Langzeitschäden von Covid-19

Ein Leben wie abgerissen

Von Joachim Müller-Jung
08.04.2021
, 12:50
Ein Schatten ihrer selbst: Das postvirale Syndrom ME/CFS trifft mehrheitlich Frauen und spart junge, vitale Menschen nicht aus.
Im tiefen Tal von Corona-Überlebenden: Das Erschöpfungssyndrom nach einer Infektion kann aus leicht Erkrankten lebende Wracks machen. Es ist die Spitze eines Eisbergs, den die Virusseuche hinter sich herschleppt.

Der Tod war für sie nie ein Thema, nicht jedenfalls der Tod durch Covid-19. Diese Fälle werden offiziell sorgfältig erfasst: Knapp 78.000 sind es bisher in Deutschland, weltweit haben fast drei Millionen ihr Leben nach einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Erreger verloren. Überlebende mit anhaltenden Beschwerden jedoch wie die 42 Frauen und Männer, die sich zwischen Juli und November vergangenen Jahres nach verheerenden Monaten des Zweifelns, der auszehrenden Qualen und mit Tausenden Fragen ans Fatigue-Centrum der Charité in Berlin gewendet haben, werden nicht offiziell gezählt. Nicht national und nicht weltweit. Sie sind Überlebende, registriert in der Gruppe der inzwischen mehr als 2,5 Millionen „Genesenen“, und sie sind deshalb auch selten ein Thema, wenn über Lockdown oder Lockerungen gestritten wird. Immer noch nicht, seltsamerweise, denn die Summe der Corona-Geschädigten mit „Longcovid“ wird jeden Tag größer.

Die Krankheitslast steigt wie die der Trauernden. Zehn Prozent der Infizierten, das ist die Schätzung, die am häufigsten zu hören ist, leiden noch Monate später an dem „postviralen Syndrom“, zu dem der amerikanische Covid-Berater und Immunologe Anthony Fauci jüngst feststellte, es sei sehr real, und „es ist unglaublich, wie viele der Infizierten an diesem postviralen Syndrom leiden, das der Myalgischen Enzephalitis/Chronischem Fatigue Syndrom erstaunlich ähnelt.“

„Multisymptom“-Leiden auch schon bei Kindern

ME/CFS ist für sich eine große, lange Leidensgeschichte – eine Leidensgeschichte der Betroffenen und der Medizin, auch der Bürokratie. Schon die Schrägstrich-Bezeichnung deutet an, wie bitter um die Anerkennung dieser Krankheit gestritten wurde. Für den Amtsschimmel war sie lange oft bloß Erschöpfung oder im schlimmsten Fall Arbeitsverweigerung, die Mediziner verbuchen es inzwischen immerhin unter neurologischen Leiden. Nach Krankenkassenangaben gibt es etwa 300.000 ME/CFS-Patienten im Land. Neurologisch oder psychisch, „echt“ oder „eingebildet“, der Streit darum hat Jahrzehnte gedauert, nicht nur hierzulande. Beendet ist er keineswegs. Und jetzt schon gar nicht mit dieser Pandemie. Wenn die Beobachtungen des ersten Seuchenjahres nicht täuschen, könnten weltweit Millionen zusätzlich daran erkranken – und die Konflikte um langwierige Therapien und Behandlungskosten die Gesundheitssysteme enorm belasten.

Ein Covid-Patient bei einem Lungenfunktionstest.
Ein Covid-Patient bei einem Lungenfunktionstest. Bild: dpa

Die „Post-Corona-Fatigue“, wie man das Leiden in der Berliner Charité bezeichnet, beschäftigt die medizinische Immunologin Carmen Scheibenbogen mit ihren Kollegen schon seit Monaten. Wer mindestens sechs Monate nach einer Sars-CoV-2-Ansteckung diese unfassbar lähmende Energielosigkeit spürt und mit den begleitenden Dauerschmerzen kaum noch klarkommt, der ist ein Fall für das Fatigue-Zentrum. Vor wenigen Wochen hat die klinische Truppe um Scheibenbogen in einem Preprint auf „medRxiv“ einen wissenschaftlich noch nicht endgültig begutachteten Aufsatz veröffentlicht, der die seit Monaten unter erfahrenen Klinikern gehegte Vermutung bestätigte: Fast die Hälfte von 42 nachweislichen Covid-19-Patienten erfüllte nach Aufnahme alle ME/CFS-Kriterien und erlebte nach einer Infektion den mentalen und metabolischen Absturz, der typisch ist für das Erschöpfungssyndrom.

Das Coronavirus machte sie zu lebenden Wracks. Die Jüngste mit der Diagnose war vierundzwanzig Jahre alt und in guter körperlicher Verfassung vor der Infektion, aber auch über 60-Jährige kann es treffen. Und vor allem: Das Leiden erfasst auch ohne schwere Erkrankung. Im Gegenteil, viele hatten nur milde Covid-Symptome. Wochen nach dem Abklingen der Corona-Atemwegssymptome aber schwächten die ME/CFS-Symptome Körper und Geist: Fast alle litten unter nicht enden wollender Abgeschlafftheit, Gedächtnisprobleme quälten sie immer öfter, mehr als neunzig Prozent litten unter teils heftigen, wiederkehrenden Kopf- und Muskelschmerzen – der Alltag wurde immer unerträglicher statt besser nach einem ausgestandenen Infekt.

Typisch auch für ME/CFS: Zwei Drittel der Betroffenen in der Charité waren Frauen. Warum, weiß keiner, die Vermutung ist, dass es am Immunsystem liegt – ähnlich wie bei der Geschlechterasymmetrie der Covid-19-Erkrankung, die allerdings verstärkt die Männer trifft. Frauen leiden häufiger an Autoimmunleiden, und genau das – fehlgeleitete Auto-Antikörper, die eigenes Nervengewebe attackieren – gilt mittlerweile als mutmaßlicher Auslöser der ME/CFS. Die Hinweise darauf verdichteten sich in den vergangenen beiden Jahren.

Vor Jahren schon hatte man andere Viren wie Epstein-Barr als Auslöser ins Spiel gebracht, doch die Daten waren und sind nicht eindeutig. Klar ist: Das „Multisymptom“-Leiden, wie das die Charité-Forscher nennen, kann auch schon im Kindesalter auftreten: Zehntausende sollen in Deutschland schon vor Corona betroffen gewesen sein, manchmal sind es mehrere Familienmitglieder. Global gesehen wurde vor Covid-19 eine Häufigkeit von 0,3 bis 0,8 Prozent der Bevölkerung angegeben, Tendenz steigend. Die Dunkelziffer soll hoch sein.

Nicht nur deshalb sind die ME/CFS-Patientenorganisationen sensibel, wenn wie jetzt die Stimmen lauter werden, die eine Verbindung von postviralem Syndrom und der Pandemie in Frage stellen – die sogar Spät- und Langzeitfolgen von Covid-19 insgesamt hinterfragen. Tatsächlich zählt ME/CFS zu dem großen Leidenskomplex, der als „Longcovid“ absehbar immer stärker die Gesundheitssysteme und -politik beschäftigt. Zehn Prozent der Sars-CoV-2-Infizierten, heißt es oft, sollen auch mehr als ein Viertel- oder Halbjahr nach der Ansteckung, wenn das Virus meistens längst nicht mehr nachweisbar ist, an physischen wie psychischen Spätschäden leiden: Erschöpfung, Atembeschwerden, Gelenk- und Muskelschmerzen, Migräne, Gedächtnisprobleme, Geschmacksverluste, posttraumatische Belastungsstörung, Schlafprobleme, Angststörungen, Herzrasen, Diabetes, Hautveränderungen, Haarausfall – die Liste ist in den Monaten der Pandemie immer länger geworden. Auch Kinder kann es treffen, weil das Virus sie zwar in den allermeisten Fällen von Lungenschäden verschont, aber doch wie bei Erwachsenen nach einer Ansteckung über die Blutgefäße viele andere Organe erreichen kann.

Viele der genesenen Intensivpatienten müssen das Gehen erst wieder mühsam lernen.
Viele der genesenen Intensivpatienten müssen das Gehen erst wieder mühsam lernen. Bild: dpa

Was allerdings die genauen Mechanismen und die Zahl der Longcovid-Erkrankungen angeht, herrscht noch längst keine Klarheit. Je nach Größe, Dauer, Design und vor allem Qualität der Beobachtungsstudien kommt man auf zwei bis siebzig Prozent aller Infizierten – symptomlose eingeschlossen –, die eine oder mehrere Longcovid-Störungen noch monatelang mit sich herumschleppen.

Ob es unheilbare Defekte gibt, ist völlig offen. Klar aber ist, dass der Sars-CoV-2-Erreger den Körper vieler Infizierter systemisch und damit an vielen Organen gleichzeitig beeinträchtigen kann. Für das „British Medical Journal“ haben Londoner Kliniker für das Statistikamt, das Office for National Statistics, die Krankheitslast von 47.780 bis August 2020 nach einer Covid-19-Erkrankung entlassenen Briten (Durchschnittsalter 65) bis zu 140 Tage erfasst und mit einer nichtinfizierten, aber statistisch sonst vergleichbaren Kontrollgruppe abgeglichen. Das Ergebnis: Ein Drittel musste nach ausgestandener Covid-19-Erkrankung weiter oder wieder behandelt werden, zehn Prozent verstarben innerhalb der dreieinhalb Monate. Von überdurchschnittlichen „Multiorganschäden“, die sowohl den Atmungstrakt, Herzkreislauf, Nerven- und endokrines System betreffen, wird berichtet.

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Das Risiko, lange nach der Infektion abermals klinisch behandelt werden zu müssen oder doch noch zu sterben, sei insbesondere bei unter Siebzigjährigen um das Vier- bis Achtfache erhöht. Dem Nationalen Statistikamt in London zufolge gelten inzwischen (Stand Ende März) eine Dreiviertelmillion registrierter englischer Covid-Patienten als Longcovid-Patienten.

Der Psychologe Michael Sharpe von der Universität Oxford hat dem Versicherungskonzern Swiss-Re vor kurzem vorgerechnet, dass nach Datenlage etwa ein Viertel der in Post-Covid-Rehakliniken behandelten Patienten auch ein halbes Jahr nach der Entlassung nicht fähig waren, ihrem Job nachzugehen. Wegen der starken Bedeutung der chronischen Erschöpfung riet er zum Aufbau von Zentren mit „psychologisch unterstützter Rehabilitation“.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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