Psychiatrie und Kunst

Macht Kunst gesund?

Von Jakob Simmank
05.09.2015
, 18:22
Franz Hartl (1913-2003): „Doppel-Augen-Spiel“, 1943, Bleistift, Tusche, Gouache, 43 × 43 cm
Für Surrealisten und die „Art Brut“ war die Kunst psychisch Kranker eine Quelle der Inspiration. Heute wird ihr Schaffen kunsttherapeutisch genutzt. Ihre Werke sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
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Der Psychiater Helmut Rennert meinte 1962 stolz, eine „Grammatik schizophrener Bildnerei“ beschrieben zu haben. Anhand 34 formaler und 54 inhaltlicher Kriterien beschrieb er vermeintlich typische Eigenschaften. In den Werken der Kranken finde man regelmäßig barock-verschnörkelte Formen („Zuckerbäckerstil“), fratzenhafte Gesichter, Figuren mit mehreren Köpfen, Armen oder Beinen und die andauernde Wiederholung ein und desselben Motivs. Selbst der letzte Winkel des Blattes werde akribisch mit Ornamenten ausgemalt, Text und Bild würden regelmäßig vermischt. Bevorzugt würden magische, religiöse und sexuelle Motive dargestellt.

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Dass der Versuch, die Kunst psychisch Kranker in ein derart enges Schema zu pressen, von vornherein zum Scheitern verurteilt war, liegt auf der Hand. Der deutsche Psychiater und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn (1886-1933) wollte sich auch gar nicht erst auf einen solchen Versuch einlassen. Er glaubte zeitlebens daran, dass es kein verlässliches Kriterium gab, um die Kunst psychisch Kranker zweifelsfrei von der Kunst Gesunder zu unterscheiden. In den 1920er Jahren begründete er eine deutschlandweit einzigartige Sammlung. Er wandte sich dafür an die Leiter psychiatrischer Einrichtungen und bat darum, ihm Werke ihrer Patienten zu schicken. Bald hatte er mehr als fünftausend Exemplare zusammen. Mit ihnen wollte er ein Museum für pathologische Kunst ausstatten. Das blieb ihm jedoch ein Leben lang verwehrt. Sein Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ von 1922 wurde jedoch zum Standardwerk.

Ein verzerrter Blick auf die Gesellschaft

Heute ist die Sammlung Prinzhorn auf dem Gelände der Psychiatrischen Klinik der Universität Heidelberg in einem ehemaligen Hörsaal untergebracht. Betreut wird sie von Thomas Röske. Als das Wort Wahn fällt, reißt er die Augen auf. „Wahn? Was ist das?“, fragt er. Ihm geht es um die Momente psychischer Grenzerfahrung und nicht darum, diese Geisteszustände medizinisch einzuordnen. Künstlerische Begabung finde man bei psychisch Kranken nicht häufiger als bei Gesunden, sagt er. Aber die psychischen Ausnahmezustände, die die geistig Kranken durchleben, riefen oftmals schlafende Begabungen wach.

Das sieht man den Exponaten der Sammlung Prinzhorn an. Ohne eine klassische Kunstausbildung, aber mit großem Drang, eine Botschaft zu Papier zu bringen, hatten die psychisch Kranken sich viele Techniken selbst beigebracht. Sie bewegten sich damit außerhalb gängiger Kunstsprachen und verstießen gegen ungeschriebene Regeln. Viele von ihnen versuchten, einen Beleg für Dinge zu schaffen, die nur sie sahen, wie zum Beispiel eine göttliche Vision in den Schweißflecken einer Schuheinlegesohle. So entstanden magische Werke, die einen verzerrten Blick auf die Gesellschaft boten. Das Resultat wurde damals in der Kunstszene mit großem Interesse aufgenommen.

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Vor allem die Surrealisten waren fasziniert. Der Maler Max Ernst ließ sich von Prinzhorns Katalog direkt inspirieren, wie man an dem Bild „Wunder-Hirthe“ von August Natterer nachvollziehen kann. Auch andere erfolgreiche Maler wie Salvador Dalí fanden Absurdes und Phantastisches, in Anlehnung an Freud, der die Kunst als die „vielleicht sichtbarste Wiederkehr des unterdrückten Bewusstseins“ identifiziert hatte. Im Wahnsinn kehrte sich offenbar das Unterbewusste nach außen und wurde sichtbar.

Von gesellschaftlichen Konventionen befreite Künstler?

Ende der vierziger Jahre gründete Jean Dubuffet die „Compagnie de l’Art Brut“. Er sammelte Kunst aus psychiatrischen Einrichtungen in ganz Europa. Für ihn waren die Kranken Personen, die, von den gesellschaftlichen Konventionen befreit, beflügelt und hellsichtig waren und ihre Werke deshalb echte, weil ursprüngliche Kunst.

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Diese „Art Brut“, englisch „Outsider-Art“, trifft die Gesellschaft von außen und macht es ihr möglich, sich selbst zu reflektieren. Wohingegen die Outsider selbst ihr Schaffen nicht unbedingt als Kunst betrachten. Der Patient Horst Ademeit wollte anhand Tausender Polaroids nur die Schädlichkeit von Kältestrahlen beweisen. Er fotografierte alltägliche Szenen und notierte auf den Bildern feinsäuberlich Gerüche, Geräusche und andere Details. Um seine Messungen zu verbessern, setzte er verschiedene Messgeräte wie Geigerzähler und Thermometer ein.

Die Kunst psychisch Kranker rief natürlich auch Therapeuten, Psychologen und Ärzte auf den Plan. Sie wollten sie diagnostisch und therapeutisch nutzen. In den 1960er Jahren entstand die Kunsttherapie, die heute kaum noch aus psychiatrischen Anstalten wegzudenken ist. Sie soll den Patienten in erster Linie helfen, sich auszudrücken. Mit Stift und Papier, beim Schnitzen oder Tuschen soll sichtbar werden, was sie mit Worten nicht vermitteln können. Einerseits kann das dem Therapeuten helfen, den Kranken besser zu verstehen. Andererseits hilft es dem Patienten, die eigene Krankheit zu bewältigen und Selbst- und Fremdwahrnehmung zu verbessern.

Das Kunstwerk als 'Existenzprothese'

Man müsse sich die Beziehung zwischen Patient, Therapeut und Werk wie ein Dreieck vorstellen, sagt Michael Ganß, Kunsttherapeut und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Medical School Hamburg. „Das Werk ist dabei ein gemeinsames Drittes, auf das sich Therapeut und Patient beziehen können.“ Was psychisch Kranke in der Kunsttherapie schaffen, ist also vor allem ein Kommunikationsmittel. Wichtig ist nicht das Produkt selbst, sondern warum und wie es entsteht.

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Aus diesem Grund will Thomas Röske die Produkte der Kunsttherapie auch nicht mit der Kunst psychisch Kranker verwechselt wissen. Deren Kunst sei nicht automatisch heilsam, sagt er. Vielen diene sie als eine Art Existenzprothese, um die eigene Weltsicht aufrechtzuerhalten und das Gefühl der Unterlegenheit und Ohnmacht zu kompensieren.

Die Kunsthistorikerin Monika Jagfeld, heute Leiterin des Museums im Lagerhaus in St. Gallen, hat selbst einmal für die Sammlung Prinzhorn gearbeitet. In St. Gallen finden sich auch viele neuere Werke psychisch Kranker. Wichtig sei der Kontext, in dem sie entstünden, sagt Jagfeld. Und der habe sich in den vergangenen hundert Jahren entscheidend verändert.

Werk und Künstler in der Mitte der Gesellschaft angekommen?

Psychisch Kranke wurden bis weit ins 20. Jahrhundert hinein für Jahrzehnte oder sogar ihr ganzes Leben lang interniert. Heute strebt man in den psychiatrischen Anstalten danach, sie möglichst schnell wieder nach Hause oder in eine ambulante Betreuung zu entlassen. Auch die Einführung der Psychopharmaka in den fünfziger Jahren hätte sich auf die Werke der Betroffenen ausgewirkt. Sie thematisierten nicht mehr so häufig wie früher den Kampf gegen die Zeitlosigkeit und die Starre der Lebensumstände in den Anstalten.

Auch in der Kunst selbst lässt sich die saubere Trennung zwischen ausgebildetem, geistig gesundem Künstler und psychisch krankem Laien nicht mehr aufrechterhalten. Rauminstallationen oder andere künstlerische Formen, die psychisch Kranke geschaffen hatten und die zu Prinzhorns Zeiten als extravagant und bahnbrechend bewundert wurden, sind heute gang und gäbe. „In bestimmten Ateliers werden die psychisch Kranken manchmal sogar zu Art Brut-Künstlern ausgebildet“, sagt Monika Jagfeld - paradox genug, wo doch die Art-Brut eigentlich die genuine Kunst der künstlerisch Ungebildeten sein soll.

Mit den Entstehungsbedingungen zu Prinzhorns Zeiten hat die Kunst psychisch Kranker heute nicht mehr viel gemein. Ihre Ausdrucksweise ist inzwischen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Für die psychisch Kranken selbst gilt das allerdings noch viel zu selten.

Quelle: F.A.S.
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