Mangelnder Impfschutz

Im Würgegriff der Tuberkulose

Von Hildegard Kaulen
08.08.2007
, 09:35
Wichtigster Tuberkulose-Erreger: Mycobakterium tuberculosis
Ein alter Feind kehrt zurück. Obwohl es bereits Impfstoffe dagegen gibt, ist Tuberkulose noch immer die weltweit häufigste Infektionskrankheit. Die Suche nach wirksameren Vakzinen und besseren Impfstrategien wird immer wichtiger, weil die Epidemie weiter voranschreitet.
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Tuberkulose ist weltweit die häufigste Infektionskrankheit, die durch einen einzelnen Erreger verursacht wird, obwohl es seit 1921 einen Lebendimpfstoff gibt. Jeder zweite Erdenbürger ist irgendwann einmal damit geimpft worden. Trotzdem schreitet die Epidemie unaufhaltsam voran. Das liegt an der mangelnden Wirksamkeit des verwandten Impfstoffs, der aus Erregern der Rindertuberkulose besteht. Er schützt lediglich Kleinkinder vor schweren Verlaufsformen der Erkrankung, kann aber die Tuberkulose bei Erwachsenen nicht verhindern.

Bei der weltweit häufigsten Form, der Lungentuberkulose, ist der Impfstoff weitgehend wirkungslos. Das gewaltige Ausmaß dieser humanitären Katastrophe lässt sich an wenigen Zahlen festmachen. So ist etwa ein Drittel der Weltbevölkerung mit dem Tuberkuloseerreger Mycobacterium tuberculosis infiziert, zeigt aber keine Symptome, weil das Immunsystem den Erreger in Schach halten kann. Zwanzig Millionen Menschen leiden unter einer offenen Tuberkulose, nachdem ihre Immunabwehr beim Kräftemessen mit den Bakterien eingeknickt ist. Sie geben die Keime durch Husten und Speichel an ihre Umgebung weiter.

Tuberkulose auf dem Vormarsch

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Jedes Jahr erkranken rund acht Millionen Menschen neu an offener Tuberkulose. Zwei Millionen sterben pro Jahr an den Folgen der Erkrankung. Die gleichzeitige Infektion mit dem Aidsvirus verschärft die dramatische Lage noch weiter. Ein Drittel des gegenwärtigen Zuwachses bei der offenen Tuberkulose geht auf das Konto von HIV-Infektionen, vor allem in Afrika.

Zudem tauchen immer mehr multiresistente Keime auf, die kaum noch zu behandeln sind. Dies ist vor allem in Zentralasien und Osteuropa ein großes Problem. Es muss also dringend ein neuer Impfstoff gefunden, entwickelt und zugelassen werden. Doch die Prüfung und die Zulassung sind nicht weniger schwierig als die Suche nach einer neuen Vakzine gegen Tuberkulose.

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Der mühsame Weg zum besseren Impfschutz

Bislang haben acht Impfstoffkandidaten die Unbedenklichkeitsprüfung bestanden und warten auf ihre klinische Entwicklung. Vier weitere Kandidaten stehen in den Startlöchern. Die Schwierigkeit besteht darin, geeignete Standorte für den Wirksamkeitsnachweis zu finden. Viele Länder mit hoher Krankheitslast besitzen kein funktionierendes Gesundheitssystem, das eine Studie unterstützen könnte. Es fehlt auch an Kooperationen zwischen den Zulassungsbehörden der westlichen Industrienationen und denjenigen der am meisten betroffenen Länder. Darauf haben Michael J. Brennan von der Food and Drug Administration in Rockville und seine Kollegen von der Weltgesundheitsorganisation mit allem Nachdruck in der Internetzeitschrift „Plos Medicine“ (Bd. 4, S. e252) hingewiesen.

Die von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung mit einer großzügigen Spende ausgestattete Organisation AERAS sucht seit Jahren nach Kooperationspartnern. Erste Studien sind jetzt in Bangalore (Indien) und in Cape Town (Südafrika) angelaufen. Weitere Studien sind, so Timo Ulrichs, Leiter der Sektion Tuberkulose des Koch-Metschnikow-Forums in Berlin, in Russland und Moldau geplant. Diese deutsch-russische Arbeitsgruppe, die vergangenes Jahr als Initiative des Petersburger Dialoges zwischen Bundeskanzlerin Merkel und Präsident Putin gegründet wurde, schafft gerade die nötigen Voraussetzungen dafür.

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Drittmittel für medizinische Studien

Ausgeführt und finanziert werden sollen die Studien durch eingeworbene Drittmittel und Kooperationspartner wie AERAS. Für die Wahl Russlands und Moldau sprechen laut Ulrichs mehrere Gründe. Die Tuberkulose greife in diesen Ländern besonders rasant um sich. Es sei ohne Schwierigkeiten möglich, größere Studiengruppen mit latenter und offener Tuberkulose zusammenzustellen. Es gebe dort weniger Infektionen mit dem Aidsvirus als in Afrika, weshalb der Impfstoff auch ohne Einfluss dieser Begleitinfektion getestet werden könne.

Russland und Moldau hätten zudem ein funktionierendes Gesundheitssystem, so dass alle nötigen Arbeiten und Auswertungen in einer zulassungsrelevanten Qualität ausgeführt werden könnten. Außerdem sei die Bevölkerung kaukasischer Abstammung denjenigen Personen genetisch ähnlich, bei denen die Unbedenklichkeit der Impfstoffkandidaten im Vorfeld getestet worden sei. Viele dieser Bedingungen seien in Afrika derzeit noch nicht gegeben.

Besserer Nachweis der Immunantwort

Keinen internationalen Konsensus gibt es, so Ulrichs weiter, auch bei den Zielkriterien. Es ist völlig unklar, wie der Impfschutz in den klinischen Studien nachgewiesen werden soll. Die klassische Vorgehensweise, impfen und sehen, ob die offene Tuberkulose ausbleibt, ist angesichts der dramatischen Entwicklung viel zu zeitaufwendig. Es müssen Biomarker gefunden werden, die den Impferfolg schnell und zuverlässig vorhersagen können.

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Stefan Kaufmann vom Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin verwies erst kürzlich in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften (Bd. 104, S. 12434) darauf, dass das Messen der zellulären Immunantwort anhand der CD4-positiven Zellen kein geeigneter Biomarker sei. Diese Zahl sage mehr über das Ausmaß der Infektion als über den eigentlichen Impfschutz. Kaufmann hält die Zahl der mobilisierten Killerzellen für ein weitaus besseres Zielkriterium für den Impfschutz. Der Forscher leitet ein internationales Verbundprojekt zur Charakterisierung von Biomarkern bei Tuberkulose, das von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung gefördert wird.

Ein anderer Weg

Bei der Impfstrategie sind zwei Varianten möglich: Schutz vor Ansteckung oder Schutz vor offener Tuberkulose. Alle bisher verfügbaren Impfstoffkandidaten richten sich gegen die offene Tuberkulose. Das bedeutet aber auch, dass sie dabei besser sein müssen als das körpereigene Immunsystem, das bei Unterernährung und Begleitinfektionen vor den Mykobakterien einknickt. Die bisherigen Impfstoffkandidaten sind entweder Spaltvakzine oder Lebendimpfstoffe. Spaltvakzine enthalten einzelne Proteine. Viele Wissenschaftler bezweifeln, dass sie besser sind als die Erreger, die sich bei einem Drittel der Weltbevölkerung ohnehin schon im Körper befinden. Lebendvakzine enthalten den gesamten Erreger. Dieser ist allerdings aufgerüstet und so verändert worden, dass er nicht mehr krank macht, sondern nur eine starke Immunantwort auslöst.

Weil derzeit niemand vorhersagen kann, wie erfolgreich die Impfstoffkandidaten sein werden, ist für die klinische Prüfung eine sogenannte Prime-Boost-Strategie vorgesehen. Es soll mit dem alten BCG-Impfstoff grundimmunisiert und mit den Impfstoffkandidaten aufgefrischt werden. Wenn es gelänge, eine latente Tuberkulose durch eine neue Vakzine in Schach zu halten, käme diese auch als Behandlungsalternative in Frage, und zwar dann, wenn der Erreger mit den Medikamenten zurückgedrängt, aber noch nicht vollständig ausgerottet worden wäre.

Quelle: hka / F.A.Z. vom 08.08.2007
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