Kinderkrankheiten

Wenn der Erwachsene dem Kinderarzt treu bleibt

Von Martina Lenzen-Schulte
06.04.2008
, 08:02
Viele Erwachsene lassen sich ihr Leben lang von ihrem Kinderarzt behandeln - mangels Alternative
Erwachsene Patienten in einer Kinderklinik? Hierzulande ist das alles andere als ein seltener Anblick. Viele angeborene Erkrankungen lassen sich inzwischen so gut behandeln, dass die Patienten das Erwachsenenalter erreichen. Die Folge: Es mangelt an Fachärzten.
ANZEIGE

Erwachsene, die als Patienten die Kinderklinik aufsuchen, sind in manchen Abteilungen kein ungewohnter Anblick. Den Kinderbetten sind sie zwar entwachsen, ihrem Arzt aber nicht. Eine Vielzahl von angeborenen Erkrankungen lässt sich inzwischen so gut behandeln, dass die Betroffenen in aller Regel das Erwachsenenalter erreichen.

ANZEIGE

Aber es gibt nicht genügend einschlägig qualifizierte Internisten, denen der Pädiater diese Patienten anvertrauen könnte. Auf dem Internistenkongress in Wiesbaden warben beide Fachdisziplinen gemeinsam dafür, diese immer größere werdende Versorgungslücke zu schließen.

Fortschritte in der Kinderherzchirurgie

Günter Breithardt, Direktor der Kardiologischen Klinik der Universitätsklinik in Münster, wies auf die besonderen Schwierigkeiten jener erwachsenen Herzkranken hin, die mit einem Herzfehler zur Welt kamen. Angeborene Herzfehler sind die häufigsten angeborenen Erkrankungen überhaupt und treffen etwa sieben bis zehn unter tausend Neugeborenen. Die Herzwände dieser Kinder haben Löcher, die großen Blutleiter sind verengt, nicht richtig voneinander getrennt oder vertauscht. Besonders ausgeprägte Fehlbildungen führten vor rund siebzig Jahren noch fast ausnahmslos im Kindesalter zum Tod. Seither hat die Kinderherzchirurgie immer größere Fortschritte erzielt, so dass inzwischen – je nach Grad der Schädigung – 80 bis 95 Prozent der Patienten das Erwachsenenalter erreichen.

Von den rund 230.000 Patienten, die in Deutschland mit einem angeborenen Herzfehler leben, sind etwa 120.000 erwachsen, und diese Zahl wächst jedes Jahr um weitere fünftausend. Während der „Standardkardiologe“ sich in seiner internistischen Ausbildung auf die Behandlung von Koronarkranken und Infarktpatienten konzentriert, stellen die angeborenen Herzfehler nicht nur aufgrund ihrer anatomischen Besonderheiten den Ungeschulten vor Schwierigkeiten, die er oft nicht meistern kann. Selbst wenn er jene Herzfehler kennt, die erst im Erwachsenenalter neu entstehen, reicht dies nicht.

ANZEIGE

Schwachpunkt rechte Herzkammer

Die Beobachtung mancher angeborenen Herzfehler habe gelehrt, dass sie eher das rechte Herz in Mitleidenschaft zögen, hob Breithardt hervor. Der Kardiologe sei indes gewohnt, immer auf Verschlechterungen der linken Kammer zu schielen. Aber auch Kinderkardiologen können solche Patienten nicht auf Dauer versorgen. Denn sie sind ihrerseits nicht genügend mit den typischen Veränderungen des alternden Herzens vertraut. Wer die Kranken betreuen will, muss sie zudem auch beraten können. Wie viel Sport oder körperliche Belastung er sich zutrauen darf, zählt ebenso dazu wie die Frage von jungen Frauen, ob sie trotz angeborenen Herzfehlers ein Kind austragen können. Nicht selten komme es vor, sagte Breithardt, dass Patientinnen zu einem Abbruch geraten werde, obwohl ihr Herz für eine Schwangerschaft stark genug gewesen wäre, wohingegen andere nicht genug gewarnt würden.

Während in einigen Klinikzentren Pädiater, Herzchirurgen und Kardiologen bereits gemeinsame Sprechstunden für diese Patienten anbieten, sollen sich nun auch niedergelassene Kardiologen und Kinderkardiologen im Rahmen einer Zusatzausbildung für eine spezialisierte Versorgung dieser Kranken qualifizieren können. Die Ersten legen bereits in diesem Monat ihre Prüfungen ab. Zudem will man die Hausärzte künftig besser darüber aufklären, wann sie den Patienten selbst behandeln dürfen oder eher zum Spezialisten überweisen sollten.

ANZEIGE

Hoffnungsschimmer bei Mukoviszidose

Auch in der Mukoviszidosesprechstunde des Kinderarztes Helge Hebestreit an der Universitätskinderklinik in Würzburg sitzen ebenso viele Erwachsene wie Kinder, mitunter schon drei Generationen. Bei der Mukoviszidose kommt es aufgrund genetischer Defekte dazu, dass manche Drüsen Sekrete absondern, die zu zähflüssig sind. Die Verdauung ist gestört, aber die eigentliche Bedrohung stellt die Luftnot dar, weil dicker Schleim die Atemwege verlegt und der Keimbesiedelung Vorschub leistet.

Noch vor fünfzig Jahren verstarben 80 Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr, im Jahr 2000 betrug ihre durchschnittliche Lebenserwartung dreißig Jahre, in Deutschland derzeit fast vierzig Jahre. Die pädiatrischen Lehrbücher widmen der Mukoviszidose immer noch mehr Platz als die internistischen, obwohl sie schon keine Kinderkrankheit mehr ist, mehr als die Hälfte der Patienten ist inzwischen erwachsen.

Begehrte Spezialkliniken

Zwei Drittel von ihnen gehen jedoch weiterhin in die Spezialzentren der Kinderkliniken – mangels Alternativen und wohl auch zu ihrem großen Vorteil. Denn denjenigen, die nicht von Experten behandelt werden, geht es merkbar schlechter. Hebestreit erntete regelrecht Verblüffung, als er von den bislang kaum für möglich gehaltenen Erfolgen bei der Bekämpfung von gefürchteten Keimen wie Pseudomonas aeruginosa berichtete. Es gelingt inzwischen durch unkonventionell frühe und lange Therapie sowie engmaschige Überwachung der Kranken, in 80 bis 95 Prozent der Fälle diesen bedrohlichen Erreger auszuschalten. Das erfordert indes konsequente Abschottung der Infizierten von den übrigen Mukoviszidosekranken.

ANZEIGE

Nicht nur mangelnde Kenntnisse der vielgestaltigen Erkrankung, auch organisatorische Hemmnisse erschwerten die umstandslose Überweisung in die internistischen Abteilungen, erläuterte Hebestreit. Allerdings seien nachhaltige Strukturverbesserungen für die qualifizierte Betreuung der Kranken dringend notwendig. Erste Versuche sehen so aus, dass Internisten in den Kinderabteilungen angestellt werden, um so die Infrastruktur eines Zentrums interdisziplinär zu nutzen.

Wuchernde Warzen und ernste Infektionen

Ähnliche Schwierigkeiten benennt Volker Wahn vom Virchow Klinikum der Charité in Berlin, wenn es um die Behandlung der primären Immundefekte geht. Noch 1980 verstarben die meisten der betroffenen Kinder, denen die Abwehr von Keimen kaum gelingt, im Kleinkindalter. Bereits die Therapie mit Antibiotika und Immunglobulinen hat ihre Lebenszeit verlängert. Selbst schwere Defekte lassen sich heute mittels Knochenmarkstransplantation erfolgreich bekämpfen. Inzwischen erreichen die so Behandelten ihr drittes und viertes Lebensjahrzehnt.

Allerdings gelte es, Warnzeichen für ein Nachlassen der Abwehrfunktionen bei den in die Jahre kommenden Kranken nicht zu übersehen, warnte Wahn. Vor allem hartnäckige und zerstörerische Infektionen, auch wuchernde Warzen sollten Alarm auslösen. Es gibt in Deutschland jedoch nur zwei Zentren, die kompetent primäre Immundefekte bei Erwachsenen behandeln könnten. Der älteste Patient, den Wahn als Kinderarzt betreut, ist achtzig Jahre alt. Vermutlich werden sich in ferner Zukunft sogar Geriater verstärkt mit angeborenen Erkrankungen befassen müssen.

Quelle: mls / F.A.Z.,02.042008
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE