Schwangerschaft

Die erzwungene Geburt hat ihr Gutes

Von Martina Lenzen-Schulte
27.09.2009
, 11:00
Schwangerschaft: Die Einleitung der Geburt ist umstritten
Viele glauben, dass die künstliche Einleitung der Wehen öfter mit Kaiserschnitt endet. Das ist offenkundig falsch, wie eine Metastudie zeigt. Die Stimulation am Ende der Schwangerschaft kann den Babys sogar nützen.
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Nicht immer kommt das Baby zum errechneten Geburtstermin. Als noch zeitgerecht gilt eine Schwangerschaft bis zur 42. Woche. Allerdings werden manche Ärzte und Schwangere nach der vierzigsten Woche schon unruhig. Ob und wann man eine Geburt einleiten soll, zum Beispiel mit wehenfördernden Hormonen, ist freilich umstritten. Oft wurde behauptet, es komme häufiger zu einem Kaiserschnitt, wenn man der Natur derart künstlich auf die Sprünge helfe. Diese Befürchtung erweist sich nun allerdings als unbegründet.

Ein Wissenschaftlerteam der Stanford University in San Francisco unter der Leitung von Aaron Caughey beweist dies in einer als methodisch besonders anspruchsvoll gelobten Analyse zahlreicher Studien (“Annals of Internal Medicine“, Bd. 151, S. 252). Unter mehr als sechstausend Untersuchungen, die die Vor- und Nachteile einer Geburtseinleitung untersuchten, erwiesen sich lediglich 36 als wirklich aussagekräftig. Aus Letzteren geht klar hervor, dass diejenigen Frauen, die nach der 41. Schwangerschaftswoche einfach weiter abwarten, öfter einen Kaiserschnitt benötigen, als jene, bei denen man zu diesem Zeitpunkt Maßnahmen zur Geburtseinleitung ergreift. Der Zwang wirkt sich mithin sogar positiv aus - anders als stets geargwöhnt wurde.

Die Zahl der Geburtseinleitungen nimmt stärker zu

Für eine Bewertung des Vergleichs zwischen Abwarten und Einleiten zu einem früheren Zeitpunkt reichen die Beobachtungen derzeit nicht aus. Allerdings konnten die Wissenschaftler zudem feststellen, dass jene Kinder, die man ohne Eingreifen im Bauch der Mutter ließ, später öfter Mekonium im Fruchtwasser hatten. Das Mekonium oder Kindspech ist der erste Stuhl im Darm des Ungeborenen. Gelangt er ins Fruchtwasser, ist dies ein Hinweis für Stress im Mutterleib.

Obwohl man rein rechnerisch erst ab der 42. Schwangerschaftswoche von einer Übertragung spricht, zeigen rund ein Viertel aller Kinder bereits ein oder zwei Wochen früher erste Anzeichen, eine runzelige Haut etwa, die darauf hinweisen, dass die Schwangerschaft zu lange dauert. Die Geburtseinleitung wird von den strikten Befürwortern eines natürlichen Verlaufs als allzu bequeme Lösung angeprangert. Sie diene oft dazu, das Ereignis Geburt dem Terminkalender der künftigen Mutter, des Arztes oder der Organisation der Klinik anzupassen. Tatsächlich nimmt die Zahl der Geburtseinleitungen stärker zu, als es medizinisch zwingende Gründe für eine solche Maßnahme gibt, zum Beispiel bei drohendem Krampfanfall der Mutter.

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Je später es wird, desto kritischer wird die Situation für Mutter und Kind

In den Vereinigten Staaten wurden noch 1990 weniger als zehn Prozent der Geburten mittels einleitender Maßnahmen herbeigeführt, 2004 waren es schon zweiundzwanzig Prozent. Diejenigen, die das Zuwarten verteidigen, verwiesen bisher stets auf die Gefahr der vermeintlich höheren Kaiserschnittrate. Die Ergebnisse aus Stanford dürften nun dazu beitragen, dass zumindest für eine Geburtseinleitung jenseits der 41. Woche unter neuen Voraussetzungen debattiert wird und eher ein Konsens zu finden ist. Denn je später es wird, desto kritischer wird die Situation schließlich auch für Mutter und Kind.

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Jedenfalls belegt eine aktuelle Untersuchung aus Holland, die in der jüngsten Ausgabe des „Journal of Midwifery Women's Health“ (Bd. 54, S. 351) veröffentlicht wurde, dass ein Abwarten sogar jenseits der 42. Woche - auch dafür finden sich Befürworter - die Lage eher verschlimmert. Bei diesen Kindern war nicht nur das Fruchtwasser häufiger vom Mekonium verfärbt als bei der Vergleichsgruppe nach einer Geburtseinleitung. Abwarten hatte auch zur Folge, dass deutlich mehr Säuglinge eine geburtsbedingte Schulterlähmung davontrugen.

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Quelle: F.A.Z.
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