Immunsystem

Trickreiche Pockenviren

12.12.2005
, 21:42
Der Pocken-Impfstoff
Die Pockenviren haben mehrere Strategien entwickelt, sich gegen die Immunabwehr ihrer Wirte zu wehren. Forscher aus Kanada haben herausgefunden, daß ein Protein für die Blockade des Immunsystems sorgt.

Die Pockenviren mit ihrem großen Genom haben mehrere Strategien entwickelt, sich gegen die Immunabwehr ihrer Wirte zu wehren. Beim Erreger der tödlichen Myxomatose des Kaninchens sind Forscher der University of Western Ontario in London (Kanada) einer molekularen Waffe auf die Spur gekommen, mit der das Virus praktisch alle spontanen Abwehrreaktionen mit einem Schlage außer Kraft setzt.

Wie die Gruppe um Grant McFarren in der Zeitschrift „Immunology“ (Bd. 23, S. 587) berichtet, schmuggelt sich ein als M13L bezeichnetes Virusprotein in die sogenannten Inflammosomen ein. Das sind innerzelluläre Eiweißkomplexe, die spontane Abwehrreaktionen in die Wege leiten.

Breites Repertoire an Gegenwehr

Die Inflammosomen bestehen aus zahlreichen Proteinen. Deren Zusammensetzung kann variieren, so daß die für angeborere Immunabwehr zuständigen Zellen ein breites Repertoire an Gegenwehr bieten können. Das virale M13L-Protein lagert sich einer bestimmten Komponente eines Inflammosoms an und verhindert dadurch, daß ein Schneideenzym aus Vorläuferproteinen funktionsfähige immunologische Botenstoffe (Zytokine) herstellt.

Auch ein für viele Abwehrreaktionen zuständiges Regulatorprotein (NFkB) wird nicht mehr aktiviert. Ohne die Zytokine und den Genregulator kommen wichtige angeborene Abwehrreaktionen nicht in Gang. Wie gut die spontane Abwehr gegen die Pockenviren funktionieren könnte, gäbe es die vom Erreger lancierte Blockade nicht, geht aus der Tatsache hervor, daß die Kaninchen nicht erkranken, wenn man das M13L-Gen aus dem Virus entfernt.

Bei überschießender Abwehrreaktion helfen

Die Erforschung der immunmodulierenden Komponente ist für die Wissenschaft nicht nur interessant, weil man neue Zielmoleküle zur Behandlung von Pockeninfektionen zu finden hofft. Man versucht auch, bestimmte Komponenten von Pockenviren therapeutisch zu nutzen, um Patienten mit überschießenden Abwehrreaktionen, wie sie bei der Multiplen Sklerose oder der rheumatischen Arthritis auftreten, besser helfen zu können. Das M13L-Protein des Kaninchen-Pockenvirus könnte ein neuer Kandidat für derartige Medikamente sein.

Quelle: bh. / F.A.Z., 13.12.2005, Nr. 290 / Seite 34
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