Israel

Kleines Land, große Medizin

Von Lea-Melissa Vehling
03.07.2018
, 15:42
Israel entwickelt sich immer mehr zum internationalen Vorbild in der Gesundheitsforschung. Der Schlüssel zum Erfolg ist nicht zuletzt Big Data. Kommt das dem Patienten wirklich zugute?
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Die großen Industrienationen als die großen Vorreiter der Forschung – das war die längste Zeit für viele ein ungeschriebenes Gesetz. Die Folge: bessere Bildung, größere Innovationen und ergo eine effizientere Medizin. Dass dieses Bild veraltet ist, bemerkt man spätestens, wenn man Israel genauer unter die Lupe nimmt. An wenigen Orten auf der Welt sind die Menschen statistisch gesehen so gesund, nahezu nirgendwo haben sie bessere Chancen, vom Arzt geheilt zu werden. Im „Bloomberg Global Health Index“, der den Gesundheitszustand von 160 verschiedenen Ländern vergleicht, belegt Israel den neunten Platz – und ist damit um sieben Plätze „gesünder“ als Deutschland. Mit einem durchschnittlichen Alter von 82,4 Jahren werden die Menschen in Israel rund anderthalb Jahre älter als hierzulande.

Dass das auch an den medizinischen Standards liegt, spiegelt sich besonders am Beispiel Krebs. Die Überlebensraten in Israel sind überdurchschnittlich: Für Brustkrebs 87 Prozent, für Enddarmkrebs 70 Prozent und für Darmkrebs 68 Prozent. Bei diesen Krebsarten liegen die Überlebenschancen in Deutschland jeweils rund zwei, acht beziehungsweise drei Prozentpunkte zurück.

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Der Schlüssel zu Israels Gesundheitsboom

Hinter diesen Ergebnissen steckt ein Staat, der viel in die Forschung investiert. Im letzten Jahr hat Israel mit rund 4,25 Prozent seines Bruttoinlandproduktes anteilsmäßig mehr in seine Forschung und Entwicklung investiert als alle anderen Länder. Damit übertrifft das Land den OECD-Durchschnitt von 2,3 Prozent bei weitem. Selbstverständlich geht nicht der gesamte Anteil der Förderung in die Medizinforschung. Doch vielleicht ist gerade das der Schlüssel zu Israels Gesundheitsboom: Das Ineinandergreifen von Forschung, Technologie und Wirtschaft.

Mit rund 6000 Start-ups gibt es in Israel, gemessen an der Bevölkerungszahl, die meisten Start-ups der Welt. „Israel ist fortschrittlich in der Technologieentwicklung. Die Innovationen werden stark für die medizinische Forschung und die Gesundheitsversorgung genutzt“, sagt Avram Hershko, israelischer Chemie-Nobelpreisträger von 2004, am Rande des Nobelpreisträgertreffens in Lindau. Von den Start-ups konzentrieren sich 560 auf die Bereiche digitale Gesundheitsversorgung und Pharmaindustrie. Das schlägt sich auch in der Wirtschaft nieder: Sowohl Medikamente als auch Elektronik machten im vergangenen Jahr jeweils mehr als zehn Prozent der Gesamtexporte des Landes aus.

Der Grund für Israels rasante Entwicklung liegt in Hershkos Augen aber vor allem in der Bildung. Zum einen habe das Land gute Schulen und Universitäten. Aber besonders die internationale Ausrichtung der Forschung führe zu einer fortschrittlichen medizinischen Infrastruktur: „Israel muss Verbindungen zur Außenwelt entwickeln, weil es ein kleines Land ist. Fast jeder Postdoktorand aus Israel geht für ein paar Jahre zu Forschungszwecken ins Ausland. Ein großes Land, wie zum Beispiel die Vereinigten Staaten, ist darauf nicht so angewiesen wie wir. Deshalb haben wir von Anfang an einen Einblick in die Wissenschaft anderer Länder. Davon profitiert unsere eigene Forschung.“

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Datenspeicherung mit System

Das gewonnene Wissen wird in Israel zudem in ein anderes System transferiert, als wir es kennen. Während in Deutschland ärztliche Versorgung, Krankenkassen und Forschung vorwiegend getrennt voneinander sind, fallen diese Einrichtungen in Israel unter ein Dach. Beispiel Clalit: Die israelische Krankenkasse versichert nicht nur etwa die Hälfte der gesamten Landesbevölkerung. Sie ist auch Inhaber zahlreicher Krankenhäuser, Apotheken und Labore.

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Der Clou dabei? Clalit speichert automatisch sämtliche Daten seiner Kunden. Wie viel sie wiegen, welche Krankheitsbilder sie haben, welche Medikamente sie nehmen und alles, was das hauseigene Gesundheitsnetzwerk eben noch so hergibt. Der Umsatz der einzelnen Institutionen fließt vollständig zurück – Geld, das in den weiteren Ausbau des Systems gesteckt wird.

Der Patient profitiere von diesem Konzept auf direktem Wege, meint Hershko. Auf Grundlage der umfangreichen Daten könne man verschiedene Patienten mit denselben Krankheiten nun individuell, auf Grundlage ihrer DNA, behandeln. Kurz: personalisierte Medizin. Die umfassende Auswertung der elektronischen Patientenakten lässt außerdem Rückschlüsse auf Risikogruppen zu. Die Patienten, welche ein erhöhtes Risiko für eine bestimmte Krankheit haben, werden dann zu Voruntersuchungen in die Praxis bestellt, um gegebenenfalls Präventivmaßnahmen einzuleiten. Laut „Ärztezeitung“ hat das in den vergangenen Jahren zu zehn Prozent weniger Neuaufnahmen in israelischen Krankenhäusern geführt. Big Data in der Medizin als Schlüssel zur gesunden Nation?

Schlaraffenland für die Forschung

Tatsächlich sorgt die gutgefütterte Datenbank für eine Wissensgrundlage, von der Forscher anderer Nationen nur träumen können. Da alle israelischen Krankenkassen ein ähnliches Konzept haben und Israel eine Krankenversichertenrate von nahezu hundert Prozent hat, können Wissenschaftler auf ihrer Suche nach Krankheitserregern, Gegenmitteln und Therapieansätzen auf die umfangreichste medizinische Datensammlung der Welt zurückgreifen.

Doch das Schlaraffenland an Informationen bleibt der ausländischen Forschung nicht verwehrt. Erst im April dieses Jahres hat Israel dem globalen Verkauf von anonymisierten Daten aus den Datenbanken zugestimmt. Benjamin Netanjahu, israelischer Ministerpräsident, hatte kurz darauf verkündet, dass bereits mehrere große, internationale Firmen Interesse gezeigt hätten und sprach von milliardenfachen Umsätzen.

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Während die Menschen in Deutschland bei diesen Mengen an gespeicherten Informationen wohl schon lange auf die Barrikaden gegangen wären, empfinden die Patienten in Israel, so scheint es, den Tausch von Privatsphäre gegen Gesundheit als normal. „Wir haben unsere Privatsphäre vor langer Zeit an Google verloren. Es gibt keine Privatheit mehr auf der Welt. Ich denke, gesund zu sein ist wichtiger, als unsere Privatsphäre zu schützen“, sagt Hershko.

Aktion, Reaktion

Solange die Daten anonymisiert würden, sehe er kein Problem. Auch im Gespräch mit den jungen Wissenschaftlern aus Israel stößt das Thema beim Lindauer Nobelpreisträgertreffen auf wenig Skepsis. Alle scheinen sich einig zu sein: Big Data in der Medizin ist mehr hui als pfui. Nur einer der beim Gespräch anwesenden Israelis, Shlomi Haar vom Imperial College London, meint, Israel habe ein Problem mit der Datensicherheit: „Das System der Krankenhäuser und -kassen soll sicher sein. Aber sobald jemand Zugriff auf den Server hat, bekommt er auch Zugriff auf deine ganze Akte, deine gesamte Identität.“ Aber man müsse eben abwägen zwischen Datensicherheit und Effizienz.

Vielleicht ist es gerade dieser Pragmatismus, der Israel zur geheimen Supermacht der Medizinforschung und Gesundheitsversorgung macht: Aktion, Reaktion. Israel schafft es, die Ergebnisse aus der umfangreichen Forschung schnell zu interpretieren und die daraus gezogenen Schlüsse in medizinische Technologien zu übersetzen. Die Frage nach der Kosten-Nutzen-Rechnung dieser Informationsauswertung ist zumindest mit Blick auf die jüngsten globalen Datenskandale berechtigt. Für Israel aber scheint festzustehen: Der Zweck heiligt die Mittel. Eine Entscheidung, die in dem Fall der Staat trifft.

Quelle: F.A.Z.
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