Zukunftslabor Lindau

Mit der Gesundheit, da geht noch was

Von Stephan Sahm
29.06.2018
, 14:26
Titelbilder der F.A.Z.-Beilage „Zukunftslabor Lindau“
Am Bodensee treffen 39 Nobelpreisträger auf 600 Jungforscher aus aller Welt. Wo anfangen, fragen sie, wenn die Medizin besser werden soll? Bei den Zivilisationskrankheiten, sagt die WHO. Probiert es mal mit Prävention.
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Mehr als zwei Drittel der 56 Millionen jährlichen Sterbefälle weltweit sind verursacht durch nichtübertragbare chronische Erkrankungen. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Leiden, Krebs, Schlaganfälle, Lungenkrankheiten oder Diabetes. Von diesen 38 Millionen versterben sechzehn Millionen Menschen vorzeitig – nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation im Alter unter 70 Jahren. Die vorzeitigen Todesfälle betreffen überwiegend Bewohner armer Länder. Die Zahl wird bis zum Jahr 2030 weiter ansteigen. Fachleute rechnen dann mit 52 Millionen Sterbefällen bei chronisch Kranken. Dagegen wird die Sterblichkeit aufgrund von Infektionskrankheiten abnehmen.

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Chronische Krankheiten sind zudem häufig Ursache von Behinderung. Wegen der erwarteten Zunahme der Fälle haben die Vereinten Nationen und die Weltgesundheitsorganisation ihnen den Kampf angesagt. Gegen den Trend soll die Sterblichkeit aufgrund dieser Leiden bis zum Jahr 2030 um ein Drittel gesenkt werden. Ein ehrgeiziges Ziel, aufgeführt in der Agenda für nachhaltige Entwicklung (Agenda for Sustainable Development), die die Vollversammlung der UN im Jahr 2015 einstimmig verabschiedete. Siebzehn Nachhaltigkeitsziele werden darin formuliert, deren Spektrum vom Kampf gegen Armut und Hunger, über den Erhalt der Umwelt bis zum Stopp des Klimawandels reicht.

Konkrete Endpunkte

Um nicht im Allgemeinen zu bleiben und die Anstrengungen nicht ins Leere laufen zu lassen, wurden für jedes der Nachhaltigkeitsziele konkrete Endpunkte ins Auge gefasst, die es bis zum Jahr 2030 zu erreichen gilt. Die Senkung der Sterblichkeit und der Morbidität der chronischen Erkrankungen zählt dazu. Angesichts oft kläglicher Strukturen der Gesundheitsversorgung in wenig entwickelten Ländern ein sehr anspruchsvolles Unterfangen. Es stellt sich die Frage, ob der dazu nötige Aufwand auch finanziert werden kann.

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Reparaturmedizin in 3D
Ersatzteillager Mensch

Dennoch ist es möglich, die Ziele zu erreichen, folgt man den jüngsten Berechnungen von Gesundheitsexperten und Wirtschaftsfachleuten. Die Resultate räumen mit einer Reihe von Vorurteilen auf. Denn Prävention und Therapie der chronischen Krankheiten verursachen nicht nur Kosten, vielmehr erwarten Experten, dass sich Ausgaben ungeachtet des intrinsischen Wertes für die betroffenen Personen auch wirtschaftlich auszahlen. Und da eine Reihe der von den UN benannten Nachhaltigkeitsziele eng miteinander verbunden sind, könnten sich günstige Effekte addieren. Das gilt etwa im Blick auf die in der Agenda genannten Ziele Bekämpfung der Armut, des Hungers, des Zugangs zu Erziehung und Ausbildung, Angleichung von Lebensverhältnissen und eben Senkung der Sterblichkeit durch chronische Krankheiten.

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Ausgewiesene Gesundheits- und Wirtschaftsexperten haben im Fachjournal „Lancet“ jetzt Ergebnisse von Modellrechnungen publiziert (Bd. 391, S. 2029). In fünf Abschnitten untersuchen sie die ökonomischen Belastungen und Erträge des projektierten Feldzuges gegen chronische Krankheiten. Armut erhöht das Krankheitsrisiko. Umgekehrt gilt aber auch: Gesundheit schafft Wohlstand, und Wohlbefinden steigert die Produktivität.

Niedriger sozioökonomischer Status und Wahrscheinlichkeit, an einer der chronischen Leiden zu erkranken, sind eng verknüpft. Dies gilt für Länder mit hohem wie mit niedrigem Einkommen. Umgekehrt steigert Krankheit das Armutsrisiko. Von den Ausgaben für Gesundheitsversorgung, die zur Behandlung chronischer Erkrankung notwendig werden, sind Haushalte mit niedrigem Einkommen in besonderer Weise betroffen.

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Hauptziel: Kostenfreie Gesundheitsversorgung

Kostenfreie medizinische Versorgung gibt es heute nur in wenigen Ländern. Aufwendungen für die Behandlung übersteigen in Regionen ohne freien Zugang zum Gesundheitswesen die Ressourcen der Haushalte mit niedrigem Einkommen. Die Wissenschaftler sprechen von „katastrophischen Gesundheitskosten“. Die betreffen zu sechzig Prozent Personen mit chronischen Erkrankungen und Haushalte aus unteren Einkommensschichten. Daher sei es vorrangig, diese Personengruppen vor den wirtschaftlichen Folgen chronischer Erkrankungen zu schützen. Will man die globale Last an Armut und Krankheit senken, sei es vorrangig, ihnen Zugang zu kostenfreier Gesundheitsversorgung zu verschaffen.

Doch müssen auch die indirekten Aufwendungen und Folgekosten berücksichtigt werden. Die übersteigen nämlich die direkten Behandlungskosten oft bei weitem. Dazu zählen Einkommensverluste, weil der Arbeitsplatz verlorengeht, weil Kinder auf die Ausbildung verzichten müssen oder weil man Familienmitglieder pflegen muss. Auch Aufwendungen für Transporte und Versorgung im Falle von Behinderung fallen darunter, etwa nach Schlaganfall. So kehrt nur jeder zweite Patient in Nigeria eineinhalb Jahre nach einem Schlaganfall an seinen Arbeitsplatz zurück. Die wirtschaftlichen Folgen sind fatal.

Dass Investitionen in Prävention und Behandlung der chronischen Erkrankungen wirtschaftlich lohnenswert sind, zeigen insbesondere die Berechnungen von Melanie Bertram, die eine der Arbeitsgruppen von Experten aus mehreren Kontinenten leitete. Die Kosten-Nutzen-Analyse einer Reihe von Maßnahmen zur Prävention und Behandlung von Herz-Kreislauf-Krankheiten gibt zumindest Anlass zum Optimismus. Das Spektrum der Interventionen reicht von Erhöhung der Steuern auf Tabakprodukte und Alkohol, die Reduktion von Salz in der Nahrung bis hin zur medikamentösen Prävention mit Statinen, die den Cholesterinspiegel im Blut reduzieren – auch die Gabe von Blutdrucksenkern.

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Kampf gegen chronische Krankheiten rentiert sich

Die in den jeweiligen Ländern üblichen Kosten für die Maßnahmen, die Sicherstellung der notwendigen Infrastruktur, die Bereitstellung der Medikamente wurden den Gewinnen gegenübergestellt, die aus dem erwarteten Rückgang der Ausfallszeiten am Arbeitsplatz, der längeren Teilnahme am Produktionsprozess und der Senkung der krankheitsbedingten Folgekosten resultieren. Für zwanzig Länder, in denen Herz-Kreislauf-Krankheiten besonders häufig sind, darunter Bangladesch, Ägypten, Mexiko und Brasilien, errechneten die Experten Kosten von eineinhalb Dollar pro Einwohner und Jahr, um die angestrebten Ziele im Jahr 2030 zu erreichen.

Dagegen steht ein volkswirtschaftlicher Ertrag, der die Aufwendungen um das Fünf- bis Zehnfache (je nach Land) übersteigt. Bereits im vergangenen Jahr hatten Wissenschaftler der WHO bei ihren Analysen aus 67 Ländern mit niedrigem Einkommen dies bestätigt: Der Kampf gegen chronische Krankheiten lohnt sich auch in ökonomischer Hinsicht.

Zuckerlimonaden _ Ausgangspunkt für eine globale Gesundheitskrise?
Zuckerlimonaden _ Ausgangspunkt für eine globale Gesundheitskrise? Bild: dpa

Kritiker befürchten freilich, dass eine Reihe der vorgeschlagenen präventiven Maßnahmen wie etwa Steuern auf Tabak und Alkohol vor allem einkommensschwache Schichten hart treffen könnten. Dieser Frage ging eine Arbeitsgruppe um Franco Sassi aus London nach. Es galt auch zu prüfen, ob solche Maßnahmen überhaupt das Verhalten von Personen zu ändern vermögen.

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Globale Bioethik notwendig

Die Auswertung aller wissenschaftlichen Studien zu diesem Thema zeigt, dass Preispolitik das Verhalten durchaus ändert – gerade von Personen mit niedrigem Einkommen. In China erwies sich die Tabaksteuer bei Personen mit niedrigem Einkommen als fünfmal so effektiv wie bei solchen mit hohem Einkommen. Insbesondere in Ländern mit wenig entwickeltem Gesundheitswesen profitieren dem Dafürhalten der Mediziner zufolge Personen aus einkommensschwachen Haushalten besonders. Sie erkranken weniger häufig, und katastrophische Gesundheitskosten fallen seltener an. Folgekosten treten keine auf.

Arme Länder benötigen Anschubhilfe, soll das Ziel der Senkung der Sterblichkeit an chronischen Krankheiten erreicht werden. Dazu ist ein Denken in den Kategorien einer globalen Bioethik notwendig. Dafür macht sich seit langem Henk ten Have stark. Der Professor für Bioethik lehrt an der Duquesne University in Pittsburgh und war mehr als ein Jahrzehnt lang Direktor des Bioethikprogramms der Unesco. Bioethik kreise zu häufig um die Selbstbestimmung. Wichtiger aber sei es, das Augenmerk auf die Vulnerabilität ganzer Bevölkerungsschichten zu legen. In seiner vielbeachteten, vor zwei Jahren erschienenen Monographie fordert er daher einen bioethischen Paradigmenwechsel ein. Ethik sei nicht nur eine Sache des persönlichen Gewissens und der eigenen Wahl, vielmehr sei es eine soziale Ethik. Ohne diesen Wandel des Denkens ließen sich die Ziele einer globalen Gesundheitsagenda nicht verwirklichen.

Quelle: F.A.Z.
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