Krankenhäuser

Im Land der Ahnungslosen

Von Magnus Heier
25.02.2007
, 20:08
Bislang ist man bei der Wahl der Klinik auf vage Empfehlungen angewiesen
Die Suche nach der richtigen Klinik ist ein reines Glücksspiel, dabei werden Zahlen und Fakten längst erhoben. Nur wird bislang über die Namen der Kliniken geschwiegen. Nun werden die Daten in Deutschland zögerlich veröffentlicht.
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Es ist eine riesige Datensammlung, die seit sechs Jahren für viel Geld jährlich zusammengestellt wird. Knapp 200 Seiten stark ist der sogenannte BQS-Qualitätsreport. Er gibt Auskunft über die Leistungen in deutschen Kliniken.

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Ganz konkret wird darin festgehalten, wie viele Gallenblasen entfernt wurden und wie oft es nach der Operation zu Infektionen kam. Oder wie viele Hüftgelenke implantiert wurden und wie gut die anschließende Beweglichkeit des Gelenks war.

Von der Halsschlagader bis zum künstlichen Kniegelenk, von der Geburtshilfe bis zur Herztransplantation wird alles erfasst. Das Problem ist nur: Die Zahlen sagen nichts aus. Denn nach der Erhebung wird der einzigartige Datensatz gleich wieder in der Anonymität begraben.

Vor ärztlichem Dilettantismus schützen

So belegt der Bericht zwar minutiös, dass im vorletzten Jahr exakt 10.319 Patienten an der Aortaklappe des Herzens operiert wurden und dass dabei 3,24 Prozent verstarben. Zwar beschreibt der Report auch, dass sich die Letalität bei diesem Eingriff in den verschiedenen Krankenhäusern erheblich unterscheidet. Teilweise enttarnt er haarsträubende Defizite.

Nur: Die Namen der Kliniken werden verschwiegen. Welche Zahlen welchem Krankenhaus zuzuordnen sind, weiß allein die Geschäftsführung des betreffenden Krankenhauses selbst. Wer sich als Patient vor ärztlichem Dilettantismus schützen wollte, hatte bisher keine Chance, auf die Daten zurückzugreifen. Eine Veröffentlichung unter Nennung der Kliniken war nicht vorgesehen.

„Wir wollen den Patienten mündig machen“

Am vergangenen Donnerstag nun stellten 19 Hamburger Kliniken ihren „Hamburger Krankenhausspiegel“ vor. Dabei handelt es sich um einen Internetauftritt, der die schon jahrelang vorliegenden Daten in kommentierter Form präsentiert.

„Wir wollen den Patienten mündig machen“, sagt Jörg Weidenhammer von der Geschäftsführung der beteiligten Hamburger Asklepios-Kliniken. Für den Anfang wurden vier gängige Eingriffe ausgewählt: Gallenblasenoperationen, künstliche Hüftgelenke, Brustoperationen und Herzkatheter.

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„Bis Ende April dieses Jahres wollen wir fünf weitere dazustellen“, sagt Marco Tergau, Internist, Kardiologe und Initiator dieses Projekts. „Dann werden wir auch über Herzschrittmacher, künstliche Kniegelenke, Operationen an der Halsschlagader, Brüche des Schenkelhalses und Geburtshilfe berichten.“ Mit diesen neun Beispielen wären die häufigsten Eingriffe abgedeckt.

Allein auf das Gefühl angewiesen

Damit hätten zumindest Patienten aus Hamburg und dem Umland die Möglichkeit, sich vor geplanten Operationen die erfolgreichste Klinik auszusuchen. Wer bisher das richtige Krankenhaus suchte, war allein auf sein Gefühl angewiesen: „Nur 12 Prozent der Patienten vergleichen die Krankenhäuser vorher, 17 Prozent verlassen sich auf Verwandte, 42 Prozent auf die Empfehlung ihres Arztes und 24 Prozent nehmen einfach das Krankenhaus, das am nächsten liegt“, sagt Nina Denk, Leiterin des „Patienten-Barometers“ der Firma Psychonomics.

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Jetzt liegen erstmals harte Fakten auf dem Tisch. Der Teufel steckt natürlich, wie immer, im Detail. Schwierig ist beispielsweise die sogenannte Risikoadjustierung. Denn nicht immer ist ein Krankenhaus mit guten Operationsergebnissen die beste Adresse. Eine Klinik etwa, die nur jungen und ansonsten gesunden Patienten ein künstliches Kniegelenk einsetzt, wird dabei sehr viel seltener mit Herz-Kreislauf-Komplikationen rechnen müssen als eine Klinik, die auch Schwerstkranke operiert.

„Die Hamburger Endoklinik zum Beispiel führt nur geplante Operationen bei vorher einbestellten Patienten durch“, sagt Jörg Weidenhammer, „dabei sind natürlich sehr viel bessere Ergebnisse zu erzielen als etwa in der Altonaer Klinik, die sehr viele Unfallopfer behandelt.“ Aufgrund dieser Ungleichheit entsteht schnell der Eindruck, ein hochspezialisierter Chirurg habe schlechtere Operationsergebnisse als ein Landarzt - einfach deshalb, weil er sich an hochkomplizierte und damit auch riskantere Eingriffe herantraut.

„Wir sind die Ersten“

Um dem vorzubeugen, werden die Daten in Hamburg in einem „strukturierten Dialog“ neu bewertet. Faktoren wie das Alter der Patienten, die Anzahl der Notfälle, Begleiterkrankungen und die Schwere der Fälle fließen ein. Finden sich statistische Ungereimtheiten, werden sie mit den Betroffenen analysiert.

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„Wir sind die Ersten, die Auffälligkeiten prüfen, indem wir auf die Krankenakten zurückgreifen - und das unter Aufsicht unabhängiger Fachexperten“, sagt Tergau. Dabei können paradoxe Beobachtungen ausgeräumt werden - etwa wenn eine Klinik nur deshalb viele Nebenwirkungen dokumentiert, weil sie genauer hinschaut.

Angst vor Transparenz

Die Hamburger Initiative soll kein Einzelfall bleiben. Spätestens im Juni wird in Berlin die zweite Ausgabe eines Klinikführers erscheinen - ebenfalls eine strukturierte Auswertung des BQS-Qualitätsreports. In Berlin wurde der Klinikführer journalistisch vom Tagesspiegel entwickelt.

Wie auch in Hamburg stießen die Initiatoren auf erhebliche Widerstände der Mediziner und Kliniken: „Wir hatten nicht gedacht, dass es so schwer werden würde. Zahlreiche Verbände wollten mitreden, die Koordination war fast unmöglich“, sagt Ingo Bach, der die Idee entwickelt hatte. Der Berliner Klinikführer enthält neben den übernommenen Daten auch eine Befragung niedergelassener Ärzte. In der kommenden Ausgabe sollen außerdem Patienten zu Wort kommen.

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Ein dritter Ratgeber liegt als Klinik-Führer Rhein-Ruhr vor. Hier werden 74 Krankenhäuser mit 13 Fachdisziplinen unter die Lupe genommen. Allerdings ist dieser Führer noch sehr lückenhaft: Nur etwa 60 Prozent der Häuser haben sich beteiligt, innerhalb der Kliniken haben sich viele Abteilungen verweigert. Die Angst vor Transparenz ist offensichtlich groß. Das Bedürfnis danach aber auch: „Wir haben 30.000 Klinikführer verkauft und hatten 700.000 Klicks auf unsere Homepage“, sagt der Geschäftsführer Peter Lampe. Die nächste Auflage kommt im Herbst.

Chirurgen lehnten die Operation von Patienten ab

Es könnte noch sehr viel konkreter werden. Nach amerikanischem Vorbild könnten die Daten nicht nur einzelnen Kliniken, sondern auch deren Ärzten zugeordnet werden. „Im Staate New York werden seit 1997 in der Herzchirurgie nicht nur die Operations- und Komplikationsraten von Krankenhäusern veröffentlicht, sondern auch die von einzelnen Chirurgen“, sagt Tergau.

Das ist nicht unwichtig, schließlich gibt es Abteilungen, in denen der Chef nur noch an den wenigen kongressfreien Tagen operiert, sein Oberarzt aber täglich seine Fingerfertigkeit schult. Sie getrennt aufzuführen würde die Operationsentscheidung erheblich erleichtern. Umgekehrt zeigt das Beispiel New York aber auch unerwünschte Nebenwirkungen: Einige Chirurgen lehnten die Operation von Patienten mit erhöhtem Risikoprofil ab, um sich nicht ihre Statistik zu ruinieren.

Trotz des erheblichen Widerstandes vieler Kliniken und Ärzte ist die Entwicklung wohl nicht mehr aufzuhalten. Die entscheidenden Daten liegen jeder Klinik in Deutschland vor. Und die Bereitschaft, diese Daten dem Patienten auch zu zeigen, ist vielleicht schon der entscheidende Indikator für die Qualität eines Krankenhauses.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
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