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Darm und Psyche

Untermieter und Oberstübchen

Von Georg Rüschemeyer
 - 09:00

Wir sind voller Bakterien. In unserem Darm leben mehr Mikroben, als unser Körper Zellen hat. Doch vorbei die Zeiten, da uns diese Vorstellung Waschzwänge bereitete. Das Mikrobiom, die Gesamtheit unserer bakteriellen Untermieter, spielt eine überaus segensreiche Rolle für unser Wohlbefinden: Darmbakterien helfen bei der Verdauung, trainieren das Immunsystem und halten Krankheitserreger in Schach. Kommt ihr Ökosystem aus dem Gleichgewicht, droht Ungemach, wie jeder weiß, der schon einmal eine Antibiotika-assoziierte Diarrhö durchgemacht hat.

Einen direkten Blick in die Darmbiosphäre haben die Fortschritte in der DNA-Sequenzierung in den letzten 15 Jahren möglich gemacht. Zuvor war man darauf angewiesen, Bakterien auf Nährböden zu züchten, um sie genauer untersuchen zu können. Ein aufwendiges Unterfangen, noch dazu lässt sich ein Großteil der Darmbewohner gar nicht auf diese Weise kultivieren. Inzwischen reicht schon eine Stuhlprobe, um sämtliche Darmbazillen zu identifizieren, und das innerhalb von Stunden. Und längst wird eine Vielzahl von Malaisen mit einem aus der Balance geratenen Mikrobiom in Verbindung gebracht, darunter auch psychische Krankheiten wie Depressionen oder Schizophrenie.

Verdrahtung von Gemüt und Verdauung

Die Idee eines direkten Drahts zwischen Gemüt und Verdauung ist alt. Seit mehr als hundert Jahren weiß man, dass unser Gedärm ein eigenes Netz aus Nervenzellen besitzt, das Enterische Nervensystem, das über den Vagusnerv mit dem Gehirn verbunden ist. Doch inwieweit diese körpereigenen Strukturen mit den Einzellern im Darm kommunizieren und welche Rolle diese für die psychische Gesundheit ihres Wirts spielen, ist erst im Ansatz erforscht. Die Frage lautet: Wie könnte die vermutete Hirn-Darm-Mikrobiom-Achse funktionieren? Und sind die vielfach beobachteten Unterschiede in der Artzusammensetzung des Darm-Mikrobioms von Gesunden und Patienten wirklich Teil der Ursache oder nur eine weitere Folgeerscheinung der Krankheit?

Die Realität eines solchen Zusammenhangs erhärten zwei in der vergangenen Woche erschienene Studien. In „Nature Microbiology“ veröffentlichte das Team um Jeroen Raes von der Universität Leuven die Analyse der Mikrobiome von gut 1000 Menschen mit ärztlich diagnostizierter Depression, die sie im Rahmen des „Flämischen Darmflora-Projekts“ gesammelt hatten. Den Forschern fiel auf, dass in den Stuhlproben der depressiven Patienten deutlich weniger Bakterien der Gattungen Coprococcus und Dialister zu finden waren als in den Proben gesunder Projektteilnehmer. Die Autoren weisen jedoch selbst darauf hin, dass es sich hierbei um reine Korrelationen handele. Ob ein Mangel an diesen Bakteriengruppen Ursache oder Folge der Depressionen ist, lasse sich daraus nicht direkt ablesen. Immerhin glauben sie zeigen zu können, dass Coprococcus und Dialister auch bei solchen Patienten verändert sind, die noch nicht mit Antidepressiva behandelt wurden. Medikamente haben nämlich großen Einfluss auf das Mikrobiom.

Vorsicht bei Korrelationen

Das zeigt das Beispiel Diabetes. Auch hier hatten Studien einen Zusammenhang mit Veränderungen des Mikrobioms hergestellt. Doch vergaßen die Autoren das Diabetes-Medikament Metformin. Wie eine Studie in „Nature“ 2015 zeigte, lässt sich ein Großteil der Veränderungen in der Darmflora der Diabetespatienten auf das Metformin zurückführen. Inzwischen glauben manche Forscher sogar, dass die noch nicht verstandene Wirkung des Metformins zumindest partiell auf ebendiesen Veränderungen der Darmflora beruhen könnte. Diese wären damit nicht wie zunächst gedacht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.

Ebenso wäre denkbar, dass sich Veränderungen im Mikrobiom von depressiven Patienten schlicht auf andere Ernährungsgewohnheiten zurückführen lassen. In diese Wissenslücke stößt die zweite, in „Science Advances“ erschienene Studie vor. Sie wies bei 63 Patienten mit diagnostizierter Schizophrenie typische Mikrobiom-Veränderungen nach. Dann transferierten sie diese veränderten Bakterienfaunen in Mäuse, die völlig keimfrei aufgewachsen waren und keine eigene Darmflora besaßen. Tatsächlich behielten die Mikrobiome schizophrener Spender in den Mäusen ihre typischen Signaturen. Zudem zeigten sich sowohl im Hirnstoffwechsel als auch im Verhalten der Nager „schizophrenierelevante“ Veränderungen. In einer ähnlichen Studie war es denselben Autoren schon 2016 gelungen, mit dem Mikrobiom depressiver Patienten auch depressive Symptome auf Mäuse zu übertragen.

Ökologisch gesehen, grenzt es an ein Wunder, das sich mit einer solchen Fäkaltransplantation ein typisch menschliches Mikrobiom in Nager übertragen lässt. Doch die Methode gilt als etabliert: Versuche zeigen, dass beim Transfer nur wenige und ohnehin seltene humanspezifische Bakteriengattungen verlorengehen.

Das größere Problem mit dem Mausmodell sei, inwieweit man Unterschiede im Verhalten der Tiere als Indizien einer psychischen Krankheit im menschlichen Sinne deuten könne, meint der Neuropsychiater Stefan Borgwardt von der Universität Basel. „Für depressives Verhalten mag das noch angehen, aber im Fall der Schizophrenie wird es arg schwierig.“ Deren mannigfaltige Symptome reichen beim Menschen von Wahn und Halluzinationen bis zu Zuständen, in denen der Patient kaum noch ansprechbar ist. Die „schizophrenen“ Mäuse der aktuellen Studie zeichneten sich dagegen lediglich durch höhere Aktivität und geringere Ängstlichkeit aus. Trotz der Vorbehalte begrüßt Borgwardt aber, dass neben der Suche nach genetischen Prädispositionen und hirnphysiologischen Veränderungen nun auch eine mögliche Rolle des Mikrobioms unser Bild von der Entstehung psychischer Krankheiten komplementiert.

Ein Modethema für Alternativmediziner

Die Idee, dass der Darm und seine Bewohner Einfluss auf das Gehirn nehmen und andersherum das Denkorgan die Darmflora beeinflussen könnte, findet auch Jonathan Eisen von der University of California in Davis durchaus nicht revolutionär. „Es gibt etliche Infektionskrankheiten, die mit Verhaltensänderungen einhergehen“, sagt der Mirkobiomforscher, der auch ein eifriger Blogger und Kritiker der eigenen Zunft ist. „Was dabei Ursache, was Effekt ist, bleibt extrem schwer zu trennen.“ Immerhin gibt es in den letzten Jahren immer mehr Hinweise auf mögliche Mechanismen, die das Wechselspiel zwischen Darmbakterien und menschlichem Gemüt auf molekularer Ebene erklären könnten.

Alternativmediziner haben das Modethema Mikrobiom längst in Beschlag genommen, etwa als vermeintlich wissenschaftliche Basis ayurvedischer Darmspülungen. In der Öffentlichkeit sei durch viele übertriebene Darstellungen der Eindruck entstanden, das Mikrobiom sei der Schlüssel zu sämtlichen Organen und ihren Erkrankungen, schreibt Elisabeth Bik von der Stanford University in einem Übersichtsartikel. Dabei könne man angesichts der extremen natürlichen Variabilität noch nicht einmal sagen, was ein typisches gesundes Mikrobiom ausmache. In einem sind sich die Fachleute aber einig: Bis zur gezielten Manipulation des Mikrobioms für medizinische oder gar psychiatrische Zwecke ist es noch ein langer Weg. Bis dahin gilt die auch aus anderen Gründen sinnvolle Empfehlung, die Vielfalt unserer Darmbakterien durch eine abwechslungsreiche, ballaststoffreiche Diät zu fördern und Antibiotika nur dann zu schlucken, wenn es wirklich nötig ist.

Quelle: F.A.S.
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