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Krebs

Eine andere Weltsicht der Patienten

Von Stephan Sahm
 - 13:37

Multiple Körperwelten

Fortschritt in der Krebstherapie beschränkt sich keinesfalls auf die Entwicklung neuer Medikamente. Es ist ein nicht selten medial vermittelter Tunnelblick, der Innovationen auf anderen Feldern übersieht. Fortschritte in der Bildgebung waren ein Hauptthema beim Deutschen Krebskongresses vor kurzem in Berlin. Neue Perspektiven eröffnet etwa die sogenannte multiparametrische Magnetresonanztomographie. Sie liefert neben haarscharfen Abbildungen anatomischer Strukturen Informationen über deren Funktionszustand. Damit kann die Diagnose des Prostatakarzinoms erheblich verfeinert werden, wie Heinz-Peter Schlemmer aus Heidelberg berichtete. Die Aussagekraft kann noch gesteigert werden, wenn die Methode mit anderen Verfahren, dem Ultraschall oder der Positronenemissionstomographie, kombiniert wird. Es entstehen Hybridbilder, die auch den Nachweis kleinster Tumorherde etwa in Lymphknoten erlauben.

Viren für die Immuntherapie

Sogenannte Checkpoint-Blocker des Immunsystems hebeln die Bremse aus, mit der Tumoren eine Immunantwort des Organismus verhindern. Ziel ist es, die körpereigene Abwehr gegen die Tumorzellen zu aktivieren. Allerdings wirken diese Substanzen nicht bei allen Tumorleiden. Eine effektive Immunantwort braucht Andockstellen. Injiziert man ein gentechnisch verändertes Herpesvirus – TVEC genannt – in Tumoren, werden viele Antigene freigesetzt, die das Immunsystem erkennen kann. Die Wissenschaftler sprechen von Virolyse. Die Kombination der Virolyse mit der Gabe von Checkpoint-Inhibitoren sollte eine intensive Immunantwort erwarten lassen. Erste Versuche an Patienten mit fortgeschrittenen soliden Tumoren lassen aufhorchen, wie Stefan Kubicka aus Reutlingen beim Krebskongress anhand eigener Behandlungen belegte. Jetzt müssen Studien zeigen, ob die Immuntherapie nach Virolyse auch bei Tumoren helfen kann, die sich bisher als resistent erwiesen haben.

Krebs-Überlebende

Etwa sechzig Prozent aller Patienten, die an einem Tumor erkrankten, können geheilt werden. Doch nicht wenige bedürfen nach Abschluss der üblichen Nachsorge zum Ende ihrer Therapie weitere medizinische und psychologische Betreuung. Dieser Herausforderung müssen sich die Ärzte vermehrt stellen. Das forderten der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Peter Albers, wie auch der Präsident des Deutschen Krebskongresses in Berlin, Thomas Wiegel. Albers illustrierte die Notwendigkeit anhand von Erfahrungen aus seinem Fachgebiet, der Urologie. Hodentumoren zählen zu den bösartigen Leiden mit den besten Aussichten auf Heilung. Das ist seit vielen Jahren bekannt. Jetzt zeigen Statistiken aus den Nachbeobachtungen, dass nach etwa dreißig Jahren die Rate von zweiten Karzinomen steigt. Wie eine sekundäre Prävention gelingen kann, bedarf dringlich der wissenschaftlichen Untersuchung.

Vielzweckwaffe in der Prostata

Die Produktion des membranständigen Proteins PSMA ist in Tumoren der Prostata häufig um ein Vielfaches im Vergleich zu gesunden Zellen gesteigert. Nun haben Wissenschaftler Tracer für die nuklearmedizinische Diagnostik entwickelt, die mit radioaktivem Gallium oder Fluor beladen das PSMA erkennen. Das Verfahren eignet sich vornehmlich für die Diagnostik von Rückfällen nach einer Erstbehandlung. Wird statt Gallium oder Fluor Luthetium177 an den Tracer gekoppelt, eröffnen sich neue Perspektiven für die Therapie. Der Ligand mit dem Betastrahler bindet an das PSMA und bestrahlt die Zelle. Die elegante Peptid-Radio-Liganden-Therapie schont zudem umgebendes gesundes Gewebe, denn die Reichweite der Strahlung beträgt nur wenige Millimeter, wie Bernd Krause aus Rostock erläuterte. Jetzt soll der Stellenwert der Methode in klinischen Studien überprüft werden.

Patienten denken anders

In der Krebsbehandlung gehe es längst nicht nur um den Fortschritt der Behandlung. Mehr als bisher seien die Patienten in den Blick zu nehmen. Das meinte Gerd Nettekoven, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Krebshilfe, auf dem Krebskongress. Patienten haben eine andere Weltsicht als ihre Therapeuten. Ihre Einstellungen im Blick auf Wirkungen und Nebenfolgen einer Behandlung sind nicht deckungsgleich mit denen ihrer Ärzte. Daher wurde Patientenorientierung als wichtiges Handlungsfeld in den Nationalen Krebsplan aufgenommen. Patienten wollen bei Entscheidung über Diagnostik und Therapie als gleichwertige Gesprächspartner ernst genommen werden. Das will niemand abstreiten. Doch setzt dies Kompetenz auf Seiten der Patienten voraus, ebenso wie auch Fähigkeiten der Kommunikation seitens der Ärzte. Wie beides verbessert werden kann, soll jetzt im Zuge eines von der Deutschen Krebshilfe geförderten Forschungsschwerpunktes untersucht werden.

Quelle: F.A.Z.
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