Soziologie der Impfunwilligen

Manchmal begrüßen selbst Corona-Skeptiker eine Impfpflicht

Von Boris Holzer
29.11.2021
, 12:20
Ein 13 Jahre altes Schulmädchen bekommt eine Corona-Impfung.
Wer sich selbst nicht impfen lassen möchte, kann trotzdem für eine Impfpflicht sein. Was paradox klingt, bringt für Skeptiker zumindest einen Vorteil.
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Impfpflichten sind in vielen Ländern selbstverständlich. Ein Überblick des Journals „Vaccine“ bietet einen detaillierteren internationalen Vergleich und weist bereits vor Beginn der Covid-19-Pandemie für mehr als hundert Länder mindestens ein verpflichtendes Vakzin nach. Sanktionen reichen von Geld- über Freiheitsstrafen bis zum vorübergehenden Verlust des elterlichen Sorgerechts, zum Beispiel in Italien. Meistens sind Impfungen im Kindesalter betroffen, sodass sich viele Sanktionen auf den Besuch von Betreuungs- und Bildungseinrichtungen beziehen. Das Ergebnis ist meist nicht nur eine Steigerung der Impfquote, sondern auch gestiegenes Vertrauen in die Impfstoffe: In Frankreich sank die zuvor verbreitete Impfskepsis deutlich, nachdem die Zahl verpflichtender Impfungen im Kindesalter 2018 von drei auf elf erhöht worden war.

Vor dem Hintergrund solcher Erfahrungen war es rückblickend möglicherweise ein Fehler, eine Impfpflicht gegen Covid-19 in Deutschland auszuschließen. Doch zumindest für eine gewisse Zeit konnte diese Position nicht nur in Anspruch nehmen, dem lauter werdenden Protest gegen eine „Corona-Diktatur“ den Wind aus den Segeln zu nehmen, sondern auch ein entscheidungstheoretisches Argument anführen: Wenn ein Vakzin so gut ist, dass es vor Krankheit oder sogar vor Infektion schützt, würde dieser Nutzen ohnehin ausreichend viele motivieren, sich die Spritze geben zu lassen.

Doch diese oft von Ökonomen gegen die Impfpflicht vorgetragene These muss scheitern, wenn es zu viele gibt, die nicht an die Wirkung und Sicherheit des Impfstoffs glauben – oder wenn nicht der individuelle Nutzen, sondern die kollektive Schutzwirkung im Vordergrund steht. Die sogenannte Herdenimmunität ist ein öffentliches Gut: Man profitiert auch, wenn man selbst nichts zu ihr beigetragen hat. In einer solchen Situation bedarf es keiner Impfgegnerschaft. Eine rationale Kalkulation und ein wenig Bequemlichkeit reichen aus, um zum Trittbrettfahrer zu werden.

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Auf dem besten Weg zum Impfschutz

Anhand von Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) aus dem Jahr 2020 hat ein Forscherteam des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin und des Karlsruhe Institute of Technology untersucht, ob die Zustimmung zur Impfung ausreichte, um auf Freiwilligkeit zu setzen – und ob eine Impfpflicht auf Akzeptanz stoßen würde. Die Daten bestätigen eine mit anderen Befragungen und auch mit der faktischen Impfquote konsistente Impfbereitschaft um die 70 Prozent und eine gespaltene Meinung zur Impfpflicht, die zum damaligen Zeitpunkt etwa die eine Hälfte begrüßt und die andere Hälfte abgelehnt hätte.

Die Befragten verteilen sich auf vier Gruppen: die größte Gruppe, die Impfbefürworter, stimmte sowohl einer freiwilligen als auch einer verpflichtenden Impfung zu; die Impfpflicht-Gegner mochten sich impfen lassen, lehnten aber eine Pflicht ab; die Impfgegner wollen weder freiwillig noch verpflichtend geimpft werden; und die „Passagiere“ würden sich zwar lieber nicht impfen lassen, befürworten aber eine Impfpflicht.

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Eine paradoxe Haltung

Überraschend ist, dass von jenen, die sich nicht freiwillig impfen lassen möchten, immerhin 27 Prozent zu den „Passagieren“ angehören, die für eine allgemeine Impfpflicht votieren. Ein Teil davon sind Personen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können. Doch es gibt offensichtlich auch Leute, die gerade aufgrund ihrer eigenen Ablehnung davon ausgehen, dass Zwang vonnöten ist. Diese Gruppe hält – im Gegensatz zu den vehementen Impfgegnern – das Virus für gefährlich. Die Autoren vermuten, dass es sich um Trittbrettfahrer handelt, die sicherstellen möchten, dass andere für eine ausreichende Impfquote sorgen. Doch diese Haltung wäre paradox, da der Zwang ihnen die Möglichkeit des Trittbrettfahrens letztlich nehmen würde.

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Wieso können sich manche nicht zur Impfung durchringen, würden eine Anordnung aber begrüßen? Sich der eigenen Schwächen bewusst zu sein und darum äußeren Zwang zu befürworten, hat ein literarisches Vorbild: Odysseus, der sich am Mast seines Schiffes festbinden lässt, damit er den Sirenengesängen nicht ins Verderben folgen kann. Bei der Impfung reicht es allerdings nicht, sich an einer Handlung hindern zu lassen. Man muss etwas tun, was man ablehnt.

Der äußere Zwang bietet dann immerhin die Möglichkeit, bei einer konsistenten Selbstdarstellung zu bleiben: Was man nicht freiwillig tut, muss man sich auch nicht als persönliche Handlung zurechnen lassen. Eine Impfpflicht würde also die Selbstdarstellung jener schonen, die sich bereits auf Skepsis festgelegt haben: Sie könnten gleichsam ohne Beteiligung der eigenen Persönlichkeit handeln und dadurch beides haben – ein reines Gewissen und den Impfschutz.

Quelle: F.A.S.
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