Blutsauger

Die Mücken sind los

Von Sonja Kastilan
27.06.2016
, 13:35
Von diesem Schwarm geht keine Gefahr aus: Es sind harmlose Zuckmücken, zudem Männchen – die saugen sowieso nie Blut.
Nach den Regenfluten droht eine weitere Plage: Die Blutsauger, die viele als Schnaken bezeichnen, finden jetzt überall Brutplätze. Und in einem Fall ist das mehr als nur lästig.

Seit vierzig Jahren kämpft Norbert Becker gegen die Stechmückenplage am Rhein, aber dieses Jahr sei extrem: „Das ist schon die zehnte Hochwasserwelle.“ Äcker verwandeln sich in Wasserwüsten, die Baggerseen sind randvoll, und die Rheinauen stehen knietief unter Wasser. „Wir sind im Moment permanent im Einsatz, dabei kommen wir zu Fuß oft nicht einmal in die jeweiligen Gebiete. Viele Wege sind überschwemmt.“ Einen Großteil der Arbeit übernimmt deshalb der Hubschrauber, sonst würde man „in Mücken ertrinken“.

Hunderte Helfer sind unterwegs, um im Auftrag der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) in den Rheinauen nach Brutstätten zu suchen. Wird eine bestimmte Larvendichte bemerkt, wird ein bakterielles Gift ausgebracht, um die Insekten schon im frühen Entwicklungsstadium abzutöten: Bti heißt es, weil es ursprünglich vom Bacillus thuringiensis israelensis stammt. In diesem Jahr wurden laut Becker schon 270 Tonnen Bti-Granulat verteilt, 2015 waren es 200.

Debatte um die biologische Bekämpfung

Der Einsatz ist nicht unumstritten, da unter anderem in artenreiche Naturschutzgebiete eingegriffen wird und nach Meinung der Kritiker nicht völlig geklärt scheint, ob durch das Toxin nicht die gesamte Fauna und Vielfalt in Mitleidenschaft gezogen wird. Schließlich ernähren sich zahlreiche Vögel, Fische, Fledermäuse und Amphibien von Insekten. Die Befürworter halten dem entgegen, dass in der verwendeten Konzentration nur die Blutsauger durch diese Form biologischer Bekämpfung zu Schaden kommen, nicht jedoch harmlose Mücken oder anderes Getier. An der Universität Koblenz-Landau gehen Ökologen dieser Schlüsselfrage derzeit in mehreren Testreihen nach, wobei eine ihrer Versuchsanordnungen gerade in den unerwartet hohen Rheinfluten „abgesoffen“ ist, wie sie erzählen. Die Debatte jedoch ist damit noch lange nicht am Ende.

Die Regierungspräsidien in Freiburg und Karlsruhe sind zuständig, wenn Bti in Schutzgebieten eingesetzt werden soll, und müssen der KABS eine entsprechende Genehmigung erteilen. Wie ein Sprecher auf Anfrage mitteilte, bestünden insoweit keine Bedenken, da das Mittel „übergangsweise biozidrechtlich zugelassen“ sei. Auch lägen genügend fachliche Grundlagen vor, um die rechtlich gebotenen Entscheidungen zu treffen. Allerdings prüfe man derzeit noch die Darstellung der Umweltverträglichkeit, die von der Aktionsgemeinschaft im November 2015 eingereicht wurde.

Überall Wasserpfützen, dazu schwülwarme Temperaturen, die beste Brutbedingungen bieten und die Entwicklung beschleunigen: „Im Vergleich zu den beiden vergangenen Jahren herrschen prima Startbedingungen für die Saison“, sagt Doreen Walther. „Genial – aus Sicht der Mücken“, wie sie lachend ergänzt. An künstlichen und natürlichen Brutplätzen bestehe jetzt kein Mangel, ob aber auch im Juli und August eine Plage droht, vermag selbst die Spezialistin vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung im brandenburgischen Müncheberg nicht vorauszusagen.

Insekten per Post

Die Biologin erhält Insekten aus ganz Deutschland mit der Post, denn sie kümmert sich um den „Mückenatlas“, an dem sich Freiwillige aller Alters- und Berufsgruppen beteiligen und dafür ihre Funde nach Brandenburg schicken. An einem Beispiel kann Walther deshalb verdeutlichen, warum die aktuelle Situation so besonders ist: Normalerweise landet Aedes geniculatus, die ihre Eier in wassergefüllte Baumhöhlen legt, selten in Walthers Postfach, nun stellt die Art jede dritte oder vierte Mücke. Von den 28 in Deutschland vorkommenden Mückenfamilien zählen nur vier tatsächlich blutsaugende zu ihren Mitgliedern: die Stech-, Kriebel- und Schmetterlingsmücken sowie die Gnitzen. Die großen, behäbigen Schnaken, Tipulidae, gehören nicht dazu. Und was der Volksmund gerne als lästige „Rheinschnake“ anprangert, kennen Biologen als die einheimische Stechmücke Aedes vexans.

Die juckenden Quaddeln, die einen Stich der sich durch die Haut bohrenden und sägenden Mundwerkzeuge erst zur Qual machen, entstehen als Reaktion auf den Insektenspeichel. „Bevor sie das Blut aufnehmen, spucken die Mücken einen Eiweißcocktail in die Wunde“, erklärt Walther. Dieser Mix soll die Gerinnung hemmen – und fordert prompt das menschliche Abwehrsystem heraus. Es kommt zu Entzündungen, und gerade die fördern möglicherweise Infektionen, wie britische Immunologen aktuell in PNASberichten: Von Mücken übertragene Viren können sich dann offenbar besser vermehren, weil bestimmte Immunzellen im Gewebe zur Einstichstelle wandern. Wer sich kratzt, trägt ebenfalls dazu bei, dass irgendwelche Keime den Weg in den Körper finden.

Invasive Arten im Blick

Den Mückenatlas betreut Doreen Walther zusammen mit Helge Kampen vom Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit. Wie seine Kollegin schätzt er die Mitarbeit der Bevölkerung als wertvolle Hilfe und Ergänzung zum üblichen Monitoring an 148 Stellen in Deutschland: „Auf diese Weise zeigen sich uns Änderungen in der Fauna zeitnah. Es ist immer mal wieder eine Mücke darunter, die nicht hierher gehört. Dann fahren wir zum Fundort.“ Manchmal finden sich dort mitunter schon Larven – ein Hinweis, dass sie sich vermehren können. Invasive Arten haben Doreen Walther, Helge Kampen und ihre Mitstreiter besonders im Blick: Vier sind es mittlerweile, darunter die auffällig gemusterte Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus). Gerade bei ihr sind die Spezialisten sehr wachsam, weil diese Art als Überträgerin für Dutzende von Viren in Frage kommt. Sie wird deshalb gezielt bekämpft. Bislang geschieht das in Freiburg und Heidelberg, wo diese Exoten bereits überwinterten und sich in zunehmender Dichte zeigen. Bis vor ein paar Jahren fand man sie nur in Fallen entlang der Autobahnen in Süddeutschland, inzwischen hat sie sich niedergelassen.

Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus): hübsch anzusehen, aber unerwünscht.
Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus): hübsch anzusehen, aber unerwünscht. Bild: dpa

„Wir kämpfen derzeit an allen Fronten“, sagt Norbert Becker. Seine Mitarbeiter sind zwar vorwiegend in Sachen „Rheinschnaken“ unterwegs, aber einige von ihnen unterstützen die Projekte in Freiburg und Heidelberg, die sich gegen die in Nähe des Menschen brütenden Tigermücken richten. Im März wurden deshalb Ablageplätze ausgehoben, und in den fraglichen Gartenanlagen fanden sich in rund einem Drittel der Regentonnen Eier: Es überwintert also eine recht stabile Population. Daher werden unter anderem Faltblätter an die Bevölkerung verteilt, „als Hilfe zur Selbsthilfe“.

„Die Bürger werden informiert, damit sie keine künstlichen Brutplätze schaffen“, erklärt Helge Kampen. Denn diesen Mücken reicht schon wenig Wasser, etwa das, was sich in einem Sandkastenförmchen oder in einem Blumentopf sammelt. „Wenn man aber einmal in der Woche durch den Garten geht und alles ausschüttet, dürfte das genügen.“ Und für die Regentonnen sind Bti-Tabletten als Schutzmittel erhältlich.

Aus Südeuropas Fehlern lernen

Auch in Jena wird derzeit überlegt, auf gleiche Weise vorzugehen. Denn dort scheint die Tigermücke es ebenfalls über den Winter geschafft zu haben, wenn auch in geringerer Zahl. Seit Anfang des Jahres kümmert sich eine nationale Expertengruppe um solche Fälle, in denen Stechmücken – und von diesen übertragene Erkrankungen – eine Rolle spielen. Man beobachtet das Geschehen und schaltet die Behörden ein, die dann über Gegenmaßnahmen entscheiden müssen. „Wir wollen nicht zuschauen, dass sich die Tigermücke wie in Spanien und Italien breitmacht“, sagt Helge Kampen. Man habe aus den Erfahrungen dieser Länder gelernt, für welche die Einschleppung eine völlig neue Situation bedeutet hätte. Die sorgte für einige Diskussionen, und bis alle Zuständigkeiten geklärt waren, kostete es wertvolle Zeit. Jetzt kann man dort nur noch wenig ausrichten und musste bereits anhand von Ausbrüchen erleben, wie die Mücken das Chikungunya-Virus und Dengue-Viren von zurückgekehrten, infizierten Fernreisenden auf andere Menschen übertrugen. Deshalb achtet man in Baden-Württemberg, Thüringen und zudem überall dort, wo sich die Asiatische Buschmücke Aedes japonicus angesiedelt hat, verstärkt auf die Meldung bestimmter Tropenkrankheiten in den entsprechenden Mückenzonen. Dazu tauscht sich man mit den Gesundheitsämtern und dem Robert-Koch-Institut in Berlin aus, denn eine Epidemie wünscht sich niemand.

Immerhin wurden im vergangenen Jahr 722 Dengue-Infizierte in Deutschland registriert. Durch ihr Blut könnte Aedes albopictus unter Umständen zur Gefahr werden, ebenso ein importiertes Chikungunya-Fieber. Oder West-Nil-Viren, die als unliebsames Souvenir mitgebracht werden und deren Überträger sich in Deutschland keineswegs unwohl fühlen. Die Buschmücken zum Beispiel wurden schon in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, im Kölner Raum, bei Hannover und neuerdings selbst bei Berchtesgaden gesichtet. Sogar ein harter Winter kann sie vermutlich nicht mehr ausmerzen, aber vielleicht würden dadurch die wärmeliebenden Tigermücken verschwinden – um schon bald wieder via Fernverkehr und Gütertransporten auf Straße und Schiene aus Italien einzureisen. Auf diesem Wege gelangten sie sicherlich in die Freiburger Gegend. Wie sie ausgerechnet bis nach Heidelberg und Jena kamen, ist rätselhaft.

Wenigstens fand sich noch kein wirklich bedenklicher Krankheitserreger in einer hierzulande gefangenen Stechmücke. Zwar traten mitunter Exoten auf, wie das für Vögel gefährliche Usutu-Virus, doch zumindest in Deutschland waren Menschen davon nicht ernsthaft betroffen. Das gilt ähnlich für Fadenwürmer, etwa Dirofilaria repens, die Hunden zu schaffen machen können.

Zika und die Olympischen Spiele

Bislang ist nicht klar, inwieweit die Asiatische Tigermücke zur Verbreitung des Zika-Virus in Südamerika beiträgt, dort gilt das Augenmerk vor allem der verwandten Aedes aegypti. Womöglich besitzen sogar unsere einheimischen Blutsauger ein gewisses Potential als Überträger, aber darüber lässt sich bisher nur spekulieren. Inzwischen wurden 71 Erkrankungsfälle dem Robert-Koch-Institut gemeldet, davon 26 seit Beginn der Zika-Meldepflicht im Mai. Nach den Olympischen Spielen in Brasilien, wenn vierhundert und mehr Athleten mitsamt Entourage, gefolgt von zahlreichen Fans, heimreisen, wird es wohl weitere geben. Die Zahlen werden dann vermutlich in ganz Europa steigen, und was das in Zusammenhang mit der jeweiligen Mückensituation bedeuten könnte, beschäftigt schon jetzt die Experten, die sich deshalb Anfang Juli in Luxemburg treffen.

Bisher besteht allerdings kein Grund zur Sorge, geschweige denn zur Panik. Gegen die Asiatische Tigermücke geht man gezielt vor, und A. aegypti, eine der berüchtigsten Überträgermücken von Gelbfieber-, Zika-, Dengue-Viren und anderen Erregern, wird sich hier nicht so schnell breitmachen können. Dazu ist es einfach nicht warm genug. Für die einheimischen Quälgeister aber herrschen derzeit fast paradiesische Zustände.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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