Infektionsfall in Bayern

Wie gefährlich ist das Bornavirus?

Von Johanna Kuroczik
09.06.2022
, 19:00
Das bekannte natürliche Erregerreservoir des Bornavirus ist die Feldspitzmaus. Die ist trotz ihres Namens kein Nagetier, sondern ernährt sich von Insekten.
Ein Mann aus Bayern hat sich mit dem Bornavirus angesteckt. Das führt fast immer zu tödlichen Gehirnentzündungen. Das Erkrankungsrisiko ist sehr gering. Was muss man über Bornaviren wissen?
ANZEIGE

Ein Mann aus dem westlichen Landkreis Mühldorf am Inn in Bayern hat sich mit dem extrem seltenen Borna-Virus infiziert. Dieses führt zu Gehirnentzündungen, die immer schwer und meist tödlich verlaufen. Der Erreger kommt natürlicherweise in Feldspitzmäusen vor, wie er auf den Menschen überspringt, ist unklar. Grund zur Panik bestehe nicht, versichert der Mediziner Dennis Tappe vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Ärzte mahnt er jedoch zur Wachsamkeit. Tappe beschäftigt sich seit Jahren mit Bornaviren. Doch die Forschung ist mühsam und vieles ist über die gefährlichen Viren noch unbekannt.

In Deutschland werden jedes Jahr etwa zwei bis sechs Fälle nachgewiesen. Insgesamt haben Tappe und seine Kollegen bei 40 Menschen eine Infektion mit dem klassischen Bornavirus („Borna disease virus 1“ oder BoDV-1) nachgewiesen. Dazu analysierten sie zahlreiche Blut- und Gewebeproben von Menschen, die akut an rätselhaften Gehirnentzündungen erkrankt oder verstorben waren. „Gemäß des aktuellen Forschungsstands können wir sagen: Die Krankheit verläuft immer schwer und in mehr als 90 Prozent der Fälle tödlich“, erklärt Tappe. Die Kranken durchlebten starke Kopfschmerzen, Bewusstseinsstörungen, Lähmungen, epileptische Anfälle, liegen im Koma. Letztlich versterben sie an der tödliche Gehirnentzündung, in der Fachsprache Enzephalitis.

Das Bornavirus lässt sich in Gewebeproben nachweisen.
Das Bornavirus lässt sich in Gewebeproben nachweisen. Bild: dpa

Eine etablierte Therapie gibt es nicht. „Im Reagenzglas wurde gezeigt, dass bestimmte antivirale Medikamente, wie Favipiravir, gegen Bornaviren wirken könnten.“ Zusätzlich müsste vermutlich ein Mittel gegeben werden, welches das Immunsystem dämpft. Allerdings kam die Therapie bislang stets zu spät. Bis der extrem seltene Erreger nachgewiesen werden konnte, ist die Erkrankung gewöhnlich schon zu weit fortgeschritten. Eine Impfung gibt es nicht und eine Impfstoffentwicklung wäre schwierig. Das liegt an der Art, wie das Virus zu Gehirnentzündungen führt. Es tötet die Nervenzellen nämlich nicht ab, sondern versucht, sich gewissermaßen in die Neuronen und anderen Zelltypen im Gehirn einzuschleichen. Darauf reagiert das Immunsystem sehr stark, was zu einer extrem schweren Gehirnentzündung führt. Würde man eine Impfung erproben, ist es denkbar, dass das Immunsystem auch auf die geschwächten oder abgetöteten Erreger im Impfstoff heftig reagiert. Ein in der DDR an Nutztieren erprobtes Vakzin schadete den Tieren oft mehr, als es ihnen nutzte.

ANZEIGE

Pferde infizieren sich vermutlich beim Grasen

Die „Borna’sche Krankheit“ ist bei Pferden und Schafen schon seit mehr als 200 Jahren bekannt, benannt nach der Stadt Borna in Sachsen. Welches Virus dahintersteckt, wurde erst in den 1980er herausgefunden. Das Bornavirus ist ein RNA-Virus und gehört zur Ordnung der Mononegavirales – wie viele üble Killerviren, etwa auch das Ebolavirus. Einer der nächsten Verwandten von BoDV-1 ist das Rabiesvirus, welches die Tollwut auslöst, die immer tödlich verläuft und gegen die es zwar eine wirksame Impfung, aber kein Heilmittel gibt.

ANZEIGE

Das natürliche Erregerreservoir des Bornavirus ist die Feldspitzmaus (Crocidura leucodon). Das eher seltene Geschöpf ernährt sich von Insekten, ist also kein Nagetier, misst rund sechs Zentimeter und sondert bisweilen ein stinkendes Sekret ab. Das braune Fell seiner Oberseite grenzt sich scharf vom weißen Bauch ab. Wie genau das Bornavirus von der Spitzmaus auf den Menschen springt, ist unbekannt. „Das ist ganz schwer herauszufinden, weil die Inkubationszeit Wochen bis Monate dauert, das wissen wir von Tierversuchen aus der Literatur“, sagt Tappe. Betroffene selbst befragen können die Forscher nicht, denn zu dem Zeitpunkt, an dem das Virus nachgewiesen ist, sind sie schwer krank oder verstorben.

Überspringen auf den Menschen ist schwer zu klären

Allerdings werden Angehörige vom Robert Koch-Institut gezielt befragt. Möglich ist, dass sich die Menschen bei der Gartenarbeit durch Verletzungen infizieren, oder sich unwissentlich mit Spitzmaus-Ausscheidungen kontaminierte Erde in die Augen oder Nase reiben. „Wir wissen, dass Pferde sich sehr wahrscheinlich beim Grasen anstecken“, sagt Tappe. Das Virus steckte möglicherweise im Erdboden, wird über die Nase aufgenommen und landet so im Gehirn. „Es kann aber auch sein, dass es mehrere Ansteckungswege gibt.“ Diese und andere Fragestellungen verfolgt das Forschungskonsortium „ZooBoCo“, zu dem unter anderem das Friedrich-Loeffler-Institut, das Robert Koch-Institut und das Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin gehören und das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch ist allerdings extrem unwahrscheinlich. Alle bislang nachgewiesenen Erkrankungen waren Einzelfälle – das Virus sprang also nicht auf nahe Familienangehörige oder behandelndes Personal über.

ANZEIGE

Eine Besonderheit stellen die drei Krankheitsfälle aus dem Jahr 2018 dar, welche die ZooBoCo-Forscher überhaupt auf die Spur brachten, dass BoDV-1 auch bei Menschen zu tödlichen Gehirnentzündungen führt. Ein Organspender trug das Virus wohl in sich und so wurde es auf die drei transplantierten Menschen übertragen. Zuvor hatten die ZooBoCo-Forscher in den Jahren 2011 bis 2013 bei drei Züchtern von exotischen Bunthörnchen, die an Gehirnentzündungen verstorben waren, ein bis dato gänzlich unbekanntes Bornavirus entdeckt („variegated squirrel bornavirus 1“, VSBV-1).

Zu dem klassischen Bornavirus BoDV-1 wurde in den 1990ern weltweit geforscht. Damals glaubte man, der Erreger könnte die Erklärung für allerlei psychiatrische Erkrankungen sein – Depressionen und Schizophrenie, doch auch Ermüdungszustände und gewisse AIDS-Symptome. Zunächst schien die Forschung aussichtsreich, allerdings stellte sich im Verlauf heraus, dass die untersuchten Proben durch unspezifische Tests und vermutliche Kontaminationen im Labor diese zweifelhaften Ergebnissen lieferten. Auch das Robert-Koch-Institut hat seine Forschungen hierzu 2007 eingestellt.

Als Risikogebiete einer Ansteckung gelten besonders Bayern und auch Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Brandenburg und Teile Baden-Württembergs wie Niedersachsens. Das umfasst gewissermaßen das halbe Land, doch Dennis Tappe betont, dass das Erkrankungsrisiko extrem gering ist. Er erhofft sich, dass Ärzte bei entsprechenden Symptomen einer Enzephalitis in den genannten Risikogebieten frühzeitig an BoDV-1 denken. Nur so können sich Bornavirus-Infektionen vielleicht irgendwann rechtzeitig therapieren lassen.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kuroczik, Johanna
Johanna Kuroczik
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Zertifikate
Weiterbildung in der Organisationspsychologie
Sprachkurse
Lernen Sie Italienisch
Englisch
Verbessern Sie Ihr Englisch
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Tablet
Tablets im Test
ANZEIGE