Lungenhochdruck

Viagra hilft dem Kreislauf auf die Sprünge

Von Nicola von Lutterotti
09.06.2004
, 11:00
Der in der Potenzpille Viagra enthaltene Wirkstoff lindert auch Lungenhochdruck
Ein krankhaft erhöhter Druck im Lungenkreislauf bedeutet für das Herz eine ungeheure und nicht selten tödlich endende Strapaze. Was kaum jemand ahnt: Jeder Zehnte leidet an Lungenhochdruck.
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Ein krankhaft erhöhter Druck im Lungenkreislauf bedeutet für das Herz eine ungeheure und nicht selten tödlich endende Strapaze. Eine Belastung mithin, der weit mehr Menschen ausgesetzt sind, als die weithin unbekannte Bezeichnung "pulmonale Hypertonie" vermuten lassen mag. Hossein-Ardeschir Ghofrani vom Zentrum für Innere Medizin der Universität in Gießen schätzt, daß bis zu zehn Prozent der Bevölkerung - mehr als acht Millionen Menschen - an dem Lungenhochdruck leiden dürften. Viele Betroffene, insbesondere solche mit geringer Erkrankungsschwere, ahnen jedoch nichts von ihrem Schicksal.

Die dem Atemorgan vorgeschaltete rechte Herzhälfte muß beim Lungenhochdruck erhebliche Kraft aufwenden, um das Blut durch die Lunge zu pumpen. Wird die Störung nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, erleiden die Betroffenen mit der Zeit ein tödliches Herzversagen.

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Die Entstehung eines Lungenhochdrucks kann unterschiedliche Ursachen haben. Hierzu zählen unter anderem angeborene Mißbildungen des Herzens, Bindegewebserkrankungen, Lungenembolien, die Immunschwächekrankheit Aids, eine chronische Raucherbronchitis, Erkrankungen der Leber und die Einnahme bestimmter Appetitzügler. Entwickelt sich ein Lungenhochdruck ohne erkennbaren Grund, spricht man von einer primären pulmonalen Hypertonie. Die hiervon betroffenen Menschen erkranken meist schon in jungen Jahren. Die meisten sterben auch schon früh.

Diagnose kommt oft zu spät


Da ein Lungenhochdruck keine spezifischen Symptome verursacht und sich zudem nicht leicht nachweisen läßt, wird er oft erst spät entdeckt. Im Anfangsstadium der Erkrankung klagen die Patienten üblicherweise über Atemnot bei körperlicher Belastung, Brustenge, Herzklopfen und Müdigkeit. Viele Ärzte führen solche Beschwerden fälschlicherweise zunächst auf andere, sehr viel häufiger vorkommende Leiden zurück. Was die Behandlung von Patienten mit pulmonaler Hypertonie angeht, wurden in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielt. Anders als in der Vergangenheit ist eine Lungentransplantation inzwischen nicht mehr die einzige erfolgversprechende Maßnahme. Vielmehr gibt es eine Reihe von Verfahren, mit denen sich das Voranschreiten der Erkrankung aufhalten oder zumindest hinauszögern läßt. Ausschlaggebend für die Entwicklung der neuen Therapien war die Erkenntnis, daß man einen Lungenhochdruck im wesentlichen über drei Wege angehen muß. So kommt es darauf an, die übermäßig angespannten Lungenadern zu lockern, ihre Gefäßwände vor einer zunehmenden Versteifung und Verdickung zu bewahren und der Bildung von Gerinnseln entgegenzuwirken.

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Patienten mit schwerem Lungenhochdruck sprechen vielfach auf eine Infusion mit dem Botenstoff Prostazyklin an. Dieses Gewebshormon erweitert die verengten Blutgefäße, unterdrückt das Verklumpen von Blutplättchen und scheint nicht zuletzt die Elastizität der Gefäße zu verbessern. Zu den Nachteilen des Verfahrens gehört, daß man dem Patienten einen Venenkatheter implantieren muß. Solche künstlichen Zugänge begünstigen aber bekanntlich die Entstehung von schweren, teilweise tödlichen Infektionen. Bedrohliche Folgen kann auch ein plötzliches Aussetzen der Infusionspumpe haben, da Prostazyklin rasch zerfällt und bei einem Abbruch der Behandlung der Lungendruck in die Höhe schnellt. Bei intravenöser Gabe wirkt der gefäßerweitende Botenstoff zudem auf den ganzen Organismus ein und nicht nur auf die Lunge. Die Infusionstherapie ruft daher häufig unerwünschte Nebenwirkungen hervor, etwa einen starken Blutdruckabfall.

Neue Therapiekonzepte


Viele dieser Nachteile lassen sich durch die Anwendung eines inhalierbaren Prostazyklins umgehen. Dabei gelangt das Medikament vorwiegend in die Lunge und erreicht lediglich gut belüftete - und daher meist ausreichend durchblutete - Gewebeareale. Damit verbessert sich unter anderem die Sauerstoffaufnahme. Maßgeblich beteiligt an der Entwicklung dieses Verfahrens waren Ärzte um Werner Seeger vom Zentrum für Innere Medizin der Universität in Gießen. Wie Seeger und seine Kollegen unlängst in einer klinischen Studie zeigen konnten, vermag eine Behandlung mit Iloprost - einem inhalierbaren Prostazyklin-Abkömmling - die Leistungsfähigkeit und verminderte Herzkraft von Patienten mit Lungenhochdruck deutlich zu bessern ("New England Journal of Medicine", Bd. 347(5), S. 322). Auch das inhalierbare Medikament verfügt jedoch nur über eine begrenzte Wirkdauer und muß daher mehrmals täglich angewandt werden.

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Merklich verlängern und zugleich verstärken läßt sich der Therapieeffekt von Iloprost offenbar, wenn man dieses mit Sildenafil - das unter der Bezeichnung Viagra bekannte Potenzmittel - kombiniert. Das haben vorläufige Untersuchungen der Gießener Arbeitsgruppe um Ghofrani und Friedrich Grimminger bei Patienten mit Lungenhochdruck unterschiedlicher Ursache ergeben. Einer kleinen Gruppe von Betroffenen, deren Zustand sich trotz Anwendung von Iloprost weiter verschlechterte, gaben die Ärzte zusätzlich ein Jahr lang Sildenafil. Wie Ghofrani und seine Kollegen unlängst berichteten, besserte sich das Befinden der Patienten daraufhin deutlich ("Journal of the American College of Cardiology", Bd. 42, S. 158). So verringerte sich der Gefäßwiderstand in den Lungengefäßen der Kranken, und deren Herzkraft nahm zu. Zugleich konnten sich die Betroffenen wieder sehr viel mehr belasten. Den Ergebnissen weiterer Studien zufolge vermag Sildenafil den Lungenhochdruck auch alleine, ohne Mithilfe eines anderen gefäßerweiternden Stoffes, zu bessern ("Lancet", Bd. 360, S. 895).

Sildenafil vermindert den erhöhten Gefäßwiderstand in der Lunge, indem es den Abbau eines die Gefäße weitstellenden Signalmoleküls in der Zelle unterdrückt. Es handelt sich dabei um das zyklische Guanosin-Monophosphat (cGMP), ein von vielen gefäßerweiternden Hormonen benützter, zellulärer Auftragsempfänger. Dieser wird normalerweise von einem im Lungengewebe reichlich vorhandenen Enzym namens Phosphodiesterase außer Gefecht gesetzt. Hier greift Sildenafil ein: Es hindert die Phosphodiesterase daran, den zellulären Botenstoff cGMP lahmzulegen, und erreicht damit, daß dessen gefäßerweiternde Wirkung erhalten bleibt. Wie die bisherigen Erfahrungen der Gießener Ärzte und anderer Arbeitsgruppen zeigen, wird Sildenafil von Patienten mit pulmonaler Hypertonie gut vertragen. Da das Mittel in Tablettenform vorliegt, läßt es sich zudem leicht anwenden. Endgültig beurteilen kann man seinen therapeutischen Nutzen bei dieser Indikation freilich erst, wenn die Ergebnisse größere Studien vorliegen.

Einige Patienten mit Lungenhochdruck profitieren zudem von einer Unterdrückung des gefäßverengenden Hormons Endothelin, das oft übermäßig aktiv ist. Die meisten Erfahrungen hat man bislang mit dem Hemmstoff Bosentan gesammelt. Dieses Medikament wird häufig als Mittel der ersten Wahl verwendet, weil man es in Tablettenform einnehmen kann. Die Anwendung von Bosentan erfordert gleichwohl starke Kontrolle, da es bei einem nicht unerheblichen Teil der Behandelten zu einem Anstieg der Leberenzyme kommt.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.06.2004, Nr. 132 / Seite N3
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