Pest

Einst half nur Doktor Schnabel

Von Sonja Kastilan
16.10.2010
, 11:15
Zum Schutz vor der Infizierung  mit dem Schwarzen Tod trugen die Ärzte im 17. Jhd. lange Mäntel und solche Schnabelmasken
Der Schwarze Tod entvölkerte das Europa des späten Mittelalters. Bis heute ist umstritten, ob tatsächlich Pestbakterien dafür verantwortlich waren. Jetzt sollen neue Studien endültig Antworten geben.
ANZEIGE

Der Tod kam per Schiff. Im Herbst 1347 legte er im Hafen von Messina an: Genuesen, die bereits ihre Festung auf der Halbinsel Krim aufgeben mussten, hatten die Pest an Bord. Schon wenige Tage nach ihrer Ankunft begann in der Stadt das große Sterben. Die Einwohner flohen in die Weinberge oder suchten Schutz im nahe gelegenen Catania. Tausende hofften, die dort aufbewahrten Reliquien der heiligen Agatha könnten ein Wunder vollbringen. Doch weder vermochten es ihre Gebete, noch waren die ängstlichen Nachbarn besonders willig, den Flüchtlingen zu helfen. Denn der Tod war ihr Begleiter.

In Sizilien nahm der aus Asien stammende Seuchenzug somit seinen Anfang, erreichte bald darauf das europäische Festland und breitete sich innerhalb der folgenden Monate und Jahre über den ganzen Kontinent aus. Dass die „ Justinianische Plage“ im sechsten Jahrhundert den Mittelmeerraum ähnlich verheert hatte, war längst verdrängt oder vergessen.

Auslöser des Schwarzen Todes

ANZEIGE

Neapel, Pisa, Florenz, Marseille: Wichtige Seehäfen waren die Einfallstore des Schwarzen Todes, wie man die Pestilenz des Mittelalters später taufte. Auf Handelswegen ging es flussaufwärts und über Land. 1349 griff die Pest den deutschen Raum aus mehreren Richtungen an. Niemand ahnte damals etwas von Krankheitskeimen, Viren oder eben Bakterien. Stattdessen verdächtigte man ungünstige Planetenkonstellationen, giftige Dünste (sogenannte Miasmen), Teufelswerk oder Gotteszorn. Und bis heute streiten Historiker und Epidemiologen mit Mikrobiologen über die tatsächliche Ursache.

Bild: F.A.Z.

Eine jetzt im Fachjournal PLoS Pathogens veröffentlichte Studie könnte diese Diskussion jetzt beenden. Zwei Anthropologinnen der Universität Mainz liefern erhellende Argumente, nachdem sie in internationaler Zusammenarbeit die Gebeine von 76 Pestopfern molekulargenetisch untersuchten. Bisherige DNA-Analysen hatten Zweifel offengelassen, mit neuen Methoden entlockte das Team um Barbara Bramanti nun jahrhundertealten Zähnen das Geheimnis vom Schwarzen Tod.

ANZEIGE

Yersinia pestis als Erreger erkannt

„Zu Beginn entstanden bei Männern und Frauen Schwellungen in der Leistenbeuge oder in der Achselhöhle, zuweilen groß wie ein Ei oder ein Apfel. Es erschienen überall am Körper schwarze oder bläuliche Flecken. Sie waren immer die Vorboten des Todes“, beobachtete Boccaccio in Florenz, wo der Pest zwischen März 1348 und Juni 1349 etwa hunderttausend Menschen zum Opfer fielen. Ein Drittel der europäischen Bevölkerung, rund 20 Millionen, raffte die Plage am Ende des Mittelalters dahin - es können auch doppelt so viele gewesen sein. Immer wieder suchte die Seuche Städte und Landstriche heim, bis ins 18. Jahrhundert sollte die Bedrohung bestehen bleiben; Pestkreuze und -säulen erinnern an diese große Not, ebenso Masken des Venezianischen Karnevals, wie sie einst Ärzte, von Zeitgenossen als Doktor Schnabel oder Storch karikiert, getragen haben.

Die dritte Pestepidemie der Neuzeit startete in China, als die Existenz von Mikroben immerhin schon bekannt und der Miasmen-Glaube widerlegt war. Mit der Entdeckung eines gramnegativen Stäbchenbakteriums konnte der Schweizer Arzt Alexandre Yersin im Jahr 1894 die Ausbrüche in Hongkong und der Provinz Yunnan aufklären. Der später nach ihm benannte Erreger Yersinia pestis wird in der Regel durch Flöhe auf den Mensch übertragen, der dann binnen Tagen an Beulen- oder der gefährlicheren Lungenpest sterben kann; Nagetiere sind das natürliche Reservoir. Nagetiere? Also auch Schiffsratten. Diese Erkenntnis konnte leider nicht mehr verhindern, dass Frachter die Seuche nach Amerika, Südafrika und Madagaskar einschleppten.

ANZEIGE

Noch immer eine Bedrohung

Seit es Antibiotika gibt, sind Yersinia-Infektionen behandelbar. Doch entscheidend für den Erfolg ist eine frühe Diagnose. „Wir haben heute das Wissen über die Übertragungswege und die nötigen Werkzeuge für Nachweis und Therapie, können also einen Ausbruch schnell eindämmen, trotzdem sterben noch immer Menschen an der Pest“, sagt Elisabeth Carniel, die am Pariser Institut Pasteur die Yersinia-Forschungsabteilung leitet. Zudem seien bereits multiresistente Erreger aufgetreten. Es ist zwar nicht mehr der Schrecken von einst, aber nach wie vor eine Bedrohung: Das Bakterium, das vermutlich innerhalb der vergangenen 20 000 Jahre aus dem vergleichsweise harmlosen Y. pseudotuberculosis hervorgegangen ist, bietet eine plausible Erklärung für den spätmittelalterlichen Fluch. Viele der überlieferten Daten und Beschreibungen passen. Nur fehlte ein Beleg, und vor allem Historiker wollten sich in jüngster Zeit nicht zufriedengeben, diskutierten etwa über die Rolle der Ratten und Viren als Erreger eines hämorrhagischen Fiebers. „Einige der Argumente waren sehr interessant und hinterfragten Beobachtungen, die in der Tat rätselhaft waren“, sagt Carniel. Etwa die Epidemiologie der mittelalterlichen Ausbrüche, die im Vergleich mit modernen Daten aus Indien einen anderen Höhepunkt besaßen.

Inzwischen zeigen Untersuchungen aber, dass Y. pestis sich dabei an verschiedenste Bedingungen anpasst. So kann das Bakterium mehr als 200 Nagetiere und 80 Floharten befallen. „Nicht nur das Wirtstier, sondern auch der Überträger und das jeweilige Klima besitzen großen Einfluss - der saisonale Verlauf hängt davon ab, wo man sich befindet“, sagt Carniel. Selbst ob eher Frauen oder Männer, Kinder oder Erwachsene betroffen sind, sei regional unterschiedlich. „All diese Fragen zu diskutieren, war wichtig.“ Aber jetzt, ist Elisabeth Carniel überzeugt, finde die Debatte über die Ursache des Schwarzen Todes ein Ende. Die Mainzer Studie kann Y. pestis eindeutig bei Pestopfern der fraglichen Epoche nachweisen. „Wir haben typische Proteine gefunden und in einigen Fällen außerdem spezielle Erbinformationsmuster, die auf zwei bislang unbekannte Yersinia-Typen hinweisen“, sagt Palaeogenetikerin Barbara Bramanti.

Die Evolution der Erreger

Die Proben für ihre Analyse stammen von fünf europäischen Fundorten (siehe Karte), wo Archäologen auf Massengräber stießen, die sie als Pestbeisetzungen des 14. Jahrhunderts interpretieren oder des 17., wie im Fall von Parma und Augsburg. Die Toten wurden meist zu mehreren in Gruben gelegt, ohne Sarg und Leichentuch, eilig verscharrt. Während Krankheiten wie Tuberkulose oder Syphilis über Monate und Jahre anhalten können und die Skelette der Patienten zeichnen, tötet die Pest innerhalb von Tagen: „Zu wenig Zeit, um Spuren an den Knochen zu hinterlassen“, sagt Bramanti. Deshalb müsse neben der Art eines Grabes auch die Geschichte einer Region berücksichtigt werden, um zwischen Krieg, Hunger oder einer Epidemie als Todesursache unterscheiden zu können. Nun lieferte die Molekularbiologie den Beweis, dass in Europa gleichzeitig mehrere Pestbakterien grassierten: Im niederländischen Bergen op Zoom fand sich ein anderer Erregertyp als in England und Südfrankreich. „Das wirft neue Fragen bezüglich Infektionswellen und -routen auf“, sagt Bramanti.

ANZEIGE

„Die neuen DNA-Resultate lassen erstmals eine phylogenetische Einordnung dieser frühen Pestepidemie zu und geben Hinweise auf die Evolution der Erreger“, sagt Mark Achtman von der Universität Cork. Der Molekulargenetiker plädiert seit längerem für eine andere Einteilung der Pestbakterien: acht Gruppen statt der klassischen drei, den sogenannten Biovaren Orientalis, Medievalis und Antiqua, die auf der letzten großen Pestwelle beruhen. Dazu passe die aktuelle Studie, so Achtman, die völlig unbekannte Typen entdeckte, die vielleicht nicht mehr existieren. Französische Forscher hatten dagegen bei historischen Pestopfern wiederholt Spuren des Biovars Orientalis gefunden und zuletzt 2007 als Beweis veröffentlicht. Der Verdacht, dass es sich hierbei um Kontaminationen handeln könnte, hegten einige Forscher, die mit derart altem DNA-Material arbeiten, von Anfang an. Nun schüren die Mainzer Ergebnisse neue Zweifel, und bisher unveröffentlichte Analysen anderer Teams deuten darauf hin, dass der Orientalis-Zweig keine 300 Jahre alt ist - viel zu jung für die Rolle des Schwarzen Todes.

Überlebende: Glück oder richtige Erbinformation?

Den Beleg für Yersinia pestis zu erbringen ist nur ein Nebenprojekt, das eigentliche Anliegen von Barbara Bramanti ist die Suche nach besonderen genetischen Eigenschaften des Menschen: eine Art Resistenz, ähnlich der vor Malaria schützenden Sichelzellanämie. Wer damals überlebte, hatte vielleicht mehr als einfach nur Glück, sondern die richtige Erbinformation. „Und es ist unwahrscheinlich, dass eine Seuche, die ein Drittel der Bevölkerung tötete, ohne Konsequenzen geblieben ist.“ Mehrere Gene und deren Mutationen werden aus diesem Grund mit dem Schwarzen Tod in Zusammenhang gebracht, zum Beispiel der Zellrezeptor CCR5 und eine erbliche Eisenspeicherkrankheit. „Wo der Schwarze Tod im Mittelalter wütete, sind heute bestimmte Genvarianten häufiger“, sagt Bramanti. Ist die Pest für diese Verteilung verantwortlich? Die Anthropologin hofft, die Antwort auf diese Frage zu finden, und zwar mit möglichst vielen Proben aus Pestgräbern für statistisch aussagekräftige Daten.

„Es ist nur wahrscheinlich, dass es eine genetische Resistenz beim Menschen gibt“, sagt Elisabeth Carniel. In ihrem Labor leben Mäuse, die tatsächlich pestresistent sind. Warum, das versuchen ihre Mitarbeiter zu klären. Ebenso das Rätsel, was Y. pestis für den Menschen zum extrem gefährlichen Killer macht. Vor wenigen Wochen erst starben Patienten in Peru, und im amerikanischen Bundesstaat Oregon muss derzeit eine Frau mit Antibiotika gegen ihre Pestbeulen kämpfen. Verschwunden ist die Pest keineswegs, selbst nach Jahrzehnten der Stille kann sie plötzlich wieder ausbrechen. Und selbst wenn in Europa kein Infektionsherd besteht - der nächste ist nicht allzu fern.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Kastilan, Sonja
Sonja Kastilan
Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Zertifikate
Weiterbildung in der Organisationspsychologie
Sprachkurse
Lernen Sie Italienisch
Englisch
Verbessern Sie Ihr Englisch
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Tablet
Tablets im Test
ANZEIGE