Manifest europäischer Forscher

„Wir könnten in vier Wochen am Ziel sein“

Von Joachim Müller-Jung
19.12.2020
, 08:35
Europäische Forscher gemeinsam für eine radikale, langfristige Eindämmung des Virus: Das streben Hunderte Unterzeichner eines Aufrufs an, der jetzt in Deutschland gestartet und in einem internationalen Fachblatt publiziert wurde.

Hohe Fallzahlen? Fürchtet euch nicht! Was bis in den Herbst hinein von dem einen oder anderen Virologen und Kassenärztelobbyisten in Corona-Talkshows und der Boulevard-Presse als mutige Corona-Strategie propagiert wurde, ist längst disqualifiziert. Die Lockerungslautsprecher sind verstummt. Und ihre Idee, hohe Infektionszahlen könnte das Gesundheitssystem locker stemmen, solange sie stabil bleiben, ist von der traurigen Wirklichkeit eingeholt. Politisch ist die epidemiologische Schnapsidee längst einkassiert, und nun ist sie auch wissenschaftlich zur Randerscheinung geworden – zugunsten einer ins Gegenteil weisenden europäischen Vision. Auf Initiative der Göttinger Max-Planck-Forscherin Viola Priesemann haben sich mehr als dreihundert europäische Wissenschaftler, Gesundheitsfachleute und Vertreter von Institutionen im Krankensektor einer Publikation im international renommierten Medizin-Journal „Lancet“ angeschlossen, in der eine gemeinsame „Strategie zur raschen und nachhaltigen Reduktion der Covid-19-Fallzahlen“ gefordert wird.

Das Ziel ist, ganz konkret: Möglichst schnell auf eine Fallzahl von maximal zehn Neuinfektionen pro Million Einwohner und Tag zu kommen – und zwar kontinentweit. Für Deutschland heißt das: Den verschärften Lockdown fortsetzen, bis man wieder bei dreistelligen Fallzahlen pro Tag ankommt, und nicht wie derzeit weit im fünfstelligen Bereich. „Bei so hohen Zahlen wie jetzt lässt sich die Zahl der Toten nicht reduzieren“, sagte Priesemann bei der virtuellen Ankündigung der europäischen Initiative, zu der außer ihr die Genfer Virologin Isabella Eckerle und die Wiener Politikwissenschaftlerin Barbara Prainsack anwesend waren.

Verringerung der Fallzahlen hat nur Vorteile

Die drastische und dauerhafte Verringerung der Fallzahlen hätte nur Vorteile. Sechs davon werden in der Lancet-Publikation ausgeführt: Geringe Fallzahlen retten Leben, sie sichern Arbeitsplätze und Unternehmen (sich schnell erholende Volkswirtschaften wie Australien zeigten das), die Ausbreitung könne damit effektiver kontrolliert werden, sie erlaubten zudem Planbarkeit, die Quarantäne und Kontaktnachverfolgung seien überhaupt nur so durchführbar, und nicht zuletzt bleibe den Menschen die unselige Debatte um eine populationsweite, durch Infektionen herbeigeführte Immunität – die vieldiskutierte Herdenimmunität – erspart. „Es muss aufgehört werden, diesem Phänomen nachzujagen, wir sollten nichtmal mehr darüber sprechen“, forderte Prainsack. Gleiches gelte für wissenschaftlich völlig unhaltbare Ideen von Immunpässen. Die Politik hoher Fallzahlen, auch wenn man sie stabil hoch halten wolle, seien viele vermeidbare Covid-19-Opfer: „Im Moment müssen wir wohl noch bis Neujahr mit steigenden Totenzahlen rechnen“, sagte Priesemann.

Die oberste Prämisse sollte sein, so heißt es in dem Lancet-Papier, ausnahmslos in ganz Europa niedrige Fallzahlen durch koordiniertes Vorgehen zu erreichen. Wenn in einem einzelnen Land geringe Infektionszahlen erreicht sind, genügt das nach Ansicht der Autoren nicht, weil durch die offenen Grenzen jederzeit wieder erhebliche Viruseinträge ins Land kommen könnten. Der„Ping-Pong-Effekt“ durch reimportierte Corona-Infektionen drohe jederzeit bei auch nur teilweise hohen Fallzahlen in Europa. „Wir müssen dem Virus den Weg abschneiden“, sagte Priesemann, und das gilt insbesondere jetzt auch innerdeutsch im Lockdown. „In vier Wochen könnten wir am Ziel sein“, die Infektionszahlen auf die zehn Fälle pro Million und Tag zu drücken. Dazu allerdings müsste die Virusverbreitung konsequent und an allen Stellen durch Kontaktreduktion bekämpft werden – auch in den Schulen, bei der Arbeit und im Verkehr. Bisher fehlen für viele dieser Bereiche definierte Ziele, immer noch würden zu viele Ausnahmen in Europa gemacht.

Um die Fallzahlen so schnell zu drücken, müsste der R-Wert, der die Infektionstätigkeit in einem Land oder einer Region widerspiegelt, in ganz Europa auf möglichst unter 0,7 gedrückt werden. Am Freitagabend lag der R-Wert zum Ende der ersten Lockdown-Woche bei 1,05. Mit dem ersten verschärften Lockdown im Frühjahr war in Deutschland ein Wert von 0,7 durchaus erreicht worden. Mit diesem niedrigen R-Wert lassen sich der Göttinger Corona-Modelliererin Priesemann zufolge die Neuinfektionszahlen in jeder Woche halbieren: „Wir müssen dafür aber jetzt alle möglichen Maßnahmen zusammenkratzen und in den Topf werfen.“

Wichtig ist aber nicht nur die Zahlen zu drücken, sondern dann auch niedrig zu halten. Eine „gemeinsame, langfristige Vision könne dann entwickelt werden, in der Lockdowns nicht mehr nötig – aber immer noch die Hygieneregeln aufrecht zu erhalten – seien. Die nur allmählich wirkenden und ausgeweiteten Impfungen seien keine Rettung. Stattdessen dringen die Unterzeichner des Aufrufs darauf, überall eine „Überwachungsstrategie“ der niedrigen Fallzahlen mit Hilfe von Corona-Tests zu erzielen: Mindestens 300 Tests pro Million Einwohner pro Tag sollte auch bei niedrigen Fallzahlen flächendeckend das Ziel sein. Das wären knapp 750.000 Tests pro Monat für Deutschland. Es liegt demnach deutlich unter den aktuellen Test-Kapazitäten in Deutschland und würde also bei täglich dreistelligen Neuinfektionen die Testung zahlreicher symptomloser Bundesbürger bedeuten. „Damit kann ein Anstieg der Fallzahlen rechtzeitig erkannt werden“, heißt es in dem Papier der Lancet-Initiatoren. Antigen-Schnelltests hält die Klinikerin Isabella Eckerle künftig für „ein wichtiges Instrument unter vielen“, allerdings fehlten in Europa immer noch die nötigen Infrastrukturen, um mit den Tests sehr zuverlässig das Ansteckungsrisiko zu verringern. Am Ende, so Eckerle, „können wir das Virus nicht einfach wegtesten“.

Niedrige Fallzahlen erlauben aber, schnell und effektiv nach neuen Ausbrüchen zu reagieren. „Es lohnt sich, denn wir haben dadurch insgesamt alle mehr Freiheiten“, sagte Priesemann. Die Initiatoren bemerkten bei der Vorstellung des Lancet-Aufrufs, dass neben den erwartbaren Unterzeichnern aus dem medizinisch-wissenschaftlichen Kosmos, zu denen die prominenten Virologen Christian Drosten, Melanie Brinkmann und Sandra Ciesek zu zählen sind, auch Vertreter aus der Wirtschaft gehören. Wer allerdings bisher nicht unterzeichnet hat aus der Reihe der Pandemie-Prominenz, das fällt in der alphabetischen Liste auch schnell auf: die Fürsprecher einer lockereren Eindämmungsstrategie, an deren Spitze Talkshow-Experten marschieren wie Hendrik Streeck, Jonas Schmidt-Chanasit oder der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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