Notfallmedizin

Fatale Attacken des Immunsystems

Von Nicola von Lutterotti
23.06.2017
, 09:35
Wie kann man eine Sepsis verhindern? In einem Labor wird eine Blutprobe für einen Gerinnungstest vorbereitet.
Eine Blutvergiftung gehört zu den häufigsten vermeidbaren Todesursachen. Trotzdem erfolgen Therapie und Diagnose der Sepsis immer noch zu langsam. Wie kommt das?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Sepsis, umgangssprachlich auch Blutvergiftung genannt, als vorrangiges Gesundheitsproblem erkannt und die Weltgemeinschaft aufgefordert, die oft tödlich verlaufende Krankheit nachhaltiger als bisher anzugehen. Dies ist ein wichtiger Etappensieg der Global Sepsis Alliance, die sich seit vielen Jahren aktiv für die wachsende Zahl an Betroffenen engagiert. In unseren Breiten ist die Sepsis die häufigste vermeidbare Todesursache. Sie entsteht, wenn eine Infektion aus dem Ruder läuft und das Immunsystem neben dem Erreger auch das körpereigene Gewebe attackiert.

Um den Patienten vor schweren, oft tödlichen Organschäden zu bewahren, muss der Arzt in dem Fall umgehend handeln. Zu den wichtigsten therapeutischen Schritten zählen dabei eine Behandlung mit Antibiotika, die Infusion von Flüssigkeit zur Stabilisierung des Kreislaufs und die Beseitigung des Infektionsherds. Diese lebensrettenden Maßnahmen kommen allerdings häufig zu spät. Allein in Deutschland erkranken jedes Jahr rund 280.000 Erwachsene und Kinder an einer Sepsis, und etwa 70.000 sterben daran. Dennoch erhält dieses schwere und zugleich kostspielige Leiden – die hiesigen Behandlungskosten liegen bei 7,8 Milliarden Euro im Jahr – bislang nur wenig Aufmerksamkeit.

Ein Fanal für diesen Missstand ist das Scheitern der „Medusa“-Studie, an der bundesweit 40 Krankenhäuser mit zusammen mehr als 4000 Patienten beteiligt waren. Hier sollte geklärt werden, ob ein beschleunigter Therapiebeginn die Sterblichkeit von Patienten mit schwerer Sepsis zu verringern vermag. Während vergleichbare Erhebungen in anderen Ländern einen solchen Nachweis erbringen konnten, lassen die Ergebnisse der Medusa-Studie nur den gegenteiligen Schluss zu: Sie zeigen, dass die Sterblichkeit der Betroffenen mit jeder Stunde, die ungenutzt verstreicht, um zwei Prozent ansteigt. Anders als beabsichtigt war es den mitwirkenden Hospitälern nämlich nicht gelungen, die Patienten schneller zu behandeln. So dauerte es rund zwei Stunden, bis die Therapie eingeleitet wurde.

Warum erhalten Patienten zu spät medizinische Hilfe?

Dass die Untersuchung so kläglich scheiterte, beruhte maßgeblich auf der fehlenden Unterstützung der Krankenhausleitungen. Denn diese hatten größtenteils nichts oder nur wenig unternommen, um die zum Gelingen des Projekts notwendigen strukturellen und prozessualen Veränderungen voranzubringen. Als ein positives Gegenbeispiel kann diesbezüglich das Universitätsklinikum in Greifswald gelten. Hier ist es auf Betreiben und mit Unterstützung der Klinikleitung gelungen, den Anteil der innerhalb von 90 Tagen versterbenden Patienten mit schwerer und schwerster Sepsis von 64 Prozent im Jahr 2008 – dem bundesdeutschen Mittel – auf 45 Prozent im Jahr 2013 zu senken.

Wie aber kommt es, dass Patienten mit Sepsis häufig erst zu spät medizinische Hilfe erhalten? „Hierfür gibt es unterschiedliche Gründe“, sagt Konrad Reinhart, Vorsitzender der Global Sepsis Alliance und Initiator der Deutschen Sepsis-Gesellschaft. „Die Diagnose ist eigentlich keine Kunst“, räumt der emeritierte Direktor der Abteilung für Anästhesiologie und Intensivmedizin der Universität Jena ein. „Man muss lediglich abklären, ob beim Patienten Anzeichen für eine akute Infektion und eine beginnende Organfunktionsstörung bestehen. Listen mit den sepsistypischen Symptomen – hierzu zählen Atemnot, Herzrasen, niedriger Blutdruck, Verwirrtheit, Fieber und schwerstes subjektives Krankheitsgefühl – gibt es im Kitteltaschenformat. Die gleichen Krankheitszeichen treten allerdings auch bei anderen, weniger lebensbedrohlichen Leiden auf. Daher werden die Sepsissymptome oft fehlinterpretiert.“

Im Verdachtsfall sollte der Arzt immer einen erfahrenen Kollegen hinzuziehen, rät Reinhart. Oft komme der Verdacht auf eine Sepsis freilich gar nicht erst auf. „Längst nicht allen Ärzten und Pflegekräften ist bewusst, dass es sich bei der Sepsis um einen Notfall handelt, genauso wie bei einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder schweren Verletzungen.“ Besonders kritisch sieht Reinhart die Notaufnahmen, wo die Mehrzahl der Sepsiskranken eintrifft. „Die dort tätigen Ärzte rotieren ständig, sind oft noch sehr jung und besitzen zudem unzureichende Kenntnisse in Intensiv- und Notfallmedizin. Das ist eine Schwachstelle in unserem Gesundheitssystem. In anderen Ländern gibt es eigens für die Notaufnahme zuständige Ärzte, die über eine entsprechende Ausbildung verfügen.“

Neue Verfahren, mit denen sich Sepsis schneller erkennen lässt

Um die Überlebenschancen der Betroffenen zu erhöhen, suchen Wissenschaftler in aller Welt seit Jahren nach Verfahren, mit denen sich die Sepsis schneller und zuverlässiger erkennen lässt als bisher. Als besonders aussichtsreich gilt dabei die Verwendung leistungsfähiger Computer, die in den umfangreichen Patientendaten nach krankheitstypischen Mustern fahnden. Über einen solchen Machine-Learning-Ansatz haben Forscher des Massachusetts Institut of Technology (MIT) im Online-Journal „Plos One“ berichtet. Als Berechnungsgrundlage verwendeten Steven Horng und seine Kollegen die Daten all jener rund 230.000 Patienten, die im Verlauf von fünf Jahren die Notaufnahme des Beth Deaconess Medical Center an der Harvard University aufgesucht hatten. Ihre Analysen basieren nicht nur auf den gängigen Labor- und Messwerten, sondern auf den handschriftlichen Notizen der Ärzte und Pflegekräfte.

Wie sich zeigte, gelang es den Rechnern nach intensivem Training erstaunlich gut, aus dem Meer an Informationen die richtigen Schlüsse zu ziehen. Als besonders wertvoll erwiesen sich dabei die handschriftlichen Protokolle. Diese konnten die Genauigkeit der Diagnose nämlich erheblich steigern. Laut Reinhart gibt es neben auf künstlicher Intelligenz beruhenden Methoden noch weitere interessante Entwicklungen, die dazu beitragen können, die Sepsis schneller und besser zu identifizieren. „Es wäre allerdings schon viel gewonnen“, erklärt er, „wenn das bereits vorhandene Wissen konsequent angewandt würde. Denn allein damit ließe sich die Sterblichkeit der Betroffenen um mehr als die Hälfte reduzieren.“

Quelle: F.A.Z.
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