Leberforschung

Keine Spur von Exotik bei Leberleiden

Von Stephan Sahm
18.10.2013
, 18:00
Hepatitis-B-Viren
Leberexperten diskutieren neue Daten: Hepatitis-E-Infektionen sind viel häufiger als gedacht. Die Übertragung erfolgt durch Tierkontakt. Bei Hepatitis B und C gibt es Fortschritte in der Behandlung.
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Bislang galt die Entzündung der Leber durch das Hepatitis-E-Virus als exotische Erkrankung. Ärzte beobachteten die Krankheit allenfalls im Osten der Türkei, in Afrika und Indien. Doch diese Einschätzung entspricht nicht der Wirklichkeit. Vielmehr wird die Erkrankung hierzulande meist verkannt. Die Lehrbücher der Leberkrankheiten müssen umgeschrieben werden. So könnte man die Ausführungen Heiner Wedemeyers von der Medizinischen Hochschule Hannover im Rahmen der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen zusammenfassen, die vergangene Woche in Nürnberg stattfand. Oftmals verläuft die Erkrankung unbemerkt. Bei anderen Patienten zeigt sich eine Gelbsucht, sie haben Fieber, und die Leberwerte sind erhöht. Gefährlich ist die Krankheit für Personen mit einer Abwehrschwäche, etwa Patienten nach einer Organtransplantation, HIV-Infizierte oder Erkrankte unter dauerhafter Behandlung mit Medikamenten, die das Immunsystem bremsen. Als besonders gefährdet gelten Frauen im letzten Drittel der Schwangerschaft. Es kann zu einem Ausfall der Leber kommen. Die Sterblichkeit soll dann bis zu zwanzig Prozent der Betroffenen betragen. Meist heilt die Entzündung jedoch aus, nur selten entwickelt sich eine chronische Hepatitis.

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Hohe Durchseuchung

Offenbar ist der Grad der Durchseuchung der Bevölkerung hoch, wie Wedemeyer berichtete. Als Quellen der Infektion gelten Schweine, aber auch beim Kontakt mit Katzen soll es zur Übertragung kommen. Angesichts einer zunehmenden Zahl von Menschen unter Behandlung mit immunsuppressiven Medikamenten gemahnte er seine ärztlichen Kollegen, bei jeder unklaren Leberentzündung an die Möglichkeit einer Hepatitis-E-Infektion zu denken. Die Diagnose wird durch den Nachweis der viralen Erbsubstanz - einer Ribonukleinsäure - im Blut der Betroffenen gestellt. Auch die Messung des bei der Reaktion des Organismus auf die Infektion entstehenden Antikörpers vom Typ Immunglobulin M ist hilfreich.

Die Arbeitsgruppe von Heiner Wedemeyer berichtet auch erstmals über Fortschritte bei der Therapie der Hepatitis E. Eine Behandlung mit dem Medikament Ribaverin, das als Mittel gegen Viruskrankheiten entwickelt wurde und bei Behandlung der chronischen Hepatitis C eingesetzt wird, erwies sich als erfolgreich. Wie lange behandelt werden muss, ist noch unklar. Vermutlich müssen die Patienten über mehrere Monate die Arznei als Tablette einnehmen. Ob der Effekt auch nachhaltig ist, bedarf noch der Beobachtung.

Fortschritte bei der Behandlung

Auch bei der Behandlung der weiter vorn im ABC der Leberentzündungen stehenden Infektionen Hepatitis B und C wurden in jüngster Zeit überraschende Fortschritte erzielt. Beide Infektionen gehen mit dem Risiko einer chronischen Entzündung einher. Im Verlauf verhärtet sich die Leber, weil Bindegewebsfasern entstehen, die das Lebergewebe ersetzen. Je nach Ausmaß sprechen die Ärzte von Fibrose oder - im Endstadium - von Zirrhose der Leber. Bislang galt dieser Prozess, wenn er denn eingesetzt hatte, als unumkehrbar. Dieses Dogma der Lebermedizin ist jetzt gefallen. Erstmals berichteten Wissenschaftler in diesem Jahr, dass sich die Fibrose und der Grad der Zirrhose bei Patienten mit chronischer Hepatitis-B-Virus-Infektion unter Behandlung mit dem Stoff Tenofovir zurückzubilden vermag („Lancet“, Bd. 381, S. 468).

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Nicht jede chronische Hepatitis B muss behandelt werden. Es hängt von der Zahl der Kopien des Virus im Blut ab, ob eine Therapie eingeleitet werden soll. Doch gilt es, die Patienten regelmäßig zu überwachen, da die Aktivität der Erkrankung Schwankungen unterliegt. Wichtig ist es, eine Zirrhose der Leber zu verhindern. Die Therapie der Hepatitis C erweist sich noch immer als sehr belastend für die Betroffenen. Neben den oft nur schlecht verträglichen Interferonen werden heute Hemmstoffe der für die Vermehrung des Virus notwendigen Proteasen gegeben. Mit Einführung dieser Substanzen zeitigt die Therapie zwar besseren Erfolg, doch leiden die Patienten unter Nebenfolgen, die auch lebensbedrohlich sein können. In Nürnberg wurde davor gewarnt, die Therapie zu beginnen, wenn infolge des Leberschadens das Eiweiß Albumin oder die Zahl der Blutplättchen, die Thrombozyten, erniedrigt sind.

Besser verträgliche Arzneimittel

Besser verträgliche Substanzen werden in naher Zukunft für die Behandlung zur Verfügung stehen. Vielleicht wird auf Interferone verzichtet werden können. Eine Reihe von neuen Arzneien wurde bereits mit vielversprechendem Erfolg getestet, so Substanzen aus der Klasse der Nukleosid-Polymerasen-Hemmer, der nicht-Nukleosid-Polymerasen-Hemmer und der Hemmstoffe des für die Virusvermehrung unerlässlichen Proteins NS5B. Nicht zuletzt deutsche Leberforscher waren daran beteiligt. So haben Wissenschaftler um den Leberspezialisten Stefan Zeuzem vom Uniklinikum Frankfurt am Main erst vor wenigen Wochen über die erfolgreiche Behandlung mit zwei neuen Arzneistoffen berichtet („New England Journal of Medicine“, Bd. 369, S. 630). Die Kombination aus Faldabrevir und Daclatasvir erweis sich als gut verträglich. Die Patienten brauchten auch kein Interferon injizieren. Eine Interferon-freie Therapie scheint möglich.

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Leberärzte werden schon in kurzer Zeit die Namen einer Vielzahl neuer Arzneistoffe lernen müssen, hießt es in Nürnberg. Mit den ersten Zulassungen der Aufsichtsbehörden sei Anfang des nächsten Jahres zu rechnen. Wer darüber hinaus seiner Leber Gutes tun will, soll eine gute Tasse Kaffee trinken, meinten die Experten. Studien haben den günstigen Einfluss auf die Lebergesundheit belegt. Viren kann die Kaffeebohne allerdings nicht austreiben.

Quelle: F.A.Z.
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