Psychose-Früherkennung

Stärker sein als die Geister

Von Christina Hucklenbroich
21.09.2012
, 09:04
SPI-CY, ein strukturiertes Interview, ist das erste Instrument zur Psychose-Früherkennung im Kindesalter
Emma, acht Jahre, hört Stimmen und sieht Geister - aber kann das schon eine Psychose sein? Deutsche Forscher entwickelten jetzt das erste Diagnose-Instrument für die Früherkennung von Psychosen bei Kindern und Jugendlichen.
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Emmas Vater nennt das, was sich an einem ganz normalen Abend kurz vor dem Beginn der Sommerferien ereignete, den „Zusammenbruch“. Emma war an diesem Tag noch nicht ganz acht Jahre alt und besuchte die zweite Klasse der Grundschule. „Auf einmal hat Emma bitterlich angefangen zu weinen“, sagt Emmas Vater. „Und dann hat sie gesagt, dass sie Stimmen im Kopf hat, die ihr sagen, was sie zu tun hat. Und die Stimmen schicken ihr Kreaturen, und wenn sie nicht tut, was ihr gesagt wird, dann schicken sie Blut.“

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Emma heißt in Wirklichkeit nicht Emma, und für diesen Artikel konnte sie nicht besucht oder fotografiert werden. Denn zum einen ist Emma nach jenem Abend lange Zeit ängstlich, unruhig und verzweifelt gewesen, und ihre Eltern wollten sie nicht noch zusätzlich verunsichern, indem sich immer mehr Menschen für ihren Zustand interessieren. Zum anderen ist mit der Krankheit, an der Emma vermutlich leidet, „das übliche gesellschaftliche Problem“ verbunden. So formuliert es Emmas Vater, der sich lange damit auseinandergesetzt hat, wie er den Lehrern in der Grundschule und den Eltern von Emmas Freundinnen begegnen soll. „Wie transparent geht man damit um, dass Emma krank ist?“, fragt der Vater. Das Wort „krank“ klingt dabei wie ein Ersatz für etwas, was er lieber noch nicht aussprechen möchte; für eine Diagnose nämlich, die nicht nur mit einem Stigma behaftet ist wie kaum eine andere, sondern auch besonders unerwartet wirkt im Zusammenhang mit einem Kind in Emmas Alter. Die Ärzte der Kölner Kinder- und Jugendpsychiatrie schließen nicht aus, dass Emma an einer Psychose erkrankt ist, und zwar an einer sogenannten „very-early onset“-Psychose. So bezeichnet man Psychosen, deren Vollbild vor dem 13. Lebensjahr beginnt - im Unterschied zu den „early onset“-Psychosen“, die vor dem 18. Lebensjahr auftreten, und zu „adult onset“-Psychosen mit Beginn der klar psychotischen Symptome nach dem 18. Lebensjahr. Letztere machen zwar den Löwenanteil aus, aber immerhin fünfzehn Prozent der Psychosepatienten haben einen „early onset“. Ob die Psychose zu einer Schizophrenie wird oder es sich um eine manisch-depressive Erkrankung handelt, bei der wahnhafte Phasen auftreten - anfangs wird von Diagnostikern bewusst noch kein Unterschied gemacht, denn gerade bei jungen Erkrankten ist offen, wohin sich die Symptome entwickeln.

Früherkennungszentren sind rar

Es war Zufall, dass Emmas Kinderarzt, den die Eltern nach dem abendlichen Zusammenbruch um Rat fragten, sie an die Kölner Uniklinik überwies. Hier befindet sich eins der rar gesäten Zentren für die Früherkennung von Psychosen im Kindes- oder frühen Jugendalter. Wenige Tage nach dem Zwischenfall wurde die fast Achtjährige hier schon zur Diagnostik einbestellt und engmaschig überwacht, dreimal pro Woche konnte sie zu Gesprächen und in die Kunsttherapie kommen. Emma hat den Therapeuten erzählt, dass sie manchmal das Gefühl hat, nicht in ihrem Körper zu sein und alles nur zu träumen, und dass sie sich auch fragt: Gibt es mich wirklich? Mit der Therapeutin hat Emma eine Kiste gebastelt, in der sie die Geister, die Stimmen und die Ängste einsperrt. Die Kiste wurde fest zugeschnürt. Aber einmal am Tag müssen alle Geister rausgelassen werden.

Das ist eine spielerische Herangehensweise, um Emmas Angst zu reduzieren“, sagt die Kinder- und Jugendpsychiaterin Petra Walger. „So kann sie selbst etwas gegen das Gefühl des Ausgeliefertseins tun.“ Das Arbeitszimmer der Oberärztin liegt im zweiten Stock der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Kölner Stadtteil Lindenthal. Ein hoher, schmaler Raum, in dem helle Cremetöne vorherrschen. Auf einem Korbtischchen liegen rundgeschliffene Kiesel, eine Lupe, Schneckenhäuser. Im Regal steht eine kleine Schultüte, an der Wand hängt eine silbern gerahmte Abbildung des menschlichen Gehirns. Auch unheimliche Dinge gibt es: Eine fast echt wirkende Spielzeugpistole liegt auf der Fensterbank.

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Seit vier Jahren bietet Petra Walger in diesem Raum eine Sprechstunde zur Früherkennung von Psychosen. Sie hat hier einen Zwölfjährigen untersucht, der immer wieder das Telefon auflegen musste und glaubte, Verstorbene auf Bildern sähen ihn an. Drei Kinder im Grundschulalter sind von ihren Eltern hierhergebracht worden, zwei Mädchen und ein Junge, die in einer ganz eigenen Welt lebten, in der sich alles um Pokémon drehte, eine japanische Phantasiefigur, die in einer Fernsehserie, in Computerspielen und auf Sammelkarten vorkommt. Alles, was die drei Kinder erlebten, beurteilten sie durch die Kriterien der Pokémon-Welt.

Oftmals geht es bei Walgers Patienten zunächst darum, die Symptome, die den Verdacht einer Psychose haben aufkommen lassen, gegen die anderer Störungsbilder abzugrenzen. „Wir sehen hier auch oft Zwangsstörungen und Autismus“, sagt die Medizinerin. „Der Junge, der heute da war, ist bisher wegen der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS behandelt worden.“

Oberärztin Petra Walger am Uniklinikum Köln
Oberärztin Petra Walger am Uniklinikum Köln Bild: Schoepal, Edgar

Emmas erste Sitzung hier in Walgers Arbeitszimmer begann mit einem strukturierten Interview, dem sogenannten „SPI-CY“, was eine Abkürzung ist für „Schizophrenia proneness instrument, child and youth version“. Der Fragebogen, der sich gezielt an Kinder und Jugendliche richtet, ist in zehnjähriger Forschungsarbeit von der Diplom-Psychologin Frauke Schultze-Lutter am Uniklinikum Köln entwickelt worden, in Zusammenarbeit mit der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg. Im vergangenen Herbst hat Schultze-Lutter das Instrument mit einer Veröffentlichung im deutschsprachigen Fachmagazin „Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie“ vorgestellt. Das „Spicy“ ist das erste und bislang einzige Instrument zur Psychosefrüherkennung für Kinder und Jugendliche. Schultze-Lutter griff auf die Daten von 32 „early onset“-Patienten zurück, um das Interview zu entwickeln. Schultze-Lutter wendet es inzwischen in Bern an, wo sie in den Universitären Psychologischen Diensten tätig ist, Walger weiterhin in Köln.

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Wenn sie hier das frühe Bild psychotischer Erkrankungen sehen, ist es häufig verwaschen und unspezifisch: Stimmungslabilität, Leistungseinbußen. Plötzlich ist das Kind ablenkbar in der Schule, obwohl nie Hyperaktivität diagnostiziert worden ist. Oder es reagiert sehr emotional auf das Leid anderer. In der Psychiatrie spricht man vom Prodrom, wenn von der Zeit die Rede ist, in der solche Frühsymptome auftreten. Der Begriff wird stets nur rückwirkend angewandt, also etwa, wenn ein Arzt mit einem bereits an Schizophrenie erkrankten Patienten Jahre später versucht zu rekonstruieren, wann die ersten Anzeichen auftraten. In der Früherkennung geht es darum, die Patienten schon im Prodrom abzuholen - bevor sich das Vollbild der Psychose ausprägt.

Früher Beginn - schlechte Prognose?

Deshalb lassen sich die jungen Patienten in Köln zunächst die Fragen aus dem „Spicy“ stellen: Bist du vergesslicher geworden? Musst du bei traurigen Filmen viel mehr weinen als früher? Denkst du manchmal etwas und plötzlich schiebt sich ein ganz anderer Gedanke dazwischen? Bist du ungeschickter geworden? Brauchst du lange, um zu verstehen, was dir gerade gesagt wurde? Zusätzlich absolvieren die Patienten auch einen Intelligenztest und Aufgaben, mit denen man feststellen kann, ob beispielsweise die verbale Merkfähigkeit eingeschränkt ist. „Das Eindrucksvolle bei Psychosen sind ja die sogenannten Positivsymptome: das Stimmen-Hören, die Halluzinationen“, erklärt Walger. „Aber die Behinderung der Betroffenen kommt vor allem durch die kognitiven Störungen zustande. Sie tauchen schon im Frühstadium der Erkrankung auf.“

Wenn Kinder in Emmas Alter oder auch Teenager Symptome einer Psychose zeigen, wurde der frühe Beginn bisher immer mit einer besonders schlechten Prognose in Verbindung gebracht - sie galt als schlechter als bei Erwachsenen, die erstmals erkranken. Geändert hat sich diese Einschätzung erst im Jahr 2007 mit einer Studie von Benno Graf Schimmelmann, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Uniklinikum Bern. Schimmelmann interpretierte Daten aus einem Früherkennungszentrum in Melbourne, Australien, im Journal „Schizophrenia Research“ neu und zeigte anhand von 600 Jugendlichen, dass „early onset“-Patienten im Schnitt etwa ein halbes Jahr lang nach Beginn der Erkrankung ohne Behandlung bleiben - während Erwachsene schon nach neun Wochen in einer Therapie landen. Offenbar werden die Symptome junger Patienten oft übersehen oder fehlinterpretiert als adoleszente Krise. Die Dauer der unbehandelten Psychose beeinflusst aber die Prognose. Schimmelmann rechnete deshalb die Zeit ohne Behandlung aus den Daten heraus - und stellte fest, dass die Prognose der Jugendlichen danach gar nicht mehr schlechter ausfiel als die der Erwachsenen. Damit war der Grundstein für eine neue Betrachtungsweise gelegt. Doch noch gab es Hindernisse. Die beiden wichtigsten Psychose-Früherkennungskonzepte in der Erwachsenenpsychiatrie lassen sich nicht ohne weiteres auf die Situation von Kindern und Jugendlichen im Prodrom übertragen.

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International werden am häufigsten die „ultra-high risk“-Kriterien verwendet, die eine australische Forschergruppe vor zwölf Jahren veröffentlichte. Dazu zählen zum einen abgeschwächte psychotische Symptome, etwa paranoide Ideen, zum anderen vorübergehende Symptome, zum Beispiel Halluzinationen, die nur wenige Minuten lang auftreten. Zum Dritten zählt man auch Risikofaktoren dazu, etwa Verwandte, bei denen ebenfalls eine Psychose diagnostiziert wurde. Diese Kriterien zielen darauf ab, Patienten zu erkennen, bei denen innerhalb der nächsten zwölf Monate eine Psychose ausbrechen wird. Verschiedene Studien des vergangenen Jahrzehnts deuten allerdings darauf hin, dass es nach dem Feststellen von Hochrisikokriterien deutlich länger als bei Erwachsenen dauert, bis Jugendliche tatsächlich in eine Psychose abgleiten.

Wahrnehmungsstörungen und Denkblockaden

Ein zweiter verbreiteter Ansatz zur Früherkennung von Psychosen ist das sogenannte Basissymptomkonzept, das der deutsche Psychiater Gerd Huber Ende der sechziger Jahre entwickelte. Ein Testverfahren nach Hubers Konzept lag auch den Daten zugrunde, die für die Erarbeitung des „Spicy“ benutzt wurden. Zu den Basissymptomen zählen mildere Störungen wie Konzentrationsschwäche, Wahrnehmungsstörungen und Blockaden im Denken, die früh im Krankheitsverlauf auftauchen und nur durch den Betroffenen selbst wahrzunehmen sind. „Die Patienten erleben zum Beispiel, dass sie auf eine weiße Wand sehen und sie kurzzeitig grün erscheint“, erklärt Schultze-Lutter. „Oder in Gesprächen und Beschäftigungen drängen sich ganz banale Gedanken, zum Beispiel unterhält man sich und muss plötzlich an ein weißes Kaninchen denken.“ Bei Kindern und Jugendlichen verteilen sich die Basissymptome nach Schultze-Lutters Untersuchungen anders als bei Erwachsenen. Also wurde ein eigenes, speziell zugeschnittenes Konzept benötigt.

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Mit dem „Spicy“ sind inzwischen sechzig Kinder und Jugendliche in Köln und Bern untersucht worden. Vier von denen mit Risikosymptomen sind in dem bislang beurteilbaren Zeitraum an einer manifesten Psychose erkrankt. Das Interview wird derzeit in der Praxis eingesetzt und dabei gleichzeitig evaluiert und weiterentwickelt. Als Petra Walger und Frauke Schultze-Lutter ihr Projekt im vergangenen Jahr auf dem Kongress der deutschen Kinder- und Jugendpsychiater in Essen vorstellten, herrschte so großer Andrang, dass kaum noch ein Stehplatz zu bekommen war. Die große Aufmerksamkeit der Kollegen hängt wohl auch damit zusammen, dass Psychose-Früherkennung das große Trendthema der Erwachsenenpsychiatrie ist, vor allem in Deutschland. Man hofft, durch frühere Erkennung die schwerwiegenden Folgen - Schulabbrüche, Jobverlust, sozialen Abstieg - einer psychotischen Erkrankung mildern zu können. Doch inzwischen ist das Forschungsgebiet auch zu einem konfliktträchtigen gesundheitspolitischen Thema geworden, über die Grenzen Deutschlands und sogar über die Europas hinaus: Für die Neufassung des amerikanischen Diagnose-Handbuchs DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders), dessen fünfte Version im Mai 2013 als DSM-5 veröffentlicht werden soll, war lange geplant, die neue Diagnose „Attenuated Psychosis Syndrome“ aufzunehmen, ein „Abgeschwächtes Psychose-Syndrom“. Erst in diesem Mai nahmen die Koordinatoren des DSM-5 die Diagnose wieder aus dem Haupttext des Entwurfs heraus und schlagen nun lediglich die Aufnahme in die Sektion „Forschungskriterien“ des DSM vor - auch auf Druck ihrer Kritiker. In Amerika war die „Mini-Psychose“ zu einem öffentlich debattierten Politikum geworden. Man befürchtete vor allem die Psychiatrisierung von Kindern und Jugendlichen, die möglicherweise nur aufgrund adoleszenter Krisen oder unangepasster Phantasien Medikamente mit schweren Nebenwirkungen erhalten würden.

Schizophrenie im Kindesalter wurde Thema der Oprah Winfrey Show

Auch Frauke Schultze-Lutter und Benno Graf Schimmelmann hätten die neue Diagnose im DSM-5 nur bedingt befürwortet. Vor wenigen Wochen veröffentlichten sie im „European Journal of Children and Adolescent Psychiatry“ einen eindringlichen Appell, die Forschung auf dem Gebiet schnellstmöglich zu intensivieren. Dafür sei es zwar möglicherweise hilfreich, der Diagnose einen offizielleren Status zu geben, doch müssten auch die noch offenen Fragen berücksichtigt werden. Noch ist nicht entschieden, ob das „Attenuierte Psychose-Syndrom“ vielleicht Eingang in die ICD-11 findet, das in Europa gültige Diagnose-Handbuch. Es wird erst 2015 veröffentlicht; eine öffentliche Debatte über die Frage, ob die „Mini-Psychose“ aufgenommen werden soll, gibt es anders als in Amerika bisher nicht.

Vielleicht liegt das auch daran, dass in den Vereinigten Staaten das Sensationspotential des Themas immer wieder ausgeschöpft wurde. So stellte etwa die amerikanische Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey vor drei Jahren in ihrer Show eine junge Schizophrenie-Patientin vor, die damals siebenjährige January Schofield, deren Eltern die Krankheit regelmäßig in einem Blog thematisieren und in diesen Tagen auch ein Buch darüber veröffentlichten, „January First“. Das Kind erhielt im Alter von fünf Jahren die Diagnose Schizophrenie; seine Geschichte geistert seitdem durch die Boulevardpresse.

Michael Schofield und seine Tochter January: Über die früh diagnostizierte Schizophrenie des Mädchens schrieb der Vater das jetzt auf Englisch erschienene Buch „January First“ (The Crown Publishing Group)
Michael Schofield und seine Tochter January: Über die früh diagnostizierte Schizophrenie des Mädchens schrieb der Vater das jetzt auf Englisch erschienene Buch „January First“ (The Crown Publishing Group) Bild: Ivy Brown

Was man aus den Früherkennungszentren in Köln und Bern hört, steht völlig im Gegensatz zu dem Alarmismus aus Amerika. Überstürzte Diagnosen will man vermeiden, schon allein, weil das Prodrom bei Psychosen im Durchschnitt fünf bis sechs Jahre dauert. „Man muss Risikopatienten lange nachverfolgen“, sagt Frauke Schultze-Lutter. „Insbesondere in der Forschung sollte man Zeiträume von zehn Jahren überblicken können, um sicher zu sein, dass ein nichtpsychotischer Ausgang tatsächlich ein nichtpsychotischer Ausgang ist.“

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Der Zwölfjährige etwa, der in Köln bei Petra Walger vorstellig wurde, weil er sich von Verstorbenen auf Bildern angestarrt fühlte, wurde eine Zeitlang engmaschig beobachtet. „Jetzt, sechs Monate später, ist er vollkommen unauffällig“, sagt Walger. „Zwei Jahre lang werden wir ihn nun halbjährig sehen, bei Bedarf öfter.“ Solche Zeitspannen seien vertretbar, wenn das Risikoprofil eines Patienten mit dem Spicy und anderen Tests abgeklärt sei. Auch die drei Kinder, die in einer von den Comicfiguren Pokémon beherrschten Phantasiewelt lebten, erhielten nicht gleich eine Diagnose. Die weitere Entwicklung sei entscheidend, sagt Walger. Falls erforderlich, müsse man individuell behandeln - etwa durch ein soziales Kompetenztraining.

Die Wissenschaftler finden die amerikanische Besorgnis durchaus berechtigt, denn auch sie kennen Fälle von frühzeitigen Fehldiagnosen. Gerade bei Kindern und Jugendlichen bestehe diese Gefahr, sagt Schultze-Lutter. Fallstricke drohen, wenn Fragebögen aus der Erwachsenenpsychiatrie verwendet werden: „Teenager antworten meist mit ,ja’ auf die Frage ,Hast du auf der Straße das Gefühl, dass andere Leute dich ansehen?’“, erklärt Schultze-Lutter. „Wenn man genauer nachfragt, reduziert sich das aber recht schnell auf andere Jugendliche - und die schauen sich tatsächlich häufig gegenseitig an.“ Man müsse dann konkreter werden: „Schaut dich die siebzigjährige Omi an und denkt was Schlechtes über dich?“, sagt Schultze-Lutter. „Man muss also bei Jugendlichen nachhaken, ob sich das nur auf die Peergroup bezieht oder auch auf Erwachsene und kleine Kinder, damit man nicht ein Erleben pathologisiert, das in der Altersgruppe normal ist.“

Die Daten bündeln

Niedergelassene Kollegen reagierten allerdings manchmal schnell und böten eine Therapie ohne spezifische Diagnostik an, sagt Petra Walger. „Das sollte kritisch diskutiert werden.“ Sie hält es für sinnvoll, die Psychose-Früherkennung an spezialisierte Zentren anzubinden, in einer Kooperation mit niedergelassenen Ärzten. „Die Daten müssen gebündelt werden, damit sie in die Forschung einfließen können“, sagt sie. Die Bündelung ist besonders wichtig, weil die Patientengruppen so klein sind. Die Ambulanz für Psychose-Früherkennung in Bern, in der Frauke Schultze-Lutter arbeitet, hat beispielsweise im Schnitt pro Monat um die zehn Anfragen, gut die Hälfte sind Kinder ab acht Jahren und Jugendliche.

In Zentren wie diesen kann auch die Therapieforschung konzentriert werden. „Es geht in der Therapie oft darum, die Grundannahmen der Kinder zu überprüfen und die innere Erlebniswelt kennenzulernen“, erklärt Petra Walger. „Denn die Kinder denken etwa: Die Stimmen und Monster sind so mächtig, dass niemand mich schützen kann.“

Neuroleptika verwende man nur zurückhaltend, sagt Petra Walger, auch wenn die Jugendlichen oft ungeduldig sind und schnell sagen: „Geben Sie mir etwas, ich will, dass das weggeht.“ Alternativ greifen die Kölner Ärzte auf Wunsch auf Omega-3-Fettsäuren zurück, die nebenwirkungsfrei sind. Dass Fischölkapseln mit diesen Fettsäuren den Beginn einer Psychose im Placebovergleich signifikant hinauszögern können, zeigte vor zwei Jahren eine Studie der Universität Wien an achtzig Hochrisikopatienten zwischen 13 und 25 Jahren. Die hochdosierten Fettsäuren bieten sich gerade in Fällen an, in denen die Jugendlichen dringend Medikamente nehmen wollen, die Eltern aber Neuroleptika wegen der schweren Nebenwirkungen, etwa Gewichtszunahme, nicht akzeptieren. Auch Emmas Vater sagt: „Wenn Emma Medikamente hätte nehmen müssen, wäre das für uns das Schlimmste gewesen.“ Doch Emma überwand die Geister auch ohne Arzneimittel. Ein Jahr ist vergangen, seitdem ihre Eltern sie in der Früherkennungssprechstunde vorstellten. Seit dem vergangenen Herbst kommt sie einmal wöchentlich zu einer Therapiestunde nach Köln.

Die Geister vertreiben

Emma habe in der Therapie gelernt, sich gegen die Befehle der Kreaturen zu wehren, sagt der Vater. „Die akustischen Halluzinationen waren schon nach einigen Monaten weg. Die Kreaturen gingen nach und nach. Die letzte, die Emma als stärkste empfand, ist im Juni verschwunden.“ Emma schloss auch wieder Freundschaften und traute sich schließlich sogar, an einer Klassenfahrt teilzunehmen.

Einen Weg, mit der Krankheit seines Kindes im sozialen Umfeld umzugehen, hat Emmas Vater inzwischen gefunden: „Wir handhaben die Situation anderen Eltern gegenüber so transparent wie möglich“, sagt er. „Und die Lehrerin in der Grundschule weiß es sowieso.“ Auch in den Früherkennungszentren hat man die Erfahrung gemacht, dass Eltern schnell lernen, mit der Situation umzugehen und die Diagnose nicht als Stigma zu betrachten. Es helfe in der Kommunikation, dass von Anfang an klar ist, worum es geht, nämlich um die Abklärung von Psychosen. Die meisten Eltern kämen schon mit der konkreten Frage nach einer psychotischen Entwicklung in die Sprechstunde.

Petra Walger vergleicht die Situation ihrer Patienten und der Eltern gern mit dem Empfinden, das Patienten den Früherkennungsinstrumenten der somatischen Medizin gegenüber haben, etwa bei einer Mammographie, die eine Patientin vornehmen lässt, nachdem sie schon selbst Veränderungen an sich wahrgenommen hat. Die Mammographie möchten die Forscher auch gern generell als Vorbild für ihre Tätigkeit betrachtet wissen: dass die frühe Erkennung einer Krankheit zu einer besseren Prognose verhilft, sollte aus ihrer Sicht auch in der Psychiatrie selbstverständlich werden.

Der Artikel ist Teil einer in loser Folge erscheinenden Serie über die Veränderungen, die das neue Klassifikationssystem DSM-5 für psychische Erkrankungen mit sich bringt. Bisher erschienen sind Beiträge zum Aufmerksamkeitsdefizit- und zum Asperger-Syndrom.

Psychosen - ihre Risikofaktoren und Folgen

Die Klassifikationssysteme psychischer Störungen nennen psychotische Symptome zum einen im Zusammenhang mit dem Krankheitsbild der Schizophrenie, zum anderen mit dem der affektiven Störungen, insbesondere der bipolaren Störung, für die auch der Begriff manisch-depressive Störung gebräuchlich ist. Beide Psychoseformen zusammen haben in der Bevölkerung eine Prävalenz von etwa 3,5 Prozent. Man nimmt heute an, dass Psychosen multikausal entstehen, wobei eine genetische Prädisposition eine Rolle spielt. Als Risikofaktoren gelten zudem Geburtskomplikationen, niedriger Sozialstatus, Aufwachsen in Großstädten, geringe soziale Fähigkeiten und belastende Lebensereignisse. Erst um die Mitte des 20. Jahrhunderts wandte sich die Forschung den Psychosen im Kindesalter intensiver zu. Der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Christian Eggers beleuchtet frühe Ausbrüche in seinem im vergangenen Jahr erschienenen Buch „Schizophrenien des Kindes- und Jugendalters“. Darin berichtet er auch über die weitere Entwicklung der früh Erkrankten, die er über mehr als 40 Jahre beobachtete. Darunter sind Patienten, die nach ersten Symptomen jahrelang gesund erschienen, dann wieder erkrankten, aber auch solche, die nie wieder ein selbständiges Leben führen konnten. Eggers dokumentiert außerdem Fälle von Halluzinationen im Kindesalter, die nach wenigen Wochen verschwanden und nie wiederkehrten, wie die Nachuntersuchung nach 50 Jahren zeigte.

Quelle: F.A.Z.
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