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Institutsleiter zum PSA-Test

Wann lassen wir die Männer in Ruhe?

Von Hildegard Kaulen
 - 13:25
Das auf Bildgebung basierende Computermodell der Prostata.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) kommt in einem vorläufigen Bericht zum PSA-Screening auf Prostatakrebs zu dem Schluss, dass der Test zwar einigen Männern nützt, weil sie dadurch nicht die Belastungen einer fortgeschrittenen Erkrankung ertragen müssen, dass die Schäden durch Überdiagnosen und Übertherapien aber überwiegen. Nach der Bilanz des IQWiG profitieren statistisch gesehen dabei drei von tausend Patienten innerhalb von zwölf Jahren. Drei von tausend Patienten werden innerhalb von 16 Jahren vor dem Tod durch Prostatakrebs bewahrt. Die Gesamtsterblichkeit verändert sich dadurch aber nicht. Weitere drei von tausend Männern, die gar keinen behandlungsbedürftigen Prostatakrebs hatten, bleiben durch die Übertherapien dauerhaft inkontinent, 25 von tausend dauerhaft impotent, oft schon in verhältnismäßig jungen Jahren.

Hinzu kommt, dass der PSA-Test bei einem knappen Viertel der Untersuchungen ein falsch-positives Ergebnis liefert und eine Krebserkrankung vortäuscht, die dann bei weiteren Untersuchungen ausgeschlossen wird. Auch das ist eine Belastung für die Betroffenen. Der Vorbericht kann in den kommenden Wochen kommentiert werden. Nach der Sichtung der Stellungnahmen wird das IQWiG einen Abschlussbericht vorlegen, auf dessen Grundlage der Gemeinsame Bundesauschuss dann darüber entscheiden wird, ob der PSA-Test für ein Screening ohne Verdacht auf Prostatakrebs verwendet und von den Kassen bezahlt werden soll. Wir haben Jürgen Windeler dazu befragt, er ist Leiter des IQWiG.

***

Der Vorbericht stellt dem PSA-Screening kein gutes Zeugnis aus und lässt erkennen, wie der Abschlussbericht aussehen wird. Ist das jetzt das endgültige Aus für ein PSA-Screening beim Prostatakrebs?

Das kann man so nicht sagen. Wir sprechen uns aktuell gegen ein allgemeines PSA-Screening aus, weil es zu oft zu Überdiagnosen und in der Folge zu Übertherapien kommt. Das zeigen die von uns ausgewerteten elf qualitativ hochwertigen Studien mit mehr als 400 000 teilnehmenden Männern. Falls es aber gelingt, den PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs dahin gehend treffsicherer zu machen, dass es deutlich seltener zu Überdiagnosen kommt, könnte die Bewertung anders ausfallen. Es gibt hier bereits entsprechende Bemühungen, die wir mit Interesse verfolgen.

Halten Sie den PSA-Test für wertlos?

Nein, natürlich nicht. Zur Abklärung von Symptomen oder zum Monitoring ist die Bestimmung des PSA-Wertes zusammen mit anderen Untersuchungen ein probates Mittel.

Die Urologen verweisen darauf, dass das Leid durch Überdiagnosen und Übertherapien bei der Bewertung des PSA-Screenings stärker ins Gewicht fällt als das Leid durch eine fortgeschrittene Krebserkrankung. Müsste man Letzteres bei der Beurteilung des PSA-Screenings nicht stärker berücksichtigen?

Wir haben dies berücksichtigt und uns bemüht, eine angemessene, faire Abwägung zu machen. Das Problem ist, dass einem Kliniker das Leid durch eine fortgeschrittene Krebserkrankung eindrücklich vor Augen steht – ich kenne das selbst sehr gut. Eine Überdiagnose und ihre Folgen erlebt man als Kliniker aber gar nicht, weil man dem einzelnen Patienten nicht ansehen kann, ob seine eigentlich richtige Diagnose nun eine Überdiagnose ist oder nicht. Überdiagnosen und ihre Folgen wirken aber unmittelbar und lebenslang. Sie sind zudem sehr viel häufiger als die positiven Effekte. All dies muss in eine Abwägung eingehen.

Michael Stöckle vom Universitätsklinikum des Saarlandes hat kürzlich gezeigt, dass in Homburg 2017 mehr Patienten mit fortgeschrittenerem Prostatakrebs und Lymphknotenbefall operiert wurden als sieben bis neun Jahre davor. Er macht dafür in Teilen eine verminderte Akzeptanz der Früherkennung mittels PSA-Test verantwortlich. Wie sehen Sie das?

Ich stelle natürlich die Beobachtung von Herrn Stöckle und auch anderen nicht in Frage. Aber es gibt auch andere Erklärungsmöglichkeiten, und ob es tatsächlich eine abnehmende Nutzung des PSA-Tests in den letzten zehn Jahren gegeben hat, wäre interessant zu wissen. Denn dann wäre ja auch eine damit verbundene Senkung der Zahl der Überdiagnosen und Übertherapien als positiver Effekt in Rechnung zu stellen.

Derzeit ist nur die digital-rektale Untersuchung in der gesetzlichen Früherkennung verankert. Wo sehen Sie die Zukunft der Früherkennung beim Prostatakrebs?

Das zentrale Problem eines Screenings auf Prostatakrebs sind Überdiagnosen. Diese hängen aber nicht mit dem Test zusammen, sondern mit der Biologie des Tumors. Das wesentliche Problem ist, dass für entdeckte Karzinome mit (sehr) niedrigem Risiko gar nicht klar ist, ob man sie überhaupt aktiv behandeln sollte. Die Zukunft der Früherkennung wird daher davon abhängen, ob es gelingt, viel selektiver als bisher prognostisch ungünstige, dringend behandlungsbedürftige Karzinome zu entdecken – und die anderen Männer in Ruhe zu lassen.

Quelle: F.A.Z.
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