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Schlafforschung

Schlafmangel - Krankheit ohne Definition

Von Hildegard Kaulen
 - 10:26

Jeder wünscht sich einen erholsamen Schlaf. Für viele Menschen bleibt dies allerdings nur ein Wunsch, weil sie trotz günstiger äußerer Umstände nicht ein- oder durchschlafen können. Die Internationale Klassifikation der Schlafstörungen listet 88 verschiedene Varianten. Viele sind die Folge einer Grunderkrankung, wie etwa einer Schlafapnoe, bei der die Atmung nachts kurzzeitig aussetzt, oder eines Restless-Leg-Syndroms, bei dem die Beine nachts einen unangenehmen Bewegungsdrang zeigen. Diese als Begleiterkrankungen auftretenden Schlafstörungen bessern sich in der Regel, wenn die Grunderkrankung behandelt wird.

Etwa drei Prozent der Bevölkerung leiden allerdings unter einer Schlafstörung, für die es keine nachweisbaren organischen Ursachen gibt. Man bezeichnet sie als primäre Insomnie im Unterschied zu den sekundären Insomnien, die als Folge einer Grunderkrankung auftreten. Der Krankheitswert der primären Insomnie wird am Leidensdruck festgemacht. Weil sich die Betroffenen am anderen Tag mitgenommen fühlen, weil sie weniger leistungsfähig und konzentriert sind, stolpern, fallen und eine allgemeine Schwäche verspüren, gilt die primäre Insomnie als Krankheit. Ohne Leidensdruck würde man von einem Kurzschläfer sprechen. Die Diagnose beruht demnach vor allem auf den subjektiven Angaben der Betroffenen. Die durchschnittliche Schlafdauer wird in der Regel mit der Frage erhoben: "Wie lange schlafen Sie üblicherweise?" Eine Überprüfung der Angaben im Schlaflabor gehört nicht zur diagnostischen Routine und wird in der einschlägigen Literatur auch nicht empfohlen.

Keine allgemein akzeptierte Definition

Wieviel Schlaf ist nötig, um sich anderntags erfrischt und leistungsfähig zu fühlen? Nach fünf Jahrzehnten Schlafforschung gebe es keine eindeutige, empirisch gesicherte Antwort auf diese Frage, schreibt Dieter Riemann von der Universitätsklinik Freiburg in einem Beitrag für das Bundesgesundheitsblatt, das dem Thema Schlafstörungen unlängst eine ganze Ausgabe gewidmet hat (Bd. 54, S. 1296). Folglich gebe es auch keine allgemein akzeptierte Definition von Schlafmangel, so der Psychologe weiter. Die alte, noch in den achtziger Jahren vorgetragene These, dass fünf Stunden Kernschlafzeit genügen, werde durch neuere Studien nachhaltig in Frage gestellt, so Riemann in seinem Beitrag. Aktuelle Untersuchungen hätten gezeigt, dass gesunde Probanden bereits nach zwei Wochen mit nur vier bis sechs Stunden Schlaf pro Nacht in ihrer neuropsychologischen Leistungsfähigkeit erheblich eingeschränkt seien. Das spricht für ein größeres Schlafbedürfnis. Auch für die Beurteilung der Schlafqualität gebe es keine allgemein anerkannten Kriterien, schreibt Jörg Heitmann von der Universitätsklinik Marburg in der gleichen Ausgabe des Bundesgesundheitsblattes (S. 1276). Vorgeschlagen worden seien die im Schlaflabor erhobene Zahl der Weckreaktionen, bei denen sich die Tiefe des Schlafes ändert, die seit Schlafbeginn im Wachzustand verbrachte Zeit und die Zahl der Übergänge zwischen Schlafen und Wachen pro Stunde Schlaf. Allerdings entzieht sich jedes dieser Kriterien der direkten Selbstbeurteilung. Es können also keine subjektiven Angaben dazu gemacht werden.

Welchen Einfluss hat die primäre Insomnie auf die körperliche und psychische Gesundheit der Betroffenen? Dieser Frage ist Riemann in seinem Beitrag nachgegangen. "Für kardiovaskuläre Erkrankungen, Diabetes, Übergewicht und das metabolische Syndrom ist die Datenlage offen, für die Depression ist sie eindeutig", sagt der Psychologe im Gespräch. Eine Metaanalyse von siebzehn epidemiologischen Studien habe ergeben, dass das Risiko für Menschen mit primärer Insomnie, später eine Depression zu entwickeln, doppelt so hoch sei wie für Menschen ohne Insomnie. Es gebe zwar auch Studien, die zeigen, dass eine primäre Insomnie zu einer Erhöhung der Herzfrequenz, des Blutdrucks und der kardiovaskulären Sterblichkeit führe, allerdings seien diese Befunde in anderen Studien nicht eindeutig bestätigt worden, so Riemann. Ähnliches gelte auch für die metabolischen Erkrankungen. Einige Studien würden zwar belegen, dass eine kurze Schlafdauer auf lange Sicht zur Entwicklung eines metabolischen Syndroms beitragen könne, daraus aber abzuleiten, dass dies auch für die subjektiv beeinträchtigte Schlafqualität gelte, sei derzeit nicht möglich, schreibt der Psychologe im Bundesgesundheitsblatt.

Wer ist anfällig?

Auch die Zeitschrift "Lancet" veröffentlichte unlängst einen Übersichtsartikel zur chronischen Insomnie (doi: 10.1016/S0140-6736(11)60750-2). Charles Morin von der Université Laval in Quebec und Ruth Benca von der University of Wisconsin in Madison listen darin drei Faktoren auf, die das Auftreten begünstigen. Diese sind eine gewisse Anfälligkeit für Schlafstörungen, ein von chronischen Belastungen geprägter Alltag und schwere Schicksalsschläge. Anfällig sind nach Angaben von Morin und Benca vor allem Frauen, ältere Menschen, Menschen mit einer ängstlichen Persönlichkeitsstruktur, einer erhöhten emotionalen Erregung und einer Familiengeschichte für schlechten Schlaf. Es gibt offensichtlich auch genetische Faktoren, wie etwa ein kurzes Allel für den Serotonin Reporter, dessen Genprodukt an der Weiterleitung von Signalen im Nervensystem beteiligt ist.

Riemann verweist im Gespräch zudem auf eine gestörte Balance zwischen Wachen und Schlafen und zwischen Anspannung und Entspannung als mögliche Ursache für eine primäre Insomnie. Die Schlafstörung hat demnach damit zu tun, dass sich die Betroffenen in einem permanenten Erregungs- und Anspannungszustand befinden und abends nicht mehr zur Ruhe kommen können. In vielen Fällen steckt hinter der Schlaflosigkeit auch eine Depression, also eine psychische Erkrankung.

Wann wirkt Verhaltenstherapie?

Bei einer primären Insomnie werden den Betroffenen zunächst Empfehlungen für einen gesunden Schlaf gegeben, etwa Alkohol und Koffein zu meiden und das Bett nur zum Schlafen und nicht zum Lesen oder Fernsehen zu benutzen. Führen diese Ratschläge nicht zum Erfolg, wird mit einer Verhaltenstherapie oder mit Medikamenten behandelt. "Eine Verhaltenstherapie wirkt am besten, wenn die Patienten noch nicht allzu lange unter der Schlafstörung leiden", sagt Ingo Fietze, Schlafmediziner an der Charité-Universitätsmedizin Berlin. "Bei vielen hat die Insomnie allerdings eine lange Vorgeschichte. Ein Problem ist zudem, dass die Verhaltenstherapie nicht angemessen vergütet wird." Er plädiert deshalb für bessere Anreize. Der Schlafmediziner setzt auch einige Erwartungen in mechanische Therapien, bei denen Licht, Radio- oder Deltawellen zum Einsatz kommen. Diese Verfahren sind allerdings noch in der Entwicklung.

Viele Patienten mit primärer Insomnie werden mit Benzodiazepinen behandelt oder mit Verbindungen, die am Benzodiazepin-Rezeptor angreifen. Beide Wirkstoffgruppen sollten nach den aktuellen Empfehlungen nicht länger als vier Wochen eingenommen werden. Der Arzneiverordnungsreport listet zwar, dass die Verschreibungen zwischen 1992 und 2004 deutlich zurückgegangen sind, er erfasst aber nur die Medikamente, die zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden. Viele Patienten erhalten die Schlafmittel offensichtlich über ein Privatrezept. Laut dem Jahrbuch Sucht 2011, das von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen e.V. herausgegeben wird, sind 2009 von den deutschen Apotheken dreißig Millionen Packungen Benzodiazepine und Benzodiazepin-ähnliche Wirkstoffe abgegeben worden. Die Hauptstelle schätzt weiterhin, dass in Deutschland 1,1 bis 1,2 Millionen Menschen von Benzodiazepin-Derivaten abhängig sind (www.dhs.de).

Quelle: F.A.Z.
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