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Übersehene Kopfschmerzen

Das unterschätzte Leid der Kinder

Von Felicitas Witte
 - 14:12
Viele Kinder wissen nicht, wie sie mit ihren Kopfschmerzen umgehen sollen.

Kopfschmerzen werden auch bei Kindern nach wie vor oft nicht als „echte“ Krankheit wahrgenommen und nicht adäquat therapiert. Immer noch werde das Thema banalisiert, sagt die Neurologin Gudrun Goßrau vom Universitätsklinikum Dresden. Jeden Monat sehen sie und ihre Kollegen der Kinderklinik Dutzende von Kindern, die nicht wissen, wie sie mit ihren Schmerzen umgehen sollen. Mehr als zwei von drei Kindern, so ergab kürzlich Goßraus Umfrage unter 5419 Schülern, leiden regelmäßig unter Kopfschmerzen. Bei den Oberschülern sind es sogar fast acht von zehn. Zwar hat nur jeder zweite Schüler den Fragebogen ausgefüllt, doch die Ergebnisse bestätigen ältere Studien. So hat bereits 2010 eine Analyse von 50 Studien aus der ganzen Welt mit insgesamt 80 876 Teilnehmern eine ähnliche Häufigkeit herausgefunden, und auch Umfragen des Robert-Koch-Instituts oder der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft bestätigen diese. „Die Gesellschaft tut zu wenig, um das Problem anzugehen“, klagt Goßrau.

Am häufigsten leiden die Kinder unter Spannungskopfschmerzen und Migräne, auch Kleinkinder. Die Symptome sind oft kürzer und weniger ausgeprägt als bei Erwachsenen – das macht die Diagnose schwierig. So treten bei Kindern Migräne-Attacken mit den heftigen, stechenden Schmerzen im Gegensatz zu Erwachsenen öfter beidseitig auf, und sie dauern meist nicht so lange. Leider gibt es keinen Test und keine Untersuchung, die die Diagnose bestätigen. Die Kinderärzte sind auf die Beschreibung der Beschwerden angewiesen. Ältere Kinder können zwar die dumpfen, drückenden Schmerzen beim Spannungskopfschmerz gut beschreiben. Aber Kleinkinder mit Migräne sagen eher, es tue überall im Kopf weh, statt die Schmerzen stechend zu nennen. Statt typischer Migränekopfschmerzen haben manche Kinder Attacken mit Übelkeit und Erbrechen oder „Bauch-Migräne“ mit Bauchweh und Appetitlosigkeit. Andere leiden immer wieder unter Schwindelattacken.

Eltern nehmen Kopfschmerzen nicht ernst

In der Dresdner Studie gaben 80 Prozent der Kinder, die mehr als zweimal im Monat unter Kopfschmerzen litten, an, nicht zum Arzt zu gehen. „Viele Eltern nehmen die Schmerzen nicht ernst und können sich zum Beispiel nicht vorstellen, dass Migräne auch bei Kindern vorkommt“, sagt Stefan Evers, Neurologe am Krankenhaus Lindenbrunn in Coppenbrügge. Er halte aber nichts davon, dass Kinder mit Kopfschmerzen regelmäßig zum Arzt gehen sollten. „Es genügt, einmal die Diagnose stellen und sich erklären zu lassen, was man tun soll.“

In Studien litten bestimmte Kinder häufiger unter Kopfschmerzen: diejenigen mit zu wenig Bewegung, Schlaf oder Freizeit, Übergewichtige und Teenager, die zu viel Kaffee oder Alkohol tranken und rauchten. In der Dresdner Studie kam noch übermäßige Nutzung von Mobiltelefon oder Computer hinzu. „Hoher Leistungsdruck und zu viel Freizeitaktivitäten können Kopfschmerzen auslösen“, sagt Evers, „aber beweisen lässt sich das kaum.“ Auch Streit in der Familie oder eine Scheidung erhöhen das Risiko, und bei Migräne spielt Vererbung eine Rolle. Evers rät zunächst zu mehr Schlaf, weniger Stress und viel Bewegung an der frischen Luft, und erst, wenn das nicht hilft, zu Medikamenten. „Mit einer Änderung des Lebensstils kann man vor allem bei Spannungskopfschmerzen viel erreichen“, sagt er. Bei Migräne kommt man oft um Medikamente nicht herum.

Warnung vor Schmerzmittelübergebrauch

„Die Werbung der Schmerzmittelhersteller suggeriert, dass jeder seine Kopfschmerzen selbst therapieren kann und man keine Diagnose vom Arzt benötigt“, sagt Hans-Christoph Diener, der jahrelang die Kopfschmerzambulanz an der Universitätsklinik Essen geleitet hat. „Das ist aber falsch, denn Migräne wird anders behandelt als Spannungskopfschmerzen.“ Bei Migräneattacken können auch schon Kleinkinder Ibuprofen bekommen, Schulkinder mit schlimmeren Schmerzen zudem Triptane. Bei Spannungskopfschmerzen werden Ibuprofen oder Paracetamol empfohlen. Die Schmerzmittel sollte man aber nur an maximal zehn Tagen im Monat nehmen, denn die Medikamente können selbst Kopfschmerzen auslösen oder verstärken. Trotzdem ist Vorsicht geboten. Im Kindesalter werde oft schon der Grundstein für eine laxe Haltung gegenüber Schmerzmitteln gelegt, die dann als Erwachsener zum Schmerzmittelübergebrauch führe, sagt Diener. Und der ist schwierig zu therapieren.

Bei fünf Prozent der betroffenen Kinder sind die Schmerzen so schlimm, dass sie im Alltag enorm eingeschränkt sind. Die Folge: Schulfehltage, Leistungsabfall, Schulangst oder Depressionen. „Diese Kinder brauchen eine intensivere Behandlung, aber bisher ist sehr fraglich, ob das die Kassen zahlen.“

Im Jahr 2016 hat Goßrau ein Kinderkopfschmerz-Programm mit mehreren Therapie-Bausteinen entwickelt, darunter Stressmanagement, Entspannungstechniken, Klettern, Riechtraining, Sport und Kunsttherapie. Das Programm wurde an 32 Patienten getestet. Ein Jahr danach hatten drei von vier Kindern seltener Kopfschmerzen, und sie kamen im Alltag besser klar.

Quelle: F.A.Z.
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