ja noch nicht einmal eine Therapie, das machte die Situation beängstigender; ich sah Patienten innerhalb von wenigen Tagen sterben. Dann wurde ich tatsächlich krank, entwickelte alle Symptome, die als typisch gelten, wenn auch ohne schweren Verlauf, nahm deshalb eine Auszeit, hielt mich vom Krankenhaus und von meiner Familie fern. Im Moment haben so viele Leute so vieles über Covid-19 zu sagen, ob im Fernsehen oder in anderen Medien, überall ist gar zu erfahren, was man essen soll, was nicht. Tuberkulose war härter, aber es fällt schwer, zu sagen, was schlimmer ist: dass keine Behandlung existiert oder eine mit starken Nebenwirkungen, denn ich litt sehr unter entsprechenden Langzeitfolgen wie Hörverlust; andererseits wusste ich, dass ich danach weitermachen konnte. Jetzt fiel ich nur eine gewisse Zeit aus – meine Kollegen trugen die Bürde, mussten meinen Job miterledigen, das ist für mich psychisch durchaus belastend. Aber die Pandemie trifft uns alle, in Deutschland, den Vereinigten Staaten, Südafrika, wo Covid-19 jeweils andere Probleme ans Licht brachte.

Beratung unter Corona-Bedingungen: Eine Krankenschwester im südafrikanischen Ort Ngodwana unterhält sich mit einer HIV-positiven Patientin.
Beratung unter Corona-Bedingungen: Eine Krankenschwester im südafrikanischen Ort Ngodwana unterhält sich mit einer HIV-positiven Patientin. Bild: AP

Was meinen Sie damit?

Das Coronavirus stellt Schwächen bloß. An Tuberkulose und Aids sterben in unserem Land immer noch Tausende Menschen, und das verdrängen viele, weil man sich daran gewöhnt hat und weil uns Medikamente zur Verfügung stehen. Jetzt erhöht Covid-19 den Druck auf das Gesundheitssystem, und das bekommen vor allem jene zu spüren, die schon vorher kaum Zugang hatten. Die Maßnahmen, die gegen Covid-19 ergriffen werden, sind die gleichen, die vor Tuberkulose schützen: Abstand halten, Masken tragen, die Prävention und Kontrolle von Infektionen – all das kennen wir längst, aber jetzt wird früheres Versagen umso deutlicher. Wenn alles gut gelaufen wäre, fiele es uns jetzt leicht, auf eine solche Infektionskrankheit zu reagieren, wie es notwendig wäre. Neben diesen neuen Infektionen steigen die Zahlen der Aids- und Tuberkulose-Infizierten, denen Medikamente fehlen, auch müssen die eh schon knappen Fördermittel aufgeteilt werden. Die Pandemie kommt zu einem sehr schlechten Zeitpunkt und zieht alle Aufmerksamkeit auf sich.

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Da wir alle betroffen sind und erleben müssen, was es bedeutet, hilflos zu sein, da weder Medikamente noch Impfstoffe existieren, bietet das nicht eine Chance zur Veränderung?

Ja, auf jeden Fall. Allerdings bleibt es nicht aus, dass die Menschen auch ihr Verhalten ändern müssen, um künftig Infektionen zu vermeiden. Leute neigen dazu, zu glauben, dass es zwar andere treffen kann, aber nicht sie selbst. Vermutlich sehen wir deshalb diese zweite Welle, obwohl wir viel mehr über den Erreger und über die Behandlungsmöglichkeiten wissen. Doch ihnen muss klarwerden, dass es uns alle betrifft, egal wo auf der Welt, ob man in einem Industriestaat lebt oder in einem Entwicklungsland. Und wir alle brauchen eine gute Gesundheitsversorgung!

Sie sprechen als Ärztin, aber auch als Aktivistin, die für ein stabiles Gesundheitssystem und für eine bessere Aufklärung über die Belange kämpft.

Die Laufbahn als Ärztin einzuschlagen war äußerst mühsam, deshalb möchte ich, dass bekannt wird, welche Risiken das medizinische Personal erwartet. Jeden Tag. Mir hat niemand gesagt, wie hart es ist; nicht einmal mein Vater, ein Arzt, sprach darüber. Ich bin viermal beinahe gestorben, nur weil ich die Medizin zu meinem Beruf gemacht habe. Man steckt sich an, wird krank, erleidet einen Burnout oder einen Autounfall nach einer extrem langen Schicht: All das sind Probleme, die das Krankenhauspersonal betreffen, weltweit, außerdem besteht ein hohes Suizidrisiko. Wir sollen Patienten unterstützen, stets geben, geben, doch wo bleibt unser Recht auf Gesundheit? Ich liebe meinen Job, die Möglichkeit, Menschen zu helfen, allerdings möchte ich dabei nicht ständig um mein eigenes Leben fürchten müssen. Es soll keine Lebensgefahr darstellen, und ich hoffe, dass wir es schaffen, mehr Aufmerksamkeit auf diese Probleme zu lenken, vielleicht mit einer neuen globalen Bewegung oder Organisation. Es gibt Strukturen, die uns unterstützen sollen, die reichen aber nicht aus.

Wollen Sie sich und Ihren Kollegen also eine Stimme geben?

In gewisser Weise, denn bisher werden wir kaum gehört. Indem ich über meine Erfahrungen spreche, meine Geschichte erzähle, mache ich deutlich, dass wir an dieser Front Hilfe brauchen. Wahrscheinlich werde ich bald davon zurücktreten, um mich auszuruhen und eine Weile um mich zu kümmern – und so meine Liebe für die Gesundheitsfürsorge zurückzugewinnen. Auch wünsche ich mir, dass wir eine Kultur der mentalen, emotionalen Selbstfürsorge entwickeln, besonders das Pflegepersonal, davon könnte das gesamte Gesundheitswesen profitieren. Problematisch ist zudem die schlechte Aufklärung über wichtige Gesundheitsthemen, und ich würde gerne helfen, diese Art von Bildung zu verbessern.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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